Wolfgang Harich
(aus: Ahnenpaß. Versuch einer Autobiographie, Berlin 1999, S. 264f.)
Wolfgang Harich berichtet in einem Gespräch mit Thomas Grimm über den Einfluß von Georg Lukács auf die Diskussionen im Umfeld des Aufbau-Verlages
"Da ist zunächst einmal zu sprechen von dem großen Einfluß, den Georg Lukács auf die Gruppe und insbesondere auf mich ausübte. Georg Lukács hielt sich dreimal in den Jahren 1955/56 in der DDR auf und setzte uns seine Gedanken zur Situation auseinander, insbesondere mir, der ich sowohl bei der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" der für ihn zuständige Redakteur war als auch beim Aufbau-Verlag der für ihn zuständige Lektor, und alle seine Bücher dort herausgebracht habe. So, und Lukács vertrat vor allen Dingen die Auffassung, daß eine schnelle, umfassende und radikale Umwälzung und Überwindung des Stalinismus not tue. Das war zum ersten Mal, daß das aus der kommunistischen Bewegung selbst aufbrach und nicht von außen, von sozialdemokratischer oder trotzkistischer Seite. Lukács hatte dabei zu Stalin selbst eine differenzierte Beziehung. Er beschönigte nicht im geringsten dessen ungeheuerliche Verbrechen, er hatte ein sehr scharfsinniges, tief durchdachtes Urteil über Stalins Fehler, er ließ aber auch sehr ausgewogen Stalins historische Verdienste gelten und wog das alles gegeneinander ab, soweit es die Person von Stalin betraf, fügte aber immer hinzu: Darauf kommt es jetzt gar nicht an, entscheidend ist die radikale, umfassende Überwindung des Stalinismus als eines Systems, das mit der Person Stalin nicht unbedingt identisch ist. Das ist ein System von falschen Strukturen, oder überlebten Strukturen, das System einer falschen Ideologie, einer den Marxismus verzerrenden Ideologie und falscher, zumindest aber nicht mehr zeitgemäßer Methoden, falls sie jemals angemessen gewesen sein sollten. Dieses System muß ganz unabhängig davon, wie man zu Stalin als Person steht, überwunden werden, was einen großen, großen Einfluß auf mich ausübte. Und das war genau das Entgegengesetzte von dem, was in der Sowjetunion mit dem XX. Parteitag beabsichtigt war. Da sollte also das System gerettet werden, es sollten die engsten Mitarbeiter Stalins, Molotow, Gaganowitsch, Malenkow usw., wie sie alle hießen, gerettet werden, auf Kosten des Sündenbocks Stalins, der also Personenkult mit sich habe machen lassen und für die Verbrechen und Fehler allein verantwortlich sei. Lukács vertrat genau das Gegenteil dieser Auffassung. Das hat uns also sehr stark beeindruckt, das hat mich sehr stark beeindruckt und über mich ist dann auch diese Gruppe davon beeindruckt worden. Das ist also das erste, was man zu Lukács sagen muß, und Lukács ist ja bei diesem Gedanken der Überwindung des Stalinismus geblieben, das zieht sich ja durch alle seine späteren Werke, angefangen von dem Buch über den "Mißverstandenen Realismus", über seine "Ästhetik", über sein großes Alterswerk "Die Ontologie des gesellschaftlichen Seins", und dahinein gehört auch sein vielleicht politisch wichtigstes Spätwerk geringeren Umfangs. Das hat er geschrieben unter dem Eindruck der Prager Ereignisse von 1968, da war er bereits wieder Mitglied der Partei, hat es aber damals nicht veröffentlicht. Das ist die Broschüre "Demokratisierung heute und morgen", die erst 1985 in Ungarn in deutscher Sprache in einer kleinen Auflage erschienen ist, in einer eigentlich unlesbaren Ausgabe, weil alle gestrichenen Stellen mit drinstehen und es sehr kompliziert zu lesen ist. Man kann sagen, entweder ist dieses Büchlein eine Vorwegnahme dessen, was Gorbatschow gegenwärtig in der Sowjetunion an Demokratisierung durchführt, oder - der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen - Gorbatschow hat aus diesem Büchlein gelernt und wendet es in der Praxis an. Gorbatschow versucht, eine ungeheuer schwierige politische Situation, gesellschaftliche Situation, ökonomische Situation und Umweltsituation zu bewältigen. (…)
Bei Walter Ulbricht verhielt ich mich einsilbig, zurückhaltend und ausweichend. Ich versuchte ihn allerdings zu gewinnen für ein Gespräch mit Wissenschaftlern in der Akademie der Wissenschaften, wo dann auch Zeitschriftenredakteure vom "Sonntag" usw. teilnehmen könnten. Das war ja ein Plan von uns, führende Funktionäre in solche Gespräche zu verwickeln, um sie dann dort in die Enge zu drängen. Das habe ich bei der Gelegenheit angebracht, das ist mir dann später von dem Generalstaatsanwalt auch besonders übel genommen worden. Im übrigen habe ich mich sehr zurückhaltend, sehr ausweichend und sehr einsilbig verhalten. Ulbricht hatte die "Deutsche Zeitschrift für Philosophie" liegen. Er wußte ja, ich bin der Chefredakteur. Er sagte: Na, was gibt es Neues in der Philosophie? Ich rückte mit der Sprache nicht heraus, und dann kam Ulbricht zu sprechen auf die simultanen Ereignisse in Ungarn und sagte: Das Schlimme sei eben, daß es zwischen den sozialistischen Ländern keine koordinierte Politik gäbe, und das wäre der Hauptfehler. Und dann gab er seine Einschätzung der ungarischen Ereignisse und sagte: Die schlimmsten Verräter sind die Leute im Petöfi-Club: Julius Hay, Tibor Dery und Georg Lukács. Und wenn sich bei uns sowas herausbildet wie dort im Petöfi-Club, dann werden wir das hier im Keim ersticken. Und dann stand er auf, schüttelte mir die Hand und sagte mit festem Blick in meine Augen: Ich wünsche Ihnen alles Gute. Damit war ich entlassen.
Es gab noch eine Episode vorher, daß er auf einen Klingelknopf gedrückt hatte und ich hatte nun Angst, ich würde schon verhaftet, weil ich ja annahm, er ist von Puschkin über alles informiert. Er fragte dann aber nur, ob ich eine Tasse Kaffee haben will, als seine Ordonnanz hereinkam. Ich sagte: Nein, danke, ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Und da sagte er: Nein, also bei mir bitte nicht, ich leide an chronischer Bronchitis und darauf muß auch das ganze Politbüro Rücksicht nehmen. Also Rauchen bitte nicht. Dann sprach er wieder über Ungarn, und dann stand er auf und sagte: Ich wünsche Ihnen alles Gute. Damit war ich entlassen.
Grimm: Konnten Sie sich damals denken, als Sie zu Walter Ulbricht gerufen wurden, warum Sie gerufen wurden und sind Sie sich über die Informationen, die Ulbricht besaß, ungefähr im klaren gewesen?
Harich: Ja, durchaus. Nach der Abfuhr, die Puschkin mir erteilt hatte, nahm ich an - ich kann es bis heute nicht beweisen – daß das die Quelle war, aus der nun Ulbricht alles wußte. Mit dieser Überzeugung bin ich dann zu Janka gegangen, und diesmal fand keine Zusammenkunft der Gruppe statt in seinem Arbeitszimmer in der Französischen Straße, sondern Janka und ich waren allein, und ich habe Janka mitgeteilt, daß da ein Gespräch mit Ulbricht stattgefunden hatte. Ich war auch nicht vor dem Gespräch bei Janka gewesen, dazu war keine Zeit. Ich habe ihn hinterher darüber informiert, und er kriegte wieder einen Wutanfall, und es blieb bei unserer ablehnenden, negativen Haltung Ulbricht gegenüber und bei unserer Entschlossenheit weiterzumachen blieb es auch. Wir fühlten uns angesichts der Situation mächtig stark und hielten einen Sturz Walter Ulbrichts, einen Personalwechsel in der Führung und die Durchführung unserer Konzeption nach wie vor für möglich. Wir glaubten nach wie vor, dafür bestünde eine Chance.
Grimm: Woraus nahmen Sie diese Gewißheit, daß diese Chance bestand?
Harich: Aus der Unterschiedlichkeit der Entwicklungen in Polen und Ungarn. In Polen hatte die schnelle Ablösung Ochabs durch Gomulka zu einer Beruhigung der Situation geführt, zu einer Hoffnung bei der Bevölkerung, zu neuem Vertrauen auf die Politik der Partei, während in Ungarn alles im Chaos geendet war, weil man dort mit diesen Änderungen ewig gezögert hatte. Also z.B. hatte Lukács mir gesagt, im Sommer 1956: Imre Nagy ist ein integrer Mann, aber der begabteste unserer Politiker ist János Kádár, und die Situation kann gerettet werden in Ungarn mit einer Parteiführung Kádár, Regierung Nagy. Dann kam aber an Stelle von Mátyás Rákosi, dem ungarischen Ulbricht, Ernö Gerö, der ebenso verhaßt war und dadurch entstand ja in Ungarn diese blutige Unruhe, dieses zweimalige sowjetische Eingreifen. Und wir glaubten, aus dieser Divergenz der polnischen Entwicklung, die wir uns für die DDR wünschten, und der katastrophalen ungarischen Entwicklung, die wir in der DDR unbedingt vermeiden wollten, daraus glaubten wir, herleiten zu können, daß die sowjetischen Freunde sagen würden: Nein, machen wir es in der DDR wie in Polen und lassen wir es nicht zu einer ungarischen Geschichte kommen. Nun waren wir dabei, würde ich sagen, Opfer einer falschen Einschätzung der Realität, wie sie ja später das Fernsehen und wie sie damals der Rundfunk erzeugt hat. Diese modernen Medien bringen ja die Welt ins Zimmer, und man schließt auf die eigene Situation. Später hat die Baader-Meinhoff-Gruppe geschlossen aus den Fernsehaufnahmen vom Vietnamkrieg: Wir müssen in der Bundesrepublik einen Entlastungsfeldzug führen aus Solidarität mit Vietnam. Und hier ist es genauso wie in Vietnam, wir sind von den Amerikanern besetzt. So glaubten wir, in der DDR wird es entweder polnisch zugehen oder ungarisch, und wir wollten, daß es polnisch zugeht, und deshalb ein neuer Mann, und deshalb Paul Merker. Daß aber in der DDR weder das eine noch das andere geschehen könnte, das war aus unserem Kopf weg, wir waren realitätsblind, muß man sagen, allesamt, ich besonders.