György Dalos "1956. Der Aufstand in Ungarn"
Leseprobe

Einleitung
Es war an einem Dienstag, als die Gewerkschaftszeitung Népszava einen erstaunlich detaillierten Wetterbericht veröffentlichte: «Seit einiger Zeit herrscht in Ungarn eine außergewöhnliche Witterung. Wir schreiben Ende Oktober, und doch entspricht das Wetter dem des Sommers – es ist wie im August. Am Sonntag wurden in Budapest 20 Grad gemessen, während die Temperatur in Szeged 22 Grad erreichte. Während des 86jährigen Bestehens des Meteorologischen Instituts ist dies der zweit trockenste, zweitwärmste Herbst.»
Der Pegelstand der Donau in Budapest war bei 212cm – nach dem Hochwasser im Frühjahr eine tröstliche Angabe. Der seismographische Dienst meldete so gut wie keine tektonischen Auffälligkeiten, und das war angesichts des Erdbebens vom Januar 1956 auf jeden Fall beruhigend.
Das kulturelle Angebot des Tages war ausgesprochen reichhaltig. Die Staatsoper spielte Tschaikowskys Eugen Onegin, die Volksoper Der Troubadour. Kulturtragendes war auch in den Schauspielhäusern eindrucksvoll vertreten: Die Zuschauer konnten zwischen Schillers Kabale und Liebe, George Bernard Shaws Heiliger Johanna und Ibsens Puppenhaus wählen. Das Operettentheater zeigte den Dauerbrenner Die Csárdásfürstin, mit dem die Truppe unlängst die Herzen des Moskauer Publikums erobert hatte. Aus Moskau wiederum traf der Geigenvirtuose David Oistrach in Budapest ein, um im Bartóksaal ein Konzert zu geben. Im Stadtpark gastierte der Chinesische Zirkus. Die Fans des Kabaretts konnten im Kammertheater einen Einakter mit dem vielversprechenden Titel Wir korrigieren die Geschichte genießen.
Das Fernsehen, das sich damals noch im Erprobungsstadium befand, wartete mit einem Trickfilm, einer Nachrichtensendung sowie einer aufgezeichneten Komödie auf. Der Rundfunksender Kossuth präsentierte sein gewöhnliches Tagesprogramm:
4.30: Nachrichten
4.35 – 8.00: Musik
8.00: Nachrichten
8.10: Volkslieder
8.40: Märsche und Gesänge
9.00: Kinderstunde
10.00: Nachrichten
10.10: Flotte Rhythmen
11.00: Viertelstunde für Mädchen und Frauen
11.15: Schöne Musik für gute Arbeit
11.45: Gedichte
12.00: Nachrichten
12.10: Volkslieder
Genau um 12.53 Uhr des 23.Oktober 1956 wurde die Sendung unterbrochen und folgende Mitteilung verlesen: «Um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten, verbietet der Innenminister bis auf weiteres sämtliche öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen. Innenminister László Piros.» Mitten in der Sendung «Dorfchronik» wurde diese Information wiederholt. Es folgten Opernarien und die Sendung «Musik für die Jugend», und nach acht Minuten, um 14.15 Uhr, wurden gleich zwei neue Mitteilungen durchgegeben. Zunächst eine kurze: «Innenminister László Piros hat das Verbot öffentlicher Versammlungen und Kundgebungen aufgehoben» und eine etwas längere: «Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Partei der Ungarischen Werktätigen, Genosse Ernö Gerő wird heute abend um 20 Uhr über alle Sender eine Ansprache halten.»
Der knochentrockene Gerő war zu dieser Zeit 58 Jahre alt und hatte knapp drei Monate zuvor den Höhepunkt seiner Karriere erreicht: Er war vom Politbüro zum Ersten Sekretär der Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP, PUW) ernannt worden. Praktisch bedeutete dies, daß er die Nummer eins im Lande war, und zwar nicht nur, weil Ministerpräsident András Hegedüs mit seinen 35 Jahren und entsprechend wenig Erfahrung für ihn keine Konkurrenz darstellte, sondern weil die Partei als einzig maßgebliches Machtzentrum galt. Um es konkret zu sagen: Er allein war befugt, mit dem jeweiligen «Hausherrn» im Kreml zu telefonieren.
Der Erste Sekretär leitete auch die Partei- und Regierungsdelegation, deren Sonderzug an diesem Morgen nach einer überlangen, achttägigen Besuchsreise aus Belgrad am Budapester Ostbahnhof eintraf. Mitgereist waren fast alle, die in den Chefetagen der MDP das Sagen hatten: Außer Gerő und dem Regierungschef gab es zwei ZK-Sekretäre, den Außenminister sowie zahlreiche Wirtschaftsexperten. In Abwesenheit der Führungsriege hatte man die kommissarische Leitung des Parteistaates einem jüngeren Parteisekretär, dem 34jährigen Lajos Ács, übertragen – in schwierigen Zeiten wie dieser eine höchstriskante Entscheidung. Doch der möglichst hochkarätigen Besetzung der Delegation war absolute Priorität zugekommen, denn es handelte sich bei dieser Reise um eine Art kollektiver Canossa-Fahrt zu dem jugoslawischen Präsidenten Josip Tito.
Dieser galt seit 1948 wegen seines Bruches mit Moskau in der Propaganda aller Ostblockstaaten als «Kettenhund der Imperialisten». «Titoismus» hieß einer der wichtigsten Anklagepunkte gegen den früheren Innenminister László Rajk in dem spektakulären Schauprozeß des Herbstes 1949, in dem es durch Folter erzwungene Geständnisse, später mehrere Hinrichtungen und lange Gefängnisstrafen gab. Im damaligen Parteivorstand besetzte Ernö Gerő nach Mátyás Rákosi den zweiten Platz und trug damit maßgebliche Verantwortung für sämtliche Beschlüsse – so auch für den Beschluß gegen Jugoslawien vom Juni 1948, in dem Titos «Sonderweg» als Verrat an der Sowjetunion verurteilt worden war. Nun aber hieß der südliche Nachbar auf Moskaus Geheiß hin wieder «Bruderland», und die Versöhnung mit Tito sollte dazu dienen, den Machthabern in Budapest den Rücken zu stärken. Daß er durch diese Visite sein ganzes bisheriges Tun in Frage stellte, soll Ernö Gerő nicht besonders gestört haben. Die jeweilige Generallinie war immer schon von der Führung der KPdSU bestimmt worden, und als alter Kominternfuchs war Gerő diszipliniert genug, um sich den jeweiligen taktischen Kehrtwendungen ohne Klagen zu fügen.
Und doch warf dieser Dienstagmorgen einen unangenehmen Schatten auf den soeben erreichten diplomatischen Erfolg. Aus dem hastigen, nervösen Gespräch mit dem Genossen Lajos Ács, der bereits auf dem Ostbahnhof auf den Parteivorstand wartete, wurde sofort deutlich, daß das Land, in das die Gesandtschaft zurückgekehrt war, ein ganz anderes war als dasjenige, das sie am 15.Oktober hinterlassen hatte. Nach dem obligatorischen Lächeln in die Kameras und ein paar nichtssagenden Sätzen über die erfolgreichen Belgrader Verhandlungen für die Mikrophone machte sich der Vorstand unverzüglich daran, die Situation zu besprechen. So bewegte sich der Konvoi von schwarzen Limousinen mit zugezogenen Vorhängen direkt in die Akadémiastraße, wo sich die Parteizentrale befand. Von diesem Augenblick an verwandelte sich das höchste Gremium der Volksrepublik in einen permanent verhandelnden, schlaf- und ruhelosen Krisenstab.
Die Delegation saß noch im Sonderzug, als der sowjetische Botschafter in Budapest, Juri Andropow, einen dringenden und streng geheimen Bericht nach Moskau schickte. Am Vorabend hatte er mehrere Gespräche mit dem Genossen Lajos Ács geführt, der die Lage als «sehr gespannt und gefährlich» einschätzte. Der ungarische Verteidigungsminister István Bata hatte am 19.Oktober sogar eine Alarmbereitschaft höchster Stufe bei der Volksarmee angeordnet, die jedoch einen Tag später wiederaufgehoben wurde. Unruhen waren im Prinzip seit Monaten nicht auszuschließen, und die sowjetische Armeeführung hatte bereits im Juli die Operation «Welle» erarbeitet, um der ungarischen Führung notfalls schnell zu Hilfe eilen zu können. Allerdings wußte man recht wenig über die Natur der Katastrophe, die sich gerade anbahnte. Die ungarischen Apparatschiks, die in diesem Jahr in der sowjetischen Botschaft, einer prachtvollen Villa an der Bajzastraße, unentwegt ein und aus gingen, beklagten sich vor allem über die ideologische Gefahr, die von den Zeitungsartikeln ausgehe, wiesen auf die Schwäche und Uneinigkeit der Partei hin oder denunzierten sich gegenseitig wegen angeblicher Abweichungen von der «Generallinie». Letzteres taten sie mit besonderer Vorliebe.
Andropow hörte sich all diese Lamenti an und war bemüht, gegenüber der jeweils dominierenden Machtfraktion loyal zu bleiben. Seine chiffrierten Depeschen enthielten kaum mehr als die gewissenhafte Wiedergabe von Gesprächen, nur ganz selten eigene Vorschläge und überhaupt keine emotional gefärbten Kommentare – die Adressaten in Moskau waren an «ausgewogene» Meldungen gewöhnt. Der Botschafter war kein Berufsdiplomat, sondern ein noch junger Parteikader, für den die Entsendung nach Budapest den Beginn eines steilen Aufstiegs nach ganz oben sowie einen ebenso schnellen Weg nach unten bedeuten konnte.
Wenn ihm die Partei einen ähnlichen Posten in Paris, Rom oder Wien anvertraut hätte, dann wäre es für ihn in diesen Ländern viel leichter gewesen, Berichte zu verfassen. Als Informationsquelle hätten ihm in Paris Jacques Duclos, in Rom Palmiro Togliatti und in Wien Johann Koplenig, aber auch sozialdemokratische, konservative oder liberale Politiker sowie Redakteure von Gazetten unterschiedlichster Couleur zur Verfügung gestanden, ebenso viele Schriftsteller und alle möglichen Arten gesellschaftlicher Akteure. In der Donaurepublik hingegen konnte er sich nur mit Personen unterhalten, die nach offiziellen ungarischen oder sowjetischen Kriteriensalon fähig waren. In Ungarn durfte er nicht einmal ohne weiteres den früheren Ministerpräsidenten empfangen, den aus der Partei ausgeschlossenen Imre Nagy, obwohl dieser seit dem Sommer 1953, also seit Andropows Dienst antritt, zu den Schlüsselfiguren der Ereignisse gehörte. Aber jedes Gespräch mit diesem Mann wäre als ungeheuerliche Aufwertung der Person gedeutet worden.
Außerdem wußte Andropow sehr wohl, daß es in Budapest und Szeged unter den Literaten und in der Studentenschaft seit einigen Wochen brodelte und daß der von Parteiseite offiziell genehmigte Diskussionsclub «Petöfi-Kreis» ausgerechnet für diesen Dienstagnachmittag Demonstrationen organisierte, um seiner Solidarität mit Polen Nachdruck zu verleihen. Anlaß dazu war das Plenum der polnischen kommunistischen Partei, auf dem der früher als Opportunist verdammte Władysław Gomułka mit seinem Reformprogramm zum Ersten Sekretär gewählt worden war. Der Botschafter durfte jegliche Information von den ungarischen Parteibonzen abschöpfen, aber keinen Augenblick daran denken, etwa Tibor Déry, den Spiritus rector des literarischen Widerstands, oder einen Vertreter der aufmüpfigen Studenten zu einem Wodka einzuladen. Dabei war durchaus vorstellbar, daß gerade die auch vom Schriftstellerverband unterstützte Kundgebung der Jungakademiker jene Kollision ausgelöst hatte, die in Moskau seit Monaten als «Fall der Fälle» gehandelt wurde und einen guten Grund für die Durchführung der Operation «Welle» liefern konnte. Und so erlaubte sich Andropow, den vorsichtig verpackten indirekten Ratschlag auszusprechen: «Offensichtlich haben die ungarischen Genossen die Zuversicht verloren, daß sie noch einen Ausweg aus den entstandenen Schwierigkeiten finden können. (…) Wir haben den Eindruck, daß sie (…) ohne unsere Hilfe kaum mutig und entschlossen handeln können.»
Der Parteichef Nikita Chruschtschow konnte das Telegramm seines Botschafters erst nach der Dechiffrierung lesen, nachmittags gegen halb vier Moskauer Zeit. Nach einem Gabelfrühstück im Kremlpalast zu Ehren des belgischen Ministerpräsidenten van Acker und dessen Außenminister Spaak mußte er sich den weniger angenehmen Bereichen des Alltagsgeschäfts widmen. Kopfschmerzen verursachten ihm zum Beispiel seit Tagen die Polen, die sich die Frechheit erlaubt hatten, personelle Veränderungen an der Spitze von Partei und Staat vorzunehmen, ohne zuvor, wie es von ihnen erwartet wurde, den Großen Bruder zu konsultieren. Auf einem Plenum des Zentralkomitees war dort praktisch die gesamte Führung ausgewechselt worden. Der früher als Nationalkommunist verdammte Władysław Gomułka wurde zum Ersten Sekretär erhoben, und der Marschall Rokossowski, ein Pole mit sowjetischer Staatsbürgerschaft, wurde seines Postens als Verteidigungsminister enthoben – allesamt unerhörte Vorfälle.
Die Rote Armee führte daraufhin in Polen militärische Übungen durch, und zwischen den beiden Mitgliedern des unlängst als Friedensbündnis geschlossenen Vertrages entstand eine regelrechte Kriegsspannung. Chruschtschow fuhr im letzten Augenblick nach Warschau, um das Schlimmste abzuwenden. Als zusätzliches Druckmittel beraumte er für Mittwoch, den 24.Oktober, eine Ad-hoc-Sitzung der Bruderparteien in Moskau an. Gomułka lehnte die Teilnahme höflich ab, und als Nikita Sergejewitsch in Budapest anrief und den Genossen Gerő aufforderte, an der Konferenz teilzunehmen, sagte dieser angesichts der schwierigen Lage in seinem Lande ebenfalls ab. Das Wort «nein» klang aus dem Munde eines ungarischen Genossen recht merkwürdig.
(S. 7 - 13; Copyright Verlag C.H.Beck oHG)