Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Erich Loest

(aus: Erich Loest, Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf, 1990)

(…) Und dann dieser 30. Oktober 1956: Ein Freund rief an, ein Warschauer Journalist sei in Leipzig, Hochinteressantes berichte er vom polnischen Oktober, man wolle sich mit ihm zusammensetzen, habe L. Interesse? Natürlich! rief er, und wo? Das sei noch nicht geklärt, erfuhr er und schlug sofort vor: Kommt alle zu uns, bei uns ist der meiste Platz.
Dieser brachte jenen mit, manchen kannte L., manchen nicht. Sie packten Flaschen aus, und los ging es mit einem enthusiastischen Bericht über Polens Wandlung vom stalinistischen Unrechtsstaat zur wahren sozialistischen Demokratie unter Gomulka, der im Gefängnis gesessen hatte und nun ein neuer Messias war, begeistert stünden die Volksmassen hinter ihm. Die Sowjets habe er schlau neutralisiert, mit der Kirche endlich Frieden geschlossen. Frei sei die Bahn für eine wahrhaft sozialistische Entwicklung ohne Fesseln. Wie erwacht legten die Zeitungen Probleme dar, suchten nach Wegen - Beispiel auf Beispiel türmte der glühende Missionar und kargte keineswegs mit der Aufforderung, nun gefälligst auch in der DDR eine Wende zu ertrotzen. Polen habe seinen sozialistischen Oktober gehabt, wann zöge die DDR nach?
Angesteckt vom Eiferer ergingen sich seine Zuhörer in Spekulationen, wie's denn in der DDR weitergehen könne mit der Überwindung von Dogmatismus und Personenkult. Ulbricht würde als erster gehen müssen, das schien ihnen sonnenklar, wer noch? Schirdewan, Hager, Staatssicherheitsminister Wollweber, Grotewohl vielleicht nicht, auch nicht Pieck, Leipzigs Bezirkssekretär Fröhlich bestimmt, und L. nannte den Namen seines Widersachers Wagner. Die Formeln knallten nur so, Apparat, Dogmatismus, hatte Lenin wirklich vor Stalin gewarnt? Bucharin und die Trotzkisten, der überschnelle Aufbau der Schwerindustrie, die Liquidierung der Kulaken? Aber, ermahnte einer, nicht wir paar Leutchen aus der Intelligenz geben den Ausschlag, sondern die Arbeiter; Räte müssen gebildet werden, und sie müssen Schritt für Schritt ihre Macht ausweiten. Genau wie bei uns! rief da der Gast und pries die Arbeiter der Autofabrik von Zeran, die eine Schutztruppe für Gomulka gebildet und sowjetfeindliche Demonstranten zerstreut hatten, von ihnen waren Armee-Einheiten für Gomulka gewonnen und ZK-Mitglieder über Truppenbewegungen informiert worden, sie hatten Verbindung zu anderen Betrieben im Land geknüpft. Aber, mahnte der Gast, vergeßt nicht die enorme Rolle der Studentenzeitschrift >Po prostu<, auch die Intelligenz hat ihren Platz! Als einer sagte, die Stalinisten hätten Fehler gemacht, warf der Pole eiskalt ein: »Stalinisten machen keine Fehler, sie sind Verbrecher.« Jahrelang habe er selbst, aktiver Kämpfer gegen die Faschisten, nach dem Krieg im Lager gesessen. Der Hitler-Stalin-Pakt, der Polen zerrieb, die Aussiedelung von Millionen aus Ostpolen nach dem Krieg - kein Ende, kein Ende! Und wieder das deutsche Thema: Wie war das in der DDR gewesen mit den Prozessen gegen Leo Bauer und Lex Ende, und war Franz Dahlem zu Recht gefeuert worden? Gomulka hatte im Gefängnis geses­sen und war nun Erster Sekretär der Partei, würde es in der DDR analog gehen, wie stand es um Paul Merker? Großer Quatsch, sagten andre, Merker doch nicht, der ist völlig kaputt. Und in Ungarn, Erich, fragten seine Freunde, da ist unter den Schriftstellern der Teufel los, wie kannst du das erklären? Und bei uns, unterbrach einer, wie ist das mit der Bezahlung für das Uranerz aus Johanngeorgenstadt?
Gegen zehn klingelte das Telefon: Joachim Wenzel war gerade aus Berlin gekommen und fühlte dringendes Bedürfnis nach einem Gespräch. Komm doch her! rief L. Eine halbe Stunde später wurde die Debatte durch Details aus der Hauptstadt bereichert, Harich habe Ulbricht eine Denkschrift unterbreitet, Kulturminister Becher habe den Leiter des Aufbau-Verlags, Walter Janka, den erfahrenen Offizier aus dem Spanischen Bürgerkrieg, ausersehen, mit dem Auto über die Bundesrepublik und Osterreich nach Budapest vorzustoßen und Georg Lukács herauszuholen. In letzter Minute sei das Kommandounternehmen abgeblasen worden, da man erfahren habe, daß Lukács in Sicherheit sei. (Diese Episode hat Stefan Heym in seinem »Collin«-Roman geschildert; Janka hatte Heym wohl davon erzählt.) Also auch in Berlin schäumende Debatte, auch dort würden die Namen derer, die ihre Ämter zu räumen hätten, wie die der Nachfolger heiß gehandelt.
Gegen Mitternacht zog sich Annelies - sie war schwanger und überhaupt der Rederei müde - zurück. Auch der Pole verabschiedete sich, nun kochten zehn Enthusiasten, allesamt Genossen, weiter im eigenen Saft. Und wenn es auch in der DDR zum Kampf kommen sollte, wenn wie am 17. Juni die Westberliner Agentenzentralen ihre Stoßtrupps vorschickten? Dann werden wir, so versicherten sie ohne Zaudern, mit Ulbricht auf derselben Seite der Barrikade kämpfen, was denn sonst. Und kein Packeln mit irgendeiner Stelle des Westens, nicht mit den Sozialdemokraten und ihrem Ostbüro etwa, sonst werden wir und alle unsere Bemühungen unglaubwürdig!
Noch ein Bier, noch ein Schnaps, die Debatte versickerte, versackte, gegen zwei, drei gingen die letzten, auch L. legte sich schlafen. Wenn er in den nächsten Tagen diesen und jenen seiner Mitdiskutierer traf, sagten sie sich, daß es besser wäre, wenn sie nicht allzu laut über die Begegnung mit dem Polen und ihre Spekulationen sprächen, die Partei sähe solcherlei bestimmt nicht gern. Denn inzwischen ging die SED in die Offensive: Eduard v. Schnitzler, Chefkommentator des Rundfunks, hatte Ulbricht, Grotewohl und vier Berliner Arbeiter zu einem Rundtischgespräch versammelt, im Frage- und Antwortspiel war den führenden Genossen die Möglichkeit gegeben worden, zur Welt- und DDR-Lage Stellung zu nehmen. Die Konterrevolution griffe an, erklärten die beiden, jetzt gelte es mehr denn je, fest mit der Sowjetunion zusammenzustehen. Wie es denn stünde mit der Gesetzlichkeit in der DDR, ließ Grotewohl sich fragen, und antwortete, an die 20 000 Häftlinge seien im letzten Halbjahr auf freien Fuß gesetzt worden, darunter jeder, der angab, er sei Sozialdemokrat. Eng bleibe das Bündnis mit den Mittelschichten, kein Grund sei vorhanden, in der Volkskammer etwa neue Fraktionen zu bilden, die bisherigen bürgerlichen Parteien genügten vollauf für eine lebendig funktionierende Demokratie. Natürlich gäbe es hier und da an der Wirksamkeit der Volksvertretungen etwas zu verbessern, aber: »Bei uns besteht gar kein Anlaß«, so Grotewohl, »die Regierung zu verändern. Regierungswechsel - nur weil es Mode ist - machen wir nicht mit. Wir sind für Modekrankheiten vollkommen unempfindlich.«
In Ungarn erdrückten sowjetische Panzer den Aufstand, zur gleichen Zeit griff Israel auf dem Sinai an, französische und britische Fallschirmtruppen sprangen am Suezkanal ab - dieser blutige November schlug viele Knospen ab. L. spürte es so: Die Funktionäre fanden die alte sichere Härte und harte Sicherheit ihrer Sprache und Argumente von einer Woche zur anderen wieder. (…)
 
(a.a.O, S. 282 f.)
 
 
(…) Ende November wurde Harich verhaftet. Ein theoretischer Kopf hatte sich in die Strudel der politischen Praxis gestürzt, hatte das Vakuum, das die SED-Führung beließ, mit eigenem Denken auffüllen wollen, hatte diskutiert, wo er ging und stand, hatte Denkschriften verfaßt und der Partei angetragen, war von Ulbricht verwarnt worden und hatte es doch nicht lassen wollen. Zur SPD nach Westberlin war er gefahren und hatte die Einheit der Arbeiterklasse auf eigne Faust zu schmieden versucht, mit Rudolf Augstein vom »Spiegel« hatte er disputiert und ihm die Daten seines Lebens und Fotos aus dem Familienalbum geliefert. Nun wurde er eingelocht. Es fällt schwer einzuschätzen, was Harich geplant hatte. Zu stark geht, was L. von seinen späteren Haftfreunden Janka und Just erfuhr, mit dem verquer, was in Ost und West in den Zeitungen stand. Janka beharrt, Harich habe ihn verleumderisch hineingerissen. Als hysterischer Schwächling erwies sich Harich in Bautzen, gewiß auch in der Untersuchungshaft und im Prozeß. Zwei Schlußworte werden kolportiert, Ostfassung und Westfassung. Es ist weidlich über Harich geschrieben und abgeschrieben worden, vielleicht gilt er stärker als Symbolfigur, als er es verdiente. Immerhin: Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und saß mehr als neun ab, davon mindestens sieben allein. Erst mal nachmachen.
Seine »Plattform«, im Westen veröffentlicht, klagte die SED-Führung an, den XX. Parteitag der KPdSU verniedlicht zu haben. Als Kommunisten bezeichnete Harich sich und seine Mitdenker, die die Partei reinigen wollten, nicht als Renegaten. In der SED wollten sie ihre Plattform diskutieren, falls die Parteiführung aber dies statutenwidrig nicht zulassen sollte, nach dem Vorbild Liebknechts auch außerhalb. Mit der SPD seien sie keineswegs in allen Punkten einverstanden, erkennten sie aber als führende sozialistische Kraft in Westdeutschland an, an der keiner vorbei könne. Der Westen solle in die Koexistenz die Demokratie einbrin­gen, der Osten sozialistische Wirtschaftsstrukturen zumindest in der Grundstoffindustrie. »Der stalinistische Apparat hat nach Stalins Tod gemerkt, daß es so nicht weitergeht, und Konzessionen an die Volksmassen gewähren müssen.
Der XX. Parteitag der KPdSU war der Versuch, die drohende Revolution von unten durch eine Revision von oben aufzufangen.« So Punkt für Punkt weiter: Reform der Partei von innen, Ausschluß der Stalinisten, Gewinnbeteiligung der Arbeiter und Arbeiterräte nach jugoslawischem Vorbild, Auflösung der LPG, Geistesfreiheit, Schluß mit dem Kirchenkampf, Autonomie der Universitäten, Rechtssicherheit, Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, Wahlen mit mehreren Kandidaten: »Die reformierte SED muß dabei an der Spitze bleiben.« Gegen Ende: »Die Gefahr eines Aufstandes der Bevölkerung in der DDR wäre nur gegeben, wenn die stalinistische Ulbricht-Gruppe weiterhin an der Spitze bleiben würde.«
Was ist echt, was nachträglich eingefügt, was spukte in den Köpfen, was wurde wirklich der Parteiführung vorgelegt? Wenn das überhaupt geklärt werden kann, dann keinesfalls hier.
Alles ist aus, sagte L. zu seinen Freunden, von oben wird nichts mehr im Sinne des XX. Parteitags geschehen. Was uns bleibt, ist die Verteidigung bescheidener Freiräume. Vielleicht im Klub junger Künstler, in den Diskussionen des Verbandes, in der »Pfeffermühle«. Nun wollen wir mal ganz vorsichtig sein!
Er kroch an seinen Schreibtisch zurück. Eine Panzerschlacht zwischen Waffen-SS und Sowjetarmee ließ er auf südpolnischen Gefilden toben, in der Deutschen Bücherei holte er sich die Namen der Generäle und die Nummern ihrer Divisionen. Breit fächerte er die Personage: SS-Männer, freiwillig oder gezwungen, Volksdeutsche, Partisanen, Frauen dazwischen, Sadisten, Feiglinge, Helden, Verführte.
Die Arbeit kam voran. Als Reinhold fragte, ob L. fürs neue Kabarettprogramm etwas liefern wolle, sagte L., er wolle sich nicht verzetteln.
Aber da war Zwerenz. Er gehörte jetzt der Parteigruppe des Schriftstellerverbandes an und referierte im Parteilehrjahr über Hegels Ästhetik. Zehn Leutchen brieten sich eine Extrawurst, das war schon wesentlich anders als sieben Jahre vorher, als die gesamte Partei wie ein Mann die »Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang«, auf dem Plan gehabt hatte. Friedlich-freundlich saßen sie beisammen und ließen sich erklären, was Zwerenz bei Bloch gelernt hatte. Von ferne hörten sie, daß der Klub junger Künstler ohne ihre Beteiligung gegründet worden war. Sie zuckten die Schultern: Nun ja, sie waren ein wenig abgemeldet, um so mehr Zeit blieb für die eigene Arbeit. Und sie hörten auch, daß dieser Klub gleich nach der Gründung sanft entschlief.
Da grassierte ein weiteres Mal Volkszorn: Im Kirow-Werk hatten »Werktätige« den Jazz-Erklärer Reginald Rudorf gescholten, er propagiere die Musik des Klassenfeinds, Rudorf hatte sich verteidigt, er vermittle vielmehr die Schöpfungen ausgebeuteter Neger. Ein Handgemenge entstand, der Tonassistent floh so schnell, daß er sich einen Lungenriß zuzog, Rudorf kam mit Prügel davon. Wenig später wurde er verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Scherzfrage damals: »Was gibt's in Leipzig für Jazz?« Antwort: »Zwei Jahre.«
Und sie kamen in die Parteigruppe des Schriftstellerverbandes, die Genossen der Stadtleitung, der Bezirksleitung, und entfachten die Debatte mit Zwerenz über seine Artikel und Gedichte vom Sommer; besonders interessierte sie, was er denn indessen vom Gedicht »Die Mutter der Freiheit heißt Revolution« hielte. Keinen Millimeter ging Zwerenz zurück. Da kamen andere, die schlauer waren, jetzt hielt es L. für an der Zeit, daß er dem bedrängten Genossen beisprang. Zu zweit, wohlversehen mit Chruschtschow-Zitaten, sogar auf die 3. Parteikonferenz der SED pochend, schickten sie auch die nach Hause. Anschließend fragten sie sich besorgt: Wie geht das weiter mit unseren Siegen? Zwerenz wußte: An der Uni wurde gegen Bloch geschossen, gegen dessen Frau Karola war ein Parteiverfahren eröffnet worden. Ganz leise Zwerenz: »Du, die Stasi ist hinter mir her, manchmal schimpfen sie mit mir wie die Rohrspatzen, dann wieder wollen sie mich werben.« Wer hätte da Rat gewußt? (...)
 
(a.a.O. S. 292f.)
 

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