Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Der Posener Aufstand 1956 - Chronik der Ereignisse

 
Schon seit dem Sommer 1955 beschweren sich Arbeiter der Posener Josef-Stalin-Werke (ZISPO, ehemals Cegielski) bei Betriebsleitung, Gewerkschaft und Partei über verschiedene Missstände.
 
8.Juni
Die Arbeiter der Stalin-Werke legen dem Vertreter des Ministeriums für Maschinenbau Stanisław Pietrzak ihre Forderungen zu Löhnen, sozialen Fragen und zur Verbesserung der Arbeitsorganisation vor. Der Abteilungsleiter verspricht den unzufriedenen Maschinenbauern eine Antwort in sieben Tagen, die sie jedoch nicht erhalten.
 
16. Juni
Die Belegschaft der Stalin-Werke unterbricht wiederholt für kurze Zeit die Arbeit, um so ihren Unmut über das Ausbleiben einer Antwort vom Ministerium auszudrücken.
Schließlich drohen die Arbeiter, auf die Straße zu gehen. Auch in anderen Betrieben der Stadt wächst die Bereitschaft zu offenen Protestaktionen.
 
23. Juni
In den Stalin-Werken findet eine spontane Massenversammlung statt. 3000 Mitarbeiter protestieren aus Verbitterung über die ergebnislosen Debatten mit den lokalen Funktionären und dem Ministerium. Eine Delegation soll im Auftrag der Arbeiter nach Warschau reisen.
 
26. Juni
In Warschau finden Gespräche zwischen der Verhandlungsdelegation aus Posen und dem Minister für Maschinenbau, Roman Fidelski statt. Letzterer erklärt sich bereit, falsch berechnete Steuern und Prämien auszuzahlen, Maschinenstillstandszeiten zu vermindern und das System der Akkordlöhne nach den Vorschlägen der ZISPO-Belegschaft zu verändern.
 
27. Juni
In Posen findet eine angekündigte Streikkundgebung statt. Der Anführer der Streikenden Czesław Rutkowski wird nach der Kundgebung vom Geheimdienst verhaftet.
 
Die Belegschaften der Stalin-Werke (ZISPO) und des Eisenbahnreparaturwerks (ZNTK) legen eine Liste mit Forderungen zur Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen vor. Dazu zählen u.a.:
 
-           Wiedereinführung der Lohnprogression, Rücknahme der Lohnkürzungen, Senkung der Lohnsteuer und Erstattung der zuviel gezahlten Beiträge, Lohnstaffelung für alle Mitarbeiter, Sonderzahlungen für lange Dienstzeiten, Festlegung entsprechender Bezüge für Verwaltungsmitarbeiter und Abkopplung der Verwaltungsprämien von der Erfüllung des Produktionsplans und der Gestaltung des Lohnfonds; Abschaffung individueller Prämien, Verwendung dieser Mittel für die Renovierung von Arbeiterwohnungen
 
-           Einhaltung der Belegschaftsforderungen zum Fünfjahresplan, Anpassung des Plans an die Möglichkeiten eines Betriebs, Gewährleistung der Materiallagerung und der termingerechten Belieferung der Betriebe
 
-           Im Krankheitsfall ein Jahr lang Lohnfortzahlung des Durchschnittsverdienstes der letzten drei Monate; Zahlung von Renten, die den Lebensunterhalt einer Familie decken; Verlängerung des Urlaubs und höhere Rentenzahlungen für Arbeiter, die schwere und gesundheitsschädliche Arbeiten verrichten; keine Verrechnung von Sanatoriumsaufenthalten mit dem Jahresurlaub
 
-           Senkung der Grundnahrungsmittelpreise, Verzicht auf verdeckte Preiserhöhungen bei Artikeln des Grundbedarfs durch Änderung des Namens oder der Verpackung
 
-           Förderung des Wohnungsbaus und Übergabe freier Wohnungen an die Betriebe
 
 
28. Juni 1956
Die Belegschaft der Stalin-Werke beginnt zu streiken. Um 6:30 Uhr heult die Werkssirene, die Arbeiter der Nacht- und Frühschicht verlassen das Werksgelände und ziehen in Richtung Innenstadt. Benachbarte Betriebe und Passanten schließen sich dem Zug an. Sie rufen Parolen wie:  "Wir wollen Brot!! Wir wollen Freiheit! Weg mit den Normen! Weg mit den Blutsaugern! Weg mit den Bolschewiken!"
 
Auf dem Stalin-Platz in Posen versammeln sich am frühen Vormittag unzählige Menschen verschiedenster Alters- und Berufsgruppen. Sie rufen nach den Machthabern. Daraufhin empfängt der Vorsitzende des Städtischen Nationalrats Franciczek Frąckowiak im Posener Schloss einige Delegierte. Als dieser sich nicht für kompetent erklärt, die Forderungen der Arbeiter zu erfüllen, verlangen die Anwesenden Gespräche mit dem Premierminister Józef Cyrankiewicz oder dem Ersten Sekretär des Zentralkomitees der PVAP Edward Ochab. Da die Verhandlungen ergebnislos bleiben zieht die Menge weiter zum Wojewodschaftskomitee der PVAP. Dort ist lediglich der Sekretär für Propaganda des Wicenty Kraśko anwesend. Er unterrichtet schließlich das Zentralkomitee der PVAP über die Forderungen der Demonstranten. In seiner Ansprache an die Demonstranten, die mit eilig herbeigeschafften Lautsprecherwagen übertragen wird, verkündet Kraśko, dass er die Parteiführung in Warschau informiert habe. Die Rede wird von Buhrufen und Pfiffen der Menge begleitet. Die Nachricht von der Verhaftung Rutkowskis am Vortag macht die Runde. Sie weitet sich zu dem Gerücht aus, dass es zu weiteren Verhaftungen von Vertretern der Streikenden gekommen sei. Nach der Rede dringen die Demonstranten in das Gebäude ein und hissen weißrote Fahnen auf dem Dach. Die Menge zieht weiter zum Gefängnis um „unsere Brüder zu befreien“.
 
Ein Störsender auf dem Dach des Sozialversicherungsgebäudes, der den Empfang westlicher Sender verhindern soll, wird zerstört. Sendeanlagen und Dachantennen werden auf die Strasse geworfen. Die in der Stadt eingesetzten Milizkräfte solidarisieren sich größtenteils mit den Aufständischen und übergeben ihre Fahrzeuge und Waffen.
 
 
Gegen 11.00 Uhr kommt es am Gefängnis zu Tumulten. Das Wachpersonal verteidigt sich zunächst mit Feuerwehrschläuchen gegen den Ansturm. Der Gefängnisdirektor hatte angewiesen, keine Waffen zu gebrauchen. Das Gefängnis wird gestürmt und die Gefangenen befreit. Zahlreiche Akten sowie das Kohlelager und das Kleidermagazin werden in Brand gesetzt. Die im Gefängnis gelagerten Waffen teilen die Aufständischen unter sich auf. Rufe wie „Weg mit den Sowjets!“ „Weg mit den Unterdrückern des polnischen Volkes!“ werden laut.
 
Zur gleichen Zeit zieht ein anderer Teil der Protestierenden zum Gebäude der Staatssicherheit (Urzad Bezpieczenstwa). Es werden Steine geworfen. Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes setzen zuerst Wasserwerfer gegen die unbewaffneten Demonstranten ein und eröffnen gegen 11.00 Uhr das Feuer auf die Menge – einige Demonstranten werden schwer verletzt. Die Aufständischen erwidern den Beschuss mit zwei von ihnen eroberten Panzern und legen verschiedenen Stellen Feuer, welches größtenteils von den Funktionären gelöscht werden kann. Ein fliehender Unteroffizier der UB wird von der aufgebrachten Menge auf dem Hauptbahnhof zusammengeschlagen und erliegt später seinen Verletzungen.
 
Die Proteste weiten sich auch auf das Gelände der zu dieser Zeit stattfindenden Internationalen Messe in Posen aus. Mit einer blutbefleckten Fahne ziehen die Demonstranten zwischen den Ständen der ausländischen Aussteller durch. Die internationale Presse berichtet daraufhin ausführlich über die Unruhen.
 
Am frühen Nachmittag werden auf Befehl von Verteidigungsminister Rokossowski zwei Panzerdivisionen und zwei Infanteriedivisionen der polnischen Armee nach Posen geschickt. „Feinde unseres Vaterlands – ausländische imperialistische Kreise und ihre Mitläufer im Land“ würden versuchen, „Polen in den Augen des Auslands zu kompromittieren“ und auf dem Stadtgebiet von Posen „ernste Störungen“ zu provozieren – heißt es in einem Aufruf an die Soldaten. Rund 400 bewaffneten Aufständischen standen damit 10.000 Soldaten und 400 Panzer und Transportfahrzeuge gegenüber. Bis früh in den Morgen wird im Zentrum der Stadt gekämpft.
 
Die Zahl der bei der Niederschlagung des Aufstandes ums Leben gekommenen Menschen schwankt zwischen 55 und etwa 100. Über 700 Personen werden verhaftet und bei Verhören gefoltert. Im September 1956 beginnen die Prozesse gegen 58 Angeklagte.
 
 
zusammengestellt von Sabine Schön
 
Quelle:
Eine Stadt im Aufstand. Der Posener Juni 1956, Katalog des Großpolnischen Museums für Freiheitskämpfe in Posen, Posen 2006
 

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