Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Tibor Déry

(aus: Kein Urteil. Erinnerungen, Berlin 1983, S. 440ff.)
 
Ich wußte zwar, daß meine tatsächliche Rolle bei den 56er Ereignissen nicht einmal aus der Sicht der praktischen Politik für der Todesstrafe würdig erachtet werden konnte und daß Wirklichkeit auch die mir zugemessenen neun Jahre Haft weit über das Maß der vernünftig und politisch berechtigt scheinenden Ahndung hinausgingen, von meiner dem Gewissen nach absoluten Schuldlosigkeit ganz zu schweigen; dennoch ging ich von der Fiktion aus, meine bedeutende historische Gestalt sollte liquidiert werden; zugegeben, mein Volkstribunenselbstgefühl war zwei Jahre lang unaufhörlich gemästet worden. Hätte ich während jener Nacht in der Todeszelle mehr Zeit gehabt, wäre ich noch, überheblich geworden in meiner eingebildeten Märtyrerrolle, für die mir die Nation dereinst vermutlich mit einem mehr oder weniger schmucken Marmor­grabdenkmal ihren Dank abstatten würde. Doch ich hatte we­nig Zeit. Wenn ich am Morgen hingerichtet werden sollte, mußte ich vorher meine sonstigen Angelegenheiten unter die Lupe nehmen. Meine Mutter war fast ein Jahr vorher gestor­ben, von ihrem Tode hatte ich im Gefängnis erfahren, mit halbjähriger Verspätung. Auch mein Hund Niki war im Herbst 1957 gestorben, aus Feingefühl hatte man mir auch das erst später mitgeteilt, ich mußte also nur das Schicksal meiner Frau in Gedanken ordnen, und damit verging sozusagen die ganze Nacht. Meine wenigen Freunde - die Szilasis! - würden wohl in der Pflege meines Angedenkens Trost finden, mein fragmentarisches Werk würde irgendwann schon unter der Erde hervortauchen und auf eine Seite der literarischen Handbücher finden, nur meine Frau ... Rákosi würde sich vermutlich auch an ihr rächen, denn es lag auf der Hand, daß er heimgekehrt war und wieder die Macht ausübte und daß mein Galgen auf seinen Befehl gezimmert wurde.
Es soll nicht verschwiegen werden, daß sich während dieser Geistesübungen unaufhörlich auch mein nüchterner Verstand zu Worte meldete und bezüglich meiner Hinrichtung im Verein mit dem angeborenen Optimismus meines Naturells starke Zweifel anmeldete. Es ist doch unmöglich, sagte ich mir im Fluß meiner sonstigen Gedankengänge, daß sie es sich jetzt plötzlich anders überlegen und mich aufknüpfen, nachdem sie mich zwei Jahre lang sorgfältig gepflegt, ärztlich untersucht und im Lazarett behandelt haben. Ich bin zwar eine Gefahr verstrahlende, herausragende historische Persönlichkeit, aber dieser Überzeugung ist die Staatsmacht schon seit zwei Jahren, trotzdem hat sie mich am Leben gelassen. Allerdings kann die politische Notwendigkeit jederzeit die Stimme erheben. Ebenso die Laune der Geschichte. Allerdings ist Rákosi wieder an der Macht.
Wie gesagt, ich schlief ein, als der Morgen graute. Ich wurde bald geweckt und auf den Gang befohlen, wo der gleiche Zug wie am Vortag bereitstand, aber auf das Doppelte angewachsen. Der Kalfaktor setzte das verschnürte Bücherpaket zu meinen Füßen ab. In dem langen, düster beleuchteten Gang tauschten die Männer ihre Vermutungen aus, dann wurden wir in die bereitstehenden Gefangenenwagen verladen. Das Bücherpaket kam mit mir, zum Galgen brachte man uns also nicht. Daß man mich lediglich aus Platzmangel in die Todeszelle einquartiert hatte, war mir am Abend nicht im mindesten in den Sinn gekommen.
Mein politisches Auftreten in jenen Jahren ist vermutlich ebenfalls meinem mangelhaften Sinn für das Gleichmaß zuzuschreiben, desgleichen seiner Folgeerscheinung, daß ich weder meinen Platz in der Welt kannte noch meine Fähigkeiten, ihn ohne Großtuerei gebührlich einzunehmen. Vorausgeschickt sei, daß ich es nicht bereut habe, genauer, daß ich mich dessen nicht schäme. Aber es paßte weder zu meinem Naturell noch zu meinem stümperhaften politischen Wissen und schon gar nicht zu meiner erklärten Aufgabe, der schriftstellerischen Arbeit. In meiner beschämenden Unwissenheit, die schon oberflächliche Geschichtskenntnisse aufzuheben vermocht hätten, kannte ich nicht die Waffen der Politik, mit denen sie zu- und zurückschlägt, also griff ich schlecht an, und noch schlechter wehrte ich mich. Wenn ich heute - unter unserer Prunus sitzend, Gott sei's gedankt – in Kenntnis des Wesens der Macht zurückschaue, verstehe ich, daß sie mir, ihren Eigengesetzen folgend, nicht anders antworten konnte, als sie es tat; Rákosi hätte mich über kurz oder lang in der Tat henken lassen, und unter Rákosi mußte ich einfach ins Gefängnis kommen.
Wenn ich – unter dem großen Baum hervor – meinen Blick, soweit er halt reicht, über den gegenwärtigen düsteren Zustand der Welt schweifen lasse, bekräftigt mich dieser zunehmend in einer Vermutung, die ich schon das längeren hege, daß sich nämlich unsere Aggressionstriebe nicht allein zum Schutz materieller Interessen entwickelt haben. Der Mensch sucht vom Augenblick seiner Geburt an nach Opfern: einem anderen Menschen. Aus der Wiege tretend, hält er Umschau, wo ein Gegner zu finden sei. Mit untrüglicher Sicherheit wählt er sich denjenigen oder diejenigen aus, die seinem Geschmack am ehesten entsprechen, das heißt, die dem von unseren Emotionen geformten Idealtyp am nächsten kommen.
Nicht aufgrund eigener Erfahrungen.- denn unsere Erfahrungen sind weder eindeutig noch objektiv, sie sind von unseren Voreingenommenheiten ausgefiltert sondern unseren schon im Mutterleib entstandenen Neigungen folgend. Daher rührt es offenbar, daß wir unseren Mitmenschen schon auf den ersten Blick mit Sympathie oder Antipathie begegnen, und dieses unser Gefühl trügt – was unseren Nutzen oder Schaden betrifft – im seltensten Fall. Der Mensch erschafft sich – wie ein Gott – seine Gegner aus dem Nichts.
Persönlich begegnete ich Rákosi zweimal, für drei oder vier Minuten auf einem Empfang und später in seinem Arbeitszimmer an der Akademiestraße, wo wir zweieinhalb Stunden miteinander sprachen, ich berichtige, er sprach, ich kam nicht zu Wort. Bei den persönlichen Begegnungen begann meine Voreingenommenheit sofort zu arbeiten. Obwohl ich keinen Maßstab habe, ihn als Politiker daran zu messen, sind mir seine Regierungsmethoden auf das äußerste verhaßt, doch ein Urteil zu fällen, nehme ich mir auch heute – unter der Prunus – nicht heraus.
Meine Rede im Petőfikreis 56, nach der mich Rákosi aus der Partei ausschließen ließ und angeblich auf seine berüchtigte Todesliste setzte, handelte im wesentlichen von ihm, wenngleich ich ihn nicht beim Namen nennen konnte. Die Rede und auch die Rolle, die ich davor und danach übernahm, zeugt wieder von wenig Sinn für das Gleichmaß, also von einer Verkennung meiner Arbeit, meiner Pflichten,. meiner Fähigkeiten. Der Offiziersrang, in den ich, mit dem Talent eines gemeinen Soldaten ausgestattet, mich damals kleidete, stand mir nicht zu. Ich suche eine Entschuldigung dafür, und ich finde sie natürlich auch.
Eine, die nicht zu verachten ist: die Enttäuschung.
Auch wer von sich selbst enttäuscht ist, sucht den Fehler in der Regel bei den anderen. Und er findet ihn; der nach Selbstbestätigung hungernde Geist durchforscht das Gewirr der Ursachen mit unermüdlicher Hartnäckigkeit und Findigkeit so lange, bis er die ihm passende findet, die eine Erklärung für seine Irrtümer liefert. Adam schimpfte sicherlich auf Eva, daß sie ihn den Apfel hatte essen lassen; aber warum hat er ihn gegessen? Ich machte für meine Enttäuschung nicht meine eigene Uniformiertheit, meine politische Unwissenheit oder die Unschärfe meines Blickes verantwortlich, sondern diejenigen, die den von mir hochgeschätzten Plan durchführten. Im Plan suchte ich keinen Fehler, nur in der Exegese. Obwohl ich sie erst viel später kennenlernte, hielt ich mich unbewußt an die Marxsche These, ein Zweck, der unheilige Mittel benötige, könne nicht heilig sein. Und je spürbarer in unserer politischen Praxis der angenehme und von mir als obligatorisch angesehene Einklang zwischen Zweck und Mittel fehlte, um so stärker regte sich meine Unzufriedenheit, wuchs meine Unruhe und bemächtigte sich Enttäuschung meiner. Diese Entwicklung begann im wesentlichen mit dem Rajkprozeß, ich erwähnte es. Ich hielt an mich und hoffte. Teilweise – oder größtenteils? – vielleicht aus Eigennutz, aus unbewußtem, ich will mir nichts vormachen. Möglicherweise fehlte mir auch der Mut, meinen wachsenden Zweifeln auf den Grund zu gehen und mit der notwendigen radikalen Abrechnung zugleich auch mich zu entlarven. Sollte ich mich wieder an den Rand drängen lassen, außerhalb der Gesellschaft, außerhalb der Literatur, sollte ich mit sechzig Jahren wieder nur für den Schubkasten schreiben, wie fast fünfundzwanzig Jahre lang? Unvergeßlich sind mir das Jahr 45 und die ersten darauffolgenden Jahre, als ich endlich ein verständliches Glied der Gesellschaft sein konnte – oder wenigstens zu sein vermeinte – und das schlechte Allgemeinbefinden, das meine ganze Jugend und mein Mannesalter beherrscht hatte, sich aufzulösen schien, mich zeitweise vielleicht auch ganz verließ. Sicherlich liegt es an dieser Erinnerung und an dem mit ihr harmonierenden, noch älteren, aus der Jugend stammenden Nachlaß, daß ich beim Erklingen der Internationale – wenngleich ich den politischen Inhalt des Textes mit Zweifeln zur Kenntnis nehme – noch heute den Kopf hebe wie ein altes Kampfroß beim Klang der Trompete und mein beschleunigter Kreislauf das Aufleben einer alten Hoffnung signalisiert. Meine Frau behauptet, ich summte dieses Lied vor mich hin, wenn ich beim Abfassen dieser Notizen nachdenklich im Garten oder im Zimmer auf und ab ginge.
Doch zurück: Man sieht, ich wagte nicht, die Abrechnung mit mir in Angriff zu nehmen.
Als im Juni 1956 aus dem Zusammenspiel unzähliger Faktoren die Minute vor mich trat – ich hatte mich langsam auf sie zu entwickelt –, aus der heraus ich endlich vor der Öffentlichkeit des Landes – und diese schien diesmal wirklich mit dem so viel zitierten Volk identisch – endlich alles oder zumindest das Wesentliche, das sich aus meinem langen inneren Ringen herauskristallisiert hatte und aus meiner Privatsache offenkundig zur öffentlichen Sache geworden war, sagen konnte – denn ich war genötigt, es zu sagen –, da verlor ich – und das macht es vielleicht einigermaßen verständlich – das Augenmaß, und die maßlosen Emotionen der Enttäuschung, des Zornes, der Renitenz ließen mich vergessen, daß ich nicht mehr war als ein gemeiner Soldat. Auf dem Podium des Offiziersklubs stehend – erinnern Sie sich? –, wurde ich durch das außerordentlich lautstarke Einverständnis von sieben– bis achttausend Menschen bekräftigt, selbstverständlich. Für kurze Zeit war ich glücklich.
Es lag nicht nur am Einverständnis der achttausend Menschen, das hätte jeder einigermaßen talentierte Schauspieler für eine gewisse Zeit herbeiführen können, und nicht einmal daran, daß ich wußte, daß sie mir in Vertretung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung zustimmten. Ich fühlte mich verantwortlich – sicherlich auch mehrere andere Redner – für die ganze hinter uns liegende Periode, und es machte mich glücklich, daß ich beginnen konnte, meine Schulden abzutragen. Aber ich konnte damit nur beginnen. Die Schulden bestehen noch, sie lassen sich auch nicht tilgen, die Verantwortung fühle ich auch heute, hier oben, zwischen den Weingärten.
Hinzufügen möchte ich, daß es mich nur teilweise erleichtert, aber nicht freispricht, daß ich diese Verantwortung mit hunderttausend anderen teile. Sündenerlaß wird mir nur zuteil, wenn ich allein alles auf mich nehme. Der Komplize ist keine Entschuldigung, bestenfalls eine Erklärung. Wenn ich mich aus Unwissenheit schuldig gemacht habe, ist meine Unwissenheit zur Verantwortung zu ziehen. Die These gilt natürlich nur für mich und kann auf niemand anderen ausgeweitet werden, doch wie ich mit mir selbst umspringen möchte, ist meine Sache. So viele passende Entschuldigungen ich auch fände und andere für mich fänden, ich spräche mich nicht frei.
Die Heftigkeit meiner Rede im Petőfikreis entsprang also, wie ich annehme, vor allem diesem Verantwortungsbewußtsein, das sich schon lange in mir regte und nicht befriedigt wurde, und dem Vorwurf versäumter Pflicht. Auch allein mit mir, möchte ich nicht arrogant sein, in den vergangenen Jahren – zwölf an der Zahl – hat sich dieses Schuldbewußtsein ebenso gelegt wie alle meine Emotionen. Vermutlich waren es aber den in mir arbeitenden Motiven ähnelnde Gründe, die zahllose andere ehrliche Kommunisten damals veranlaßten, sich gegen die Partei zu stellen und, unter dem Druck des Gewissens von ihrer Vergangenheit lassend, wie auch später im Oktober nicht aus frischer neophytischer Überzeugung, sondern in der Hoffnung auf eine unrealisierbare Wiedergutmachung, von einem Extrem ins andere zu fallen. Natürlich denke ich nicht an die jeweiligen Konjunkturritter, nicht an die, die sich reinwaschen wollen, und nicht an die stets zu einer Abwehrhaltung genötigte Masse der kleinen Leute, also nicht an die Mehrheit. In scharfen Kurven der Geschichte wechselt jede Epoche die Pferde.
Nur noch mit mir selbst habe ich abzumachen, daß ich im Gefängnis an der Hauptstraße bei der Gerichtsverhandlung die Rede widerrief. Freilich, ich wiederhole es, wäre es nicht meine Sache gewesen, sie zu halten.
Zu meiner Belehrung also nahm ich – wenn es noch nicht zu spät ist – noch einmal den Beginn meines Erwachsenseins in Augenschein, meine im vorangegangenen Kapitel geschilderte Angestelltenzeit und diese Station vom Juni 1956. Wer hätte gedacht, daß man sich mit fortschreitendem Alter so verändert, sage ich mir, auf dem Gipfel des Tamásberges sitzend. Nicht auf dem Gipfel, nur am Hang.
 

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