Vierzehn Tage Hoffnung: Die Ungarische Revolution von 1956
radioFeature
Joseph Berlinger
Der 27. Oktober 1956 ist der glücklichste Tag im noch jungen Leben der Bianca von Zambelly. Seit 3 Jahren aus politischen Gründen inhaftiert, wird sie während des Ungarn-Aufstandes aus dem Gefängnis befreit. In Budapest herrschen revolutionäre Verhältnisse. Hunderttausende erheben sich gegen das stalinistische Regime. Und in Ungarn keimt die Hoffnung - auf einen demokratischen Sozialismus, auf bürgerliche Freiheiten, auf die Öffnung der Grenzen. Doch 14 Tage später ist die Hoffnung verflogen. Die Sowjetarmee stellt die alte Ordnung wieder her. Aufständische werden gehängt und erschossen. Bianca von Zambelly gelingt die Flucht nach Österreich. In Wien studiert sie Gesang und reist später als Opern- und Konzertsängerin um die halbe Welt. Was empfindet sie heute, wenn sie am Budapester Heldenplatz steht, auf dem 1989, nach der Wende, die rehabilitierten Opfer feierlich bestattet wurden? Hier, am Heldenplatz, hatten am 23. Oktober 1956 Demonstranten das Stalin-Denkmal gestürzt und es anschließend mit einem Traktor vor das Parlamentsgebäude gezogen. Und was geht in ihr vor, wenn sie das „Haus des Terrors“ betritt – einst Hauptquartier und Gefängnis des gefürchteten Staatssicherheitsdienstes ÁVH? Joseph Berlinger hat Bianca von Zambelly 50 Jahre nach dem Ungarnaufstand durch Budapest begleitet und die dramatischen Ereignisse von einst noch mal Revue passieren lassen.
Sendetermine: 14.10.2006,16:00 Bayern 2 Radio, Wh. 15.10.06, 20:00 Uhr
Stalins Tod und die Folgen: Die DDR, Polen und Ungarn im Herbst 1956
Zeitreisen
Meinhard Stark
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2006
Vor 50 Jahren: Ungarnaufstand. Episode eines Krieges
Feature
Klari Csaba
Am 23. Oktober 1956 ziehen Hunderte von Studenten durch die Straßen Budapests mit
der Forderung nach mehr demokratischen Freiheiten. Ihnen schließen sich ihre
Professoren an, Arbeiter, Soldaten, Mitglieder der ungarischen kommunistischen
Partei, Parteilose, Menschen von der Straße, alte, junge: die Menge wächst auf
Zehntausende an. Am Abend kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen mit den
Sicherheitskräften - der ungarische Volksaufstand gegen das stalinistische
Herrschaftssystem beginnt. Am 5. November bricht er an der Übermacht sowjetischer
Panzer zusammen.
Regie: Sabine Ranzinger, Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk 1996
1956 - 2006: Ungarn zieht Bilanz
SWR2 Wissen
Anat Kalman
Budapest im Herbst 1956: Eine Studentenrevolte wird zum Aufstand. Als der reformkommunistische Ministerpräsident Imre Nagy die Neutralität Ungarns erklärt, schickt die Sowjetunion Panzer. Was im Westen noch heute als Freiheitskampf eines Volkes bewundert wird, war für die ungarische Intelligenz zwar ein Versuch, aus dem Sowjetkommunismus auszubrechen, aber keine Hinwendung zum Kapitalismus. Zu den führenden Köpfen der Reformbewegung zählt der Philosoph György Lukacs, der Imre Nagy lange aktiv unterstützte. Lukacs blieb Zeit seines Lebens ein überzeugter Marxist. Für seine zahlreichen Schüler stellt sich heute mehr denn je die Frage: Kann es echte Demokratie geben, wenn Wirtschaft und Renditedenken Freiheitsrahmen und soziale Gerechtigkeit eines Landes weitgehend bestimmen? Immer mehr Befürworter des Aufstandes von 1956 stehen deshalb der politischen Wende von 1990 skeptisch gegenüber und befürchten, dass die ungarische Gesellschaft vom Diktat neoliberaler Wirtschaftspolitik unterjocht wird.
Sendetermin: 20.10.2006 08:30 SWR 2
Wir haben alles stehen und liegen lassen: 50 Jahre nach der Flucht aus Ungarn
SWR2 Eckpunkt
Barbara Dobrick
Valeria Rona war 42 Jahre alt, als sie 1956 mit ihrem Mann und ihrer 6-jährigen Tochter aus Ungarn floh - so wie 200.000 ihrer Landsleute während des Volksaufstandes und dessen Niederschlagung durch die Sowjetarmee. "Ich habe keine Heimat", sagt die heute 92-Jährige, "aber wir sind hier stabile Menschen und glücklich, dass wir am Leben sind." Mutter Valeria und Tochter Julika schauen zurück. Als Jüdin war Valeria in ihrer Heimatstadt Budapest unter der deutschen Besatzung in den Untergrund gegangen. Kaum mehr als zehn Jahre später muss sie erneut fliehen. Diesmal vor den russischen Besatzern und ausgerechnet nach Deutschland. Tochter Julika wollte ein deutsches Kind sein und wusste lange nichts von der Geschichte ihrer Eltern. Die Ronas sind deutsche Staatsbürger geworden, aber Valeria ist bis heute unverkennbar Ungarin, die ihre Vorlieben und Gewohnheiten keineswegs abgelegt hat.
Sendetermin: 20.10.2006 10:05 SWR 2
Revolte für Europa: Der ungarische Aufstand vor 50 Jahren
SWR2 Forum
Moderation: Eggert Blum
Gesprächsteilnehmer: Michael Stürmer, Historiker, Universität Erlangen, György Dalos, Schriftsteller, Berlin und Bernd-Rainer Barth, Historiker, Berlin
Sendetermin: 20.10.2006 17:05 SWR 2
Die 13 Tage des Imre Nagy: Erinnerungen an Budapest '56
Dossier
Ulrike Bajohr und Agnes Steinbauer
Sie riefen nicht nach einem bürgerlichen Demokraten, sie wollten keinen grundlegenden Umsturz. Die Studenten und Arbeiter, Künstler und Handwerker, die am 23. Oktober 1956 vor dem ungarischen Parlament aufmarschiert waren, riefen nach Imre Nagy. Nach dem Mann mit dem runden Hut, dem Bauernsohn, der den kleinen Bauern Land und den Russen die Hand gegeben hatte. Nach dem Reformkommunisten, der den dritten Weg zu wagen versprach, den ungarischen Weg zum Sozialismus. Als er schließlich von seinen schärfsten Feinden in letzter Not auf den Balkon geschickt wurde - der Platz unter ihm leuchtete von den Fackeln brennender Parteizeitungen - rief er "Liebe Genossen" in die Masse. Die Menge buhte - und hielt an ihm fest, trieb ihn weiter, jeden Tag einen größeren Schritt, an die Spitze der Regierung, an die Spitze der Revolution. Nach 13 Tagen kamen die Panzer. Nagy wurde verschleppt und hingerichtet. Sein Programm kam zu früh und im falschen Land. Drei Teilnehmer des Aufstands erzählen, warum sie, die Nichtkommunisten, nach Nagy gerufen haben.
Wollt ihr frei sein oder Knechte? Die ungarische Revolution von 1956
SWR2 RadioART: Feature am Sonntag
Lerke von Saalfeld
"Auf, die Heimat ruft, Magyaren. Jetzt heißt's sich zusammenscharen. Wollt ihr frei sein oder Knechte?" - Mehr als 100 Jahre alt war das ungarische Nationallied gegen die österreichische Monarchie, als es in den Straßen Budapests wieder erklang, um den kommunistischen Machthabern schmerzhaft in den Ohren zu dröhnen. Am 23. Oktober 1956 verwandelte sich ein Schweigemarsch in eine singende Demonstration und die Demonstration in einen Aufstand. Nach nur zwölf Tagen wurden die Hoffnungen auf Freiheit durch die Panzer der Roten Armee erstickt. 50 Jahre später ist die Autorin und Ungarn-Kennerin Lerke von Saalfeld den alten Marschrouten gefolgt: über Straßen und Plätze an die Orte des Geschehens, begleitet von denen, die aktiv dabei waren: Schriftsteller, Historiker, Politiker. Sie alle horchen dem Klang nach, den der Aufstand für sie und Ungarn hinterlassen hat - und der bis heute nachhallt.
Sendetermin: 22.10.2006 20:03 SWR 2
Gescheitert an der Wirklichkeit: Der Kommunismus
radioWissen
09:00 Uhr: 23. Oktober 1956 - Der Volksaufstand in Ungarn
09:20 Uhr: 13. August 1961 - Der Bau der Mauer
09:40 Uhr: 21. August 1968 - Das Ende des Prager Frühlings
Skulpturenpark in Budapest: Erinnerung an den Ungarnaufstand 1956
Scala
Terry Albrecht
Weit außerhalb Budapests, mitten auf der grünen Wiese, stehen die kommunistischen Helden der Vergangenheit in Stein gehauen. Ganz vorn posieren Lenin und Marx in überdimensionaler Größe. Zwischen ihnen hindurch schlüpft der Besucher durch eine Maueröffnung in Ungarns ungewöhnlichstes Geschichtsmuseum: den Denkmalpark von Budapest. Im Mittelpunkt des Parks steht ein Sowjetstern, er gliedert die Anlage, die die Heldengeschichte der so genannten Volksmacht erzählt. Zugleich ist dies auch die Geschichte der Niederschlagung des demokratischen Aufstands in Ungarn vor 50 Jahren. Scala besucht diesen beklemmend faszinierenden Park. Dort wird auf engstem Raum die Inszenierung einer diktatorischen Macht durch Skulpturen nachempfunden. Skulpturen, die einst auf allen öffentlichen Plätzen Budapests gestanden haben. In einem Gespräch werden die Auswirkungen des Aufstandes auf die heutige ungarische Gesellschaft beleuchtet.
Sendetermin: 23.10.2006 12:05 WDR 5, Wh. 23.10.06, 21:05 Uhr
Es begann in Kronstadt: Die ungarische Revolution im Oktober 1956 und das Ende des Kommunismus
Zur Diskussion
Dietrich Möller
Im Februar 1956 stieß Nikita Chruschtschow seinen Vorgänger Josef Stalin vom Podest kultischer Verehrung und nannte ihn einen Massenmörder. Doch was als Akt zur Vertrauensbildung gegenüber der kommunistischen Führung angelegt war, geriet zu einer tief greifenden Erschütterung des Systems, von der es sich - bei anhaltender Erosion seiner Grundlagen - nicht wieder erholte. Die unmittelbaren Folgen waren im Juni 1956 die Rebellion der Arbeiter in Posen und im selben Jahr der "ungarische Oktober", der Aufstand eines ganzen Volkes. Beide Male wurde der Aufruhr gewaltsam niedergeschlagen, der ungarische von sowjetischen Truppen in Blut ertränkt. Mit dem Abstand von 50 Jahren und den während dieser Zeit gewonnenen Erkenntnissen bewerten unter anderen Krisztian Ungvary und György Dalos die Revolution, der eine Historiker, der andere Schriftsteller.
Der Ungarn-Aufstand 1956: Geschichte ohne Klassenbewusstsein? György Lukács und die ungarische Diskussion um eine neue sozialistische Perspektive
Forschung und Gesellschaft
Anat Kalman
Der ungarische Philosoph György Lukács hat den neomarxistischen Diskurs des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt. Heute steht sein Denken sowohl für die Aufbruchstimmung des Jahres 1956 als auch für die Verführbarkeit der Intellektuellen durch den Stalinismus. Viele seiner ehemaligen Schüler setzen sich heute wieder mit der demokratischen Entwicklung Ungarns und Europas auseinander. Gibt es aus Sicht der ungarischen Intellektuellen einen dritten Weg, der zwischen den Ungerechtigkeiten des Kapitalismus und denen des Sozialismus hindurchführt? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Lukács' theoretisches Erbe, das um Begriffe wie Verdinglichung und Klassenbewusstsein kreist? Der 50. Jahrestag des Ungarnaufstands wirft auch die Frage nach einem Sozialismus mit humanem Antlitz wieder auf.
Ein Kind des Ungarnaufstandes: Zur Geschichte der Philharmonia Hungarica
Musikszene
Burkhard Laugwitz
Es war der Herbst des Jahres 1956, als Hunderttausende von Menschen aller Altersgruppen und Berufe infolge der Niederschlagung des Aufstandes der Ungarn in den "Freien Westen" gespült wurden. Unter ihnen befand sich auch eine Reihe von Musikern aus den Budapester Orchestern. 75 von ihnen versammelten sich im Frühjahr des Jahres 1957 in Baden bei Wien, um einen musikalischen Neuanfang zu wagen. Das erste offizielle Konzert, das man am 28. Mai 1957 im Großen Wiener Konzerthaussaal unter der Leitung des ebenfalls geflohenen 31-jährigen Dirigenten Zoltán Rosznyai gab, gilt heute als die Geburtsstunde der "Philharmonia Hungarica". Was folgte, war eine Zeit der wirtschaftlichen Ungewissheit und des Suchens nach einer festen Bleibe. Diese fand man 1960 im nordrhein-westfälischen Marl. Damals vertraute man den Zusagen deutscher Politiker zu dauerhafter wirtschaftlicher Trägerschaft. Es folgten erfolgreiche Jahre mit Konzerten im In- und Ausland mit internationalen Dirigenten und Solisten.
Zeittraum: Der Ungarnaufstand 1956 - eine Radioperformance
Feature
Iris Disse
Von aller Welt verlassen fühlten sich die Ungarn, als sie in den letzten Tages ihres Aufstandes das westliche Ausland um Hilfe anflehten. Sie standen auf verlorenem Posten, weil - wie am 17. Juni 1953 in der DDR – die Amerikaner den Machtbereich der Sowjetunion respektierten und sich nicht einmischen wollten. Iris Disse unternimmt eine Zeitreise: Sie reist mit den Aufnahmen von Zeitzeugen, die jetzt im Westen leben, nach Budapest und wird sie dort bei der Gedenkveranstaltung am 22. Oktober vorführen. Archivaufnahmen sowie ein Mitschnitt der Veranstaltung verdichten das Gestern und Heute zu einer Radioperformance, die durch ein neuartiges Aufnahmeverfahren zum hautnahen Hörerlebnis wird.
Technische Leitung: Peter Avar, Partner in Ungarn: Tibor Solténsky, Ungarisches Radio, Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg (Ursendung)
ZEITraum. Eine Radioperformance zum ungarischen Volksaufstand 1956
Regie: Iris Disse
Produktion: RBB / Magyar Rádió Budapest 2006
"Dem Feature von Iris Disse über den Ungarnaufstand gelingt es, die Ereignisse vom 23. Oktober bis zum 4. November vor 50 Jahren mit genuin radiophonen Mitteln in einer Unmittelbarkeit zu vergegenwärtigen, die dem Fernsehen mit seiner konventionellen Ereignisdramaturgie nicht zur Verfügung steht.
In der Rahmenhandlung reist eine Frau, die im Dezember 1956 auf der Flucht aus Ungarn geboren wurde, zu einer Gedenkveranstaltung nach Budapest. Ihre Gedanken und Wahrnehmungen bilden die fiktive Klammer um einen heterogenen Chor von Stimmen, aus dem sich ein Bild der Revolte zunächst der Studenten, dann des ganzen Landes gegen den von Russland oktroyierten Kommunismus langsam zusammensetzt.
Die gelungene Mischung von Originaltönen und Zeitzeugenberichten, behutsam unterlegt mit Geräuschen und Musik, bringt Gestern und Heute in einem 'Zeitraum' zusammen, wobei allmählich die Erkenntnis reift, dass der Westen damals kläglich versagt hat." (Aus der Begründung der Jury)