Konrád, György, Sonnenfinsternis auf dem Berg, Frankfurt a.M. 2005, S. 142-170.
In der Zeit fand der zwanzigste Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion statt, und ich erging mich vor meinen Schülerinnen des Mädchengymnasiums Katalin Varga in tollkühnen Äußerungen. Nach meinem dritten Ausschluß durfte ich mein Studium erneut fortsetzen; wieder hatte sich Georg Lukács für mich verwendet. Meine zwanzig Abiturientinnen brachte ich dazu, in die Bibliothek zu gehen; dort, im Parlamentsgebäude, wisperten sie unter den Tischlampen des Lesesaals, beklommen grüßten wir einander, und ich ging hinein in die Tippstube, wo außer mir nur Gyuri Szekeres saß. Ich versuchte mich an einem Essay, während er noch immer denselben klassischen tschechischen Roman übersetzte, brummend und vor sich hingiftend, daß der so langweilig sei, weshalb die Arbeit nur langsam vorangehe. Zeitweilig übersetzte auch Gyuri Gera dort eine endlos lange Goldoni-Biographie aus dem Französischen. Am anderen Tisch wurden Verwünschungen ausgestoßen, unaufhörlich war das Rattern meiner Schreibmaschine zu vernehmen, doch die Anzeichen interessierter und nach einem Plauderstündchen verlangender Liebenswürdigkeit führten daazu, daß die Arbeit plötzlich beiseite gelegt wurde und wir uns hinüber auf das Kanapee setzten, neben dem noch ein Sessel stand und wo man auch rauchen durfte. Wir kleideten unsere Gedanken in Worte; daß wir abgehört werden könnten, davor hatten wir noch keine allzu große Angst, auch wenn ich bemerkte, daß Gyuri Szekeres es vorzog, die Dinge auf einer philosophischen Ebene abzuhandeln und oft nur geistreiche Andeutungen machte.
Wir gingen alle heim zu uns, bedachten die Vorboten, fühlten uns im Zentrum der Weltgeschichte. Erst unlängst war Österreich ein neutrales Land geworden, wir spürten nahende Veränderungen. In der Hitze der Unterhaltungen rollte sich Vera zusammen und schlief ein. Inzwischen war auch István eingetroffen, auf einen Sprung war er von Kapuvár gekommen, wo er in einem Staatsgut eine Anstellung hatte, nachdem sie ihn aus der Partei und der Universität hinausgeworfen hatten. Im Planungsamt war er an geheime Daten herangekommen und hatte sich Gewißheit darüber verschafft, daß der Staat vor dem Bankrott stand. In Istváns Hosentasche auf kleinen Karteikarten Daten und Tabellen; zusammengehalten wurde der Zettelstoß von einem Gummiband, genug Material, um Rákosi zu stürzen, wenn die entsprechende Zeit dafür gekommen sein würde.
Am 23. Oktober 1956 saß ich vormittags allein in einer sonnenbeschienenen Eckmansarde der Budapester Andrássy út, in der Redaktion der gerade gegründeten und ziemlich oppositionellen Zeitschrift Èletképek (Lebensbilder) vor einem bedrohlich anwachsenden Berg schrecklicher Gedichte von Dilettanten, denen ich, ein dreiundzwanzigjähriger Ungarischlehrer und Redaktionsgehilfe, schon längst eine in höfliche Worte gekleidete Absage hätte zukommen lassen sollen, doch irgendwie verspürte ich keine Lust, mich damit zu beschäftigen und wickelte lieber mit Freunden und Freundinnen Telefongespräche ab, aus denen ich halbstündlich von den neuesten politischen Entwicklungen erfuhr. Im Wechsel wurde die geplante große Studentendemonstration verboten und genehmigt. Schön und gut, daß die Studenten demonstrierten, doch der Umzug als solcher reizte mich nicht. Alljährlich zum i. Mai hatte ich mit meinen Schulkameraden marschieren müssen. Das reichte. An der Sammelstelle versuchte ich, darum herumzukommen, daß man mir eine Fahne in die Hand drückte. Ich traf entsprechende Vorbereitungen, mit dem Ziel, in einem geeigneten Augenblick unauffällig zu verschwinden und mit meinen Freunden auf der Donau paddeln zu gehen. Einem anderen die Fahne aufzuschwatzen war eine verzeihliche Schweinerei, besser aber war es, die Fahne gar nicht erst in die Hand zu nehmen. Lieber griff ich nach der zappligen Schulter einer gewissen winzigen, doch geistreichen Kommilitonin, die ich im Demonstrationszug entdeckt hatte. Gemeinsam schritten wir über die Margaretenbrücke. Mit einer Fahne durch die Straßen zu ziehen war auch früher schon möglich gewesen, allerdings nur an staatlichen Feiertagen im Verbund mit Hochrufen auf die Partei- und Staatsführung. Vorbei die Erstarrung. Volksfest der Unbotmäßigen; was gestern noch verboten war, war nun plötzlich erlaubt, weil wir es taten und nicht um Erlaubnis fragten. Ich legte keinen Eifer an den Tag, um aus der Mitte der Fahnen das Wappen der Volksrepublik herauszuschneiden; dafür fanden sich andere, die sich bereitwillig anboten. Immer finden sich welche, die sich bereitwillig anbieten. Die Bereitwilligen begleiten den Umzug seitlich, manche auf dem Motorrad, andere im Laufschritt, sie rempeln andere an oder drängen der Masse vom Lautsprecherwagen aus die eine oder andere Losung auf und stimmen begeistert ein Lied an. Noch als Gymnasiast hatte ich mich an diese Lieder gewöhnt. Auch damals begeisterten sie die Massen mit angestrengt guter Laune.
Nachts, als ich meine neugierige Begleiterin vom Rundfunkgebäude wegführte, wo draußen und drinnen schon Schüsse und Gebrüll zu hören waren (»Judenmörder!« schrie ein Mann neben mir und zog sich vorsichtshalber in einen Hauseingang zurück), verabschiedete ich mich an einer ruhigen Stelle von meiner Kollegin und ging nach Hause. Meiner Frau erklärte ich, als wir gemeinsam auf dem Balkon ferne Schüsse hörte, an diesem Herumballern wolle ich mich nicht beteiligen. Die Eskalation trat außerordentlich schnell ein, da die Regierung nicht über maßvolle Instrumente verfügte, Gummiknüppel und Wasserwerfer gab es noch nicht, es gab nur scharfe Munition oder Duldung. Also meldete ich mich, als ein angehender Dichter und literarischer Übersetzer schreiend über den Flur der Universität rannte: »Jungs! Wer will eine Maschinenpistole?«, kurze Zeit später fand ich mich mit meiner MP auf einem offenen Lastwagen als Angehöriger der unter den Studenten rekrutierten Nationalgarde wieder, die Ellenbogen auf das Fahrerhaus gestützt. Meine Schriftstellerkollegen und ich, alle Anfang zwanzig, hätten die Redaktion unserer literarischen und politischen Zeitschrift von den Alten, den Dreißigjährigen, übernehmen können. Der Chefredakteur hatte sich in den Sessel des Oberbürgermeisters gesetzt, das Mehrparteiensystem war installiert worden, wir traten aus dem Warschauer Pakt aus, und es sah schon so aus, daß die sowjetischen Truppen abziehen würden, als sie mit weiteren viertausend Panzern einmarschierten und ihre Kanonen auf diejenigen abfeuerten, die mit Maschinenpistolen auf sie schossen. Im weiteren nahmen sie auch Objekte unter Beschuß, aus denen niemand auf sie schoß, einfach nur so, um der Sicherheit willen oder weil es den Soldaten so gefiel. Die Menschen erlaubten sich manches, was sie sonst nicht gewagt hätten; auf der Straße rotteten sie sich zusammen, hörten der Rede der anderen zu, gingen spazieren, sahen sich um, Generalstreik, ständige Ferien, ein über die ganze Stadt sich ausdehnendes Theater, in das auch das Publikum einbezogen wurde. Wenn sich ein Junge oder ein Mädchen unerwartet damit konfrontiert sahen, daß sie eine Waffe oder eine Tragbahre in der Hand hielten, kam ihnen die Zukunft nicht in den Sinn, sie lebten in einer verdichteten Gegenwart, dachten weder an Ruhm noch an Gefängnis. Unter den Kämpfern waren die Bergwerkssträflinge vielleicht am mutigsten und im allgemeinen die aus den Gefängnissen Entlassenen, die manchmal sogar noch die gestreifte Sträflingskluft trugen. Und dann einige Jungen und Mädchen von der Straße, nach Hause zurückgekehrte Heimkinder.
Das Jahr 1956 ist möglicherweise das denkwürdigste meiner Jugend: die plötzliche Abnahme des Schreckens und der unerwartete Mut. Gehpelze, Persianerkragen, mit Litzen und Tressen besetzte Wintermäntel, alte Husarenuniformen; im Vorzimmer des Bürgermeisters waren verschiedenste Trachten anzutreffen, natürlich auch Lodenmäntel, die damals von der Mehrheit getragen wurden. Alle Antichambrierenden wären gern zu meinem Chefredakteur vorgelassen worden, von ihm erhofften sie sich ein mit Stempeln versehenes Stück Papier, um so irgendeine staatliche Liegenschaft in Besitz nehmen zu können. Die bewaffnete Jugend priesen sie mit honigsüßen Worten, den frischgebackenen Redakteur, der seine Maschinenpistole unter dem Stuhl verstaut hatte und geduldig auf den drinnen sitzenden Potentaten wartete, mit dem er über ihre Literaturzeitschrift sprechen wollte. Die Herren bekamen ihren Stempel, nun konnten sie gehen und Parteien gründen, Autos und Bürogebäude in Besitz nehmen. Der Student der philosophischen Fakultät aber beobachtete, zu welchem Mantel welche Rhetorik gehörte. Ohne die beharrliche Tollkühnheit der Draufgänger draußen auf der Straße hätten sich die Herren dort nicht so hoffnungsvoll im Vorzimmer herumdrücken können. Die Familienväter, die sich von ihren Einzimmerwohnungen auf den Weg in die Fabriken gemacht hatten, mußten viel geschluckt haben, bevor auch sie sich überraschend zu den Straßenkämpfern gesellten. Nicht zu vergessen die Szenen jenen Tages vor dem Budapester Parteigebäude: das Aufhängen der auf der Erde liegenden, halbnackten, mit Füßen getretenen, bespuckten, durch Kugeln und Schläge zu Tode gekommenen Körper. An den Füßen mit dem Kopf nach unten. Die Opfer der Lynchjustiz waren meist Männer der Staatsschutzbehörde. Sie mußten für die furchteinflößende Herrschaft ihrer Zentrale zahlen. Doch wenn ich den Toten ins Gesicht sah, wurden solche Überlegungen sinnlos. Abends auf dem Nachhauseweg, die Armbinde der Nationalgarde tragend und die Maschinenpistole geschultert, wurde ich von mehreren Frauenzimmern um die Freundlichkeit gebeten, dort im zweiten oder dritten Stock diesen oder jenen umzulegen, ja, genau dort in der Eckwohnung. Der volkstümlichen Sehnsucht danach, jemanden hinzurichten, erwies ich mich nicht als gefällig.
Mich als wild entschlossenen Freiheitskämpfer darzustellen, wäre eine starke Übertreibung. Warum aber wollte ich dann eine Maschinenpistole haben? Dieses pubertäre Verlangen mochte ein Überbleibsel aus der Kriegszeit und den darauffolgenden Jahren gewesen sein. Manchmal stellte ich mir vor, ein bewaffneter Trupp würde das Treppenhaushochhasten, um uns zu liquidieren. Aus welcher Ecke der Diele würde ich wohl am effektivsten feuern können? Ich zielte ziemlich genau; während der kurzen Ausbildung beim Militär hatte ich sogar den Titel eines Meisterschützen verliehen bekommen. Warum auch sollte ich nicht präzise schießen, wenn ich nun schon dort auf der Pritsche in Feuerstellung lag? Und wenn ich in einem Schützengraben stünde, warum sollte ich dann nicht treffen?
In meiner Militärzeit war ich gut zu Fuß gewesen, die Strapazen der Marschübung machten mir nichts aus, manchmal half ich denen, die nach einer längeren Strecke erschöpft waren. Ich nahm ihnen das Gewehr ab, vielleicht auch die Gasmaske, das verflixte Mistding, das wir uns über den Kopf stülpen mußten, wenn der neben uns herreitende Kompaniechef ausrief: »Gas!« Er gebrauchte dieses Wort in seiner chemischen Bedeutung. Zugleich als Befehl, daß wir jetzt die Gasmasken aufsetzen und so unseren Trott auf dem Feldweg fortsetzen sohlten. Manchmal sollten wir, um ums auf die Weise vor der frischen Luft zu schützen, mit den aufgesetzten Gasmasken auf Pappeln am Wegrand klettern, damit die vorbeifahrenden Autofahrer über uns lachen konnten.
Als dieser Befehl mit zwei Maschinenpistolen ausgeführt werden sollte, traten die zur Querulanz Neigenden ebenso auf den Plan wie nach der Marschübung: Als wir im Feldlager der Kompanie angekommen waren, wollten wir uns auf den Wasserhahn stürzen, da trat der Kompaniechef, dessen pädagogische Strenge wir von seiner offensichtlichen Bosheit nicht zu unterscheiden vermochten, vor und sprach: vergiftet! Woraus zu schließen war, daß wir uns fortscheren und nicht am Wasserhahn vergreifen sollten. Falls wir sehr durstig wären, sollten wir zur anderen Seite des Lagers gehen. Der echte Soldat kenne keinen Durst und verabscheue den, der sich auf die Wasserpumpe stürzt. Ich spürte nicht die geringste Neigung, mich der Logik und Ästhetik des Kompaniechefs anzuschließen. Mein nüchterner Realitätssinn ließ mich sagen: nicht vergiftet!
Dem Wort mußte die Tat folgen; ich trank etwas und bot den Pumpenschwengel dem neben mir Stehenden an. D( Hauptmann stand da, ein verblüffter Zeuge. Würde 4 brüllen, sich auf ein Handgemenge einlassen, hätte er verlorenes Spiel. Die anderen, meine Kommilitonen, ließe ihn spüren, daß sie nicht auf seiner Seite standen. Hätte i den Befehl gegeben, mich festzunehmen und abzuführen hätte er keinen Vollstrecker gefunden. Als sich zwei stärkere Burschen nach vorn drängten und sich vor ihm au pflanzten, konnte er gegenüber den Studenten nur noch seine geistige Überlegenheit hervorheben. Denn der Kompaniechef hier war er, auch wenn wir mehrheitlich Reifeprüfungen bestanden hatten. »Sie hier sind ein beschissen kleiner Muschkote, und wenn ich einen Befehl erteile, dar hat sich der Schütze Arsch in Marsch zu setzen!« Das w; kein guter Moment, seine Überlegenheit zu demonstriere: ohne sich der Lächerlichkeit auszusetzen. Doch er gab sich damit zufrieden, uns einen Grundzug seiner Persönlichkeit zu vermitteln: »Ich vergesse nichts.« Das sagte er m schmalen Lippen, und auf seinen in Stiefeln steckenden Säbelbeinem verhieß er das Feld erhobenen Hauptes. Hinter seinem Rücken brach kein Lachen los, einige lächelte: doch ein besonders beflissener Soldat, der auf die Krageninnenseite seines Uniformrocks immer ein weißes Bar nähte, um auch in Uniform fesch zu sein, sagte, das werde ein Nachspiel haben.
Ich grübelte nicht viel darüber nach, was für ein Nachspiel die Sache haben könnte, das Wassertrinken und d Behauptung, daß es nicht vergiftet sei, zumal wir am Mo gen noch davon getrunken hatten und, siehe da, noch lebten. Mit meiner Erklärung hatte ich meinem Gewissen nicht geschadet, zumal ich nicht gelogen hatte. Daß ich das Wohlwollen meines Kompaniechefs verloren hatte, kümmerte mich nicht. Ohnehin war ich Zugführer, noch dazu dank seiner Entscheidung. Einmal, als wir ihn umringten, um uns seinen politischen Vortrag anzuhören, brachte er Karl Marx' Kapital ins Gespräch und fragte uns nach dem Erscheinungsjahr. Die Zuhörer wußten es nicht oder gaben falsche Antworten. Der Hauptmann triumphierte, wie ungebildet die berühmten Studenten der philosophischen Fakultät doch seien. Da merkte ich an: » 1864.« »Endlich jemand!« Er lobte mich und ernannte mich zum Politkommissar des einen Zugs. Sollte es zu einem Disziplinarverfahren kommen oder sollte ich festgesetzt werden, dann, so dachte ich, würde ich die Behauptung, daß der Brunnen vergiftet sei, kritisieren. Wenn wir uns schon gegen ihn aufgelehnt hatten, dann sollten wir auch auf unserer Meinung beharren, unsere Position stärken und verteidigen.
Am Nachmittag folgte der lange Weg von Hajduhadház - dem Militärzeltlager - nach Debrecen; nach der mehr als dreißig Kilometer langen Marschübung ein hübscher kleiner Spaziergang am Straßenrand. Bis auf den heutigen Tag bin ich nie per Anhalter gefahren, ich mochte niemanden um eine Gefälligkeit bitten, also bin ich bei meiner Ankunft in Debrecen ziemlich müde gewesen.
Wie angewurzelt stand ich am zur Straße gehenden und auf die große reformierte Kirche blickenden Fenster des Debrecener Hotels zum Goldenen Stier. Ich wagte nicht, mich hinzulegen, hatte Angst zu verschlafen und nicht rechtzeitig am Bahnhof zu sein, um Vera abzuholen. Meine schöne Freundin dolmetschte damals in Budapest englisch und russisch für die zur Weltmeisterschaft der Studenten eintreffenden Sportler im Hotel auf der Margareteninsel; Vera steckte voller Erlebnisse aus der weiten Welt.
Meine Geschichten waren dagegen öde, wie auch unsere Sprache im Zelt einfacher geworden war; unser Geist war gefangen von körperlichem Verlangen und Zerknirschung. Die Obrigkeit hielten wir für idiotisch, unter großen Schwierigkeiten gestattete sie Ausnahmen, und bei uns kam die Frage auf, ob ein Idiot gut sein könne.
Ein Kamerad, ich glaube József Tuli, kroch mit einer um die Stirn gebundenen Taschenlampe auf allen vieren in der Umgebung der Latrine herum, und als er von einem Vorgesetzten gefragt wurde, was er hier anstelle, antwortete er mit gequälter Stimme, er suche nach dem Sinn im Lager.
Die Welt der Wettkämpfe und Veras Geschichten aus der Bar waren etwas anderes. Um den Unterhalt für ihre Tochter und sich selbst zu sichern, verdiente Vera auch noch in einem Fahrkartenbüro der Eisenbahn ein bißchen Geld und kanzelte die Reisenden, die verworrenes Zeug redeten, mit oberlehrerhafter Strenge ab. Was aber den Sturm der Lust unserer im Hotel zum Goldenen Stier erneut angesetzten Hochzeitsnacht angeht, so bin ich allzu bald eingeschlafen und soll laut Vera im Traum zornig behauptet haben, das Wasser sei trinkbar.
Zurück im Lager sah ich, daß die Kommandeure auch hart sein konnten. Einer unserer Kommilitonen namens Makrai, ein intelligenter Bauernjunge mit knochigem Gesicht, saß schon im Arrest, weil er es bei der als ministeriale Inspektion bezeichneten Kontrolle für Rechtens befunden hatte, vorn in der salutierenden Reihe stehend, auf den Boden zu spucken, als sich der General näherte. Jemand hatte das bemerkt; zufälligerweise war der Liebling des Kompaniechefs so wachsam gewesen. Auf den Vorwurf, zur unrechten Zeit gespuckt zu haben, entgegnete Makrai lediglich, daheim habe er gelernt, daß der Mensch spucken solle, wenn ihm danach sei, und in dieser staubigen Tiefebene sammle sich der Schleim in des Menschen Mund an.
Diese Argumentation überzeugte die vernehmenden Offiziere von der Defensivabteilung nicht, weshalb der Beschluß gefaßt wurde, daß Makrai in den »Arrest« zu stekken sei, ein Flickwerk aus Weidenrutengeflecht, in das es hineinregnete, weil es kein schützendes Dach besaß. Als wir zum Frühstück gingen, ließ es sich nicht vermeiden, daß wir im Arrestverschlag neben der Küche den vom morgendlichen Regenguß triefnassen Makrai zu sehen bekamen. Mit hängenden Schultern stand er in einer Haltung wie ein Affe da, mußte seine Hose halten, damit sie nicht herunterrutschte, denn den Hosenriemen hatte ihm der Feldwebel abgenommen.
In Stiefeln stand er im Sand und war nicht eben gesprächig. Wir auch nicht. Wir schämten uns, daß wir das hinnahmen. Nicht einmal auf das zum Frühstück mit Schmalz und Zwiebeln zubereitete Kürbisgemüse hatten wir Lust, auf verächtlichste Weise äußerten wir uns über die Armee: Man hält uns wie Gefangene, unsere Waffen taugen nicht viel, zu den Schießübungen sparen sie an Munition. Über scharfe Munition verfügten wir ohnehin nicht, zu den über der Schulter getragenen Bajonetten aus dem Ersten Weltkrieg gaben sie uns ganze fünf Platzpatronen. Möglicherweise aus Vorsichtsgründen, damit wir unsere Waffen nicht mißbräuchlich einsetzen und am Ende gar auf willkürliche Ziele richten könnten.
Zwei Jahre später sollte es tatsächlich dazu kommen, denn Ende Oktober 1956 wurden die Offiziere der Garnison Baja von Studenten meines Studienjahrgangs, die anschließend auf Lastwagen der Armee nach Budapest kamen, entwaffnet. Ein jeder entschied nach eigenem Gutdünken, was nun zu tun sei; mehrere schlossen sich der Nationalgarde an. Ich hatte an der Aktion nicht teilgenommen, da ich schon vorher aus der hoffnungsvollen Gemeinschaft der künftigen Offiziere verstoßen worden war. Meine Kommilitonen nämlich absolvierten einen dreimonatigen Offizierslehrgang, der ein ungewöhnliches Ende genommen hatte. Überraschend war es trotzdem nicht, es entsprach der aufrührerischen Stimmung einer Zeit, in der der Begriff der Revolution von Herzen gebilligt wurde. In unseren Schulen gaben die Lehrbücher eine Einschätzung sämtlicher Revolutionen: der französischen, der russischen und der ungarischen. Der Freiheitskampf von 1848 galt als Synonym des Schönen und des Guten; in der Schlacht fällt der Dichter für sein Vaterland, denn wer den Tod nicht wagt, wenn es sein muß, der ist ein hergelaufener Schurke.
Eine junge Malerin sagte, sie würde sich auf ewig schämen, ginge sie jetzt nicht zur Neupester Kaserne, um sich gleichfalls dem Beschuß auszusetzen. Der zu uns geschickte Gesandte sagte aufgeregt, wir müßten kommen, weil auf sie geschossen werde. Ob sie denn zurückschössen, fragte ich. Nein, der Beschuß komme von weitem, vom Gellértberg, dem Blocksberg, mit Granatwerfern. Dorthin könnten sie nicht zurückschießen. »Warum sollen wir dann kommen?« »Na ja, damit wir zusammen sind.«
Mit sanfter Gewalt hielt ich Eva zurück und setzte sie so ewiger Schande aus. Gern hätte ich zu zweit mit ihr, die Maschinenpistole geschultert, an einigen Abenden noch das eine Fenster in dem an der Donau liegenden Universitätsgebäude bewacht. Der Angriff ließ auf sich warten; wir hatten die Möglichkeit, entsprechend mit Lebensmitteln versorgt, Wache zu schieben und dabei gierig, aber doch vorsichtig sich vorantastend die Denkweise des anderen zu erkunden.
Die Militäraktion meiner Kommilitonen hatte ich deshalb verpaßt, weil ich zuvor bei einer theoretischen Unterweisung in einem Vorlesungssaal der Universität schamlos gelächelt hatte, als ein Hauptmann mit Hilfe schmückenden Bildmaterials zu beschreiben versuchte, wie schrecklich der Feind sei. Da er sich in sein Sprüchlein verheddert hatte, kam ich ihm gerade gelegen, weshalb er mich gellend anschrie: »Stehen Sie auf, ja, Sie da, der mit den langen Haaren! Sehen Sie, Genossen? So sieht der Feind aus! So grinst er über unseren im Weltmaßstab geführten Kampf um den Frieden. Und Sie da fordere ich auf, verlassen Sie den Vorlesungssaal!« Bereitwillig stand ich auf, um mich nach draußen zu begeben. Doch wer weiß warum, ein kleiner Rest jenes Lächelns, das den Hauptmann aus der Fassung gebracht hatte, hing noch in meinen Mundwinkeln. Viele unter meinen Kommilitonen gab es nicht, die mir ihre Solidarität bekundet hätten. Sie gaben sich ernst und waren eher dafür, mich aus dem Jugendverband der kommunistischen Partei auszuschließen; durch Heben der Hände verliehen sie ihrer Meinung Ausdruck. Die Mehrheit sprach sich für meinen Ausschluß aus, wenige enthielten sich der Stimme, und nur zwei Studienkollegen stimmten dagegen. Sie gehörten zu denen, die auf der Liste derer standen, die mir folgen sollten.
Es gab auch einen, der gegen mich das Wort ergriff, etwas von Aristokratismus sagte und tiefgläubig den Repräsentanten der Zentrale unterstützte, den intelligenten sowjetischen Stipendiaten, das Mitglied des Zentralrats des Demokratischen Jugendverbands, den späteren Professor der Gesellschaftswissenschaften, der sich darauf verstand, die Stimmung vom Katheder aus zu lenken. Schmerzerfüllt stellte der emsige Diskussionsredner, mein Kommilitone, fest, daß ich ein grundlegend volksfremdes Element sei. Es gelang ihm, meine im Saal versammelten Kommilitonen dazu zu bewegen, mich zu verbannen. Wie ich später erfuhr, bezeigte er in seinem Tagebuch blutrünstigen Kampfgeist gegen Kommunisten und Juden. In die Kampfhandlungen indes mischte er sich nicht ein, verließ nicht einmal sein kleines Zimmer, das ihm Miklós Krassó als Belohnung für sein Interesse verschafft hatte. Was er in sein Tagebuch geschrieben hatte, erfuhr ich von der über neunzigjährigen Hauptmieterin, der Großmama von Miklós, die auch damals noch die lebensverlängernde Gabe der Neugier genoß und einen Blick in das auf dem Tisch liegende Heft geworfen hatte. Es interessierte sie, was dieser komische junge schreiben mochte, der in diesen aufregenden Tagen seinen Fuß nicht auf die Straße setzte und sein Sakko über die nackte Haut anzog, weil er keine Zeit erübrigen konnte, um sein Hemd zu waschen.
Der Großmama war sogleich das häufige Vorkommen des Wortes »Jude« aufgefallen. Möglicherweise waren ihre Wahrnehmungsorgane auf diese Buchstabenreihe eingestellt, obschon sie selbst als Reformierte geboren war, da die Eltern schon im neunzehnten Jahrhundert konvertiert waren, vielleicht deshalb, um mit den anderen Großgrundbesitzern und Ärzten vertrauteren Umgang pflegen zu können. Angesichts jener vielen Garstigkeiten, die der Untermieter diesem Nennwort anhängte, sagte sie ihm, als er sich das nächste Mal verstohlen in sein Zimmer schlich: »Erbärmlicher Tartuffe! Sehen Sie zu, daß Sie von hier verschwinden! Wer mich haßt, der soll auch nicht bei mir wohnen!«
Die Russen nannte die Großmama Moskowiter, und als sie in Verbindung mit ihrem Enkel die Erwähnung eines gewissen Trotzki vernahm, über den Miklós in London einen sehr erfolgreichen Vortrag gehalten hatte, fiel ihr nur Tolstoi ein, dieser Name ergab für sie einen Sinn, der jenes anderen nicht.
Miklós, ihr älterer Enkelsohn, befand sich ständig in Bewegung, und ich, der grobe Klotz vom Dorf, bestaunte nur den Energiewirbel, dank dem Miklós nach vorn geprescht und schließlich mit einem Lastwagen und einer gestempelten Vollmacht ausgestattet worden war. Im Vorzimmer des Dekanats der juristischen Fakultät verbreitete er die Stimmung des Aufruhrs, dann auch in den inneren Räumen, wo das Revolutionskomitee der Intelligenz unaufhörlich tagte. Auf sein revolutionäres Drängen hin wurde entgegnet, man informiere sich, sammle glaubwürdig scheinende Informationen und erwäge die in Frage kommenden Strategien. Ich war nur Türhüter und Leibwächter dieses hohen Komitees, bewaffnetes Organ, dem man die Begleitung wichtiger Leute anvertraut hatte, wie beispielsweise die Ferenc Méeis, eines Psychologen, der zu den Interessantesten seines Fachs zählte und in Gesellschaften ein unbestrittener Liebling war. Man bat mich, auf ihn aufzupassen. Er sei für sie ein sehr wertvoller Mensch, sagte der zuständige Führer des Revolutionskomitees, der zuvor ein erfolgreicher Dozent des Marxismus-Leninismus gewesen war, die Leninsche Revolutionstheorie Buchstaben für Buchstaben studiert hatte, sie jetzt findig gegen den nunmehr als stalinistisch bezeichneten Feind anwandte und in das vielsagende Wir-Bewußtsein auch mich einbezog. Er bat mich um das Abfassen von Flugblättern, und obwohl er meine Texte grob verstümmelte, behandelte er mich wie einen nützlichen Menschen, vermittelte mir das Gefühl, als befände sich die Sicherheit der revolutionären Autoritäten in guten Händen. Ich schob Wache am Gebäudeeingang. Wer weiß schon, was ich den Personalausweisen entnahm, um darüber zu befinden, wen ich einlassen durfte und wen nicht?
Die Bewachung des inneren Heiligtums war strenger und wurde durch schwungvolle Sekretärinnen verstärkt. Aber Miklós Krassó von der hohen Körperschaft fernzuhalten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Hier wurde die Lage analysiert, und zu gegebener Zeit gelangten Stellungnahmen an die Öffentlichkeit. Miklós kreischte, das sei schwachsinnige Impotenz, der Platz der Intelligenz sei jetzt auf der Straße und in den bewaffneten Entscheidungszentren. Dann erklärte er ausführlich, was jetzt dringend getan werden müsse. Eine Weile hörte man ihm zu, dann aber flehte der Revolutionsrat der Intelligenz Miklós Krassó an, er solle sich zurückziehen.
Schlau fragten sie ihn, was sie ihm geben müßten, damit er weggehe und sie in Frieden lasse. Einen Lastwagen mit Chauffeur, sagte Miklós. Und einen mit Stempeln versehenen Brief, woraus hervorgehe, daß sie seinen Vorschlag zu: Zusammenlegung der Arbeiterräte unterstützten. Mehr nicht? Sie waren glücklich, ihn so billig loszuwerden. Miklós fuhr auf seinem Lastwagen davon, während ich, des Einfaltspinsel, blieb und auch weiterhin die großen kluger Köpfe beschützte, vor denen ich, vor einem jeden für sich allein, außerordentliche Hochachtung hatte. Krassó aber fuhr von einer Fabrik zur anderen, brachte die Delegierter der Arbeiterräte aus den Fabriken zusammen, und noch am selben Tag wurde der Arbeiterrat von Großbudapest nach Neupest einberufen, auf dessen Gründungsversammlung Miklós eine bedeutende Rede hielt, reichlich gespickt mit Zitaten von Marx, Heine, Shelley und Ady. Mit seines Rede zum Schluß zu kommen, das allerdings schien ihm schwerzufallen. Man dankte ihm für seine bisherigen Bemühungen, nun aber solle er sie schön sich selbst überlassen, damit sie nach eigenen Einsichten vorgehen könnten, Miklós war nicht im geringsten beleidigt.
Acht Jahre später, als ich ihn in Paris dazu befragte, erinnerte er sich freundlich humorvoll an das Geschehene. Nachdem er die Arbeiter verlassen hatte, versuchte er, einen Kontakt zwischen Georg Lukács und Imre Nagy, dem demokratischen kommunistischen Ministerpräsidenten, herzustellen, damit auch von der symbolischen Gemeinschaft der Namen eine Botschaft ausgehen sollte. Ich glaube, sie ernannten Lukács zum Kulturminister, doch vom Alkoholverbot, schlug ich Miklós vor, sollte er diesmal Abstand nehmen, denn 1919 hatte Lukács, mit dem gleichen Ressort ausgestattet, alle Kneipen schließen lassen, was die Macht der Räte nicht sympathischer gemacht hatte und was ich nicht so recht zu deuten wußte, zumal der Philosoph gute geistige Getränke durchaus schätzte.
Bei meinem Alkoholkonsum spielte Rum die Hauptrolle; dazu ein doppelter Mokka im Casino-Espresso auf dem St. Stefan-Ring, hier kochte eine vollbusige Baronin den Kaffee, ein aus dem Internierungslager befreiter sozialdemokratischer Abgeordneter gestattete gegen einen Formt, daß man seine außergewöhnlich langen Ohrläppchen anfaßte, und von dem einen Ecktisch her war von Zeit zu Zeit das Zusammenschlagen von Hacken zu hören. Die monarchistische Botschaft drang unter Stuhl und Tisch hervor, wenn die Krakauer unter den polnischen Emigranten auf Dr. Otto Habsburg, den legitimen Thronerben, zu sprechen kamen.
Als Ferenc Méreis Leibwächter leistete ich noch ein oder zwei Tage Nationalgardistendienst, danach suchte ich, nun nur noch Träger meiner Maschinenpistole, Budapests öffentliche Plätze auf, einige Redaktionen, den Künstlerklub Feszek und den Direktor des Zeitungsverlags, ein freundliches rundliches Männchen, der mich sogleich empfing. Beim Betreten des Zimmers hängte ich meinen langen, schweren grellblauen Mantel, den ich überraschend billig in einem Kommissionsgeschäft hatte erstehen können, am Kleiderständer auf und daneben wie einen Regenschirm die Maschinenpistole. Befreit von der doppelten Last trug ich enthusiastisch den verheißungsvollen Plan zur Erneuerung unserer Zeitschrift vor.
Auch mich selbst hatte ich von dem, was ich dem Generaldirektor vortrug, überzeugt. Schon stellte ich mir vor, daß Genosse Ács, beeindruckt von meinen Worten, eine Auflagenhöhe von fünfzigtausend Exemplaren und Offsetdruck versprechen würde, da er unter den fusionierten Blättern unseres für das erfolgreichste hielt, unsere Zeitschrift, die am 23. Oktober hätte erscheinen sollen, wäre nicht an diesem Tag die Revolution ausgebrochen, womit die Ereignisse den Wagemut der ersten Nummer weit übertroffen hatten. Wir waren also gezwungen, uns mit einer neuen revidierten Ausgabe zu Wort zu melden.
Erfüllt von kreativer Zufriedenheit standen wir uns gegenüber, Genosse Ács und ich, sahen zum Eckfenster im ersten Stock des New York Palastes hinaus auf die Ringstraße. Dort versuchten die Leute der Verkehrsbetriebe, die Straßenbahnstrecke instandzusetzen, indem sie eine verbogene Schiene geradebogen. Wir beobachteten die Arbeit; Genosse cs kam in Fahrt: »Sehen Sie, mein junger Freund, das habe ich gern, wenn gebaut und nicht geschossen wird.« Mir ging es ebenso.
An der Ecke stand ein Bursche in Sträflingskluft, auf dem Kopf eine Militärmütze, und gab aus seiner Maschinenpistole glücklich eine Salve in die Luft ab. Er tanzte mit seiner Waffe, er war der Sieger, er lächelte ebenso wie ich, was dem neben mir stehenden Direktor allerdings nicht glücken wollte. Ordnung stellte er sich so nicht vor. Doch an unsere Meinungsverschiedenheit rührten wir nicht. Nach freundlichem Händeschütteln, zur Bekräftigung unserer Vereinbarung, schlüpfte ich wieder in den langem Friesmantel und hängte mir die Maschinenpistole um.
Ich suchte jemanden in dem Haus, in dem viele Redaktionen untergekommen waren. Auf den zum Hof führenden Gängen sah ich zu den Fenstern hinein; in dem einen Zimmer erblickte ich vier Männer, die sich an die vier Ecken eines Tisches klammerten. Hier trat ich ein. Alle vier hatten irgendwann schon einmal an jenem Tisch gesessen, doch entweder waren sie gefeuert oder verhaftet worden, so daß immer ein anderer das Möbelstück geerbt hatte. Und nun wurde auch ich, der ich meinen Freund suchte, sozusagen als bewaffnetes Organ in die Auseinandersetzung einbezogen, und sollte darüber befinden, wem der Tisch von Gesetzes wegen zustehe. Ich ließ mich auf eine geschichtsphilosophische Betrachtung über die authentische Zeit ein. Wessen Dasein ist aus der Sicht der Zugehörigkeit zu einem Territorium bestimmend? Zu guter Letzt sagte ich, sie sollten ein Los ziehen. Daraufhin sagten sie, ich solle mich als Staatsanwalt zum Teufel scheren.
Ich tat, worum sie mich gebeten hatten, ging zum Nationaltheater und von hier aus zum Platz der Republik. Auf der Straße war zu hören, dort würden wüste Dinge passieren. Mit meiner umgehängten Maschinenpistole ging ich auf einen Baum zu, an dem schon ein Toter baumelte, mit dem Fußgelenk an einen Ast gebunden, daneben war man gerade dabei, einen zweiten Leichnam aufzuknüpfen.
Bewaffnete und Unbewaffnete standen um die Szene herum; Frauen, Männer, Gaffende. Den am Boden liegenden Toten traktierte jemand mit Fußtritten, den aufgehängten ein anderer mit Messerstichen, und eine Frau spuckte ihm ins Gesicht, ein schmuckes Männchen spuckte auch und sagte: »Pfui, pfui, auch du warst ein Kumpan der Rußkis!« Es gab kein Leben mehr in den Leibern, die Versammelten waren nur noch erfüllt vom Rausch der Totenschändung. Alle möglichen umherstreifenden Recken umringten mich, bewaffnet mit Maschinenpistolen und Handgranaten unter dem Gürtel. Ich schlich mich davon.
Um ein starkes Getränk zu mir zu nehmen, ging ich in ein Espresso. Am Klavier saß eine ältere Dame; ihr platinblondes und hoch aufgetürmtes Haar war so vollkommen, als befänden wir uns inmitten der schönsten Friedenszeit. Draußen Getrappel von Füßen, ein Mensch rannte, mehrere liefen ihm hinterher, und an einer Kellertreppe erschossen sie ihn.
Im Universitätsgebäude ging ich über den Flur, Miklós Béládi kam mir entgegen, mein Lieblingsdozent. Für einen Moment standen wir uns gegenüber. »Humanisten mit Maschinenpistolen?« fragte er. »In Wendezeiten schon. Sicher ist sicher«, entgegnete ich. Keinem von uns war ganz klar, wie das zu verstehen sei. »Realer Humanismus«, das habe ich bei Marx gelesen. Und wenn es sich so ergebe, dann solle der Mensch seine Familie und sich selbst schützen.
Ich ging nach Hause, um Radio zu hören, um Erasmus und Tolstoi zu lesen. Auf dem Lenin-Ring, dem heutigen Theresien-Ring, fand ich vor der Horizont-Buchhandlung
Tolstois Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre im Müll.
Unter den weggeworfenen Büchern, die ihrer Einäscherung harrten, fischte ich dieses hervor; einige Jahre später erschien es unter meinem Lektorat in einer neuen Ausgabe im Ungarischen Helikon Verlag.
Vera fand in diesen Tagen Freude am Kochen; auf den Tisch kam eine ausgezeichnete Bohnensuppe mit Nockerln und geräucherter Knackwurst. Vera gab sich mit den Nachrichten zufrieden, die aus der Nachbarschaft und dem Freundeskreis durchsickerten, und verspürte keine allzu große Lust, zusammen mit mir durch die Stadt zu streifen, wo es vorkommen konnte, daß einer mit einem Brot unter dem Arm dastand und mittels einer Panzerkanone einfach nur so sein Kopf verschwand, während er noch immer dort stand und das Brot an sich drückte. Mir fiel der Körper eines Huhns ein, das umherflitzte, nachdem ihm der eine Gehilfe schon den auf den Rumpf plazierten Kopf mit der Axt abgehackt hatte.
Ich ging durch die Straßen, auf denen sich binnem kürzester Zeit viel Staub und Müll angesammelt hatten. Ich las die überall angeklebten oder mit Reißzwecken befestigten Aufrufe. Viele forderten entschlossen den restlosen Abzug der sowjetischen Truppen. Und nicht genug damit, daß sie das Land verließen, an jeder Eisenbahnstation sollten sie das heldenmütige ungarische Volk um Verzeihung bitten, das sie häßlich beleidigt hatten mit ihrer sich unbegründet lange hinziehenden Gastrolle und den kürzlichen Schießereien, die an das Niederwalzen des ungarischen Freiheitskampfes von 1849 durch die Russen erinnerten.
Auch im Espresso an der Ecke hörte ich ungestüme Reden. Den Träger eines Mantels mit Persianerkragen verkündete Konrad Adenauers Kommen. Hätte der Überbringer dieser Nachricht doch nun nicht hinzugefügt, daß der Kanzler auf dem Rücken eines Schimmels eintreffen werde, denn so wurde aus den guten Nachricht ein dummes Märchen. Die polyglotte Fremdsprachenlehrerin von einst, die zur vornehmen Hure den Gegend geworden war, ärgerte sich darüber, daß das Schwimmbad, das sie täglich aufsuchte, geschlossen war. Mit erhobener Stimme fragte sie, ob jemand unten den Gästen des Espressos Virginia Woolfs Orlando gelesen habe, noch habe sie nicht entschieden, ob ihr der Roman gefalle oder nicht. Sissy kam mit ihrem Sohn herein und bestellte ihm trockenen Kuchen. »Schick mich nicht zurück!« bat der Junge. »Ich muß dich zurückschicken, schon seit einer Woche habe ich dich hier auf dem Hals. Ich kann nicht übersetzen, vor lauter Nervosität habe ich mir schon die Nase mit Schminke verschmiert.« »Das ist den Junge?« fragte der Maler. »Seinetwegen hat den Offizier auf Sie geschossen?« Sissy nickte. Ja, den Hauptmann hatte von ihr gefordert, sie solle abtreiben, dazu aber sei sie nicht bereit gewesen, Weihnachten vierundvierzig sei er, der Junge, ihr Geschenk gewesen. Sissy hätte den Hauptmann in den Westen begleiten sollen, aber nicht in schwangerem Zustand. Die Schießerei hatte eine Frühgeburt zur Folge gehabt, doch der Embryo war unversehrt geblieben.
Die Mutter eines Klassenkameraden setzte sich ans Klavier und versetzte uns zurück in die Welt der alten Schlager. Ein jungen Mann setzte sich neben sie, seine Pistolentasche ließ die Gesäßgegend anschwellen; die nächtlichen Hausdurchsuchungen hätten begonnen, sagte er.
Noch bevor ich nach Hause ging (hier und da funktionierte das Telefon, und ich besaß genügend Münzen), informierte ich Vera wie ein Reporter über das, was ich gesehen und gehört hatte, und suchte den Schriftstellerverband auf, wo reges Treiben herrschte. Vom Vorstand strömte das Gefühl von Wichtigkeit nach außen: Dort wurden Vorbereitungen zum Abfassen einer öffentlichen Erklärung getroffen. Ehern, samtweich und wohlklingend mußte sie sein, wie eine Bombe einschlagen: ein Meisterwerk also. Noch mußte der Gesandte des neutralen Landes warten, noch waren im letzten Absatz einige Korrekturen erforderlich.
In einem Seitenzimmer im ersten Stock wurde dies und jenes verteilt, Lebensmittel. Lastwagen vom Dorf sorgten dafür, daß den geistigen Führern, dem nationalen Gewissen, Nahrung zukam, Menschen mit Mützen oder Hüten auf dem Kopf, die sich an die Mauern drückten, an Zäune, wenn irgendwo das Krachen einer Salve zu vernehmen war. Ein hübsches kleines Paket wurde mir in die Tasche gestopft. Im Restaurant diskutierten einige darüber, wie weit man zurückgehen müsse: bis 1949? 48? 47? 45? Oder noch weiter? Bis zum Einmarsch der Deutschen? Oder noch weiter? Wo sollten wir Fuß fassen? Welches war ein zuverlässiger Ausgangspunkt? Gab es eine akzeptable Startlinie?
Sollte es aber keine geben, könnte dann nicht dieser revolutionäre Tag heute der Beginn einer neuen Zeitrechnung sein? Der heutige Tag mit seinem Rausch, seiner Wichtigtuerei, den Totenschändungen. Wieder Tote auf dem Bürgersteig; die Befreiung geht Hand in Hand mit dem Morden. Für eine Minute hielt ich inne, um mich zu wundern: Sieh doch, ich gehe hier mit dieser Flinte spazieren und mit einem Lebensmittelpaket, und niemand ver¬paßt mir eine Kugel, wie nett doch die Menschen sind!
Triumphierend kam ein rauher, untersetzter Kollege herein und berichtete, daß er in diesen verworrenen Tagen zwei sowjetische Soldaten erschossen und zwei Erzählungen geschrieben habe. Mit der eigenen Produktivität, real oder eingebildet, war er augenscheinlich zufrieden. Sein Gesicht glühte vor Ruhmesröte, sein jungenhafter Stolz ließ ahnen, daß er glaubte, nun ein Mann geworden zu sein. Vom Studenten zum reifen Mörder.
Unter einer Baskenmütze strömte Beleidigtsein hervor: Diese Knirpse hier sollten ihm, dem Helden des französischen Widerstands, doch nicht von bewaffneten Abenteuern erzählen! Von der Geschichte, in der der Held zu Kriegsbeginn verschwindet und erst zur Befreiung von Paris wieder auftaucht, um bei der Zeitung der Résistance dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten, war allerdings nichts zu hören. Wo er denn gewesen sei? Jetzt tau¬che er auf? Sie wollten ihn beschimpfen, doch er lachte laut und behauptete, daß er sie gerettet habe: »Wißt ihr, wie feige und sensibel ich bin? Hätten sie mich erwischt, wäre keine allzu schreckliche Folter nötig gewesen, um mir alle Geheimnisse zu entlocken. Dadurch, daß ich nichts von euch wußte, habe ich euch geschtzt.« Sie lachten und verziehen ihm.
Nach Eintritt der Dunkelheit und dem Verzehr dreier Koteletts setzte sich der hedonistische Dichter aus der Vorstadt zu den jungen Schriftstellern an den Tisch und hielt es für richtig, schrecklich laut zu furzen, ausgerechnet in dem Moment, als sich der um die reine Moral und den unverdorbenen Geschmack des Volkes Wissende ebenfalls dort niederließ mit der Absicht, ein ernstes Gespräch zu führen. Indes war er gezwungen, derart die Nase zu rümpfen, daß sich daraus am Ende ein Gelächter entwickelte: »Zum Teufel mit deinen Gedärmen, Jóska, auf deine alten Tage furzt du noch penetranter als in deiner heldenmütigen Jugendzeit.«
Der eine naseweise Reporter hatte Informationen vom Abzug der sowjetischen Panzer, ein anderer wußte es genau umgekehrt, daß sie nämlich kämen. Die Eisenbahner meldeten, auch auf Rädern würden die Raupenfahrzeuge landeinwärts rollen. Woraufhin der Alte, das war der Ministerpräsident Imre Nagy, nur abwinkte und sagte, der Worten der Eisenbahner müsse man keinen Glauben schenken, die würden immer die gut informierten Eingeweihten spielen. Auch er habe einen älteren Vetter bei der Bahn, na ja, wenn von dessen Geschichten jede dritte wahr sei, dann sei das schon viel.
Als ich zu Hause ankam, wurden, noch bevor ich in Treppenhaus unsere Wohnungstür mit dem Schlüssel hätte öffnen können, gleichzeitig zwei andere Flurtüren aufgerissen; die Meister der Information bestürmten mich mit ihren Fragen. Sie waren imstande gewesen, von drinnen da; Treppenhaus zu beobachten, zugleich Rundfunknachrichten zu hören und am Telefon bei Verwandten und Bekannten aus anderen Stadtteilen wie bei einer Nachrichtenagentur Erkundigungen einzuholen. Der Geigenvirtuose und der Tankwart übertrumpften sich jetzt in wundersames Eintracht gegenseitig. Einmal waren sie vom Siegestaumel fortgerissen, ein andermal befürchteten sie, die Russen würden von Wohnung zu Wohnung gehen, die Männer ab. holen, vielleicht auch die jungen Frauen, um sie dann zu vergewaltigen. Und was würden die Soldaten jetzt wohl sammeln, immer noch Uhren?
Am 3. November 1956, einem Sonnabend, gingen wir zu Fuß zu meinen Eltern zum Mittagessen. Straßenbahner fuhren keine, bei einer Tasse Kaffee politisierten wir mit meinem Vater, dann hatten wir es eilig, um noch vor des Ausgangssperre nach Hause zu gelangen. Wir verbrachter einen familiären Abend, eine neue Wirklichkeit bildete sied heraus: Es gab schon Parteien, Zeitungen und Politiker des verschiedensten Schattierungen, das ganze funktionierte bereits von selbst, meine Maschinenpistole würde ich nicht mehr benötigen, dennoch war es beruhigend, daß sie sich; dort im Bettkasten befand. Würde jemand im Morgengrauen an die Tür pochen, könnte ich so mit der Waffe in der Hand ruhiger danach fragen, wer da sei. Am 4. November 1956 spätabends hielt ich, die Maschinenpistole geschultert, an dem einen Fenster der Budapester philosophischen Fakultät Wache, zusammen mit der angehenden Malerin Eva Barna. In der Váci utca war das Rattern eines Panzers zu hören. Dies der banalere Teil der Sache, der außergewöhnliche Teil war Evas Schönheit und ihre bedeutungsvolle, tiefe Stimme, doch vor allem das, was sie sagte. Camus' Mythe de Sisyphe, das ich noch nicht kannte, hatte sie im Original gelesen. Aus niederen Beweggründen, aus Eifersucht, machte ich zu Camus ironische Bemerkungen. Im Dezember emigrierte Eva und begegnete Camus, korrespondierte mit ihm. Zwischen ihnen nur die Reisekosten, zwischen Eva und mir der Eiserne Vorhang.
Auch Vera telefonierte hierhin und dahin; das Gehörte reichte ihr, die Gefallenen, die Verbrannten, die Aufgehängten wollte sie nicht sehen, ganz gleich, um welcher Nation Söhne es sich handeln mochte. Vera sehnte sich weg von hier, hin zu vertrauenswürdigeren Völkern. Sie würde nach Paris gehen, um dort Englisch und Russisch zu unterrichten, sie würde die Grundlage für unsere Existenz schaffen, eine Wohnung mieten, wir sollten ihr dann folgen, sie würde alles richten, nur gehen sollten wir! Ich solle nicht so schwerfällig sein!
Nach der Niederlage, am i i. November, kamen Miklós Krassó und Pál Zádor, mein Vetter, und sagten, sie würden morgen gehen, ich solle mich ihnen anschließen. Die Reise sei sicher, auch mein Name befinde sich auf dem amtlichen Dokument, wonach die staatlichen Organe uns unterstützen sollten, denn wir hätten den Auftrag, die anderen zur Heimkehr zu bewegen.
Ich blieb. Schlechter als bisher, meinte ich, könne es nicht werden, doch ich würde das aushalten, ich war in Budapest beständiger als die Regierungschefs. Zwar wollte ich in diesem Strom nicht mitschwimmen, aber mich interessierte, was hier auf den Straßen passieren würde. Aus dieser offenen und nicht zu beendenden Geschichte wollte ich mich nicht herausreißen.
Unter den biblischen Helden gefiel mir die Geschichte des Jeremias besonders. Er wußte, was passieren würde, er hat den Untergang geweissagt, wofür er von den Seinen vielfach mißhandelt worden ist. Doch als die anderen verschleppt werden, bittet er den Sieger darum, auf den Trümmern die Stadt und sein Volk beweinen zu dürfen.
Ich wollte nicht raffiniert sein. Ein gewöhnliches, einfaches Leben wollte ich haben. Die selben Treppenhäuser und Espressos. Das, was auch bisher gewesen ist. Selbst wenn Hunderttausende gehen sollten, würden doch Millionen bleiben. Wenn meine Freunde, meine Liebsten weggingen, würden andere an ihre Stelle treten. Die Bücher waren hier, auch der Himmel, der Balkon, von dem aus die Donau und auf der gegenüberliegenden Seite die Budaer Berge zu sehen sind.
Selbst wenn ich gehen sollte, wohin könnte ich gehen? Die jetzt das Land verließen, irrten überall herum, wurden auseinandergerissen. Hier begegnete ich noch immer den meisten ungarisch Sprechenden, hier konnte ich mich noch immer am einfachsten in den Straßen, Worten und Gewohnheiten zurechtfinden.
Das Weggehen der anderen billigte ich, ahnte ich doch, daß sie daheim größeren Gefahren ausgesetzt sein würden als ich. Ihre Existenz wäre hier weniger möglich gewesen, denn sie waren aktiver, schärfer, heftiger, meldeten sich öfter zu Wort, waren bedeutender als ich. Ich war unwichtig, ein Kiebitz, ein bewaffneter Gaffer. Und hier lebten meine Eltern. Wenn kein uniformierter Zwang mich von ihnen trennte, warum sollte ich dann diesmal sie verlassen, um mein Heil zu suchen? Daß mir hier Gefahr drohen sollte, glaubte ich nicht. Sollten sie mich etwa einsperren, würde ich das aushalten. Von entlassenen Sträflingen hatte ich schon genug Gefängnisgeschichten gehört. Auch dort konnte man leben. Auch in der Zelle würde ich der sein, der ich bin. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Meine Eltern mitnehmen? Und irgendwo um Aufnahme bitten? Auf die Wohltätigkeit von Hilfsdiensten angewiesen sein? Erneut ein Studentenleben beginnen? Mich um ein Stipendium bemühen? Schließlich war ich schon ein diplomierter Lehrer, und es gab keinen Grund, die Schulbank zu drücken. Vormittags würde ich mich an mein Heft setzen können, und das hatte auf vielen Tischen Platz; für einen Kaffee in einem der zahllosen Budapester Espressos würde mein Geld schon reichen, denn bisher war es mir immer gelungen, mit irgendeiner Arbeit das Nötigste für mein Auskommen zu verdienen. Übersetzen und lektorieren, das konnte ich, und reich wollte ich ohnehin nicht sein. Das war ich schon einmal gewesen, weshalb mich das nicht so schrecklich interessierte.
Wie könnte ich mich möglichst sicher von den äußeren Umständen unabhängig machen? Vor allem daran lag mir. Würde ich jetzt das Land verlassen, müßte ich mich an das Neue klammern, und im Fall eines auf Unterstützung angewiesenen Einwanderers wäre das Streben nach Unabhängigkeit nicht ehrlich.
Die sich stellende Herausforderung war eine andere: Hier in der Vármegye utca und in der Wallenberg utca frei zu sein, war gleichbedeutend mit der täglichen Arbeit schriftlichen Verstehens. Ich beschloß, solange es nicht verboten war, von einem Stadtbezirk in den anderen zu gehen, mein Arbeitsplatz würde die ganze Stadt sein.
Sollte es später einmal keinen Bruch mehr bedeuten, dann würde ich mich auf Wanderschaft begeben. Würde ich jetzt weggehen, könnte ich nicht jederzeit nach Hause kommen, wenn mich das Heimweh überkäme. Was war wichtiger? Jederzeit weggehen zu können oder jederzeit nach Hause kommen zu dürfen? Daß mir letzteres selbstverständlicher zu sein schien, daran hatte die Bequemlichkeit ihren Anteil.
Damals interessierte sich die der Literatur verbundene Jugend für Sartre und Camus, für die Frage der Wahl, der Entscheidung. Und ich hielt es für ein Privileg, daß sich für mich in diesem einen Jahr schon so oft die Notwendigkeit einer Entscheidung ergeben hatte. Ich glaubte, daß der Mensch durch die Verkettung seiner Entscheidungen charakterisiert werde. Durch seine Strategie. Das zeitliche, das geschichtliche Phänomen würde sich vielleicht sogar auf Papier gestalten und erzählen lassen.
Beim Betrachten der anderen um mich her schienen auch sie Strategien zu sein. Wie sahen die Antworten auf die Fragen und Herausforderungen aus? Mir gefielen die zwanghaften Wiederholungen. Sie wirkten komisch, aber nun ja, ein Typus setzt sich aus seinen Klischees zusammen, zur Karikatur bedarf es der wiederkehrenden Elemente. Das Leben selbst lieferte in dieser Region die Provokation, die eine Entscheidung verlangte, die Unannehmlichkeiten, Schwierigkeiten, die auf Denkschemata zurückzuführen waren. Eigentlich sind es Verrenkungen des Verstands, die an die Wohnungstür hämmern.
Mich indes interessierte, wie aus dem Denken Wirklichkeit wird, nicht nur aus der Gewohnheit, nicht nur aus der nüchternen Praxis, nicht nur aus der Tradition, sondern aus den Anstrengungen des strebenden Verstandes, aus den kühnen Träumen, aus der Suche nach Wahrheit, aus deren Verkündung, wie aus dem Edlen ein Schurke wird, aus dem Ideal eine Hölle und wie wir all das dennoch überleben, weil wir die Stärkeren sind: Passanten, einfache Menschen, fähig zu arbeiten, zu reflektieren und uns zu freuen.
Ich hatte gehört, daß die Menschen im Westen viel vom Geld reden würden. Gemessen an den anderen Themen interessierte mich das nicht allzusehr. Ich war nicht sonderlich wählerisch. Mir schmeckte der Kohleintopf mit einer Scheibe Brot und einem Glas Milch in der Mensa. Meine Eltern sollten getrost auch morgen dort schlafen, wo sie heute, auf gewacht waren, mein Papa sollte sein Sakko an denselben Kleiderhaken hängen, und in den Läden, in denen er einkaufte, sollte er sich über die komischen Dinge des Lebens austauschen, denn ein Laden ist auch dazu da, daß man mit seinen Mitmenschen ein Wort wechselt.
Wäre István geblieben, hätte ihm das Todesurteil gedroht. Und überhaupt, wer bin ich, daß ich über meine Freunde urteile? Jeder, der weggegangen ist, hatte recht, und jeder, der geblieben ist, hatte recht. Wir versuchten, die Ermunterungen des Schicksals zu verstehen. Befindest du dich nicht in Todesgefahr, dann rühre dich nicht vom Fleck! Den Rat gab ich mir. Überstürze nichts, setze deinen Weg fort! All deine Probleme resultierten immer aus deinen plötzlichen Aufwallungen. Arbeite in aller Stille, ausdauernd, gründlich, unauffällig, unaufhaltsam!
(…)