Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Willy Brandt zum 5. November 1956 in West-Berlin
 
 „Die Hoffnungen auf Wunder aus Moskau versanken im Blutbad von Budapest. An einem trüben Novemberabend 1956 waren hunderttausend Berliner vor das Rathaus Schöneberg geströmt und drückten ihren ohnmächtigen Zorn aus, daß sie den Ungarn ebensowenig zu helfen vermochten wie den eigenen Landsleuten drei Jahre zuvor. Die Redner, Franz Neumann für die SPD, Ernst Lemmer für die CDU, wurden ausgepfiffen und niedergeschrien. Man wollte Taten sehen. Aus allen Ecken des Platzes prasselten die Zurufe: „Zum Brandenburger Tor“, „Zur Sowjetbotschaft“, „Russen raus“. Ich weiß nicht, wie ich an das Rednerpult kam, an dem ich nicht vorgesehen war.     
 
Ich weiß nur noch, daß ich vor Parolen warnte, die unserer Sache ebensowenig nutzten wie der der unglücklichen Ungarn. Um einen wilden Marsch in den Ostsektor abzuwenden, forderte ich die Menge auf, mit mir zum Steinplatz zu ziehen und sich am Denkmal für die Opfer des Stalinismus zu versammeln. Dort fand ich Worte, die der Situation einigermaßen gerecht wurden, und stimmte das Lied vom guten Kameraden an, das alle mitsangen.
Die letzten Töne waren noch nicht verklungen, als mich eine bedrohliche Nachricht erreichte. Ein Zug von einigen Tausend junger Menschen marschierte, fackelschwingend, auf das Brandenburger Tor los. In der Straße des 17. Juni war ein Teil von der Polizei aufgehalten worden, es gab Zusammenstöße.
Zwischenfälle an der Sektorengrenze könnten - Bruchteile einer Sekunde genügten, mir darüber klar zu werden - Krieg bedeuten. Nicht nur Volkspolizei stand schußbereit, es standen auch russische Panzer in den Nebenstraßen der „Linden“.
Ich sprang in ein Auto und stieg vor Ort in einen Lautsprecherwagen der Polizei, dessen Scheiben zertrümmert waren. Die Gefühle, die die jungen Menschen, unter ihnen viele Studenten, erfüllten, konnte ich nur zu gut verstehen. Aber die Folgen ihres Tuns bedachten sie nicht, und so versuchte ich in ziemlich harter Sprache ihnen diese vor Augen zu führen. Kaum war dies gelungen und wieder das Lied vom guten Kameraden angestimmt, rief man mich ans Brandenburger Tor.       
 
Die Polizei fuhr mich. Ich kletterte auf ein Auto und setzte noch einmal auseinander, daß ein blutiger Zusammenstoß den Ungarn nicht helfen, wohl aber einen Krieg entfesseln könne. Dann bildete ich einen neuen Demonstrationszug und führte ihn weg von dem symbolträchtigen Punkt und hin zum sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Die Aggressionslust verflüchtigte sich, als wir die Nationalhymne sangen: Einigkeit und Recht und Freiheit! Auf dem Rückweg stieß ich auf verprügelte englische Militärpolizisten, an denen Berliner Jugendliche ihre ohnmächtige Wut ausgelassen hatten.
Als ich die Briten einige Tage später bei mir hatte, freute ich mich über ihre Nachsicht.“
 
 
Auszug aus: Willy Brandt, Erinnerungen, Frankfurt am Main 1989, S. 31/32.

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