György Dalos
(aus György Dalos, Ungarn. Vom Roten Stern zur Stephanskrone, Frankfurt am Main 1991, S. 65-72)
Zwei Monate später fand der XX. Parteitag der KPdSU statt. In den Enthüllungen der Stalinschen Führungsmethoden konnte jeder Ungar ohne Schwierigkeiten die Methoden der Rákosi-Führung wiedererkennen: Der Diktator selbst, der auf dem sowjetischen Parteitag die ungarische Delegation leitete, beeilte sich nicht gerade, aus der neuesten Linie die Konsequenzen zu ziehen. Seine kriminelle Energie war noch längst nicht erschöpft, auch nicht im Bereich der Kulturpolitik.
Um die aufgewühlten jungen Intellektuellen zu beruhigen, rief die Partei einen Diskussionsclub, den berühmten Petöfi-Kreis, ins Leben. Diese taktisch gemeinte Maßnahme erwies sich jedoch bald als Bumerang. Die Clubabende, auf denen über Ökonomie, über Philosophie, über die Presse und über die Landwirtschaft frei diskutiert wurde, lockten sehr viel Publikum an. Im Spätsommer des Jahres 1956 waren die Organisatoren gezwungen, vor dem Versammlungsgebäude Lautsprecher aufzustellen, damit auch diejenigen etwas hören konnten, die nicht mehr in den Saal hineinpaßten. Mehr und mehr wurden die Clubabende zu hitzigen Protestversammlungen gegen die Politik der Partei. Die Hauptforderung war, man möge aus den sowjetischen Veränderungen möglichst schnell Konsequenzen ziehen. Als Gegenmodell zum osteuropäischen Stalinismus diente jedoch nicht die Sowjetunion, sondern Titos Jugoslawien mit seinen Arbeiterräten. Von den Sprechern der Partei wollte man nichts mehr wissen.
Der Apparat war nun außerstande, die literarische Rebellion aufzuhalten. Diese differenzierte sich langsam durch unterschiedliche Radikalität ihrer Forderungen; eines jedoch blieb allen gemeinsam: Man wollte jede Spur des Rákosi-Systems ausmerzen. Alle erwünschten Veränderungen wurden allerdings ausdrücklich im sozialistischen bzw. kommunistischen Rahmen gesehen und erdacht.
Die radikalsten Protestler wollten den literarischen Kampf zu einem offen politischen machen, der vor allem gegen die Funktionäre gerichtet sein sollte. Den Schriftstellern dachten sie dabei eine führende Rolle zu. Gegenüber der Parteiherrschaft plädierten sie für eine Kompetenzerweiterung der formal existierenden Nationalen Front und außerdem für die Einbeziehung Parteiloser in die Politik.
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Gemäßigtere Schriftsteller beschränkten sich darauf, die Funktionäre aus Literatur und Kunst entfernen zu wollen. Aber auch unter den letzteren gab es eher leidenschaftliche Naturen, die die Literatur als eine Art Gegenmacht betrachteten. Der Dichter Peter Kuczka, zu Beginn der fünfziger Jahre »der ungarische Majakowski« genannt, klagte die Parteiführung öffentlich an, weil »die Schriftsteller noch immer nicht über die zum Kampf notwendige Macht verfügen. Es sind noch nicht alle Mittel garantiert, die für eine freie Presse im kommunistischen Sinne unentbehrlich wären« Der Journalist Tibor Tardos versuchte sogar, der Partei ihre Legitimation zur Machtausübung abzusprechen, indem er anläßlich einer Diskussion im Petöfi-Kreis behauptete: »Die Partei sind wir, die Partei ist unsere immer größer werdende Gruppe ...«
Es gab auch eine Tendenz, sich aus der großen Politik herauszuhalten und den Kampf auf berufliche Forderungen zu beschränken. So rügt ein Kritiker die bürokratische Langsamkeit der Verlage: »Der Drucker Andreas Hess richtete seine Werkstatt im Mai 1472 ein. Zu Beginn des Jahres 1473 begann er die Chronica Hungarorum zu setzen, und das Buch erschien bereits zu Pfingsten, also nach 133 Tagen. Wäre es vielleicht möglich, zu erreichen, daß der Akademische Verlag die Produktion von Zeitschriften wenigstens auf diese Geschwindigkeit bringt?« Das war eine rein berufliche Forderung, obwohl ihre Schärfe gegen die Zensur der zuständigen Abteilung des ZK gerichtet war.(…)
Eine der sehr gemäßigten Stimmen gehörte dem Bauernschriftsteller Peter Veres, dem damaligen Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes. Obwohl er, vor wenigen Jahren noch Hauptstütze der offiziellen Kulturpolitik, sich jetzt für die Reformen einsetzte, versuchte er trotzdem, die Leidenschaften etwas zu zügeln: »Der Kampf um eine neue Literatur muß unter den Bedingungen des freien Meinungsaustausches hauptsächlich in Werken und durch Werke ausgefochten werden.«
Es war jedoch im Juni 1956 bereits zu spät, Nüchternheit zu predigen. Die Atmosphäre war so aufgewühlt, daß plötzlich alles politisch wurde. Bei der Premiere von Shakespeares Stück »Richard der Dritte« kam es zu einer Spontandemonstration. Anlaß war die Szene, in der der Gerichtsschreiber dem Publikum das bereits vor dem Prozeß verfertigte Todesurteil von Hastings zeigt. Die ungarischen Zuschauer fühlten sich an neuere Schandtaten erinnert und forderten die Rehabilitierung der Opfer der großen Schauprozesse. (…)
Die Helden des Budapester Frühlings waren keine politischen Dissidenten im heutigen Sinne, sondern Parteireformer, mit einer Partei im Hintergrund, die langsam ihre Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung vollständig eingebüßt hatte. Deshalb klingen manche ihrer Reminiszenzen an das 19. Jahrhundert so hohl. Der Publizist Tibor Tardos schrieb in einem Jubiläumsartikel zu 1848: »Wie einfach war es damals ... die Pressefreiheit zu erringen! Petöfi und seine Freunde legten ihre Hand auf eine alte, schwarze, ölige Druckmaschine. Und in Ungarn entstand, durch Handauflegen wie bei der Heilung in Patagonien, die Pressefreiheit. Seit Jahren blicken uns die Petöfi-Denkmäler mit einer Frage in den Augen, ja sogar streng und haßerfüllt an.«
Petöfi und die Teilnehmer an der Bewegung des ungarischen Vormärz hatten es wirklich »einfach«. Sie verfügten über keine freie Presse und verschafften sich eine. Dagegen ließ die Generation der Sechsundfünfziger ihre immer freieren Gedanken nach wie vor in der parteioffiziellen Presse drucken. Und obwohl ihre Verdienste um die Erweiterung von Spielräumen der Freiheit und Öffentlichkeit außer Frage stehen, erwiesen sich Herkunft und Form dieses Widerstandes für die meisten von ihnen auf lange Sicht als bestimmend.
Dies vor allem deshalb, weil die Ereignisse bereits im Sommer 1956 die ungarischen Intellektuellen längst überholt hatten. Der letzte Versuch der Partei, irgendeine Offensive zu starten, nämlich das plötzliche Verbot des Petöfi-Kreises im Juni 1956, kam ebenfalls zu spät. Auf der Suche nach Unterstützung in der Öffentlichkeit verhandelten die Stalinisten bereits mit dem parteilos gewordenen Imre Nagy. Auf eine überraschende Intervention Moskaus hin wurde Rákosi Ende Juli entlassen. Die neue Parteispitze wurde außer mit früheren Funktionären um solche ergänzt, die aus dem Gefängnis entlassen worden waren - darunter auch János Kádár. Doch alles half nicht mehr. Anfang Oktober organisierte die Partei ein offizielles Begräbnis für Rajk und Genossen. Dieses Ereignis mündete in eine beispiellose Demonstration, an der Zehntausende teilnahmen. Die Koalition der Trauergäste war umfassend. Sie reichte von enttäuschten Kommunisten bis hin zu wütenden Antikommunisten. Die »Literarische Zeitung« hatte keine Sensationen mehr zu bieten. Man konnte jetzt auch in der Parteipresse Überraschendes lesen.
Imre Nagy wurde am 17. Oktober wieder in die Partei aufgenommen. Um den zwanzigsten Oktober herum organisierte die Studentenschaft Solidaritätskundgebungen mit den polnischen Kommunisten, die auf ihrem Parteitag gerade politische Reformen versprochen hatten. Für Dienstag, den 23. Oktober wurde eine große Demonstration geplant. Die Mitglieder des Politbüros hielten sich an diesem Tag in Belgrad auf, um Aussöhnungsdiplomatie mit Titos Jugoslawien zu betreiben. Der Innenminister hatte die Demonstration zunächst verboten, lenkte aber einige Stunden später ein, da sich die Bewegung als unaufhaltsam erwies. Am Abend wurde auf die Menschenmenge vor dem Rundfunkgebäude geschossen, und in der Nacht tauchten die ersten sowjetischen Panzer in den Straßen der Hauptstadt auf.
Am zweiten November schrieb der Schriftsteller Tibor Déry in der "Literarischen Zeitung": "Als ich die ersten Schüsse hörte, stieg mir das Blut zu Kopf: Dafür bist du mitverantwortlich! Du hast geredet, gehetzt - wie wirst du jetzt den Toten gegenüber Rechenschaft ablegen ... Bei jedem neuen Schuß hatte ich das verrückte Gefühl, selbst auf den Abzugshahn zu drücken ... Meine Freunde, ich nehme die Verantwortung auf mich ... Wir ungarischen Schriftsteller haben doch zumindest eine Entschuldigung: Wir haben früher als alle anderen mit dem Kampf gegen die Tyrannei begonnen ..."
Diese Selbstanklage Dérys, die später, nach der Niederwerfung des Aufstands, zu seinem Gerichtsurteil mit beigetragen hat, sollten wir mit einiger Skepsis betrachten. Zwar ist es richtig, daß die Schriftsteller als erste der Diktatur den Kampf angesagt haben, doch dies ist durchaus verständlich. Sie allein verfügten über die Macht des Wortes und indirekt über die Möglichkeiten zu dessen Verbreitung. Die schweigende Mehrheit der Bevölkerung, viel stärker in Unmündigkeit gehalten als die Intellektuellen, konnte ihre Unzufriedenheit am wenigsten artikulieren. Das Wesentliche an der ganzen Angelegenheit war aber weder diese schweigende Unzufriedenheit noch die lautstarke Agitation durch die Literatur, sondern die Schizophrenie des Systems, das nicht mehr imstande war, seine Krise zu bewältigen oder zumindest mit Hilfe der Zensur zu verschleiern. In diesem Sinne müssen wir von den großen Worten Dérys ein wenig zurücknehmen, gleichgültig, ob dies wie eine Entschuldigung oder wie Kritik klingt. Der ungarische Oktoberaufstand wurde zwar von den Schriftstellern mitgetragen, war jedoch kein Werk der Literaten. Was ist aus den ehemaligen Protestlern geworden? Viele von ihnen verließen das Land, nachdem die sowjetischen Truppen den Aufstand niedergeschlagen hatten. Einige wurden in den darauffolgenden Prozessen zu schweren Haftstrafen verurteilt, andere zu vielen Jahren Publikationsverbot verdammt. Nach dem Amnestie 1960 kamen jedoch die meisten inhaftierten Schriftsteller wieder frei. Dies war nicht zuletzt der Solidarität ihrer westlichen Kollegen, wie Sartre, Camus und anderer, zu verdanken.
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