Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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János Branya

Die offizielle ungarische Website zum 50. Jahrestag
der ungarischen Revolution 1956
http://www.19562006.hu




Intro mit Bilderleiste und Fokus 

Im Herbst 2006 begeht Ungarn den fünfzigsten Jahrestag der ungarischen Revolution von 1956. In Vorbreitung auf dieses Ereignis entstand die offizielle ungarische Website zum Jahrestag (http://www.19562006.hu). Das Informationsangebot stellt die Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1956 in den Mittelpunkt und will einen Gesamtüberblick der Aktivitäten zum Jahrestag auf nationaler und internationaler Ebene bieten.
Auf der Startseite besteht für den Nutzer die Möglichkeit, zwischen zwei Optionen zu wählen. Entscheidet sich der Besucher für den Link „Kalendarium“, führt ihn dieser zur Hauptseite. Wird der andere Link gewählt, öffnet sich ein Flash-Intro, das den Besucher als Beobachter in das Geschehen der ungarischen Revolution versetzt. Ein laufendes Fotoband zeigt Aufnahmen der dramatischen Ereignisse von 1956, deren Details der Betrachter durch eine Art Ver­größerungsglas sehen kann.
Nach dem Flash-Intro sind Momentaufnahmen aus Filmproduktionen sehen, die im Rahmen des Erinnerungsjahres 2006 vom öffentlichen Ungarischen Fernsehen (MTV, Duna TV) ge­zeigt werden. Detaillierte Informationen zu den vorgestellten Filmen und deren Sendeter­minen findet der Nutzer dann in der Rubrik „Kalendarium“ und dort unter „Játékfilmprogram“ (Spielfilmprogramm).
Der Bereich „Kalendarium“ bietet ein breites Spektrum an veröffentlichtem Material, das von den Regierungsbeschlüssen zum Jahrestag über eine Presseschau bis hin zu Informationen über Ausstellungsprojekte und Veranstaltungen sowohl in Ungarn als auch im Ausland reicht. Leider ist die Navigation der gesamten Seite etwas unübersichtlich geraten, wozu nicht zuletzt die als Hintergrund verwendeten Fotos beitragen.

 



Startseite des "Kalendariums"

Vorgestellt wird u.a. das Erinnerungskomitee, das von der ungarischen Regierung eingesetzt wurde. Viele Mitglieder des Komitees waren auf verschiedenste Art und Weise an den revo­lutionären Ereignissen von 1956 beteiligt. Der Präsident des Komitees Domokos Kosári stand 1956 an der Spitze des Revolutionskomitees der ungarischen Historiker. Nach der Nieder­schlagung des Aufstands wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt. Péter Boross war 1956 Mit­glied des Revolutionskomitees von Budapest sowie des Revolutionsrates der Intellektuellen. Auch er gehörte zu den Opfern der Repressionswelle nach der sowjetischen Intervention und wurde im Internierungslager Kistarcsa gefangen gehalten. Er war Innenminister der ersten freigewählten ungarischen Regierung nach 1989 und trat zwischen  Dezember 1993 und Juli 1994 die Nachfolge des verstorbenen Premierministers József Antal  an. Katalin Jánosi, die als bildende Künstlerin arbeitende Enkelin von Imre Nagy, erlebte mit ihrer Familie die Ge­fangenschaft in Snagov. Béla Király, ebenfalls Mitglied des Komitees, war während der Re­volution Chef der Nationalgarde.
Das Komitee versteht sich in erster Linie als ein Gremium, das Ideen zur Gestaltung des Er­innerungsjahres in Ungarn sammelt und Vorschläge zum offiziellen Programm des Jahresta­ges unterbreitet. In einem in der Rubrik „Hírek“ (Nachrichten) dokumentierten Interview mit Domokos Kosári, dem Präsidenten des Erinnerungskomitees, werden die Ziele des Komitees näher erläutert. Das Gespräch verdeutlicht, wie sich das Komitee zwischen den gegensätz­lichen Positionen in der ungarischen Politik zu positionieren sucht. Das Komitee sieht sich dabei als eine parteipolitisch unabhängige Institution der ungarischen Öffentlichkeit. Im ver­gangenen Jahr lud der Präsident die führenden Repräsentanten der größten ungarischen politi­schen Parteien ein. Bei diesem Treffen einigte man sich darauf, das Erinnerungsjahr bei den Parlamentswahlen 2006 nicht für politische Zwecke zu instrumentalisieren.
Da es in Ungarn eine Vielzahl von Organisationen gibt, in denen ehemalige Freiheitskämpfer und Opfer der kommunistischen Diktatur aktiv sind, wurde neben dem Erinnerungskomitee auch ein gesellschaftliches Komitee ins Leben gerufen. Folgende Organisationen sind dort durch jeweils einen Delegierten repräsentiert: die Gemeinschaft der zwischen 1945-1956 aus politischen Gründen Verurteilten, der Bund der 56er, der Weltbund der ungarischen Freiheits­kämpfer, der Bund der ungarischen politischen Häftlinge, der Bund von Recsk (einem stali­nistischen Arbeitslager, das zwischen 1950-1953 existierte), die Organisation der in der Sowjet­union internierten ungarischen politischen Häftlinge und Zwangsarbeiter, die Gemein­schaft der Kameraden von Széna Tér, sowie das Komitee für historische Wiedergutmachung.
Das gesellschaftliche Komitee hat die Aufgabe, das Erinnerungskomitee zu unterstützen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Positionen der an der Revolution von 1956 beteiligten und heute noch lebenden Kämpfer in der ungarischen Öffentlichkeit Gehör finden.
 
Um die außerordentliche Bedeutung der Revolution von 1956 für Ungarn hervorzuheben, hat sich die Regierung Ungarns dazu entschlossen, ein nationales Denkmal zur Erinnerung an 1956 im Városliget, einer großen Parkanlage in Budapest, zu errichten. Der geplante Standort des Denkmals ist bereits historisch besetzt. Dort stand bis 1956 das gewaltige Stalindenkmal, das am Abend des 23. Oktober von den Revolutionären in einem symbolischen Akt vom Sockel gekippt und in seine Einzelteile zerlegt  wurde.
Das geplante Denkmal wird von der Regierung mit knapp drei Millionen Euro unterstützt. Außerdem fördert sie die Aufstellung eines weiteren Denkmales an der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität von Budapest. Hier hatte 1956 die Revolution ihren Anfang genommen. Nähere Informationen zu diesen Projekten kann der Besucher des Inter­netportals unter der Rubrik  „Kormányhatározatok“ (Regierungsbeschlüsse) finden.
Ein weiterer Artikel unter der Rubrik „Hírek“ (Nachrichten) berichtet über den Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin Anfang März in Ungarn, der mit Blick auf den Jahrestag besondere Aufmerksamkeit genoss. Während seines Aufenthalts legte der Präsident einen Kranz am Denkmal für die ungarischen Opfer der Revolution von 1956 nieder. Seinem Besuch maß das russische Staatsoberhaupt eine außerordentliche Bedeutung bei, da sich die Qualität der russisch-ungarischen Beziehung in den vergangenen vier Jahren grundlegend verändert habe. Die Revolution von 1956 betreffend erklärte er, dass es in der Vergangenheit viele Probleme zwischen den beiden Ländern gegeben habe und die Aufgabe jetzt darin be­stünde, gemeinsam nach vorne zu schauen, ohne die Vergangenheit zu vergessen.
 
Ein weiterer Beitrag in der Nachrichtenrubrik berichtet über einen Beschluss des amerikani­schen Senats zu 1956. Dieser würdigt die außerordentlichen Leistungen des ungarischen Vol­kes während der Revolution von 1956. Die Revolution habe den Zusammenbruch des Kom­munismus in Mittel- und Osteuropa 1989 sowie auch zwei Jahre später in der Sowjetunion maßgeblich beeinflusst. Es wird der Wunsch geäußert, dass Ungarns Integration in die NATO und in die Europäische Union zu Friede, Verständigung und Stabilität unter den Völkern der Region führen soll. An gleicher Stelle finden sich auch Informationen über den Besuch von Präsident Bush in Ungarn im Juni 2006.
 
Die ungarische Regierung unterstützt finanziell eine ganze Reihe von Filmprojekten, die das Thema der ungarischen Revolution behandeln. Die Website liefert dazu ausführliche Infor­mationen. Zu den geförderten Projekten gehört z.B. ein Film über das Leben von István Bibó. Der Film basiert zum einen auf einem Drehbuch mit dem Titel „Der Staatsminister“ von Árpád Göncz, zwischen 1990 und 2000 Präsident der ungarischen Republik, und zum anderen auf den Schriften von Bibó selbst.
Ein anderes Filmprojekt widmet sich Péter Mansfeld. Den am Aufstand beteiligten Jugend­lichen ereilte ein besonders grausames Schicksal. Er wurde in einem politisch motivierten Prozess im Jahr 1959, elf Tage nach seinem 18. Geburtstag, hingerichtet.
Eine Filmographie bietet darüber hinaus detaillierte Informationen zu älteren Filmen zum Thema und stellt deren Regisseure vor.
Die Rubrik „Sajtófigyelö“ (Presseschau) dokumentiert verschiedenste Berichte und Zeitungs­artikel, die anlässlich des Jahrestags erscheinen. Außerdem verweist das Portal auf Fernseh- und Radiosendungen zum Thema 1956. Neuerscheinungen auf dem ungarischen Büchermarkt werden rezensiert, Ausstellungen, sowie ein breites Spektrum an Veranstaltungen im In- und Ausland vorgestellt.
 
Die Website weist auch auf ein wichtiges Konferenzprojekt hin, das vom 1956er Institut in Budapest organisiert wird. Es steht unter dem Titel „Der Widerhall der Revolution von 1956 in den Ländern des Sowjetblocks“ und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie die kommunistische Regimes und die Bevölkerungen im Ostblock auf die Ereignisse in Ungarn reagiert haben. Weiterhin soll untersucht werden, in welchen Diskursen das Thema 1956 auf­taucht bzw. welche Lehren die kommunistischen Führungsschichten in Bezug auf notwendige Veränderungen und deren Richtung zog. Die Konferenz findet Ende September in Budapest statt.
 


Startseite der englischen Version des Spiels "Freedom Fighter 56"
 
Per Link zum ungarischen Bildungsministerium verweist die Website ebenfalls auf einen Wettbewerb, bei dem Schülerteams aufgefordert werden, sich am Erinnerungsjahr aktiv zu beteiligen. Das zu diesem Zweck entwickelte Computerspiel soll die Aufmerksamkeit unga­rischer Jugendlicher auf die Revolution lenken und ihnen die Ereignisse von damals näher bringen. Es wird in einer ungarischen und einer englischen Version angeboten. Der Wettbewerb heißt „Freedom Fighter 1956“. Allerdings fragt man sich, warum die Ungarn nicht ihr eigenes, sehr mächtig klingendes Wort „Szabadságharcos“ (Freiheits­kämpfer) für die Benennung des Spieles würdig fanden. Die Idee und der Aufbau des Spieles sind von hohem Niveau. An dem Spiel, das am 23. Januar 2006 startete, beteiligen sich inzwi­schen mehr als 300 Mannschaften, darunter auch Teams von im Ausland lebenden Ungarn. Das Finale findet genau zum 50. Jahrestag der Revolution, am 23. Oktober, statt. Den Ge­winner des Wettbewerbes wird merkwürdigerweise eine Bildungsreise nach Moskau in Aus­sicht gestellt.
Die von den Teilnehmern zu bewältigenden Aufgaben sind vielfältig: So gilt es zum Beispiel Quiz-Fragen zu beantworten und eine fiktive Rede des ungarischen Premierministers zu schreiben, die am 23. Oktober 1956 im Radio ausgestrahlt hätte werden können. Die Mann­schaften sollen außerdem eine Reportage über die Beziehung ihrer Familienangehörigen, Verwandten oder Bekannten zu den Ereignissen von 1956 erarbeiten und Photographien so­wie andere Dokumenten ausfindig machen. Der Wettbewerb regt somit auf geschickte Weise auch die jüngere Generation zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an.
Insgesamt liefert die leider nur in ungarischer Sprache vorliegende Website einen guten Ein­blick in die vielfältigen Initiativen und Projekte rund um den 50. Jahrestag der ungarischen Revolution von 1956. Sie dokumentiert damit gleichzeitig, wie präsent das Thema im heuti­gen Ungarn ist.
 
Zitierempfehlung:
János Branya, Die offizielle ungarische Website zum 50. Jahrestag der ungarischen Revolution 1956, in: Zeitgeschichte-online, Themenportal Ungarn 1956 – Geschichte und Erinnerung,
URL: <http://www.ungarn1956.de/site/40208638/default.aspx>


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