Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Hannah Arendt über die ungarische Revolution

 

 

FAST ZWEI JAHRE SIND VERGANGEN, SEIT DIE FLAMMEN DER UNgarischen Revolution in zwölf langen Tagen den enormen Raum erhellten, den eine der totalitären Diktaturen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beherrscht. Dies Ereignis kann nicht an Sieg oder Niederlage gemessen werden, seine Größe beruht und ist gesichert in der Tragödie, die sich in ihm entfaltete. Noch sehen wir den schwarzen Zug schweigender Frauen, der durch die Straßen des bereits von den Russen besetzten Budapest schritt, um in großer Öffentlichkeit den Toten der Revolution die letzte Ehre zu erweisen. Dies war die letzte politische Geste des Freiheitskampfes, und es war offenbar der letzte Akt eines tragischen Geschehens, wie wir es in solch einfacher Eindringlichkeit kaum aus der neueren Geschichte kennen. Danach vertrieb der Terror in wenigen Wochen und Monaten wieder alle in die Dunkelheit t ihrer Häuser, in denen nicht Geborgenheit waltet, sondern die immer gegenwärtige Angst herrscht. Und doch hatte das besiegte und terrorisierte Volk ein Jahr nach der Niederlage noch Kraft genug, um wenigstens für den Jahrestag der Niederlage sich aus der Dunkelheit herauszuwagen und zu bekunden, daß in den Häusern neben der Angst auch die Erinnerung, umgeht, jenes Andenken nämlich, das allein Gehandeltes dauerhaft machen und ihm schließlich seinen Platz in der Geschichte s kann. Am ersten Todestag der Freiheit blieb das ganze Volk einmütig und in voller Spontaneität allen Vergnügungsstätten, den Theatern und Kinos, den Cafés und Restaurants fern, und es schickte seine Kinder mit kleinen Kerzen in die Schule, die sie in die Tintenfässer der Klassenpulte steckten. Daß dem Ereignis der Revolution die Größe eignete, die für Geschichtlichkeit unerläßlich ist, war damit erwiesen. Nun mag es nur noch an uns liegen, o6-wir die Kraft des Gedächtnisses und des Nachdenkens aufbringen können, durch die das geschichtlich Ereignete in der Geschichte gehalten werden muß.
Die Umstände, die bei Ausbruch der Revolution zusammentrafen, waren sicher von großer Bedeutung, aber sie waren nicht zwingend und sie lösten auch keineswegs einen jener automatischen Prozesse aus, in welchen Geschichtliches fast immer sich zu verfangen droht, obwohl sie mit Geschichte eigentlich gar nichts zu tun haben - sofern wir unter Geschichte das verstehen, was wert ist, erinnert zu werden. Nirgendwo sonst ist geschehen, was in Ungarn geschah, und die zwölf Tage seiner Revolution enthielten mehr Geschichte als die zwölf Jahre, die seit der »Befreiung« des Landes durch die Rote Armee vergangen waren.
In diesen zwölf Jahren hatte sich alles genau so abgespielt, wie zu erwarten stand: das eintönige Nacheinander von gebrochenen Versprechen und offenem Betrug auf der einen Seite, von sinnlosen Hoffnungen und schließlicher Verzweiflung auf der anderen. Die neu eroberten Gebiete wurden für die totale Beherrschung präpariert und zugerichtet - erst durch Volksfront-Taktik und Schein-Parlamentarismus, dann durch die Ein-Partei-Diktatur in der Führer und Mitglieder der eben noch legalen Parteien liquidiert wurden, schließlich durch die Schauprozesse, in denen ganz im russischen Stil den zu Recht oder Unrecht von Moskau beargwöhnten, einheimischen Kommunisten der Garaus gemacht wurde -, bis alles so weit war, daß die Macht in die Hände der korruptesten und verächtlichsten Elemente unter den ungarischen Moskau-Agenten übergehen konnte. r ` All dies mit all dem, was dazu gehört, war voraussagbar, nicht weil irgendwelche historischen oder gesellschaftlichen oder ökonomischen Kräfte In eine solche Richtung drängten, sondern weil all dies zu den bekennt« Methoden des russischen Herrschaftsapparates gehört. Die russischen Gewalthaber wiederholten gleichsam in zeitlich komprimierter Form alle Stadien
der russischen Entwicklung von der Oktober-Revolution zur
stur. Der Unterschied war nur, daß to, was im Rußland der zwanziger Jahre immerhin noch ein echtes, wenn auch katastrophales Geschehen gewesen, das als solches von niemandem eindeutig geplant worden war, auch nicht von Stalin, jetzt bewußt in Szene gesetzt wurde, als gelte es ein Programm so schnell wie möglich herunterzuspielen und abzuwickeln. Daher ist die Geschichte dieser zwölf Jahre zwar unsagbar grauenhaft, aber nicht eigentlich von Interesse und ohne jede Abwechslung; was in einem der Satellitenstaaten passierte, geschah nahezu im gleichen Zeitpunkt in allen anderen, von der Ostsee bis zur Adria.
Ausnahmen von dieser Regel bildeten die baltischen Staaten einerseits und die sowjetische Besatzungszone andererseits. Die ersteren hatten das Unglück, direkt in die Sowjet-Union eingegliedert zu werden - mit dem Erfolg, daß das Zeremoniell der Wiederholung, das ja die Entwicklung bei den Satelliten immerhin verlangsamte, wegfiel und ihr Status sofort dem der sowjetischen Nationalitäten angeglichen wurde. Als nahezu 500/o der einheimischen Bevölkerung deportiert und der Verlust durch zwangsweise Einwanderung aus Rußland gutgemacht worden war, konnte ein jeder sich ausrechnen, an welche der russischen Nationalitäten der Status der baltischen Länder assimiliert worden war, an den der Tartaren, Kalmücken und Wolga-Deutschen nämlich, d. h. an diejenigen, welche sich im Krieg mit Hitler nicht bewährt hatten. Der Fall der Sowjetzone liegt genau umgekehrt. Trotz des unbezweifelbaren Eifers der deutschen Moskau-Agenenten haben es die deutschen Gebiete koch nicht zum Satellitenstaat gebracht; sie sind besetztes Gebiet unter einer Art Quisling Regierung geblieben mit dem Resultat, daß sie, wenn auch im C i Vergleich mit der Bundesrepublik schlecht genug, doch ökonomisch wie politisch erheblich besser daran sind als die Satelliten.. Das mag den dort lebenden Deutschen anders erscheinen, aber allein die Tatsache, daß sie sich verhältnismäßig leicht, wann immer sie wollen, in die Bundesrepublikfluchten können sollte auch ihnen einsichtig machen, daß der Eiserne Vorhang erst an der östlichen Grenze der Sowjetzone beginnt. Sie genießen allein dadurch, daß sie immer noch nach Ostberlin reisen und nach Westberlin mit der Untergrundbahn fahren können, einen Spielraum persönlicher Entscheidung, den es weder in den Satellitenstaaten noch in der Sowjet-Union gibt. Beide Gebiete jedoch stellen Ausnahmen nur insofern dar, als auch sie in den russischen Machtbereich fallen; Ausnahmen von dem Satelliten-System kann man sie nicht gut nennen, weil sie nie dazu gehörten. Nicht einmal die nach Stalins Tod allenthalben auftretenden Schwierigkeiten kamen unerwartet. Sie reflektierten nur die Schwierigkeiten und Kontroversen in der Spitze der russischen ,Regierung, und diese wiederholten getreulich die Verhältnisse der zwanziger Jahre, als die internationale kommunistische Bewegung noch nicht eindeutig totalitär festgelegt und jede kommunistische Partei in Fraktionen aufgespalten war, die den russischen Fraktionen entsprachen, zu deren Führer sie wie zu ihren Schutzheiligen aufblickten - die sie auch tatsächlich waren, da von ihrem Geschick in den russischen Fraktionskämpfen die Geschicke ihrer Schützlinge in der ganzen Welt durchaus abhingen. Dabei war es bemerkenswert, daß Stalins Tod nicht nur die gleiche Nachfolgekrise wie Lenins Tod dreißig Jahre vorher im Gefolge hatte (was sich schließlich beim Fehlen eines Nachfolgegesetzes nahezu von selbst versteht), sondern daß man für, eine temporäre Lösung der Krise wieder auf die, von Stalin im Jahre 1925 vorgeschlagene »kollektive Führung« zurückgriff, was dann eben zur Folge hatte, daß die nichtrussischen Parteien einen des Kollektivs zu ihrem Führer machten und versuchten, um ihn ihre Fraktion zu bilden. So ist etwa Kadar genau so der Schützling von Chruschtschow wie Nagy der Schützling Malenkows war. Der Sieg Chruschtschows über Malenkow entspricht nicht nur dem Sieg der stalinistischen Fraktion in den zwanziger Jahren, er spielt sich auch in den gleichen Formen ab und hat in der kommunistischen Bewegung außerhalb Rußlands die gleichen Folgen.
Dies Repetieren geschichtlicher Entwicklungen, als seien sie ein Pensum, gehört offenbar zu dem festen Inventar totalitärer Bewegungen und grenzt oft ans Komische. Es kam gelegentlich selbst noch in der Ungarischen Revolution zum Vorschein, da in ihr ja auch Kommunisten eine Rolle spielten, die unwillkürlich, vor allem im Taktischen und in der Verzweiflung der Niederlage, auf die alten Kunststücke zurückgriffen, die doch weder zu dem Stil der Ereignisse noch zu ihrer eigenen Rolle in ihnen paßten. So forderte der Sender Rajk, der freie kommunistische Rundfunk, in einer seiner letzten Sendungen die Genossen auf, »der pseudo-kommunistischen Kadar-Partei beizutreten, um sie von innen in eine wirkliche ungarische Kommunistische Partei zu verwandeln«. Genau so haben vor 30 Jah¬ren die Anti-Stalinisten in der kommunistischen Bewegung die Genossen ermahnt, nicht aus der Partei auszutreten, sondern sich auf die Taktik des trojanischen Pferdes zu verlassen, bis Stalin selbst den deutschen Kommunisten befahl, in die NSDAP einzutreten, um sie von innen her in eine KPD zu verwandeln. Wie sehr diese scheinbar hochpolitischen Ermahnungen auf die geheimen Wünsche moderner Massenmenschen abgestimmt waren, die in ihrer Verlassenheit es nicht ertragen, abseits zu bleiben und nicht mitzumachen, kann man vielleicht am besten an dem Beispiel der freiwilligen Gleichschaltungen in Nazideutschland sehen, wo ja Unzählige, ganz von selbst und ohne von irgendjemanden dazu angehalten zu sein, sich einredeten, ihr Eintritt in die NSDAP sei ein Akt hoher Politik, durch den sie die Dinge von innen her zum Besseren wenden würden. Das Resultat war natürlich immer das gleiche: diejenigen, die aus taktischen Gründen den totalitären Parteien beigetreten waren, wurden praktisch ganz ausgezeichnete Stalinisten bzw. Nazis.
Es sind diese automatischen Geschehnisse und diese bewußten oder unbewußten Wiederholungen, die das Ereignis der Ungarischen Revolution durchbrach, und zwar gerade, als die Experten totaler Herrschaftsformen sie in- und auswendig kannten und die öffentliche Meinung auf sie nur noch mit Apathie reagierte. Die Revolution kam ganz und gar unerwartet, selbst die Vorfälle in Polen hatten sie in keiner Weise vorbereitet. Sie war nicht vorbereitet und niemand war auf sie vorbereitet - weder diejenigen, die kämpften und litten, noch jene, die in ohnmächtigem Zorn zusehen mußten, noch schließlich die, welche mit Waffengewalt daran gingen, sie zu unterdrücken.' Hier ereignete sich etwas, woran niemand mehr glaubte, wenn er je daran geglaubt hatte, weder Kommunisten noch Antikommunisten und am wenigsten diejenigen, welche den Mund vollgenommen hatten mit hochtönenden Phrasen über die Pflichten der Völker, gegen totalitären Terror zu rebellieren - ahnungslos oder unbekümmert darum, welchen Preis andere für ihre Redensarten zu zahlen haben würden. Wenn es je so etwas gegeben hat wie Rosa Luxemburgs »spontane Revolution«, diesen plötzlichen Aufstand eines ganzen Volkes für die Freiheit und nichts sonst- spontan und nicht veranlaßt durch das demoralisierende Chaos einer militärischen Niederlage, nicht herbeigeführt durch Staatsstreich-Techniken, nicht organisiert von einem Apparat, berufsmäßiger Verschwörer und professioneller Revolutionäre, ohne die Führung selbst einer Partei, also etwas, das jedermann, Konservative wie Liberale, Revolutionäre wie Radikale längst als einen schönen Traum hinter sich gelassen haben - dann ist es uns vergönnt gewesen, wenigstens Zeuge davon gewesen zu sein. Denn vermutlich hat der ungarische Professor recht, als er vor der Kommission der Vereinten Nationen aussagte, daß dies Ereignis ohne Beispiel in der Geschichte sei, weil diese Revolution keine Führer hatte. »Sie war nicht organisiert und nicht zentral gelenkt. Der Wille zur Freiheit war die treibende Kraft bei jeder Aktion.«
Weder die sogenannten gesellschaftlichen Kräfte noch die historischen Tendenzen und am wenigsten die Fragebogen, Untersuchungen der öffentlichen Meinung und was sonst noch zum Apparat der Sozialwissenschaften gehören mag, sondern nur die Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart können den Politiker und den politischen Wissenschaftler darüber belehren, was eigentlich geschieht oder geschehen ist. Hat ein Ereignis von
o ungewöhnlicher Bedeutung wie die spontane Revolution in Ungarn einmal stattgefunden, so müssen alle Politik, alle Theorie und alle Vorhersagen des Möglichen" und Unmöglichen neu geprüft werden. Was immer wir über das Wesen totaler Herrschaftsformen und die Methoden des totalitären Imperialismus zu wissen meinen, muß in seinem Licht kontrolliert und korrigiert werden. Die Fragen, die sich hier erheben, sind sehr einfacher Art. Ist es wahr, wie Hugh Seton-Watson meint, daß »Orwells >1948< nur ein Alptraum ist«, daß der »Totalitarismus einmal gestürzt worden (ist) und ... wieder gestürzt werden« wird, daß mit einem Wort ungarische Revolution sich sehr wohl als das 1905 des Bolschewismus erweisen« kann?
 
 
 
Quelle: Arendt, Hannah, Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus, München 1957, S. 7-12.
 

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