Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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György Dalos

 
(aus: 1956. Der Aufstand in Ungarn mit Aufnahmen des Magnum-Photographen Erich Lessing, München 2006, S. 19f., 77, 122, 214f.)
 
Diese vierzehn Punkte [14-Punkte Resolution der Studenten der Budapester Technischen Hochschule vom 22./23.10. 1956, Anm. d. Red.] sah ich am Spätnachmittag des 23. Oktober, als ich mich auf dem Rückweg von der Schule befand, und zwar auf dem Platz des 7. November, wo sich die Stalinstraße und der Leninring kreuzten. Um das hektographierte Blatt Papier im Schaufenster der Philatelie drängten sich an die hundert Leute. Nur wenige konnten direkt an das Fensterglas gelangen, und deshalb baten sie jemanden, der das Blatt gut sehen konnte, den Text laut vorzulesen. Einer der Passanten zeigte sich dazu bereit. Der Mann mittleren Alters warf zunächst einen vorsichtigen Blick auf die andere Straßenseite – schließlich befand sich dreihundert Meter entfernt das Gebäude der Geheimpolizei ÁVH – und begann dann mit dem Verlesen des Aufrufs.
Ich war dreizehn Jahre alt, ein magerer, auf gutes Essen und französische Romane gleichsam hungriger Junge von mäßigem Lernfleiß. Meine Sorge galt dem morgigen Tag, genauer der Stunde im Fach Erdkunde, wo mich sehr wahrscheinlich eine längere Befragung erwartete. Ich hatte Angst vor einer schlechten Note, aber noch mehr vor dem strengen Blick des Geographen, des Herrn Lehrers Pirovszky, eines Pädagogen alten Schlages. Auf eine Erkältung konnte ich wenig hoffen, das Wetter war sommerlich schön, man konnte hemdsärmelig herumlaufen, und der Gedanke, die Schule zu schwänzen, kam mir gar nicht.
Von den vierzehn Forderungen fand ich wahrscheinlich all das einleuchtend, was mit den nationalen Symbolen zusammenhing - ich war, wie alle Kinder damals, ein begeisterter Anhänger von Kossuth und Petöfi. Punkt 9, der eine Anpassung der Löhne an die täglichen Bedürfnisse verlangte, war für unsere Familie überaus bedeutsam. Meine Mutter arbeitete als Pförtnerin bei einer Baufirma und verdiente in ihrem Halbtagsjob monatlich 410 Forint, meine Großmut­ter als Hilfskraft in einer Handwerkergenossenschaft 820 Forint. Die Miete für unsere Zweizimmerwohnung ohne Bad kostete 220 Forint. Das Einkommen der beiden alleinstehenden Frauen reichte knapp aus, um uns vor dem zu bewahren, was nach Auffassung meiner An­gehörigen eine große Schande für einen anständigen Menschen war: Schulden zu machen oder, noch schlimmer, seine Sachen ins Pfandhaus zu bringen. Viele unserer Bekannten standen regelmäßig Schlange vor dem Kommissionsgeschäft in der benachbarten Jókaistraße. Wir lebten in beständiger Nachkriegsarmut und fanden dies nicht einmal ungerecht, aber die Vorstellung, daß es uns auch bessergehen könnte, gefiel uns gewiß.
Ich saß am späten Nachmittag zu Hause und büffelte Geographie mit Hilfe des Lehrbuchs für die siebte Klasse - es ging um die skandinavische Wasserwirtschaft -, und diese Tätigkeit fand ich selbst dann noch sinnvoll, als meine Familienangehörigen von der Arbeit kamen und über die Unruhen in der Stadt berichteten. Draußen schwoll allmählich ein dumpfes Geräusch immer mehr an, und gegen acht Uhr abends war der Leninring voller Demonstranten. Selbst angesichts des unübersehbaren Menschenstromes hegte ich keinen Zweifel daran, daß Mittwoch, der 24.Oktober, ein ganz normaler Schultag sein würde. Erst als mich am frühen Morgen das Dröhnen von Panzern weckte und ich die Schüsse hörte, war mir klar, daß zumindest heute keine Befragung an der Tafel stattfinden würde.
Einiges konnte ich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorausahnen, zum Beispiel, daß ich das Schultor bis Anfang Dezember kaum sehen würde und daß ein normaler Lehrbetrieb erst Anfang Januar wieder stattfinden sollte. Auch die martialische Kriegstechnik, die wie durch eine surreale Idee des Regisseurs von den Leinwänden sowjetischer Filme auf die Straßen meiner Geburtsstadt herabgestiegen war, brachte mich nicht auf den Gedanken, daß ich Zeuge eines Ereignisses war, das mich, ob ich wollte oder nicht, ein Leben lang begleiten würde. So ging es allen Menschen, die den Volksaufstand mehr oder weniger erwachsen und bewußt miterlebten. Das Ereignis blieb für Generationen von Zeitzeugen wie ein Gruppenbild mit Millionen Figuren erhalten, unter denen sie sich bis heute suchen und finden können.
Während meiner Laufbahn als Schriftsteller und Historiker hegte ich über den Volksaufstand die unterschiedlichsten, ja einander kraß widersprechenden Ansichten. In den späten fünfziger Jahren, noch ein halbes Kind, verspürte ich Trauer über die Niederlage, als Jungkommunist in den sechziger Jahren verdammte ich den Volksaufstand als Konterrevolution, und in den siebziger Jahren entwickelte ich für die Ereignisse aufgrund meiner Lektüre und meiner eigenen Erfahrungen mit dem System zunehmend mehr Verständnis, ohne allerdings eine Wiederholung des blutigen Aufstands für wünschenswert zu halten. Einen kühleren Blick auf die Historie gewann ich erst in den frühen achtziger Jahren. Eines wäre im Verlauf der Jahrzehnte schier unmöglich gewesen: den Volksaufstand aus meinem Denkprozeß zu verdrängen, selbst wenn ich dies gewollt hätte. Zu sehr wurde ich durch äußere Ereignisse immer wieder an die Oktobertage 1956 erinnert.
So wurde ich im März 1968 von einem Offizier der Staatssicherheit verhört, der zehn Jahre zuvor in demselben Gebäude vor Imre Nagys Todeszelle Wache gestanden und dem auf seine Hinrichtung wartenden Ministerpräsidenten seine Diätkost aus einem nahe gelegenen Restaurant geholt hatte. Einige Monate später saß mir, dem Angeklagten, im Verhandlungssaal des Budapester Landgerichts ein Volksgeschworener gegenüber, der am Todesurteil 1958 beteiligt gewesen war. Zum Glück waren die Zeiten, um dies mit einem russischen Ausdruck zu charakterisieren, mittlerweile «vegetarisch» geworden. Strafmaß und Vollzug waren unvergleichlich milder als in den Jahren nach dem Volksaufstand, aus der personellen Kontinuität blies mir jedoch ein eisiger Wind entgegen.
 
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«Aus allen Ecken des Landes strömen Telegramme an die Adresse des ZK der Partei der Ungarischen Werktätigen, in denen die Werktätigen Ungarns ihrer Empörung über die verbrecherischen Handlungen der Konterrevolutionäre Ausdruck verleihen und Partei und Regierung ihre Bereitschaft versichern, die volksdemokratische Ordnung vor dem Angriff jedes Feindes zu verteidigen ...»
Wieder greife ich auf persönliche Erinnerungen zurück. Meine Mutter arbeitete im siebten Bezirk, ungefähr zwanzig Minuten zu Fuß von dem Haus entfernt, in dem wir wohnten. Der Arbeitsplatz meiner Großmutter war näher, vielleicht zehn Minuten weit weg. Als die beiden Frauen den Aufruf hörten, waren sie bereit, pünktlich um 8 Uhr an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Gewöhnlich gingen sie gemeinsam bis zum Oktogon, damals Platz des 7. November. Sie packten ihre Sachen und gingen die Treppe hinab. Ich begleitete sie aus purer Neugier: In der Tür stand unser Hausmeister und riet ihnen von ihrem Vorhaben dringend ab. Er zeigte auf das Kino «Szikra» schräg gegenüber, wo die Reihe der Panzer begann. An der Ecke zwi­schen Ring und der Rudas-László-Straße (heute Podmaniczkystraße), dort, wo früher der Friseur gewesen war, gähnte eine Lücke - sicherlich das Ergebnis nächtlicher Kämpfe. Meine Angehörigen kehrten sofort um. Erst in den Nachmittagsstunden verließen wir wieder das Haus - auf der anderen Seite der Nebenstraße, vor dem Spital des Rettungsdienstes, stand man Schlange um frische Milch und Brot.
 
(…)
 
[György Dalos um den 28. Oktober 1956, nach dem ersten Abzug der sowjetischen Truppen, Anm. d. Red.]
 
Als ich, damals 13 Jahre alt, an diesem Sonntagvormittag auf dem Großen Ring spazierenging, sah ich einerseits Erfreuliches: Die Straße war voller friedliebender Menschen, die, wenn sie sich auch immer wieder mißtrauisch umblickten, deutlich erleichtert ihre Einkäufe tätigten. Andererseits war nun die Zerstörung unübersehbar. Man sah die zerschossenen Waggons der Straßenbahn Nr. 6 vor dem Westbahnhof, die blinden Fenster des Kinos «Szikra», mit dem großen Plakat des jugoslawischen Kriegsfilms Tal des Friedens (in der Hauptrolle John Kitzmiller) an der Fassade, die Ruine eines sowjetischen Panzers am Oktogon zwischen den Restaurants Savoy und Abbázia. Auf der anderen Seite der Majakowskistraße waren die Häuser besonders arg zugerichtet. Schräg gegenüber vom Royal war die Vorderfont eines vierstöckigen Wohnhauses völlig entblößt. Auf der dritten Etage war eine beinahe intakte Wohnung, an der Wand hinter einem breiten Sofa die gemalten Porträts der Vorfahren der Bewohner - ganz im Stil des seligen 19. Jahrhunderts. In der Mitte stand ein großes beigefarbenes Klavier mit einem Bein über dem Abgrund Ringsumher herrschte zweifellos Frieden, aber die Welt war nicht mehr heil.
 
(…)
 
Die Internierungslager Tököl und Kistarcsa in der Nähe von Budapest füllten sich schnell, vor allem aus den Kreisen, die man bezichtigte, eine Wiederbelebung des Aufstands forciert zu haben. Zwar existierte die Bewegung «MUK» (Márciusban újra kezdjük, zu deutsch: Im März fangen wir wieder an) eher als Gerücht, doch am Vorabend des Jubiläums der Märzrevolution 1848 reichte eine Denunziation, damit der Verdächtige innerhalb von zwölf Stunden interniert wurde. Besonders schwer betroffen von dieser Ordnungsstrafe waren die schlecht bezahlten Pädagogen, im ungarischen Volksmund «Tagelöhner der Nation», denen eine oppositionelle Haltung nachgesagt wurde.
Unser umschwärmter Klassenlehrer A., ein junger Mann mit funkelnden schwarzen Augen, hielt Anfang März 1957 im Rahmen seiner Geschichtsstunde einen Vortrag über den Freiheitskampf des Fürsten Ferenc Rákóczi gegen die Habsburger. Er sprach in der Gegenwartsform: «Von Freiheitskampf reden wir, wenn ein Volk gegen ausländische Unterdrücker und deren Vertreter im Lande aufbegehrt- wie jetzt, 1703. Die Ungarn wurden bei ihren Freiheitskämpfen vom Westen nie unterstützt - auch jetzt, 1703, nicht. Die Ungarn konnten ausschließlich auf die Polen hoffen - wie auch jetzt, 1703.» Am nächsten Tag kam er nicht mehr in die Schule. Die Klasse summte wie ein Bienenkorb. Eine Delegation von fünf Schülern, unter denen ich war, stattete A.s Vater einen Besuch ab. Er teilte uns mit, A. sei für ein halbes Jahr in Tököl interniert, und er könne ihn im Mai besuchen.
So kam es, daß ich an einem warmen Sonntagvormittag den Vater in das Lager begleitete, um A. zu besuchen. Meine Großmutter hatte gesagt: «Geh ruhig mit hin, mein Junge, dein Lehrer ist ein guter
Mensch. Und du bist ein Kind, dir kann nichts passieren.» Auf einer offenen Wiese standen hinter einem endlosen Stacheldrahtzaun Hunderte von Männern, nach jedem fünften ein Wachmann mit Gewehr. A. war von meinem Besuch offensichtlich angenehm überrascht und zeigte nach links und rechts, um mich auf prominente Leute aufmerksam zu machen - so zum Beispiel auf den berühmten Schauspieler Miklós Szakács, der ihnen nach dem Erlöschen des Lichts in der Baracke schon ganze Szenen aus Rostands Cyrano de Bergerac vorgespielt hatte. Von seinen Kollegen in der Schule ließ er nur einem Grüße ausrichten: dem von mir gefürchteten Geographielehrer, Herrn Pirovszky.
Am Tag darauf richtete ich dem alten Pädagogen A.s Grüße aus. Er schaute mich schräg an und wollte mir zunächst kaum Glauben schenken. «Hast du ihn tatsächlich besucht?» wunderte er sich und schüttelte den Kopf. «Du bist tatsächlich dort gewesen? Direkt im Lager?» Mit dunkler Stimme fügte er hinzu, sichtlich bewegt: «Du bist ein braver ungarischer Junge.» Seitdem hatte ich keine Probleme mit der Geographie.
 

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