Walter Janka
(aus: Spuren eines Lebens, Berlin 1991, S. 252f.)
(…) Die Ereignisse in Polen und Ungarn beeinflußten auch das Denken der Schriftsteller. Besonders das Verhalten von Becher und Seghers zu Georg Lukács, der 1956/57 lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt war.
Man kann sagen, daß unsere Schriftsteller nicht alles wissen können, nicht immer Einblick in die wirklichen Verhältnisse haben; und daß sie deshalb zu falschen Schlußfolgerungen kommen. Das trifft sicher auf einige zu. Aber auch auf Anna Seghers und Johannes R. Becher? Ich kann das nicht glauben. Wenn sie es wollten, waren sie gut informiert.Ein Gespräch am Kaffeetisch von Anna Seghers machte mir das sehr deutlich. Noch vor dem Aufstand in Ungarn fragte ich, warum sie ihr letztes Buch Rákosi gewidmet habe. Nichts in diesem Buch hätte doch etwas mit Ungarn zu tun. Sie antwortete: «Ich war mit Rodi zu Gast bei Rákosi. Er hat uns mehrere Tage freundschaftlich bewirtet und viel über sein Land erzählt. Dafür wollte ich dankbar sein. »
Ein paar Wochen später, nachdem Rákosi in die Sowjetunion geflohen war, erzählte sie mir die Fortsetzung ihrer Erfahrungen. Sprach mit seltener Erregung, bemüht, eine Erklärung für Rákosis Sturz zu finden. Zu meiner Überraschung ging es da aber nicht um Politik. Nein, es ging um ein Kind. Laut Bericht einer Freundin hätte unlängst ein Junge vor dem Zaun des herrlichen Parks, in dem Rákosi seinen Wohnsitz hatte, mit einem Ball gespielt. Irgendwann sei der Ball über den Zaun gefallen, und da wäre das naive Kind über die Umzäunung geklettert, um sich den Ball wiederzuholen. Zum Entsetzen der Anwohner hätten die Wachposten sofort geschossen. Ohne sich zu vergewissern, wer da über den Zaun kam. Und das Kind sei sofort tot gewesen. Sie folgerte, daß wohl solche Vorkommnisse dazu beigetragen hätten, das Volk zu verbittern. Diese Einsicht war richtig. Aber aus den politischen Prozessen gegen zahllose Genossen, die unter Rákosi gehängt wurden, zog sie noch immer keine Schlüsse. Und in ihren späteren Arbeiten findet sich nichts über das erschossene Kind. Wäre es nicht einer literarischen Aufarbeitung wert gewesen? Nur die Widmung ließ sie in den Nachauflagen streichen.
Die von den Volksmassen hinweggefegte Rákosi-Regierung hinterließ im Oktober 1956 ein Chaos. Niemand wußte, wie sich eine neue Regierung konstituieren soll. Bis Imre Nagy, ehemals Emigrant in der Sowjetunion, einst selbst den Intrigen Rákosis ausgesetzt, eine neue Regierung bildete und auch Lukács zu einem seiner Minister ernannte.
In Berlin war man ratlos. Viele fürchteten, daß die Aufstände in Polen und Ungarn über die Grenzen schwappen würden. Der 17. Juni 1953 in der DDR war noch nicht vergessen. Und die westlichen Medien trommelten mit Informationen über das Morden in Ungarn. Auch über das Eingreifen sowjetischer Truppen, was schließlich mit der Niederschlagung des Aufstandes und der Verhaftung von Imre Nagy, samt allen Mitgliedern seiner Regierung, enden mußte.
Bevor es zu diesem Ende mit Schrecken kam, geschah in Berlin etwas, was wir vorher nicht erlebt hatten. Viele Schriftsteller und Intellektuelle waren verunsichert. Mehr als nach dem XX. Parteitag. Offenbar unterscheiden sich Volksbewegungen von unten, die in Ungarn und Polen die Ursache für den Zusammenbruch waren, von politischen Kehrtwendungen, die von oben gesteuert werden.
Aufstände, egal durch welche Umstände begünstigt, bewirken nicht nur innenpolitische Veränderungen. Fast immer werden andere Länder angesteckt. Und wenn die Sowjetarmee den Aufstand nicht niedergeschlagen hätte, wäre es mit Sicherheit, wie das 1968 die DubčekBewegung abermals bewies, dazu gekommen. Mindestens aber zwingen solche Erhebungen zum Nachdenken auch in anderen Ländern.
Und manchmal wecken sie das Gewissen von Leuten, die sonst zufrieden sind oder hilflos den Ereignissen gegenüberstehen. Wenigstens so lange, wie der Ausgang von Revolten nicht entschieden ist. Das von außen erzwungene Nachdenken der Intellektuellen war da keineswegs einheitlich. Die Gruppe um «Kuba», Kurt Barthel, sah die Rettung in noch mehr Unterdrückung aller, die an den festgefahrenen Dogmen zu rütteln wagten. Und so war die Verteufelung jener, die für das Aufbegehren der Arbeiter Verständnis zeigten, maßlos.
Nicht so übereilt reagierten Anna Seghers und Johannes R. Becher. Sie verhielten sich abwartend. Dann zeigten sie Bereitschaft, über Fehler in der Vergangenheit zu diskutieren. Nicht in den offiziellen Gremien der Partei oder des Verbandes, gar in der Presse. Nein, nur im engeren Kreis von Freunden. Aber das war schon etwas. Ob sie es zur eigenen Beruhigung taten oder die Notwendigkeit erkannten, endlich von ihrem Einfluß Gebrauch zu machen, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Möglich ist, daß beides eine Rolle spielte.
Wir jedenfalls, die Mitarbeiter von Becher und Seghers, fühlten uns durch ihre Bereitschaft, über die Dinge zu reden, ermuntert und bestärkt. Wir sprachen aus, was uns bedrückte, was wir zum Nutzen der sozialistischen Entwicklung für unerläßlich hielten. Und sehr bald wurden die seit dem XX. Parteitag im Aufbau-Verlag geführten öffentlichen Diskussionen mit intellektuellen Mitarbeitern und Autoren zu einem Forum positiver Aussprachen.
Auf viele Fragen mußten Antworten gefunden werden. Und selbstverständlich wurden Vorschläge in die Diskussion eingebracht, die nicht mit den Erklärungen der Parteiführung übereinstimmten. Nachbetereien gab es anderen Ortes genug. Nur keinen Meinungsstreit! Aber der war bitter nötig. Und genau das war unser Anliegen. Dabei gelang es durchaus, die Diskussion, an denen zahlreiche Parteilose beteiligt waren, in eine Richtung zu lenken, die wir für richtig hielten. Unsere Sache war, darüber gab es keinen Zweifel, die sozialistische Umgestaltung in der DDR. Vereinfacht könnte gesagt werden, daß wir über die Formen sozialistischer Demokratie gestritten haben, um den zum Hindernis gewordenen Begriff «Proletarische Diktatur» abzulösen, der mehr und mehr als Deckmantel für den praktizierten Miß
brauch der Macht herhalten mußte. Alle späteren Behauptungen, wir hätten mit diesen Diskussionen die Konterrevolution vorbereitet, waren falsch. Sie dienten der Irreführung und Einschüchterung.
Und wem diente der Minister für Kultur, der unsere Diskussionsabende im Aufbau-Verlag als richtig und nützlich bezeichnete, der sich angeboten hatte, an diesen Gesprächen teilzunehmen, sie durch seine Persönlichkeit zu bereichern? Voll des Lobes hatte er sich über unsere Kritik des Zeitgeschehens geäußert, sie als konstruktiv empfunden. Am Ende eines Auftrittes im Aufbau-Verlag hatte er in aller Form darum gebeten, ihn zu weiteren Gesprächen einzuladen.
Später, nachdem die Ansätze zu freier Meinungsbildung zerschlagen waren, erklärte er auf einer Kulturkonferenz der SED am 23. Oktober 1957: « So war bekannt, welche Stimmung im Aufbau-Verlag herrschte und daß bei einer Betriebsgewerkschaftswahl unsere Genossen in den Hintergrund abgedrängt wurden. Ich wurde zu einem Forum im Aufbau-Verlag eingeladen, und es war unschwer zu spüren, daß ich hier eine Gruppe von Genossen vor mir hatte, die gekommen waren, um mir eine Falle zu stellen. Jede Frage war gewissermaßen eine Fangfrage. In dem Augenblick, in dem ich zur Offensive überging, wichen sie zurück und wichen aus. Aber dessenungeachtet hätte diese Stimmung mir genügen müssen, um zu veranlassen, eine ideologische Bereinigung unter den Mitarbeitern des Aufbau-Verlages vorzunehmen. Ich bin dieser prinzipiellen Auseinandersetzung ausgewichen und habe dadurch zweifellos zur Aufweichung das Meine beigetragen. »
Bei den letzten Gewerkschaftswahlen waren die vorgeschlagenen Genossen ohne Eingriffe von der Verlagsleitung oder irgend jemand anderem und ohne Abstriche gewählt worden. Von einem «Abdrängen unserer Genossen» konnte nicht die Rede sein. Erst Becher hat diese Mär erfunden. Ebenso unsinnig war die Behauptung, wir hätten dem Minister «Fangfragen stellen » wollen. Ich erinnere mich, daß es Becher war, der sogenannte Fangfragen stellte. Und zwar deshalb, «weil er die gestellten Fragen zu harmlos» fand, und, wie er mir ins Ohr flüsterte, «den Teilnehmern die Zungen lösen» wollte, «damit ein richtiges Gespräch in Gang» komme. (…)