Lorant Rácz über die Diskussionen im Petőfi-Klub
(aus: Lorant Rácz, Ein Requiem auf den Sozialismus. Ungarn 1953 bis 1956, Norderstedt 2003, S. 32-39)
"Die vom Parteiführer Rákosi gegen die aufmüpfigen Schriftsteller geführten öffentlichen Angriffe, verbunden mit Drohungen und Repressalien, wurden von allen als Rückschlag in der politischen Entwicklung des Landes empfunden. In dieser gespannten Situation wirkte die aus Moskau eingelangte Nachricht über den im Februar 1956 abgehaltenen XX. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wie ein Paukenschlag. Die gefassten Kongress-Beschlüsse, so schien es, bestätigten das Juniprogramm 1953 von Imre Nagy und das im Herbst 1955 veröffentlichte Memorandum der ungarischen Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler. Aufhorchen ließ der Beschluss des Kongresses, demzufolge aus dem Kapitalismus nicht nur ein Weg, der sowjetische, zum Sozialismus führen kann. Da kam auch schon die noch größeres Aufsehen verursachende Meldung über die am 25. Februar von Nikita Chruschtschow in einer geheimen Sitzung des Kongresses gehaltene sog. „Geheimrede". In dieser Rede gab er unumwunden Stalin und dem mit seiner Person verbundenen Personenkult die Schuld für die blutigen Verbrechen der 30-er und 40-er Jahre. Trotz Geheimhaltung sickerte diese Rede durch und das ganze Land sprach nur noch vom XX. Kongress und der Rede Chruschtschows. Der seit dem Memorandum in der Presse geführte lockere Ton wurde immer schärfer und die von Imre Nagy angeführte Opposition fühlte sich bestätigt und bekam immer mehr Zulauf aus der Bevölkerung. In diesem Stadium rückten die Probleme aus Politik und Wirtschaft immer stärker in den Mittelpunkt der Diskussionen. Die Parteijugend erfasste am schnellsten die Situation und rief Anfang März 1956, unter der Schirmherrschaft ihrer eigenen Jugendorganisation (DISZ), eine anfangs lose Runde ins Leben, die sich einerseits aus aktiven Parteimitgliedern aus Politik, Wissenschaft und Kunst, anderseits aus der seit 1948 verstoßenen Elite und aus Interessenten der Universitäten bildete. Zweck dieser ins Leben gerufenen Runde war, einem größeren Publikum die Gelegenheit zu bieten, außerhalb der Parteigremien die Thesen des XX. Kongresses auf breiterer Basis zu diskutieren. Der Kreis entwickelte sich unter dem Namen „Petőfi Kör", das heißt „Petőfi Kreis", zu einer Institution der vorrevolutionären Jugend, so wie seinerzeit anno 1848. Auch seitens der Bevölkerung fand der Kreis große Zustimmung und wurde von der Presse kommentiert und begeistert begrüßt. Er wurde zur Plattform für die sich um Imre Nagy versammelte Opposition aus Wissenschaftlern, Künstlern und den vom ZK der Partei geächteten Schriftstellern.
Die erste öffentliche Veranstaltung des Kreises hatte den Titel „Volkswirtschafts- Debatte". Anfangs zeigten sich nur Parteimitglieder, aber im späteren Verlauf kamen immer mehr parteilose Fachleute und Interessenten in den Saal. So auch R, der nach seinem Rauswurf aus dem Institut für Politische Ökonomie wieder Interesse für Politik zeigte. Während dieser Sitzung spürte man in der Öffentlichkeit zum ersten Mal die Wirkung des XX. Kongresses, denn die Beiträge wurden immer mehr zu Forderungen. So zum Beispiel, dass die statistischen Daten veröffentlicht werden sollten, der Fünfjahresplan zu revidieren sei, die Preisbildung transparent gemacht werden müsse und in der Wirtschaft die klassische Ökonomie wieder zur Geltung kommen sollte. Nach der Debatte, es war schon spät in der Nacht, kam es zur heftigsten Diskussion, an die sich R noch heute gerne erinnert. Es tauchte die Frage auf, ob in der Volkswirtschaft überhaupt geplant werden könne, denn wer bestimme die Bedürfnisse der Bevölkerung? Und nach welchen Kriterien würden die Planvorgaben erstellt? Machten das die Partei und ihre Theoretiker? Diese maßten sich an, zu bestimmen, was der Mensch zu essen, zu trinken oder anzuziehen habe und was das Land benötige. Wenn das wissenschaftlich berechenbar und voraussehbar wäre, dann könne etwas nicht stimmen, denn es sei jahrelang danebenproduziert worden, wie nun die Erfahrung zeige.
Wie und mit welcher Methode sollte der Kapitalismus überholt und dadurch besiegt werden? Die Antwort wurde nicht gefunden, aber damit war sie nicht vom Tisch.
Auf die volkswirtschaftliche folgte die „Geschichte-Debatte".
An jenem Abend gab es keine Vortragenden, die Themen wurden vom Publikum vorgegeben und dann diskutiert. Die Geschichtsschreibung der letzten Jahre müsse revidiert werden, war die Hauptforderung. Die Parteigeschichte sei zu überprüfen und neu zu schreiben. Die Fachleute, Historiker und Studenten verwiesen auf die Fälschungen und wollten über deren Gründe diskutieren. In diesem Zusammenhang kam es zum ersten Mal zur Sprache, dass auch die Sozialdemokratie eine positive Rolle in der Geschichte gespielt habe. Ein anderer stellte fest, dass es auch fortschrittliche Habsburger auf dem ungarischen Thron gegeben habe, nicht nur Unterdrücker. Abschließend kamen alle Anwesenden, auch die Fachleute und Professoren, zu der Ansicht, dass die marxistische Geschichtsauffassung, d.h. der historische Materialismus, versagt habe, weil alles andere eingetreten sei, nur nicht das, was hätte eintreten müssen. Damit war auch Hegels Dialektik passe.
Am 16. Juni 1956, R hatte seine letzte Staatsprüfung hinter sich, kam es zur „Philosophie-Debatte", bei der György Lukács von den Anwesenden frenetisch begrüßt wurde. Von der Freudenkundgebung war er sichtlich gerührt.
Bei diesem Treffen wurde zum ersten Mal von vielen die Dominanz der marxistischen Philosophie kritisiert und die Zulassung idealistischer Philosophien gefordert – wenn auch nur in kritischer Form. R, der an dieser Debatte teilnahm, hatte den Eindruck, dass sein 1955 beschlagnahmter und eingestampfter Aufsatz jetzt voll bestätigt wurde. Das erfüllte ihn innerlich mit etwas Genugtuung. Doch die Debatte entwickelte sich nicht in die Richtung, die er sich erhofft hatte, denn sie wurde zur Auseinandersetzung zwischen den alten und den jungen Marxisten, wobei letztere die Interpretierung des „echten" Marxismus für sich in Anspruch nahmen. Keiner von ihnen hatte aber eine Vorstellung davon, was unter „echt" zu verstehen sei. Jedenfalls führte diese Debatte zu einer Erschütterung der marxistischen Philosophie. Später wurde in kleineren Kreisen weiter diskutiert und junge Menschen, unter ihnen auch R, stellten an Lukács die Frage, ob der Marxismus als Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus nicht doch eine Utopie sei, da er in Ungarn, nach fast acht Jahren Aufbau, versagt habe. Professor Lukács meinte, während er ununterbrochen an seiner Zigarre schmauchte, es sei vieles falsch gemacht worden, aber trotz dieser Fehler liege die Zukunft der Gesellschaft im Sozialismus. R hatte das Gefühl, dass dieser sehr gescheite und gutmütige Professor ein Träumer in Abstraktionen war. Mit dieser Meinung stand er nicht allein. Seit dieser Debatte, erinnert sich R, glauben die Marxisten noch immer, den rettenden Ausweg in der Unterscheidung zwischen Stalinismus und „echtem" Marxismus gefunden zu haben. Diese Bedauernswerten merken bis heute nicht, dass sie seither nicht nur einer Utopie, sondern auch einer konstruierten Fiktion nachlaufen. Bei Verfehlungen der Linken wird diese Unterscheidung von ihnen immer als Ausrede verwendet. Und zwar sowohl von östlichen als auch von westlichen Linken, von denen aber nicht unbedingt alle Marxisten sein müssen. Einige Tage später kam es zu einem Treffen zwischen den jungen und alten Parteikämpfern und Intellektuellen. Die Debatte hatte keinen Titel, rief aber später bei der Presse und der Bevölkerung die bisher größte Aufmerksamkeit hervor. R wollte dieses Treffen nicht besuchen, weil er sich nicht angesprochen fühlte. Ein Studienfreund überredete ihn aber, zu der schon seit mehreren Stunden andauernden Debatte mitzugehen. Angeblich sei die Stimmung einer Explosion nahe. Und wirklich! R und sein Freund konnten nicht mehr in das Gebäude, weil nicht nur der Saal überfüllt war, sondern auch der Gang und das Stiegenhaus. Die Leute, es konnten etwa 5-6000 gewesen sein, standen bereits auf der Straße. Clevere Organisatoren hatten in aller Eile straßenseitig Lautsprecher angebracht, um die sich Hunderte Menschen scharten. Die Stimmung im Saal erreichte ihren Höhepunkt, als sich die Frau des 1949 hingerichteten László Rajk, die nach fünf Jahre Einzelhaft entlassen worden war, zu Wort meldete. Nachdem sie ihren Leidensweg geschildert hatte, sagte sie: „Die Verbrecher haben nicht nur meinen Mann ermordet und mir mein Kind weggenommen, sie haben auch jedes Gefühl und jeden Anstand in diesem Land getötet. Mörder gehören nicht kritisiert, sondern bestraft. Ich werde solange keine Ruhe geben, solange diejenigen, die das Land ruiniert, Tausende Menschen vernichtet und Millionen ins Unglück gestürzt haben, nicht bestraft werden." Alle waren tief gerührt. Die Stille wurde durch Rufe nach den Verantwortlichen und deren Namen unterbrochen. Immer mehr Stimmen forderten die Rehabilitierung von Rajk. Die Stimmung der heftig geführten Diskussion ergriff auch die Zuhörer auf der Straße. Rhythmisch wurden die Namen der Schuldigen gefordert. R wurde das Gefühl nicht los, dass etwas in Gang gesetzt wurde, das nicht mehr aufzuhalten war. Er wusste noch nicht, dass er bei dieser Versammlung Zeuge eines Vorgangs war, in dem sich bereits der Geist der bevorstehenden Revolution zeigte. Besorgt sah sich R nach einer Fluchtmöglichkeit um, denn zum ersten Mal befürchtete er den Einsatz der Staatspolizei. Aber nichts dergleichen geschah und die erregte Menge zerstreute sich erst in den späten Nachtstunden.
Vermutlich aufgrund seines früheren politischen „Fehltrittes" wurde R zur sommerlichen Reserveoffizier-Ausbildung nicht einberufen. Er hatte seine Versetzung nach M schon in der Tasche, doch verschob er seine Abreise um einen Tag, als er von der bevorstehenden sog. „Presse-Debatte" erfuhr. An dieser beabsichtigten viele seiner Freunde und Bekannten teilzunehmen. Unter dem Jubel der Teilnehmer ergriff in der hitzigen, fast kampfbetont geführten Debatte der allseits bekannte und beliebte Schriftsteller Tibor Déry das Wort und forderte die sofortige Abschaffung der Zensur. Von anderen Diskutanten wurde die in der Verfassung garantierte Pressefreiheit verlangt. Viele Journalisten bekannten reumütig ihre Verfehlungen, die sie in der Vergangenheit begangen hatten, und versprachen feierlich, sich in Zukunft auf die Seite des Volkes zu stellen. Als Déry wieder zu Wort kam, klangen seine Sätze wie die Katarrhsis eines Enttäuschten. Er warf dem Regime vor, dass die Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt worden seien und dem Individuum, der Person, die Freiheitsrechte noch immer vorenthalten würden. Jeder habe das Recht, andere zu kritisieren. Die anwesenden Konformisten wurden verurteilt. Als Déry die sofortige Wiedereinsetzung von Imre Nagy forderte und Stimmen laut wurden, dass Rákosi abtreten und verschwinden solle, ging der Wirbel erst richtig los. R hatte wieder das Gefühl, dass jetzt der vielzitierte Geist aus der Flasche freigelassen würde, der nicht mehr zurückgedrängt werden könne.
Um ein besseres Verständnis für die Stimmung dieser ereignisvollen Zeit zu bekommen, muss abermals darauf hingewiesen werden, dass im Mittelpunkt jeder Diskussion die Aussagen des XX. Parteikongress der KPdSU standen. Besonders die Rede des neuen Sekretärs Chruschtschow wurde laufend zitiert. Denn in dieser Rede verwarf er das Stalinsche Dogma, demzufolge sich mit der Festigung der Proletardiktatur der Klassenkampf verschärfe. Diese Theorie, behauptete Chruschtschow, sei nichts anderes als die Bestätigung der Ideologie des Terrors. Auch stimme die dogmatische Auffassung nicht, so Chruschtschow weiter, wonach das Proletariat sich die Macht mittels Waffengewalt erkämpfen müsse. Sie könne diese nämlich auch auf parlamentarischem Weg erreichen. Die Rede Chruschtschows wurde vom Parteiorgan „Szabad nép", aber auch von allen anderen Zeitungen groß herausgebracht und wortwörtlich zitiert. Die Schriftsteller nahmen die Aussagen des Kongresses und die Rede des neuen Parteisekretärs mit Erleichterung auf und sahen sich und Imre Nagy bestätigt. Ein neues Gefühl überkam sie: Sie fürchteten sich nicht mehr vor einer Verhaftung. Das Staunen der Bevölkerung wurde zur Empörung, als die Geheimrede von Chruschtschow in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Es wurden alle Details über die Hinrichtungen, die Konzentrationslager, den Terror und den Völkermord beschrieben. Der Höhepunkt in dieser Auseinandersetzung wurde erreicht, als aus Italien die kritische Stellungsnahme Togliattis, des Führers der größten Kommunistischen Partei Westeuropas, die Runde machte. Dialektisch stellte Togliatti fest, dass die Gräueltaten nicht alleine auf den Personenkult zurückgeführt werden könnten. Wenn eine marxistische Erklärung gesucht werde, könne der logischen Folgerung nicht ausgewichen werden: Die Gräuel lägen im System selbst! Das war starker Tobak! Und die Wirkung auf die Schriftsteller blieb nicht aus. Diejenigen, die bereits seit längerem die Wurzel der Fehler in der Konstruktion selbst suchten, fanden Togliattis Gedankenzug sehr geistreich und hielten ihn für richtig. Jedenfalls erhielten die Schriftsteller dadurch Aufwind und konnten sich so auf die Ereignisse in Polen konzentrieren und diese analysieren. Am 28. Juni 1956 fand ein heute vermutlich schon von vielen längst vergessener, blutig niedergeschlagener Aufstand der Arbeiter in Posnan-Posen statt. Die Arbeiter der Lokomotivfabrik demonstrierten für höhere Löhne. Dieser Demonstration schlossen sich auch Arbeiter anderer Betriebe an. Die gegen sie ausgerückte Polizei wurde von den Arbeitern entwaffnet, anschließend das Gefängnis geöffnet und das Gebäude der Staatspolizei gestürmt. Die Regierung setzte die Armee ein, die das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Es gab fünfzig Tote und mehrere hundert Verwundete. Die Kommunistische Parteileitung demissionierte und der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassene Kommunist Gomulka wurde als Parteichef eingesetzt.
In Moskau müssen damals die ersten Sturmglocken geläutet haben, denn plötzlich tauchte in Budapest eine sowjetische Delegation mit Mikojan an der Spitze auf. Dieser setzte Rákosi, der gerade die Verhaftung von 400 zumeist rebellierenden Schriftstellern vorbereitete, kurzerhand ab. Worauf dieser umgehend das Land verlassen musste, um nie wieder zurückzukehren."