Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Erinnerungen von Alfred Kantorowicz an den Herbst 1956

Berlin, den 19. Oktober 1956

Während (wie sogar unsere Presse - siehe „Berliner Zeitung" - verschämt mitteilt) in Ungarn gemäß dem „Beschluß zur Beseitigung von Überresten des Personenkults" alle bislang auf den Namen Matyas Rákosi getauften Betriebe, Hochschulen, Straßen, Plätze usw. usw. nun rückbenannt oder jedenfalls umbenannt worden sind, prangt unser „Neues Deutschland" nicht nur mit der eifrigen Aufzählung aller Walter-Ulbricht-Fabriken, -Gruben, -Hochschulen, -Akademien, -Stadien usw. usw., sondern berichtet uns unbekümmert weiterhin über Großtaten, die irgendein beflissenes Funktionärchen in unserem Werk „Matyas Rákosi" (bei Lauchhammer) vollbracht hat. Nun gerade und nun erst recht. Mögen die Ungarn ihren Rákosi" abschaffen, bei uns bleibt er in Ehren. Wir sind ein Naturschutzpark dieser Spezies.
 
Berlin, den 21. Oktober 1956
 
Berlin ist gegenwärtig wie ein Flugfeld, auf dem von allen Himmelsrichtungen Besucher oder Durchreisende eintreffen, vorsorglich allerdings mit Rückflugkarten in der Brieftasche. Roman Karst, mit Grüßen und Wünschen von allen polnischen Freunden, war einige Tage zu Gaste - aber nachdem er heute in unserem Parteiblatt die Ar­tikel über „Konterrevolutionäre Spekulationen um Volkspolen" und gleich darunter eine weitere Schmähschrift: „Antisozialistische Äußerungen in der polnischen Presse" zur Kenntnis genommen hat, tut er gut daran, sich recht bald wieder in den Schutz seines Heimatlandes zu begeben, denn hier ist man gegen die „polnische Krankheit", wie die Funktionäre die Liberalisierungstendenzen des Brudervolkes bezeichnen, zum Äußersten entschlossen. „Wir lassen uns nicht infizieren", hat Ulbrichts Axen bereits auf einer Parteisitzung verkündet.
Ein mir unbekannter Lehrstuhlinhaber der Universität Sofia suchte mich auf. Der Gleichklang unserer Empfindungen erschien mir nachgerade selbstverständlich. Les beaux esprits se rencontres - das ist in solchen Situationen keine Redensart; man erkennt einander auf den ersten Blick. Aus Prag kam der dortige Lehrstuhlinhaber für Germanistik, Hugo Siebenschein, ein vorsichtiger Herr, aber auch ihm löste sich die Zunge. Aus Ungarn war unsere alte Gefährtin Olga Halpern, Andor Gabors Witwe, zu Besuch, die uns, besonders ihrem Freund Max Schröder, mir und anderen, die - sie aus der Zeit vor 1933 kennt, ein wenig Mut mit ihren Erzählungen über die Veränderungen in Ungarn machte. Aus München kam die Vorsitzende des dortigen Friedenskomitees, Frau von Kühlmann, angereist, um sich über die Lage zu unterrichten. Aus Moskau kam der vormalige Generalleutnant P..., der mich einmal 1953, als er noch in Karlshorst amtete, angerufen hatte, um nachzufragen, weshalb man denn das Schauspiel „Die Verbündeten" verboten habe, und dessen erbitterte Versicherung: „Warten Sie, wir werden ein Ende machen mit dieser verbrecherischen Politik" mir unvergeßlich geblieben ist. Er holte mich nachmittags (in Zivil) vom Institut ab, fuhr mit mir nach Hause in die Westerlandstraße, erbat sich die letzten Heinrich-Mann-Essaybände, betrachtete sie nachdenklich und sagte - nicht sarkastisch, eher mit Trauer in der Stimme: „Das hält Ihr Ulbricht wahrscheinlich für zersetzende Westliteratur." Nach einer Pause: „Daß ihr den nicht loswerden könnt, schrecklich." Da verlor ich die Nerven und brüllte ihn an: „Wem haben wir ihn denn zu verdanken - euch, eueren Divisionen. Ihr brauchtet nicht einmal abzuziehen, wenn ihr euer Faustpfand nicht preisgeben wollt. Ihr brauchtet nur 24 Stunden stillezuhalten, Gewehr bei Fuß, beziehungsweise Panzerkanonen ungeladen - 48 Stunden später sind Ulbricht und die Seinen gewesen; ihr dürft ihnen sogar Asyl geben, weg mit Schaden." Es war schrecklich. Der große breitschultrige Mann, der sich 1941 vor Moskau und 1942 bei Stalingrad ruhmreich hervorgetan hatte, Träger einiger der höchsten Kriegsauszeichnungen, die die Sowjetunion zu vergeben hat, bekam einen Herzanfall. Er wehrte ab, als ich einen Arzt herbeitelefonieren wollte. Er hatte Medikamente bei sich. Dann brach er in Tränen aus. „Es ist noch nicht so weit", schluchzte er. „Wir werden noch durch furchtbare Enttäuschungen zu gehen haben. Jetzt kommt erst der Rückschlag. Natürlich könnt ihr den Ulbricht nicht loswerden. Verzeihen Sie meine dumme Rederei. Gerade jetzt wird der gebraucht werden. - Sehen Sie sich vor. Halten Sie aus. Machen Sie keine Dummheiten. Bewahren Sie sich. Wer jetzt aufmuckt, bekommt eins über den Kopf. Vergessen Sie unser Gespräch. Aber verstehen Sie doch, daß ich mich auch einmal aussprechen wollte. Sie wissen nicht, was wir in diesen letzten Jahren bei uns zu Hause durchgestanden haben. Nur Stalins Tod hat meine Freunde und mich vor Workuta bewahrt oder vor dem Genickschuß. Auch wir haben gehofft, aber wir haben uns verrechnet. Es wird länger dauern, es wird noch sehr lange dauern. Wir wollen versuchen, zu überleben, nicht wahr. Sie auch. Wem nützt es, wenn Leute wie Sie spurlos verschwinden."
 
Berlin, den 22. Oktober 1956
Die Tragödie schlägt bisweilen in eine Farce um. Da hockten heute die Zeitungsfrauen auf Stapeln der „Berliner Zeitung am Abend" und wiesen die Käufer grinsend ab: „Darf nich' verkauft werden. Is' beschlagnahmt. Steht 'ne Rede von Gomulka drin." Die Passanten eilten nach Hause, um den Inhalt der Rede am RIAS zu hören. Wahrhaftig - und hier wird aus der Farce wieder die Tragödie unseres Alltags -: wir sind im östlichen Orbit das Bollwerk der Unfreiheit.
Auf der Sitzung der Parteigruppe Dozenten - Aspiranten - Assistenten, die heute abend stattfand, um zu der gegen mein Institut gerichteten Entschließung der Berliner Bezirksleitung Stellung zu nehmen, brüstete sich der zu unserer Überwachung und Einschüchterung mit Hilfsmannschaft entsandte Apparatschik Kowalski (oder so ähnlich) noch frechmäulig mit der Beschlagnahme der Gomulka-Rede:
„Jawohl, Genossen, heute sind wir stolz und glücklich, daß wir nicht den polnischen oder ungarischen Weg gegangen sind. Heute sehen wir, wie richtig unser Zentralkomitee gehandelt hat, hier nicht die Reden von Togliatti oder Thorez zu veröffentlichen oder Artikel des Daily Worker nachzudrucken oder die Tribuna Ludu zu zitieren. Bei uns haben die Petöfi-Klubs keine Chance. Wir kennen keine Schwankungen. Wir gehen einen anderen Weg."
 
Berlin, den 24. Oktober 1956
Der Entschluß unserer Parteigruppe, sich der Terrorresolution der Bezirksleitung gegen uns nicht zu beugen, hat die Apparate alarmiert. Der gewaltige Alfred Neumann (zwei Meter groß, drei Zentner schwer, Kandidat des Pol-Büros, erster Mann der BL) ließ sich überraschend im Institut ansagen, um die Sache mit uns ins reine zu bringen. Er stürzte atemlos, schwitzend und schnaufend herein mit der Nachricht, daß „faschistische Elemente", Studenten der Budapester Universität darunter, einen Putsch in Ungarn gewagt hätten. In den Straßen der Stadt werde geschossen, denn die „Banditen" hätten sich Waffen verschafft. So weit habe man es dort kommen lassen. Es sei ihm unverständlich, daß die ungarischen Genossen sich nicht rechtzeitig klargemacht hätten, wohin die Aufweichungen führen müssen. Wie konnte man eine solche Massendemonstration beim Begräbnis von Rajk dulden. Na schön, man hat dem Mann Unrecht getan - wegwerfende Handbewegung -, man hätte ihn irgendwo in Ehren begraben sollen, in der Stille, aber doch nicht zweihunderttausend Menschen daran beteiligen. Jetzt haben sie sich den Nagy geholt, er sei angeblich schon Ministerpräsident, man werde ja sehen, was dabei herauskomme, Neumann sagte nicht Genosse Nagy. Sein Widerwille war offenkundig. Erst später fiel mir als Erklärung dieses besonderen Affektes ein, daß Nagy ja - horribile dictu - ein Intellektueller ist, ein Universitätsprofessor sogar, man denke! Da wird alles klar.
Bei uns, schnaufte Neumann hektisch, sei so was unmöglich. Für Feinde der Volksmacht gäbe es keine Demokratie. Wir schlagen zu. Der gewichtige Herr schwelgte in Erinnerungen an den 1. Juni. Er erzählte: „Damals bin ich zu den Bauarbeitern in der Stalin-Allee gegangen und habe ihnen gesagt: Wenn ihr nochmals demonstriert, werdet ihr zusammengeschlagen." Sie fragten "Wie meinst du das?" Ich habe geantwortet: Ganz genauso, wie ich es sage. Wenn einer Beschwerden hat, kommt zu uns. Aber wenn ihr nochmals öffentliche Protestdemonstrationen wagt, werdet ihr zusammengeschlagen, daß nichts von euch übrigbleibt." Er sah sich beifallheischend um. „So machen wir das. Das soll jeder zur Kenntnis nehmen."
 
Berlin, den 25. Oktober 19 16
Heute nimmt das „Neue Deutschland", außer sich, „zu den Ereignissen in Ungarn" Stellung. Ihm zufolge steht bereits fest:
Am 23. und 24. Oktober versuchten die ausländischen Imperialisten mit Hilfe konterrevolutionärer Elemente in Ungarn einen bewaffneten Putsch gegen die sozialistische Volksmacht durchzuführen. Das Ergebnis ist bekannt: die Konterrevolutionäre wurden vom werktätigen ungarischen Volk und seiner Volksarmee in kurzer Frist niedergeschlagen.
Es gibt kaum ein Schimpfwort, das in dem langen Zweispalter ausgelassen ist. Der „Imperialismus hat eine neue schwere Niederlage erlitten"; wir haben neue Siege errungen. (Ja, so sehen neuerdings „unsere" Siege aus: Massaker von Arbeitern und Intellektuellen, die ihre Menschenrechte, ihre Menschenwürde verteidigen.) Zwar sagt der starke Mann Axen, der dies Gebelfer zeichnet, es sei klar, „daß wir zur Stunde nicht über die Kenntnis aller Einzelheiten der Ereignisse in Ungarn verfügen können". Ihm hat die Meldung vom Eingreifen sowjetischer Truppen genügt, um die Sprache, die die Ereignisse in Ungarn dem „Neuen Deutschland" verschlagen hatten, wiederzufinden. Weiterer Informationen bedarf er nicht, um hellseherisch zu versichern, daß das ungarische Volk seinen geliebten volksdemokratischen Staat erfolgreich gegen die „imperialistischen Machenschaften" verteidigt hat. Zweifelt jemand daran? Hat jemand noch eine Frage zu stellen? Ich hätte... Denn im gleichen „Siegesbulletin" wird auch mitgeteilt, daß „die sowjetische Armee sich erneut ehrenvoll ins Blatt der Geschichte eingeschrieben" hat. Wie reimt sich das? - wenn es verstattet wäre, die Frage zu stellen. Die „Konterrevolutionäre" wurden doch vom ungarischen Volk niedergeschlagen, und zwar in „kurzer Frist". Weshalb mußte sich dann die sowjetische Armee noch zusätzlich ehrenvoll ins Blatt der Geschichte einschreiben, wenn doch das ganze ungarische Volk, plus Polizei, plus Volksarmee... Wie? Was? Ich schweige ja schon, ich habe ja gar nichts gesagt. Ich habe nur so für mich gedacht. - Wer weiter denkt, wird erschossen. Ich weiß, ich weiß.
 
Berlin, den 26. Oktober 1956
Die Werktätigen Ungarns, plus ihre Volksarmee, plus sowjetische Panzerdivisionen kämpfen noch immer siegreich gegen... gegen ein Phantom offenbar. Denn gestern war doch dem Axen zufolge schon alles „liquidiert", heute aber erfahren wir aus dem Munde des markigen Parteisekretärs Karl Palmer vom Berliner Großkraftwerk Klingenberg, daß „die faschistischen Umtriebe" in Ungarn zum Scheitern verurteilt sind, „weil ihnen die entschlossene Kraft der Arbeiterklasse entgegentrat", er muß es ja wissen, der Herr Sekretär, und da das „Neue Deutschland" seine kernigen Sprüche auf der ersten Seite veröffentlicht, so haben wir die Hand an die Hosennaht zu nehmen, strammzustehen und zackig auszurufen: Zu Befehl, Herr Parteisekretär, der Schweinebande haben wir es wieder mal gegeben. Heil!
Dennoch wehrt sich das Phantom immer noch gegen „das werktätige ungarische Volk" und seine Volksarmee, von der es doch vorgestern schon zunichte gemacht worden war. Auch die Sowjetarmee muß sich weiterhin ehrenvoll ins Blatt der Geschichte einschreiben. Ulbrichts Axen drückt das heute in Ulbrichts „Neuem Deutschland" wörtlich so aus:
Die Arbeiter- und Bauernmacht in Ungarn hat, in proletarischer Solidarität, durch die Sowjetunion unterstützt, die Banden der Konterrevolution zusammengeschlagen.
Kein Hitlerscher Kriegsbericht über, sagen wir, die endgültige Vernichtung jugoslawischer Partisanen hätte das treffender ausdrücken können. Was will man mehr? Jubel, Trubel, Heiterkeit, Siegesbulletins, Fanfarengeschmetter, Selbstbeweihräucherung - bald wird man unsere „Sieger" in Großaufnahmen sehen. Ihre Welt (ihre Unterwelt) ist noch einmal gerettet worden.
 
Berlin, den 28. Oktober 1956
Wie es sich versteht, strömen von allen Seiten „spontane Treuebekenntnissse" für Partei und Regierung in die Sammelstellen der zuständigen Büros. Auch unser Parteiaktiv wurde zum Appell beordert, die vorgeschriebene Erklärung einstimmig und einmütig abzugeben. Ich entzog mich dem entwürdigenden Vorgang.
Grotewohl, nachgerade zu einem Wurmfortsatz des Ulbricht abgesunken, meldet sich wieder zu Wort. Es gibt, sagt er, keinen Grund, über die Frage der politischen Gefangenen in der DDR „irgendeine ernsthafte Diskussion zu führen. Auch personelle Änderungen - in diesem Falle wurde an die blutrünstige Megäre Benjamin gedacht - kämen bei uns nicht in Frage.
 
Das könnte den Herrschaften so passen, daß bei uns die Minister wie Puppen ausgewechselt werden können... Bei uns besteht gar kein Anlaß, die Regierung zu verändern. Regierungswechsel, nur weil es Mode ist, machen wir nicht mit. Wir sind für Modekrankheiten vollkommen unempfindlich...
 
Modekrankheiten - welch liebenswürdige Apostrophierung der Gärung in allen anderen „Brudervölkern". Wir sind immun. Die Clique kämpft um ihre Posten.
Der Kuba - „Stimme und Faust", nicht der Nation, so doch der Clique - darf im kakophonischen Konzert der Roheiten nicht fehlen. Auf der ersten Seite des „Neuen Deutschland" prangt sein Foto - betrachte es, wer es kann, ohne Brechreiz zu empfinden - als Illustration seines gleichzeitig veröffentlichten Kernsatzes: „Wenn wir vor lauter Selbstkritik die Hosen herunterlassen und dem Feind unsern Hintern hinhalten..."
Während in Ungarn die Tibor Dery, Julius Hay und offenbar alle anderen Schriftsteller sich im Vertrauen ihres Volkes bewähren und als seine Sprecher hervortreten, tun sich einige unserer Schriftsteller auf ihre Weise unter den Augen ihres Schirmherrn Ulbricht hervor. Die meisten zwar schweigend erschüttert, aber heute finde ich auf der ersten Seite des „Neuen Deutschland" das Foto und den von der hohen Behörde approbierten Ungarnartikel des eisigen Karrieristen Stephan Hermlin. Wo Kuba spricht, kann Hermlin nicht schweigen. Er muß „dabei" sein. Recht so. Natürlich ist er schlauer als der widrige Unhold Kuba. Aber es entlarvt ihn nun endgültig, daß gerade er sich heut so breit im Hetz- und Lügenblatt spreizt.
 
Berlin, den 1. November 1956
Trotz der Ergebenheitserklärung der Becher, Kuba, Hermlin, Marchwitza, der Unterwürfigkeit des Großteils der kasernierten Schriftstellerei, die mit Händen an der Hosennaht bereitstehen, jedem Kommando der Revierfeldwebel zu folgen, setzt sich die Haß- und Hetzkampagne gegen die „volksfremden Literaten" - wann lasen wir
diese deutscheste aller Formulierungen schon einmal beziehungsweise schon mehrfach in einem deutschen Regierungsorgan? - mit unverminderter Heftigkeit fort. Sein (damit ist diesmal nicht Hitler gemeint) Leibblatt ruft uns nun tagtäglich zu, was wir sind: „Kurzsichtige Literaten", die „durch systematische Verunglimpfungen aller Errungenschaften der Volksmacht" und Kritik an der Obrigkeit die „Konterrevolution" vorbereiten wollen. Das Gute an dieser Zuspitzung ist, daß kein ideologisches Geschwafel die Wirklichkeit, der wir konfrontiert sind, mehr einnebeln kann. Kultur, Demokratie, Meinungsstreit, geistige Freiheit - von Freiheit schlechthin gar nicht zu reden: das Wort schon gilt als Entlarvung „konterrevolutionärer Konspiration" - der „Völkische Beobachter", der „Angriff", der „Stürmer" selbst haben nicht geifernder aufgeheult als das Organ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, wenn solche Worte fallen. Keine Redensarten mehr. Kurzer Prozeß. Das volksfremde, zersetzende, alles verunglimpfende Literatengezücht wird durch die Knüppel der Rollkommandos zum Schweigen gebracht. Es wird dafür gesorgt werden, daß dergleichen Intelligenzbestien, die unsere geliebten Führer zu bekritteln wagen, Hören und Sehen vergeht. So weit wären wir jetzt. Übertreibe ich? Wahrhaftig, ich glaube, ich fürchte, wir werden in den kommenden Wochen erleben, daß dies die Wirklichkeit, unsere Wirklichkeit, abermals, noch immer unsere Wirklichkeit ist.
 
Berlin, den 2. November 1956 (nachts)
Für heute abend war eine Versammlung der Germanisten anbefohlen. Nahezu alle Studiengruppen sandten nacheinander Abordnungen zu mir, um mich zu bitten, Sie nicht allein zu lassen. Selbstverständlich ging ich, und diesmal legte ich Wert darauf, mich an den Vorstandstisch zu setzen, ohne eine „Wahl" oder sonstige Manipulation abzuwarten. Sollten sie mich mit Brachialgewalt von meinem Stuhl neben dem Referenten fortzerren. Dazu hatten die Spießer von der Berliner Bezirksparteileitung nicht den Mumm, obwohl ihre Schlägertrupps (Betriebskampfgruppen, wie die Sprachregelung geht - in Wahrheit die SA der Funktionäre) überall im Saal und besonders am Ausgang verteilt waren. Ich tat ein übriges: Zum ersten Male hatte ich mir das Blech angesteckt, das mich als Spanienkämpfer auswies - die einzige Dekoration, mit der ich (außer dem Eisernen Kreuz von 1918) aufwarten konnte.
Als Referenten beziehungsweise Befehlsträger hatten die da oben einen ihrer allerstärksten Männer aufgeboten, das Mitglied des Politbüros, stellvertretenden Ministerpräsidenten, Minister für nationale Verteidigung, Stellvertreter des Oberkommandierenden der vereinigten Streitkräfte des Warschauer Paktes, den ordenklirrenden Generaloberst Willi Stoph. Er kam gerade aus der Sitzung der Volkskammer, in der Ulbricht die Losung für rücksichtslose Gewaltanwendung gegen jedwede oppositionelle Regung unter den Studenten und Dozenten ausgegeben hatte. Ich war auf alles und jedes gefaßt. Doch muß ich gestehen, daß er mich angenehm überraschte. Schon physiognomisch fand ich ihn mit seinem offenen, schmalen Gesicht, seiner Elastizität, seiner straffen, nicht wulstigen Figur zum Vorteil unterschieden von den Rummelplatzathleten, die man neuerdings auf uns losläßt. Er begrüßte mich kameradschaftlich (wiewohl wir uns zuvor noch nie gesehen hatten), fragte, wie es mir ginge und wie die „Stimmung" sei. Ich eröffnete ohne das sonstige Abrakadabra von „Wahlen" ins Präsidium der Veranstaltung und weiterem Parteirituell kurzerhand selbstherrlich die Versammlung und erteilte dem Referenten, Generaloberst Stoph, das Wort.
Er zog ein vorbereitetes Manuskript aus der Tasche und las die üblichen Gemeinplätze, die man ihm vorgeschrieben hatte, monoton ab (übrigens mit nicht unangenehmer Stimme). Das Referat war aus dem Text der letzten Leitartikel des ND kompiliert, Beschimpfungen der Ungarn, markige Versicherungen, daß die DDR diesen verhängnisvollen Weg, der zur Konterrevolution führe, nicht gehen werde. Der Saal wahrte eisiges Schweigen. Am Ende applaudierten nur die Funktionäre der Bezirksleitung und der Universitätsparteileitung sowie ihre SA. Auch ich rührte keine Hand. Ich wußte, daß meine Studenten auf mich schauten. Dann wurden die präparierten Diskussionsredner vorgeschickt, die im Brustton zu versichern hatten, daß die Studentenschaft einig und entschlossen hinter Partei und Regierung stünde und sich niemals von den Feinden der Republik mißbrauchen lassen würde. Bevor noch der aus Sachsen importierte Sekretär der Berliner Parteileitung, Hönisch, die fällige Resolution vorbringen konnte, mahnte ich die Studenten, furchtlos ihre Fragen und Beschwerden vorzubringen, und stellte dann selber den Inhalt eines Briefes zur Diskussion, den eine Seminargruppe der Diplomanden des vierten Studienjahres vorgestern an das „Neue Deutschland" gerichtet hatte, ein scharfer Protest gegen Beschimpfungen der Studentenschaft durch Funktionäre während einer von Karl Eduard von Schnitzler geleiteten Fernsehdiskussion.
Hier wollte der Hönisch nun zuschlagen oder vielmehr seine Schlägertrupps zuschlagen lassen. Schon erhob sich auf seinen Wink ein Rabauke, der sich (und die ihn umgebenden Schläger) als Arbeiter eines Betriebes ausgab und von der „Empörung" sprach, mit der die Arbeiterschaft, die ja den Studenten ein so gutes Leben ermögliche, erfüllt sei, wenn sie von den Forderungen der Studenten höre. Er und seine Kollegen seien der Ansicht, daß da mal durchgegriffen und Ordnung geschaffen werden müsse. Die Studenten machten Zwischenrufe. Die Lage wurde kritisch. Ich behielt den Hönisch im Auge. Dann machte ich mein Recht als Vorsitzender geltend, unterbrach das Geschimpf des sogenannten Arbeiters und fragte geradezu: es würde uns alle interessieren zu hören, wo, an welcher Werkbank oder Maschine der Kollege arbeite oder ob er vielleicht nur rein politische Funktionen in einem Büro ausübe. Zudem solle er sich über die Verhältnisse an den Universitäten und Hochschulen erst einmal unterrichten, bevor er hier Drohungen von sich gehe, die ich als Ordinarius der Humboldt Universität aufs schärfste zurückweisen müsse. Ich entzöge ihm nun das Wort.
Gelärm erhob sich. Einige der Schläger sprangen auf, auch ein Teil der Studenten drängte zum Ausgang mit den Rufen: Schluß, Schluß, wir lassen uns hier nicht beschimpfen! Da griff Stoph ein. Er wies Hönisch und seine Garden zurecht. Ich forderte die Studenten auf, zu bleiben und sich zu setzen, um das Schlußwort des Referenten anzuhören. Stoph sprach frei. Er räumte ein, daß Fehler vorgekommen sein mochten; er versprach, den Wunsch der Studentenschaft nach möglichen Verbesserungen der Studienordnung der Beachtung der Zuständigen zu empfehlen - er selber, so sagte er bescheiden, kenne sich ja in diesen Fragen nicht aus. Aber sachliche Vorschläge heiße er willkommen, darüber könne man immer reden. Er danke für die Aufmerksamkeit und hoffe, daß die Aussprache zur Klärung mancher Fragen beigetragen habe.
Dann setzte er sich, wandte sich mir zu, lächelte und fragte: „Na, war es so besser?" Ich sagte ebenfalls erleichtert: „Siehst du, so geht es auch. So hättest du gleich zu Beginn reden sollen." Darauf schloß ich die Versammlung. Stoph ging als der Jüngere an meiner Linken mit mir zum Ausgang, ohne den wutverkniffenen Hönisch zu beachten.
 
Berlin, den 3. November 1956
Schon beim Frühstück hörte ich ihn über das Radio. Er sprach zu Seiner Volkskammer - mal herhören die Korporalschaft - über die Ereignisse in Ungarn. „Diese Leute des sogenannten Petöfi-Kreises. . ." - da überschlug sich seine Stimme vor Haß, genau wie die seines erlauchten Vorgängers, Adolfs des Ersten von Pöbels Gnaden, wenn er von Literaten und Intellektuellen sprach. Wer ist an allem schuld? Die „volksfremden Literaten" und die „Intelligenzbestien". Ich drehte ab, das kann man nicht schon beim Frühstück verdauen.
In der Universität wurde ich überraschend zu einer Sitzung des Senats geholt, auf der Maßnahmen gegen die Unrast der Studenten beschlossen werden sollten. Kurt Hager, dem man wahrhaftig ansieht und anmerkt, wie die Jahre im Apparat ihn umgeknetet, ihn entseelt, entgeistigt, verroht, entmenscht haben - Hager ließ die Katze aus dem Sack. Er sprach von der „Erbitterung der Arbeiter" (wenn einer von denen Arbeiter" sagt, ist es immer ein Synonym für Funktionär} gegen die Studenten. Man könne die Betriebskampfgruppen nur mit Mühe davon abhalten, die widerspenstigen Studenten zusammenzuschlagen. Er sagte „zusammenschlagen", wie neulich Alfred Neumann. Franz Dahlem, wenngleich matter, sprach auf der Sitzung davon, daß randalierende polnische Studenten von Arbeitern in Warschau zur Räson gebracht worden seien - es war übrigens das erste Mal seit langer Zeit, daß man von dieser Seite ein anerkennendes Wort über Ereignisse in Polen hörte, gemeinhin spricht man in Funktionärskreisen nur noch von der „polnischen Krankheit".
Mein Versuch, die Studenten zu verteidigen, wurde von den meisten der anwesenden Professoren mit schweigender Zustimmung, von Hager mit verkniffenem Gesicht angehört.
 
Berlin, den 4. November 1956
Die sowjetischen Truppen haben in Ungarn nun auch politisch eingegriffen. Die Regierung Nagy ist abgesetzt worden. Kadar hat eine neue Regierung gebildet. Das Blutvergießen geht weiter.
 
Berlin, den 5.November 1956
Eine Hauptüberschrift des Parteiorgans lautet heute: „Ganz Berlin bekennt sich zur deutsch-sowjetischen Freundschaft." Spaß muß sein bei der Leiche.
 
Berlin, den 6. November 1956
Man sage doch nicht, daß es nicht immer noch heitere Gemüter bei uns gäbe. Das Glücksgefühl sprengt unserem Hans Marchwitza schier die Brust. „Ich bin voller Freude", jubelt er in dem mit seiner Fotografie geschmückten Beitrag im ND von heute.
Der Herr Arbeiter-Schriftsteller ist voller Freude, weil in Ungarn die Arbeiter von Panzern niedergewalzt werden. Da kann man nichts machen. Nein, da kann man nichts machen.
 
Berlin, den 7. November 1956
39. Jahrestag der Oktoberrevolution. Keine Flaggen, keine Demonstrationszüge, kein Gelärm. Die Russen schweigen. Nur ein Leitartikel von Ihm, ein Empfang mit Ihm erinnert an das historische Datum. Beteiligung des Volkes war unerwünscht bis zu dem Grad, daß es zum ersten Male seit 1945 nicht einmal mehr zur Staffage kommandiert wurde. Nein, einen solchen 7. November hab' ich in meiner Zeit noch nicht erlebt.
Am 7. November 1917 war ich Muschkote in Kowno. Irgendwie sprach sich bis in unsere Baracken herum, daß etwas vorgegangen sei, was das Ende des Krieges, der nun in seinem vierten Jahr stand, beschleunigen könne.
Der Krieg währt immer noch - seit 39 Jahren.
 
Berlin, den 9.November 1956
9. November. Von 1918 nicht zu reden. Das deutsche Schicksal, daß hier die Konterrevolution immer der Revolution zuvorkommt, erfüllte sich an jenem Tage vor 38 Jahren. Nach dem Gesetz, nach dem wir damals angetreten, hat sich seither unsere Entwicklung vollzogen: von Noske über Hitler zu Ulbricht.
Ein anderes Datum liegt näher. Am 9. November 1946, vor 10 Jahren, verließ ich Amerika. Das äußere Exil war zu Ende. Ich schiffte mich ein, um ins innere Exil verschlagen zu werden. Wußte ich es? Manches sah ich voraus, nicht alles, nicht das Letzte und Äußerste, nicht, daß 10 Jahre nach dem Kriege in dem Teil Deutschlands, in den ich zurückkehrte, der Nazismus anderer Färbung wieder in Massakern von Arbeitern und Intellektuellen seine ultima ratio finden würde. Hätte ich anders handeln können? Drüben bleiben, die Staatsbürgerschaft, die man mir mit den first papers angeboten hatte, annehmen? Nein! Ich tat recht, zurückzukehren. Was ich in dem ersten Artikel, den ich nach meiner Heimkehr für die amerikanische „Neue Zeitung" unter dem Titel „Mein Platz ist in Deutschland" schrieb, entsprach meiner Überzeugung damals - wie heute:
Wenn ich meinen Teil dazu beitragen will, die Ideen, für die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gekämpft habe, verwirklichen zu helfen, so muß ich meinen Platz in Deutschland wieder einnehmen in der Mitte meiner Landsleute, seien sie Freunde oder Feinde.
 
Berlin, den 28. November 1956
Ich bin erschöpft bis zu Gleichgewichtsstörungen. Was für einen Sinn hätte es auch, Nacht für Nacht die Abscheulichkeiten, die Untaten, die der vergangene Tag zur Kenntnis gebracht hat, zu verzeichnen. Das Triumphgeheul der Meute, die Drohreden Ulbrichts, das Gerülps des Axen gegen die Ungarn und Polen, die Lügen, Verdrehungen, Fälschungen.
 
Berlin, den 2. Dezember 1956
Der Druck wird drückender, die Luft wird stickiger. Der Gesinnungsterror nimmt immer unerträglichere Formen an. Für unsere Gauleiter hier war das Eingreifen der Sowjettruppen in Ungarn das Signal zum Losschlagen gegen alle, die in den vergangenen Monaten ein freieres kritischeres Wort gewagt haben.
Es bleibt nicht bei Worten. Sie schreiten zu Taten. Wolfgang Harich ist verhaftet worden unter der Beschuldigung, „Beziehungen zu Angehörigen des reaktionären Petöfi-Kreises in Ungarn unterhalten" zu haben - wie die offizielle Verlautbarung sagt. Vermutlich gilt es heute als hochverräterisch, Lukacs (der immer noch verschollen ist) gekannt zu haben. Die Begründung der Verhaftung zeigt, daß ein Exempel statuiert werden soll. Die Nennung des Petöfi-Klubs ruft bei den Funktionären die gleiche Reaktion hervor wie bei Gläubigen im Mittelalter die Nennung des Teufels.
Beziehungen zu Angehörigen des Petöfi-Klubs heißt in unserem Neudeutsch: der Kerl ist vom Höllengeiste infiziert. Schleppt ihn vor die Inquisition, werft ihn in die tiefsten Verliese, verbrennt ihn auf dem Scheiterhaufen. Die Verhaftung Wolfgang Harichs war der Auftakt. Who is next?
 
Berlin, den 8. Dezember 1956
Meine Weigerung, die Ungarnresolution des Schriftstellerverbandes zu unterschreiben, hat, wie vorauszusehen war, Folgen. Jetzt werden mir Daumenschrauben angesetzt. Zimmering in seiner Eigenschaft als Generalsekretär des Verbandes rief an, um mich auf die Konsequenzen aufmerksam zu machen. Er murmelte etwas vom Aufsehen, das das Fehlen meines Namens auch im Zentralkomitee gemacht habe, und wollte mich überreden, meinen Namen nun nachträglich unter allen übrigen einzureihen, wenn der Aufruf nochmals als Beilage zu den Monatszeitschriften gedruckt würde. Ich bin da mit dem Rücken zur Wand. Das kann ich nicht unterschreiben, obwohl es textlich noch das Anständigste ist, was überhaupt im Zusammenhang mit der ungarischen Tragödie hier veröffentlicht wurde. Ich hielt ihn hin, sagte, ich würde ihm schriftlich ausführlich begründen, warum ich nicht mitzeichnen wolle. Vielleicht verschafft mir das so lange Aufschub, bis diese verdammte Resolution nun endgültig und zum letzten Male ohne meinen Namen erschienen ist.
 
Berlin, den 9. Dezember 1956
Der Nächste war Walter Janka - Arbeitersohn, alter Genosse, Gefangener der Nazis im Zuchthaus Torgau, Spanienkämpfer - gerade das scheint bei unseren Gewalthabern gegen ihn zu sprechen. Ulbricht verabscheut (von Sonderfällen abzusehen) alle, die sich während der Nazizeit in Deutschland oder in Spanien hervorgetan haben, während er in Moskau seine Karriere machte.
 
Berlin, den 10. Dezember 1956
Daß die Schriftsteller an allem schuld sind, gilt für beide Teile Deutschlands gleich. Nicht nur im „Neuen Deutschland" und seinen Ablegern werden nun seit Wochen alltäglich die Schriftsteller und Intellektuellen im Wortschatz des „Völkischen Beobachters" beschimpft. In der Münchner Zeitschrift „Kultur", die mir (wahrscheinlich auf Veranlassung von Hans Werner Richter) seit einiger Zeit ins Haus geschickt wird, lese ich gerade, daß ein gewisser bayerischer BHE-Politiker mit Namen Becher - nomen est omen, der eine hier reicht für unseren Bedarf schon aus - niemanden anderen als gerade die ungarischen Schriftsteller „für den Einmarsch der Sowjets in Ungarn verantwortlich" macht. Er bespeit die nun vermutlich längst in Zuchthäusern gefolterten ungarischen Schriftsteller, die als Fürsprecher ihres Volkes gegen äußere und innere Unterdrückung auftraten, als "Asphaltliteraten". Wieder ein Memento, daß unsereiner vom Regen in die Traufe kommen würde, wenn er von diesem in den an deren Teil des Landes übersiedelte. Arbeiter, Bauern, Handwerker, Kaufleute, Techniker finden in Westdeutschland bessere Möglichkeiten für Entfaltung ihrer Initiative, ihres Fleißes, ihrer Fähigkeiten. Ein Schriftsteller, ein Hochschullehrer, der das Wort Professor in seiner Bedeutung als Bekenner ernst nimmt und sich nicht verkaufen will, wird drüben vom Nazipöbel ebenso angespien wie hier vom Funktionärsgeschmeiß. Bleib auf deine alten Tage, wo du bist. - Ach, könnt' ich nur atmen, wo die ganze Luft stickig ist von Lüge, Unrecht, Seelenmord.
 
Berlin, den 16. Dezember 1956
In der vergangenen Woche kursierten hier Gerüchte, daß auch ich verhaftet sei. Das wurde von jedermann geglaubt. Auswärtige Besucher waren erstaunt, mich noch vorzufinden. Das Gerücht erhielt sich so hartnäckig, daß auch die Studenten und Assistenten kopfscheu wurden und täglich mehrfach anriefen, um sich zu vergewissern, daß ich noch da sei.
 
Berlin, den 20. Dezember 1956
Heute gegen Abend kam überaschend T... zu mir, grau, verfallen, schweigsam und schwerfällig wie stets. Wir hatten uns ein Jahr oder länger nicht mehr gesehen. Er hat sich mit seiner Krankheit - aber die Krankheit ist wohl mehr psychischen als physischen Ursprungs - aufs Land verkrochen. Erschreckend war, daß er zunächst ablehnte, einen Wodka mit mir zu trinken. „Das kann ich mir nicht mehr leisten", sagte er, „ich habe mir das Trinken abgewöhnt, denn wenn ich damit anfange, weiß ich nicht, ob ich rechtzeitig aufhören kann, bevor ich den Verbrechern ins Gesicht schreie, daß sie Verbrecher sind. Und das führt zu nichts. Das ist jetzt alles wieder so wie im KZ. Man will nur noch überleben, obwohl man gar nicht mehr weiß, wozu. Damals wußte man das noch. Deshalb ist es jetzt schlimmer. Hoffnung ist nicht mehr dabei, nur noch Neugierde, mal sehen, wann und wie das hier alles zusammenkracht."
Ich schwieg. Was hätte ich antworten können. Aber ich konnte mich nicht enthalten, mir einen Wodka nachzugießen, und als ich ihm ein Glas hinschob, nickte er. Ich schenkte es ihm voll. „Heute kommt es nicht darauf an", sagte er. „Es bleibt sich gleich. So hin oder so hin. Prost!" Er trank das Glas leer, schüttelte sich und sagte: „Noch einen." Nach einer Weile fuhr er fort: „Weißt du, ich habe erst jetzt nach Ungarn den logischen Kurzschluß überwunden, in dem wir 25 Jahre befangen waren wie in einer Gummizelle - du auch. Erinnere dich an unsere Gespräche vor 1933 und dann in Paris und dann in Spanien und dann wieder in Frankreich, bis wir in die Lager kamen, du nach Les Milles, ich nach Vernet, wo die Nazis mich rausholten und mich in Mauthausen zusammenschlugen. Wir haben doch immer um die Sturheit, die Roheit, die Geistfeindlichkeit dieser Funktionäre gewußt. Aber bis zum Sommer dieses Jahres habe ich mich - in den letzten Jahren allerdings schon wider besseres Wissen, wenn ich mir gegenüber ganz ehrlich bin - an die verzweifelte Hoffnung geklammert, daß diese rohen, dummen, gewalttätigen Menschen auf ihre Weise, ihre beschränkte Weise, Verbündete im Kampf gegen unseren Hauptfeind waren: den Nazismus. Das war der Kurzschluß. Wir haben verkannt, daß sie selber Nazis sind, die mit einer anderen Naziclique um die Macht kämpfen, die Allmacht über unser Volk. Während wir gebannt auf den Feind vor uns, den Faschismus, starrten, stand er hinter uns auf. Jetzt weiß ich, daß wir mit unserem Kampf gegen die braune Variante des Nazismus dazu beigetragen haben, daß in unserem Rücken, in den Bürostuben der Apparate, die andere Variante, der rote Nazismus, sich festsetzte und nun - nicht aus eigener Kraft, sondern durch Hilfe ausländischer Panzerdivisionen an die Macht gekommen - mit den Arbeitern, den Intellektuellen, den anständigen Menschen, die nichts wollen, als ein anständiges Leben führen, ihr eigenes Leben führen, die gleiche Sprache spricht wie die SA, die SS, die Gestapo: ,Wenn ihr nicht mitmacht, schlagen wir euch zusammen, daß nichts von euch übrigbleibt.` Entstanden ist der Kurzschluß durch unseren Fehlschluß, daß sozialistische Inhalte notfalls mit Gewaltmethoden durchgesetzt werden müssen. Nun weiß ich, und du weißt es auch, daß man mit Nazimethoden und Naziterror nichts anderes verwirklichen kann als Nazi-Inhalte. Form und Inhalt decken sich - auch hierin, gerade hierin. Es war unser Irrglaube, daß der Zweck die Mittel heilige. Die Mittel verselbständigen sich, sie werden zum Selbstzweck. Aus der 'Diktatur des Proletariats' mußte die Diktatur der Funktionäre über das Proletariat werden. Und wir sind Mitschuldige."
Wiederum hatte ich nichts zu entgegnen. Ich trank noch einen Wodka und noch einen und noch einen. Nach einer Weile sagte er: „Ich hab' dir ein Gedicht mitgebracht. Das kam mir am letzten Totensonntag in der Nacht, als ich allein vor meinem Schreibtisch saß und wußte, daß ich nicht mehr schreiben und nicht einmal mehr lesen konnte, weil alles, was gesagt und geschrieben worden ist, vergeblich war." Er schob mir einen Zettel mit seiner Handschrift über den Tisch. Ich las:
 
Die Stille schreit. Die Wände rücken enger
Um mich herum. Der Raum ist eine Gruft.
Die Schatten vor mir werden stündlich länger.
Ich atme schwer in abgestandner Luft.
 
Dämonen kichern höhnisch von Versagen.
Erinnerungsleichen klagen mir ihr Leid –
Gespenster aller unsrer Niederlagen -
In schrillem Chore: daß die Stille schreit.
 
Mir scheint kein Licht, die Fackel ist verglommen,
Die ich durch diese Finsternis einst trug.
Als einz'ger Freund wär mir der Tod willkommen
Mit seiner Botschaft: nun ist es genug.
 
Quelle: Kantorowicz, Alfred, Deutsches Tagebuch. Zweiter Teil, Berlin 1979, S. 673-697.

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