Lukács, Georg, Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog, Frankfurt a. M. 1981, S.210-223.
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Interviewer: Kommen wir zu der 1953 beginnenden Periode.
Lukács: Sie beginnt damit, daß ich nach der Rudas-Debatte auf sämtliche Funktionen im literarischen Leben verzichtete und sogar auch einen Beschluß des Zentralkomitees erwirkte, demzufolge ich von literarischen Aktivitäten befreit wurde. Damit wurden sozusagen die negativen Konsequenzen der Debatte beseitigt, weil ich an den weiteren Scharmützeln nicht mehr teilnahm. Sie erinnern sich vielleicht daran, als in den fünfziger Jahren die Schriftstellerbewegung gegen Rákosi einsetzte, daß ich daran ebenfalls nicht teilnahm, nicht aus sehr erhabenen Beweggründen, sondern aus einer taktischen Überlegung, denn ich kannte die Partei besser als die anderen, und ich wußte, daß man es als Fraktionsbildung betrachten würde, wenn die Schriftsteller in einer bestimmten Richtung kollektiv aufbegehren. Wenn man nun aber einem von ihnen wegen Fraktionsbildung mit Parteiausschluß drohen würde, dann würden sich alle zurückziehen. Und so ist es auch tatsächlich gekommen. Da ich mich aber nicht zurückziehen wollte, nahm ich an der ganzen Sache erst gar nicht teil. So war also meine Rolle in den literarischen Aufständen, die 1956 vorausgegangen waren, gleich Null.
Interviewer: Haben Sie schon vor 1956 an der Eigenart des Ästhetischen gearbeitet?
Lukács: Ja.
Interviewer: Könnte ein Grund für Ihre damalige Zurückhaltung nicht auch gewesen sein, daß Sie sich bei Ihrer Arbeit gestört fühlten, als man Sie mit einbeziehen wollte...
Lukács: Ich habe noch niemals gesagt, daß mich die Bewegung bei der Arbeit gestört hätte. Die Bewegung bringt einem bei der Arbeit eigentlich immer nur Nutzen, weil die Tendenzen dadurch schärfer umrissen werden und deutlich wird, was die Menschen wollen und so weiter.
Interviewer: Welche Perspektiven sahen Sie nach dem XX. Parteitag?
Lukács: Ich kann auch jetzt nur sagen, was ich damals gesagt habe, als dieser Komplex zum erstenmal aufgetaucht ist: Es ist nicht wahr, daß man diesen Komplex auf den Personenkult reduzieren kann. Es handelt sich hier um ein viel weitergehendes Phänomen als um den Personenkult. Reformen sind nötig. Zweifelsohne, und das würde ich auch nicht leugnen, glaubte ich in den ersten Wochen daran, daß Imre Nagy Reformen einführen würde. Später mußte ich mich von dieser Illusion trennen.
Interviewer: Wann haben Sie Imre Nagy kennengelernt?
Lukács: Sehr früh. Man darf nicht vergessen, daß Imre Nagy in Rußland als Kriegsgefangener gelebt hat. In den zwanziger Jahren ist er nach Ungarn zurückgekehrt, wo er in der Provinz arbeitete. Als ich 1929 in Budapest arbeitete, habe ich sogar mehrmals mit ihm zusammengearbeitet, und diese Zusammenarbeit war ziemlich erfolgreich. In der späteren Periode war ich dann nicht bereit, Imre Nagys führende Rolle anzuerkennen, und so wurde ich von Studenten aufgesucht - Sie waren vielleicht auch darunter, ich weiß nicht genau -, die meinten, es sei dennoch nicht richtig, daß wir keine Beziehung zueinander hätten. Darauf antwortete ich, Imre Nagy habe es genauso weit zu mir wie ich zu ihm. Sollte doch Imre Nagy die Initiative ergreifen! Das war nicht nur eine Prestigefrage. Aber wenn ich zu Imre Nagy gegangen wäre, wäre auch ich in den Onkel-Imre-Strom hineingezogen worden, der damals in Ungarn verbreitet war. Wenn sich jedoch Imre Nagy mir nähern würde, dann könnte ich ihm in einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen sagen, daß man eine Revolution ohne Programm nicht machen könne.
Interviewer: Kehren wir für einen Augenblick zur Periode vor 1953 zurück. Zur Zeit der Rudas-Debatte wurde Imre Nagy wegen seines Landwirtschaftsprogramms aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen. Haben Sie sich bis 1953 überhaupt nicht getroffen?
Lukács: Da wir zur sogenannten zweiten Klasse der Führungsschicht gehörten, begegneten wir uns an Orten wie beispielsweise in Mátraháza, die für diese Schicht reserviert waren. Ich hatte auf Konversationsebene ein gutes Verhältnis zu Imre Nagy. Mehr jedoch kam nicht zustande.
Interviewer: Genosse Lukács, nach Ihrer Einschätzung hatte Imre Nagy keinerlei Programm, oder fehlte nur ein umfassendes Programm?
Lukács: Natürlich hatte er ein allgemeines Reformprogramm. Aber er hatte absolut keine Ahnung, wie dieses Reformprogramm auf den verschiedenen Gebieten verwirklicht werden könnte, was konkret zu geschehen hatte, worin in dieser Umwälzung Rechte und Pflichten der einzelnen Kommunisten bestehen sollten.
Interviewer: Hatte er auch kein Landwirtschaftsprogramm?
Lukács: Das war auch so ein Programm, zu dessen Verwirklichung sozusagen überhaupt nichts passierte. Vergessen Sie nicht, daß unter Imre Nagy sehr wenig von der Landwirtschaftsreform verwirklicht worden ist.
Interviewer: Allerdings war Imre Nagy unter Imre Nagy, abgesehen von einer Woche, innerhalb der Partei in der Minderheit.
Lukács: Das ist wahr. Wenn ich allerdings innerhalb der Partei in der Minderheit bin, dann übernehme ich entweder nichts oder aber stelle gewisse Bedingungen: Ich würde die Führung übernehmen, sofern man das und das und das und das machen wird. Imre Nagy machte nichts dergleichen, sondern blieb der Großvater des Staats oder was weiß ich. Und schuf eine Gruppe, zu der bis zu einem gewissen Grad die schlechtesten Reformer gehörten. Andererseits gab es keinerlei konkretes Programm, daß man jetzt dies und jenes tun, auf etwas anderes verzichten müsse und so weiter. Deshalb kamen wir auch nicht im Jahr seiner Ministerpräsidentenschaft zusammen. Ich schätzte Imre Nagy als anständigen Menschen, als klugen Menschen, als einen Menschen, der in der ungarischen Agrarfrage kompetent ist. Dagegen hielt ich ihn nicht für einen richtigen Politiker.
Interviewer: Eigentliche Marxisten gab es in der Gruppe um Imre Nagy überhaupt nicht?
Lukács: Das könnte ich jetzt nicht einmal bestätigen.
Interviewer: Ferenc Donáth?
Lukács: Ferenc Donáth war mit Imre Nagy befreundet und nahm an diesen Zusammenkünften mit Imre Nagy teil. Ebenso wie auch Szilárd Ujhelyi und andere teilgenommen haben. Aber ich weiß nicht, wie Donáth in der fraglichen Zeit zu dieser Sache stand, weil ich erst später engere Beziehungen zu ihm bekam und es später den Anschein hatte, daß er Imre Nagy sehr kritisch gegenüberstand.
Interviewer: Tatsache ist, daß Sie, Genosse Lukács, an diesen Bewegungen nicht teilgenommen haben, aber Tatsache ist auch, daß Sie, Genosse Lukács, als die Diskussionen im Petöfi-Kreis einsetzten, sofort unter den ersten waren, die in den Vordergrund des Interesses und der Erwartung gerieten. Genosse Lukács, weshalb haben Sie sich damals bereitgefunden, eine politische Rolle zu übernehmen?
Lukács: Die Sache steht so, daß ich 1956 als eine große Bewegung begreife. Diese spontane Bewegung brauchte eine gewisse Ideologie. Ich erklärte mich bereit, diese Aufgabe in verschiedenen Vorträgen zu übernehmen. Beispielsweise versuchte ich zu klären, inwieweit sich unser Verhältnis zu den anderen Völkern verändert hatte und ob jetzt eine Zusammenarbeit, eine Koexistenz tatsächlich möglich war und welches die Bedingungen für diese Koexistenz waren. Also derartige ideologische Absichten hatte ich. Ich glaube, darüber hinaus hatte ich keine Absichten.
Interviewer: Haben Sie diesen Beitrag zu der spontanen Bewegung vor den Ereignissen innerhalb des Petöfi-Kreises geleistet?
Lukács: Nein, nicht nur innerhalb des Petöfi-Kreises, denn ich habe auch an der Parteihochschule einen Vortrag gehalten, der ebenfalls in diesen Komplex hineingehört hat.
Interviewer: Wie wurde dieser Vortrag aufgenommen?
Lukács: Höflich.
Interviewer: Danach war die Parteiführung...
Lukács: Danach war alles schlecht, was ich auch machte. Damals ließen sie den Kerlen freien Lauf, den Rudas-Schülern, und sie durften über mich schreiben, was immer sie wollten.
Interviewer: Ich dachte nicht an die Zeit nach dem 4. November 1956. Ich erinnere mich ebenfalls an die höfliche Aufnahme des Vortrags, denn ich war auch dort. Also ich meine den Zeitraum noch vor Oktober, zwei bis drei Wochen nach dem Vortrag. Was hat die Parteiführung unter Rákosi unternommen...
Lukács: Es passierte gar nichts, denn sie waren derart verängstigt, daß sie nicht wagten, etwas zu unternehmen.
Interviewer: In welcher Form sind Sie selbst von den Oktoberereignissen betroffen gewesen? Welche praktischen Konsequenzen hatten diese Ereignisse für Sie?
Lukács: Zum ersten hatten sie die Konsequenz, daß ich in das Zentralkomitee gewählt wurde. Zum zweiten geriet ich innerhalb des Zentralkomitees in eine gewisse Opposition zu Imre Nagy. Um die wichtigste Frage zu erwähnen: als Imre Nagy aus dem Warschauer Vertrag austrat, stimmten Zoltán Szántó und ich dagegen. Und wir forderten Imre Nagy auf, solche prinzipiell wichtigen Entscheidungen in Zukunft nicht vor die Öffentlichkeit zu bringen, bevor wir nicht innerhalb der Partei darüber verhandelt hätten.
Interviewer: Sie haben zu zweit gegen den Austritt aus dem Warschauer Vertrag gestimmt? Von den anderen wurde der Beschluß unterstützt?
Lukács: Die anderen unterstützten ihn.
Interviewer: Hat es in der Führung auch noch sonstige Differenzen gegeben?
Lukács: Das war die entscheidende Differenz, und dadurch wurden sämtliche anderen Konflikte bestimmt. Aber es stellte sich überall die Frage, ob ein endgültiger Bruch mit dem alten System oder aber eine Reformierung des alten Systems erfolgen sollte. Und ich sage ehrlich, ich war ein Anhänger der Reformierung.
Interviewer: Lange Zeit auch Imre Nagy.
Lukács: Ja, aber bei Imre Nagy war es niemals klar, welchen Standpunkt er eigentlich vertrat.
Interviewer: Ich glaube, er hat ebenfalls den Reformstandpunkt vertreten. Nur stand er eben unter dem direkten Druck der verschiedenen Gruppen des militärischen und zivilen Aufstandes. Dieser Druck hat ihn meiner Meinung nach mit sich gerissen.
Lukács: Das ist sehr leicht möglich. Ich behaupte absolut nicht, daß Imre Nagy ein Konterrevolutionär gewesen wäre oder gar ein Anhänger des Kapitalismus ... also ich behaupte nichts dergleichen. Ich behaupte nur, daß er kein Programm gehabt hat. An einem Tag sagte er dies, am anderen Tag jenes.
Interviewer: Genosse Lukács, haben Sie aus prinzipiellen Gründen gegen den Austritt aus dem Warschauer Vertrag opponiert, oder haben Sie sich von taktischen Erwägungen leiten lassen, namentlich aus Angst vor der sowjetischen Einmischung?
Lukács: Zum ersten hatte ich natürlich prinzipielle Gründe. Ich bejahte einfach die Mitgliedschaft Ungarns im Warschauer Vertrag. Zum zweiten spielte bei meiner Entscheidung natürlich auch eine Rolle, daß wir den Russen keinerlei Anlaß geben sollten, sich in die ungarischen Angelegenheiten einzumischen. Als Motiv spielte das natürlich auch eine Rolle.
Interviewer: Genosse Lukács, wir wissen also, daß Sie im Oktober 1956 in das aus sechs Mitgliedern bestehende Zentralkomitee der Partei aufgenommen worden sind. Über Ihre staatliche Funktion haben wir noch nicht gesprochen.
Lukács: Das Ministeramt war dadurch zustande gekommen, daß Ferenc Erdei zu weiß ich was gemacht worden war, und er hatte mich als Kultusminister vorgeschlagen.
Interviewer: Hatten Sie irgendeine Vorstellung, irgendein Programm?
Lukács: Nein, nein, gar nichts, ich habe meinen Fuß nicht einmal in das Ministerium gesetzt.
Interviewer: Soweit ich mich erinnere, haben Sie irgendeine Erklärung abgegeben, etwa in der Zeitung Szabadság (Freiheit), wo Sie als Programm angegeben haben, daß Sie den Wunsch hätten, das Ministerium aufzulösen.
Lukács: Das ist unwahrscheinlich.
Interviewer: Nicht den Teil für das Unterrichtswesen, sondern die Abteilung für Volksbildung. Etwa in dem Sinn, daß dieses Ministerium eine Masse Funktionen innehabe, die keinen Sinn hätten. Beispielsweise würden die Literatur und der Film von dort aus gelenkt.
Lukács: Das ist sehr leicht möglich. Eine derartige Erklärung könnte ich abgegeben haben.
Interviewer: Hat man es Ihnen später verübelt, daß Sie den Ministerposten übernommen haben?
Lukács: Selbstverständlich.
Interviewer: Sind Ihnen auch konkrete Vorwürfe gemacht worden? Oder hat man nur den üblichen Text vorgebracht?
Lukács: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. In meinem Leben ist so viel Schlechtes über mich geschrieben worden, daß ich mich nicht mehr an die einzelnen Verurteilungen erinnern kann.
Interviewer: Sind Sie vom 4. November überrascht worden, oder glaubten Sie an die Möglichkeit eines Abkommens zwischen der sowjetischen und der ungarischen Regierung?
Lukács: Das ist eine sehr schwere Frage, weil ich sozusagen aus physischen Gründen - und das ist mir kaum je im Leben passiert - einen Fehler gemacht habe. Am 3. November kam ich spätabends aus dem Parlament nach Hause, und kaum, daß ich mich hingelegt hatte, riefen Szántós an, ich sollte mit Gertrud zu ihnen kommen. Dort proponierten sie gleich, wir müßten in die jugoslawische Botschaft gehen, weil die Russen kämen. Ich gestehe, in unausgeschlafenem Zustand habe ich diesen Gedankengang akzeptiert, obwohl ich - und das sage ich wiederum zu meiner eigenen Verteidigung -, sobald ich in der Botschaft ein bis zwei Stunden geschlafen hatte, die Sache bereits bereute, aber da war an ein Weggehen nicht mehr zu denken.
Interviewer: Waren die Meinungsverschiedenheiten unter denjenigen, die in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht gesucht hatten, zu dem Zeitpunkt bereits zu spüren, oder zeigten sich die Differenzen erst bei dem späteren Aufenthalt in Rumänien?
Lukács: Selbstverständlich wurden die Meinungsverschiedenheiten schon in der Botschaft deutlich. Man darf natürlich nicht vergessen, daß die Menschen aus den verschiedensten Gründen dorthin gekommen waren. Zoltán Vas zum Beispiel hatte sich in die jugoslawische Botschaft geflüchtet, weil er glaubte, zusammen mit den vorrückenden Truppen würde auch seine Frau kommen und ihn als Windhund zur Verantwortung ziehen, da er damals nämlich bereits mit seiner jetzigen Frau zusammenlebte. Hiermit will ich lediglich illustrieren, welch unterschiedliche Motive hier eine Rolle gespielt haben. Unser Standpunkt war von Anfang an der, daß wir nach Hause gehen wollten. Diese Absicht - und das ist ein interessantes Moment - wurde im Hinblick auf bestimmte Leute, darunter auch auf mich, akzeptiert. Als wir die Absicht jedoch ausführen wollten, wurden wir verhaftet und in ein russisches Lager, oder wie man es nennen soll, gebracht.
Interviewer: Wessen Fortgehen hat man noch zugelassen?
Lukács: Das Fortgehen von sehr vielen. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Fortgehen von Szilárd Ujhelyi, Zoltán Szántó und Zoltán Vas. Im engen Sinne des Wortes gab es außer der Gruppe um Imre Nagy eine ziemlich große Gruppe, die fortgehen wollte.
Interviewer: Was passierte, als Sie die Botschaft verließen?
Lukács: Als wir uns ins Auto setzten, schloß sich uns sofort ein Polizeiwagen an, und man verlangte von uns, unser Chauffeur solle dem Polizeiwagen folgen. Wir bogen in eine Seitenstraße ein, und dort mußten wir uns in jene Autos setzen, die uns in das russische...
Interviewer: Wie war dort die Behandlung?
Lukács: Die Behandlung war von Anfang an gut und höflich.
Interviewer: In Budapest kursiert eine Anekdote, derzufolge jeder aufgefordert worden sei, seine Waffe zu übergeben, woraufhin Genosse Lukács angeblich seinen Füllfederhalter übergeben habe.
Lukács: Das ist eine Legende. Von uns wurden keinerlei Waffen verlangt. Zoltán Szántó, Zoltán Vas und ich waren als erste in dem russischen Lager eingetroffen. Ich weiß nicht, ob in dieser Gruppe noch mehr waren. Drei bis vier Tage später traf dann die ganze Gesellschaft ein. Danach wurden wir nach Rumänien gebracht.
Interviewer: Hatten Sie dort Gelegenheit zu arbeiten?
Lukács: Eigentlich gab es Möglichkeiten. Die Bibliotheken waren uns zugänglich, so daß man also lesen konnte, was man wollte. Auf diesem Gebiet wurden uns keine Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Es blieb unserem freien Ermessen überlassen, was wir machen wollten.
Interviewer: Genosse Lukács, haben Sie gearbeitet?
Lukács: Ich las Dinge, zu deren Lektüre ich früher wegen der Parteiarbeit nicht gekommen war. Es fällt schwer, eine solche Tätigkeit als Arbeit zu bezeichnen. Aber daß ich nicht beschäftigt gewesen wäre, das ist nicht vorgekommen.
Interviewer: Ich habe noch eine Anekdote gehört. In Rumänien hätte angeblich ein rumänischer Gefängnisaufseher den Auftrag erhalten, den Genossen Lukács ideologisch zu überzeugen.
Lukács: Das ist möglich. Ich kannte tatsächlich so einen Bullen, das war allerdings eine ziemlich harmlose Sache.
Interviewer: Man erzählt sich, daß der Bulle nach einer mehrwöchigen Diskussion in die Nervenheilanstalt gekommen sei.
Lukács: Das kann ich jetzt nicht mehr sagen. Als ich Rumänien verließ, war er noch nicht in der Nervenheilanstalt.
Interviewer: War er ein intelligenter Mensch?
Lukács: Auf Parteiebene hält man solche Leute für intelligent. Das ist alles, und das ist nicht viel.
Interviewer: Haben Sie einen Vorstoß unternommen, um nach Ungarn zurückkehren zu können?
Lukács: Ja, und hier trat ein Problem auf. Meine Vernehmer sagten mir, ich sei kein Gefolgsmann Imre Nagys gewesen, und das wüßten sie, und weshalb ich dann eigentlich nicht gegen Imre Nagy aussagen könnte. Darauf antwortete ich, sobald wir einmal alle beide, Imre Nagy und ich, in Budapest frei spazierengehen würden, würde ich über sämtliche Aktivitäten Imre Nagys meine Meinung sagen. Über meinen Mitgefangenen könnte ich mich nicht äußern.
Interviewer: Ist diese moralische Haltung von allen durchgehalten worden?
Lukács: Wohl von allen.
Interviewer: In Budapest kursierten Gerüchte, wonach Zoltán Szántós Haltung nicht ganz korrekt gewesen sein soll.
Lukács: Das weiß ich nicht. Ich besitze darüber keine konkreten Kenntnisse, weil jeder getrennt verhört worden ist, und anschließend erzählte jeder, was ihm gefiel und angenehm war. Ich halte es aber für wahrscheinlich, daß Zoltán Szántós Aussagen für Imre Nagy ungünstig waren. Denn es hatte dort eine Sitzung gegeben, an der die gesamte Emigration oder sagen wir lieber, alle, die dort interniert waren, teilnahmen. Und auf dieser Sitzung meldete sich auch Zoltán Szántó zu Wort und sprach ziemlich stark gegen Imre Nagy. Imre Nagy war ebenfalls zugegen.
Interviewer: Haben diese Sitzungen unter strenger Beobachtung gestanden?
Lukács: Selbstverständlich. Diese zwanzig bis dreißig Leute waren ... Und dann war da das russische beziehungsweise rumänische Personal.
Interviewer: Meine gezielte Frage nach Zoltán Szántó erklärt sich daraus, daß ich mich daran erinnere, daß Ihre engere Freundschaft mit Zoltán Szántó in dieser Zeit erschüttert worden ist.
Lukács: Ich war mit Zoltán Szántós Verhalten nicht einverstanden, und deshalb kühlte unser Verhältnis natürlich bis zu einem gewissen Grad ab.
Interviewer: Als wir uns 1956 über Zoltán Szántó unterhalten haben, bezeichneten Sie, Genosse Lukács, ihn als den begabtesten kommunistischen Führer der Gegenwart.
Lukács: Zoltán Szántó war ein ausgezeichneter Parteiarbeiter, und Anfang der fünfziger Jahre spielte er bei der Umbildung der ungarischen Partei eine sehr aktive Rolle. Er wurde von Rákosi und seinen Leuten in den Hintergrund gedrängt, und so kam jene eigenartige Lage zustande, daß Szántó seine eigene Rolle viel höher einschätzte, als sie in Wirklichkeit war.
Interviewer: Hatte er ideologisch keine besondere Bedeutung?
Lukács: Ideologisch war er ein korrekter Mensch.
Interviewer: Genosse Lukács, unter welchen Umständen erhielten Sie im Mai 1957 ein Angebot zur Rückkehr nach Ungarn?
Lukács: Die Rückkehr nach Ungarn erfolgte Ende März -Anfang April.
Interviewer: Wurden daran Bedingungen geknüpft? Lukács: Nein. Nein.
Interviewer: Wie gestalteten sich in dieser Zeit Ihre Beziehungen zur Partei?
Lukács: Als die Partei reorganisiert wurde, und die Partei ihren jetzigen Namen erhielt, teilte ich mit, daß ich weiterhin auf einer Parteimitgliedschaft bestünde. Ich schrieb dem Zentralkomitee einen Brief. Ich schrieb darin, seit wann ich Parteimitglied sei und daß mein gesamtes Parteileben vor der Partei offen zutage liege, seit ich Parteimitglied sei. Es gebe also keinerlei Gründe, meinen Mitgliedsantrag in der Partei abzulehnen. Dieser Antrag wurde natürlich trotzdem abgelehnt, beziehungsweise ich erhielt auf diesen Brief keine Antwort. Und erst zehn Jahre später trat wieder die Frage der Beantwortung auf.
Interviewer: Im 1962 herausgegebenen Konversationslexikon schreibt József Szigeti, daß Sie aus der Partei ausgeschlossen worden seien.
Lukács: Das ist nicht wahr. Es ist aber leicht möglich, daß man das geschrieben hat, weil ich bis in die sechziger Jahre einer vollkommenen moralischen Verurteilung unterlag. Es ist leicht möglich, daß solche Gerüchte über mich verbreitet waren. Mich hatte man jedenfalls nicht aus der Partei ausgeschlossen, man hatte mir nur auf jenen Brief, in dem ich schrieb, daß ich Parteimitglied sein wollte, eben keine Antwort gegeben.
Interviewer: Offensichtlich hat man Ihnen keine Antwort gegeben, weil sich keiner wagte, ein Ja oder auch ein Nein zu unterschreiben.
Lukács: Sicher hat es irgend so einen Grund gegeben. Jedenfalls tauchte das Problem erneut auf, als ich im Zusammenhang mit der Einführung der neuen ökonomischen Methode der Unità ein Interview gegeben hatte, in dem in etwa stand, daß ich diese Richtlinie befürwortete, da sie notwendigerweise mit der Demokratisierung der Partei und der Erneuerung des Marxismus einherginge.
Interviewer: Dieses Unità-Interview war der Beginn Ihres erneuten Auftretens in der Öffentlichkeit?
Lukács: Ja, bis zu einem gewissen Grad. Man muß die Dinge wiederum so nehmen, wie sie sind: Als passives Denkmal des Revisionismus spielte ich auch bis zur Einführung der Wirtschaftsreform in der Öffentlichkeit eine Rolle, und diese Funktion verlor bis zum genannten Zeitpunkt auch nicht an Brisanz.
Interviewer: Zu dieser Zeit haben Sie noch an der Ästhetik gearbeitet?
Lukács: In der ersten Periode schloß ich noch die Ästhetik ab. Und natürlich bestand keinerlei Aussicht, daß die Ästhetik im Ausland würde erscheinen dürfen, geschweige denn in Ungarn. Daraufhin schrieb ich Kádár einen Brief, in dem ich die Vorgehensweise verurteilte. Ich meine nämlich, daß jeder Verlag das Recht hat, herauszugeben, was ihm beliebt. Dagegen hat aber kein einziger Verlag das Recht zu verhindern, daß andere Verlage die Bücher publizieren. Ich protestierte also in meinem Brief an Kádár gegen diese Vorgehensweise. Folge davon war dann, daß ich vorgeladen wurde. Wie hieß noch dieser Kerl im Politbüro? Szirmai. Von Szirmai wurde ich vorgeladen, und der teilte mir mit, mir würde bitteschön, wenn ich das wollte, ein Auswanderungspaß zur Verfügung stehen. Daraufhin sagte ich Szirmai: »Schauen Sie, die Macht ist in Ihrer Hand. Sie können mit mir tun, was Sie wollen. Wenn ich jetzt dieses Zimmer verlasse und an der Tür legt mir ein Polizist die Hand auf die Schulter, dann bin ich ein Gefangener und kann nichts machen. Sie haben jedoch nicht die Macht, mich aus Ungarn hinauszukomplimentieren, wann es Ihnen paßt. « Und damit haben sie die Sache wieder für gut anderthalb Jahre ad acta gelegt.
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