Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Die Doppelkrise Ungarn - Suez 1956
 
(aus: Bernd Stoever, Der Kalte Krieg, Verlag C.H.Beck, München 2003, S.48-50)
 
Ungarn blickte traditionell nach Polen. Auch hier hatte sich aus der schwelenden Unzufriedenheit ein blutiger Volksaufstand entwickelt. In der Geschichte des Kalten Krieges kommt ihm eine besondere Bedeutung zu: Zum einen wurde er zur entscheidenden Nagelprobe für die westlichen Hilfeversprechen bei der Befreiung vom Kommunismus. Zum anderen entwickelte sich zur selben Zeit an einer ganz anderen Stelle, in Ägypten, ein gefährlicher Konflikt, so daß zwei begrenzte Spannungsherde am Ende des Jahres 1956 zu einer „Doppelkrise“ des Kalten Krieges zusammenwuchsen. In deren Verlauf war der große Krieg mit Einsatz von Atomwaffen nicht mehr weit entfernt.
Auch in Ungarn waren die Kommunisten in der Bevölkerung verhaßt geblieben. Der Mitte Oktober 1956 vorgelegte Forderungskatalog zeigte, was man wollte: Ernennung des Reformers Imre Nagy zum Ministerpräsidenten, Überprüfung der Arbeitsund Ablieferungsnormen, Mehrparteiensystem, freie Wahlen, bürgerliche Freiheiten, nationale Unabhängigkeit der Wirtschaft, Wiedereinführung der ungarischen Nationalsymbole und -feiertage.
Neu freigegebene Dokumente über die Entscheidungsfindung in Moskau zeigen, daß der ungarische Ministerpräsident Ernö Gerö am Abend des 23.Oktober den sowjetischen Militärattaché um Truppenunterstützung bat. Dies war aus formalen Gründen zunächst abgelehnt, dann aber von Chruschtschow in einer telefonischen Diskussion mit Gerö zugesagt worden. Den Hintergrund für diese Entscheidung bildeten bereits die Probleme im Nahen Osten. Während es bis zum 29. Oktober zunächst so aussah, als würden die Sowjets eher bemüht sein, neben den militärischen auch die politischen Mittel auszuschöpfen, änderte sich diese Linie mit dem Beginn des Suez-Konflikts vollkommen. Moskau hatte seit 1955 sein Engagement in Ägypten erhöht und militärisch verstärkt. Als Israel am 29.Oktober, wenig später auch französische und britische Truppen den Nilstaat angriffen und die Gefahr bestand, im Nahen Osten die Position zu verlieren, wurde in Ungarn auf Chruschtschows ausdrückliche Veranlassung hin die harte Hand gezeigt. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte dabei auch die sowjetische Version der „Dominotheorie“. Man befürchtete 1956, wie 1968 auch im Fall der ČSSR, andere Länder könnten dem Beispiel folgen. In der DDR wurden während des Ungarischen Aufstandes deshalb Einheiten unter sowjetischer Aufsicht sogar entwaffnet.
Ab dem 4. November 1956 schlug die Rote Armee den ungarischen Aufstand erbarmungslos nieder. Die Kämpfe dauerten bis zum 11. November. Die ungarische Seite meldete nach der Niederschlagung 300 Tote und rund 1000 Verwundete. Die Sowjets sprachen von 669 Toten und 1540 Verwundeten. Auch in Ungarn war, wie in der DDR 1953, mit der Niederwerfung nicht das Ende des Widerstandes erreicht. Auch hier kam es im Anschluß an die Revolution noch monatelang zu Streiks.
Was der Westen mit dem Aufstand zu tun hatte, ließ sich nur stückweise ermitteln. Offiziell blieb er untätig. Allerdings sendeten Rundfunkstationen Durchhalteparolen, und tatsächlich nahm wohl eine Emigranteneinheit mit dem Codenamen „Red Sox/Red Caps“ am Aufstand teil. Nach der Niederschlagung begann ein Massenexodus von etwa 200 000 Ungarn in den Westen.
Am Suezkanal hingegen wurde der zeitlich parallele Konflikt bis zum 8. November 1956 von den USA und der UdSSR gemeinsam entschärft. Die Auseinandersetzung war in großen Teilen eine Fortsetzung der seit der Gründung des Staates Israel 1948 schwelenden israelisch-arabischen Kontroverse gewesen, die sich als Sonderkonflikt durch den gesamten Kalten Krieg zog. Einen Tag nach der Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 waren fünf arabische Staaten bis nach Jerusalem und Tel Aviv vorgerückt. Zwar war 1949 ein Waffenstillstand geschlossen worden, die Grenzen Israels wurden von den in der „Arabischen Liga“ zusammengeschlossenen Staaten aber niemals anerkannt. Der Kriegszustand blieb erhalten, und beide Seiten fürchteten kontinuierlich einen Angriff.
Mit dem eigentlichen Kalten Krieg war der Suez-Konflikt durch das Engagement der Supermächte in der Region verbunden. Für den Bau des Assuan-Staudamms war Agypten zunächst amerikanisch-französische und britische Hilfe zugesagt worden. Sie wurde eingestellt, als der ägyptische Präsident Gamal Abd el Nasser sich 1955 dem gegen die Sowjetunion gerichteten Bagdad-Pakt nicht anschließen wollte und statt dessen im April an der Blockfreien-Konferenz von Bandung teilnahm. Noch im selben Jahr bezog Ägypten Waffenhilfe aus dem Ostblock, die ihm die USA verweigerten, gleichzeitig aber an Israel lieferten. Tatsächlich griff die israelische Armee Ende 1955 ägyptische Stellungen an, um palästinensischen Aktionen ein Ende zu setzen.
Im Juli 1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, nachdem die Briten und Franzosen abgezogen waren, und lehnte eine Internationalisierung kategorisch ab. Drei ergebnislose Konferenzen gingen dem am 29. Oktober 1956 beginnenden israelischen Angriff auf den Gazastreifen sowie der zwei Tage später folgenden britisch-französischen Intervention voraus. Der Zeitpunkt erschien günstig, da die Sowjets in Ungarn gebunden schienen. Die Supermächte USA und UdSSR waren allerdings nicht gewillt, den Konflikt zuzulassen. Chruschtschow drohte sogar mit dem Atomkrieg, und auch die USA übten erheblichen Druck auf die beteiligten Staaten aus. Israel zog sich auf die Positionen des Waffenstillstands von 1949 zurück, das umkämpfte Gebiet wurde durch UN-Friedenstruppen besetzt. Eine Lösung war das nicht, und die Region wurde nun sogar noch deutlicher ein Schauplatz des Kalten Krieges. Die USA fürchteten einen verstärkten Einfluß der UdSSR. Die Eisenhower-Doktrin von 1957, die beinhaltete, daß die Vereinigten Staaten auch vor einer Intervention nicht zurückschrecken würden, wenn ihre lebenswichtigen Interessen in diesem Raum bedroht seien, war eine klare Warnung an Moskau.
Tatsächlich blieb der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten Sprengstoff im Kalten Krieg. Weil er jedoch ein Nebenkriegsschauplatz war, zeigten sich beide Supermächte auch in den folgenden Jahrzehnten gewillt, ihn keinesfalls zum Ausgangspunkt eines großen Konflikts werden zu lassen.

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