Die Ereignisse in Ungarn 1956 im Spiegel der zeitgenössischen Presse
(Auszüge)
1. Bundesrepublik
2. DDR
1. Bundesrepublik
23. Oktober 1956 Frankfurter Rundschau
Kommt Rakosi auf die Anklagebank?
Triumph Nagys weckt in Ungarn neue Hoffnungen – Der Westen rückt näher
Von Edgar Valenta
Dem Wunsch der ungarischen Bevölkerung nach Reisefreiheit und Kontakten mit der westlichen Welt kommt nun auch das Parteiorgan „Szabad Nep“ in einer seiner jüngsten Ausgaben entgegen. Das Blatt fordert die Regierung auf, jedem ungarischen Staatsbürger einen Pass auszustellen. „Ein freier Staat“, heißt es „muss freie Bürger haben, und jeder Staatsbürger soll das Staatsrecht erhalten, jenes westliche Land zu besuchen, das er zu sehen wünscht.“
24. Oktober 1956 Die Welt
„Nie wieder Knecht sein“, sangen Zehntausende
Machtvolle Freiheitskundgebungen in der ungarischen Haupstadt
Budapest, 23. Oktober (AP)
Zu einer machtvollen Demonstration für Ungarns Freiheit und Unabhängigkeit gestaltete sich am Dienstagnachmittag eine Sympathiekundgebung, die Budapester Studenten anlässlich der Ereignisse in Polen angesetzt hatten. Arbeiter, Angestellte und dienstfreie Soldaten vereinten sich mit der studierenden Jugend auf dem von Zehntausenden von Menschen belebten Bemplatz vor der polnischen Botschaft und in einer ähnlichen Kundgebung auf dem Petöfiplatz.
Rufe wie „Hinaus mit den russischen Truppen“ und „Wir wollen eine neue Regierung unter Imre Nagy“ wurden von der ganzen >Menge aufgenommen, die jede neue Freiheitsforderung der Studenten mit stürmischem Jubel unterstrich. Die Polizei beschränkte sich auf die Absperrung des Verkehrs. Alle Fenster des am Bemplatz gelegenen Außenministeriums waren mit Beamten und Angestellten besetzt. Die Massen sangen schließlich die ungarische Nationalhymne und auch den während der Stalin-Ära nie gehörten „Aufruf“ ihres Dichters Koelchey mit dem Refrain „Nie wieder Knecht, sein heißt unser Schwur“.
25. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Die dramatischen Ereignisse in Ungarn
Studentendemonstration führte zu einer antikommunistischen Erhebung
Budapest ein Kampffeld
Budapest (dpa/UP). Der Ausbruch der antikommunistischen Revolution in Ungarn, der die kommunistische Regierung völlig überraschte, hatte mit einer Massendemonstration von mehr als zehtausend Studenten auf dem Stalinplatz in Budapest begonnen. Die Menge, die in Sprechchören den Abzug der Russen und eine neue ungarische Politik forderte, stürzte in ihrer Erregung die überlebensgroße Stalin-Statue von ihrem Sockel.
Unter dem Eindruck der Ereignisse unterbrach Radio Budapest Dienstagabend sein Programm für eine „außerordentlich wichtige Bekanntmachung: Das Politbüro hat das Zentralkomitee zu einer sofortigen Sitzung einberufen“. Diese Mitteilung wurde später wiederholt, und in einer späteren Durchsage hieß es: „Die Sitzung ist bereits im Gange.“
Eine Ansprache Nagys
Mit der Aufforderung an die Bevölkerung, ihre Radioapparate in die offenen Fenster zu stellen, damit alle Bürger zuhören könnten, kündigte gegen Mittag der Sender eine Rundfunkrede des neuen Ministerpräsidenten Nagy an. Der Ministerpräsident stellte den Aufständischen ein Ultimatum, bis 14 Uhr die Waffen niederzulegen. Allen Rebellen, die kapitulierten, sichert er Straffreiheit vor de Standgericht zu. In bewegten Worten wandte sich Nagy dann an die Bevölkerung und rief aus: „Unsere nationale Existenz steht auf dem Spiel. „
Er versicherte, dass sein Regierungsprogramm ,das er 1953 entwickelte habe, aber nicht habe durchsetzen können, bis in alle Einzelheiten ausgeführt werde. Er bat das ungarische Volk, ihn in dieser Situation nicht im Stich zu lassen und ihn zu unterstützen. „Ungarische Genossen, meine Freunde, ich spreche zu auch in einer verantwortlichen Position. Wie ihr wisst habe ich durch das Vertrauen des Zentralkomitees und des Präsidentschaftsrats die Regierung übernommen. Es bestehen alle Möglichkeiten, dass ich das Regierungsprogramm mit Unterstützung der Nation verwirkliche. Die Grundlage dieses Programms ist die Entwicklung der Demokratisierung unseres öffentlichen Lebens in Ungarn, der Aufbau des Sozialismus nach unseren eigenen Verhältnissen, das Streben nach unserem großen nationalen Zielen und die Verbesserung des Lebensstandards der arbeitenden Klasse.“ Die erste und wichtigste Aufgabe sei es nun, die Ordnung wiederherzustellen. Nagy fügte hinzu: Ich glaub, dass wir alle in allen Fragen der gleichen Meinung sind, da das Volk und die Regierung Ungarns das gleiche wollen.“ Nagy schloss seine Rede mit den Worten: „Stellt auch auf die Seite der Kommunistischen Partei und der Regierung. Vertraut darauf, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und dass wir den rechten Weg finden werden, um unser Vaterland blühen und gedeihen zu lassen.“
Ultimatum abgelaufen – Kämpfe gehen weiter
Dramatisch waren die letzten Minuten vor dem Ablauf der Frist, die von der Regierung den Aufständischen als Ultimatum zur Niederlegung der Waffen gestellt worden war. Alle Minuten wurden die noch immer kämpfenden Aufständischen aufgefordert, die Waffen niederzulegen. Dabei wurde betont, dass nur diejenigen straffrei ausgeben, die bis 18 Uhr die Waffen niedergelegt haben. „Diejenigen Konterrevolutionäre, die mit der Waffe in der Hand nach 18 Uhr angetroffen werden, morden und plündern, können nicht auf die Milde der Regierung und des Volkes rechnen.“
26. Oktober 1956 Der Kurier
Nagy für völlige Unabhängigkeit Ungarns
Sofortige Verhandlungen mit der Sowjetunion nach Wiederkehr der Ruhe
Einzelheiten der Kämpfe
Ein Sender der Rebellen?
Budapest (Kurierdienst). Zum ersten Mal wurde heute früh gegen 7.30 Uhr der „Sender des ungarischen Volkes“ vernommen, der vermutlich von den Aufständischen betrieben wird. Er verbreitete einen an die Regierung gerichteten Aufruf, in dem die Freilassung und Wiedereinsetzung Kardinal Mindszentys, des Primas von Ungarn, in sein Amt gefordert wird. Das wäre der Beweis dafür, dass eine wirkliche Änderung in der Politik der gegenwärtigen Leiter Ungarns zu verzeichnen sei.
26. Oktober 1956 Nürnberger Nachrichten
So beurteilt man im Westen allgemein die Vorgänge in Polen und Ungarn
Weitreichende Folgen erwartet
„Der gesamte Ostblock ist erschüttert“
Präsident Eisenhower sprach sein Bedauern über des Vorgehen sowjetischer Truppen in Ungarn aus – Schepilow: „Die ungarische Regierung hat ausdrücklich darum gebeten“ –
Exil-Ungarn verlangen Eingreifen der UNO – Europarat ehrt die Opfer
Die blutige Niederschlagung des Budapester Aufstandes durch sowjetische Truppen hat in der westlichen Welt allgemeine Empörung ausgelöst. In Straßburg, wo gegenwärtig die Beratende Versammlung des Europarates tagt, erhoben sich gestern die Abgeordneten aus 16 westeuropäischen Ländern von ihren Sitzen und verharrten zum Gedenken an die Opfer von Budapest zwei Minuten in Schweigen.
Sie nahmen einstimmig eine Entschließung an: „In dem Bewusstsein, dass keine Tyrannei ewig währen kann, in dem Wissen, dass der Geist der Menschlichkeit immer über die Unterdrückung triumphiert, spricht die Versammlung tief bewegt von der menschlichen Tragödie, die sich in Zentral- und Osteuropa abspielt., all denen ihre tiefe Bewunderung und Sympathie aus, die in diesem Moment leiden und ihr Leben hingeben, damit die Flamme der Freiheit nicht erstickt wird.“
In Washington sprach Präsident Eisenhower sein Bedauern über die Intervention der sowjetischen Armee in Ungarn aus. Ihr Vorgehen, so erklärte er, zeige, dass sie nicht in Ungarn stationiert worden sei, um einen Angriff von außen abzuwehren, sondern um die Okkupation Ungarns auch nach dem Friedenschluss von 1947 lediglich im eigenen Interesse der Besatzungsmacht fortzusetzen.
Demgegenüber stellte der Außenminister Schepilow gestern in Moskau ausdrücklich fest, dass die sowjetischen Truppen erst auf Ersuchen der ungarischen Regierung eingegriffen hätten. Er behauptete, der Aufstand in Ungarn sei durch „reaktionäre Elemente“ von langer Hand vorbereitet und ausgelöst worden. Schepilow schloss mit den Worten: „Meine Herren, die Erde dreht sich weiter!“
In der gesamten westlichen Presse beherrschen die Berichte und Kommentare über die Vorgänge in Ungarn und Polen die ersten Seiten.
Die „New York Times“ schreibt: „Ostberlin im Juni 1953, Tiflis im März 1956, Posen im vergangenen Juni, Budapest gestern – das ist die tragische Ehrenliste der großen Städte, wo sich das unterdrückte Volk gegen die russische Sklaverei erhob. Die heroischen Märtyrer, die gestern in Budapest starben, waren Ungarn, die in der Hauptstadt ihres eigenen Landes von russischen Panzern und russischen Kugeln getötet wurden. Sie sind tot, aber ihr Fanfarenruf: „Russen, geht nach Hause tönt unaufhörlich durch die Welt und weckt das stärkste Echo in jenen weiten Gebieten – von Berlin bis Taschkent – wo russische Truppen nichtrussische Völker in Knechtschaft halten… Die Männer, die in Moskau regieren, und ihre Gauleiter in Osteuropa täten gut daran, sich durch diese Entwicklungen Furcht einjagen zu lassen. Es besteht eine revolutionäre und ansteckende Stimmung. Budapest gestern war ein geistiger Nachkomme dessen, was vorher in Posen und Warschau geschah. Können Prag oder Ostberlin oder Bukarest oder Sofia oder Tirana gegen eine solche Stimmung immun bleiben?“
Das ist im Grunde der Tenor aller Kommentare in den westlichen Zeitungen:
„Morgenbladet“-Oslo: „Die Flamme, die jetzt in den europäischen Kolonien der Sowjetunion entzündet worden ist, kann nicht mehr ausgelöscht werden. Sie wird vielleicht für kurze Zeit in ihrer Helligkeit nachlassen, aber sie wird niemals mehr zu brennen aufhören, bis die neuen Kommunisten das Schicksal ihrer Vorgänger gefunden haben.“
„Sozialdemokraten“-Kopenhagen: „Die Revolte hat der Welt und den kommunistischen Machthabern in Moskau und den Satellitenstaaten gezeigt, dass die Entwicklung in Osteuropa einen Punkt erreicht hat, wo Gewalt und Macht auf die Dauer nicht mehr die Forderungen der Menschen nach der Gewährung der Menschenrechte unterdrücken können.“
„Daily Express“-London: „Es gibt kein Zurück…Natürlich wird es noch immer Kommunismus sein und noch keine Freiheit, aber es ist sicher ein Schritt hinweg von der Knechtschaft. Es wird nicht der letzte sein. Die Freiheit ist Gott sei Dank ansteckend.“
„L`Aurore“-Paris: „In ihren Palästen, in ihren Ausschüssen und in ihren komfortablen Heimen beraten nun die Führer der dritten Internationale. Die Sturmflut ergießt sich mit einer Kraft und Schnelligkeit, die sie nicht vermuteten. Sie draht gleichzeitig das Regime des Hasses und das Regime der Denunziation hinwegzuspülen, dass sie eingerichtet haben, und sie selbst mit.“
26. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Noch immer schwere Kämpfe in Budapest
Ungarische Regimenter zu den Aufständischen übergegangen
Großteil der Hauptstadt in Händen der Revolutionäre
Budapest (UP/dpa). Der Regierung Nagy ist es auch am Donnerstag nicht gelungen, den Widerstand der Aufständischen in Budapest zu brechen. Obwohl Radio Budapest in den frühen Morgenstunden versichert hatte, die Regierung sei wieder Herr der Lage, wurden die schweren blutigen Kämpfe fortgesetzt. Im Abstand von wenigen Minuten rief der Sender bis in die Nachtstunden die Bevölkerung auf, die Innenstadt nicht zu betreten, da dort noch gekämpft werde. Über den Fernschreiber berichtete die amerikanische Gesandtschaft in Budapest nach London, beide Seiten hätten sich eingegraben und arteten die weitere Entwicklung der Lage ab. Im Augenblick sei die Situation noch völlig unübersichtlich. Augenzeugen, die in Wien eintrafen, berichteten, dass vier Regimenter der ungarischen Armee zu den Aufständischen übergegangen seien, die mit erbeuteten sowjetischen Panzern und mit schweren Granatwerfern ausgerüstet seien. Andere Mitteilungen besagen, dass am Donnerstagmittag große Teile der Hauptstadt in den Händen der Aufständischen gewesen seien.
Die Revolution soll sich auch auf die Städte Tatabanya, Salgotarjan, Debrecen, Szolnok und Szeged ausgedehnt haben.
Revolutionäre melden sich im Rundfunk
Erstmals seit Beginn des ungarischen Volksaufstandes gelang es den Aufständischen am späten Donnerstagabend, mit der Außenwelt in direkte Verbindung zu treten, Die Sendung von Radio Budapest werden mehrmals von Mitteilungen unterbrochen, die offensichtlich von Sendern ausgestrahlt wurden, die sich in Händen der Aufständischen befinden. Einer der Geheimsender meldete sich als „Stimme Miskolc“ (eine Stadt im Kohle und Stahlrevier im Nordosten Ungarns nahe der tschechoslowakischen Grenze). Dies könnte als Bestätigung dafür angesehen werden, dass der aufstand weitere Teile Ungarns erfasst hat und nicht auf Budapest beschränkt blieb.
Der Sprecher dieses Senders forderte die „sofortige Ausschaltung aller Stalinisten“. „Macht dem Gemetzel in Budapest ein Ende.“ Er verlangte ferner den Abzug der sowjetischen Truppen.
26. Oktober 1956 Die Welt
Verlorenes Spiel (A. H.)
Die neuen Machthaber in Ungarn glaubten schon am Donnerstag früh feststellen zu können, dass der Volksaufstand niedergeschlagen sei, dass die Aufständischen das Spiel verloren hätten. Sie haben sich geirrt. Die Kämpfe gingen auch am Donnerstag weiter. Vergeblich entschloss sich die Regierung daraufhin, den Parteisekretär Gerö als Sündenbock zu opfern. Kam auch dieses Opfer schon zu spät?
Auf die Dauer werden sich die auf sich selbst gestellten Aufständischen kaum gegen die erdrückende Übermacht der sowjetischen Panzer behaupten können. Aber wie die blutigen Kämpfe auch ausgehen mögen, fest steht schon jetzt, dass die Sowjets die wirklichen Verlierer sein werden. Sie konnten zwar im Augenblick noch einmal durch Druck oder mit Einsatz ihrer Waffen ihre militärisch-strategische Stellung in Osteuropa behaupten. Sie haben aber den letzten Rest von Sympathien bei den Völkern eingebüsst. Das wird auf lange Sicht den Ausschlag geben.
26. Oktober 1956 Die Welt
SED mahnt Kampfgruppen zu besonderer Wachsamkeit
Unter dem Eindruck der Vorgänge in Budapest und Warschau
Von unserem Korrespondenten
W. Berlin, 25. Oktober
Offensichtlich unter dem Eindruck der Ereignisse in Ungarn und Polen rief die SED in den letzten Tagen die bewaffneten Betriebskampfgruppen der Zone zusammen und ermahnte sie zur Wachsamkeit. Wie das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ mitteilt, fanden in allen Ostberliner Grossbetrieben Versammlungen der Kampfgruppen statt.
Das Blatt bemerkt dazu: „Sollten die Westberliner Agentenorganisationen auch nur den Versuch wagen, unseren sozialistischen Aufbau zu stören und Unruhe zu stiften, so werden die Mitglieder der Kampfgruppen jede Provokation zu verhindern wissen.“
27./28. Oktober 1956 Schwäbische Landeszeitung
Warschau-Budapest
Von Curt Frenzel
Es wird wohl niemanden geben, der die Demonstrationen in Warschau und vor allem die Kämpfe in den Strassen von Budapest nicht mit verhaltener Erregung verfolgt. In der ungarischen Hauptstadt fließt Blut, und niemand vermag in dieser Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, voraussehen, welche Entwicklung die Vorgänge in Ungarn noch nehmen werden. Osteuropa ist in Bewegung geraten, und wir Westeuropäer, die wir uns in den letzten Jahren zu oft mit Fragen der europäischen Gestaltung beschäftigten, müssen erneut erkenne, dass Europa nicht an der Elbe oder der Oder-Nieße-Linie endet. All das was sich in den letzten Wochen ereignet hat, geht ganz Europa an und rüttelt am künftigen Schicksal unseres Kontinents. Europa befindet sich in einem politischen Umbruch, dessen Hindergründe heute noch nicht übersehen werden können und dessen weitere Entwicklung ebenfalls noch völlig im Dunkeln liegt.
27. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Gegenregierung in Westungarn ausgerufen
Die Aufständischen melden Fortschritte in schweren Kämpfen
Nagy verspricht Abzug der Russen noch in diesem Jahr und
Bildung einer Volksfrontregierung
Freiheitssender proklamieren Generalstreik
Unter dem Motto: „Das ungarische Volk ist fest entschlossen, das kommunistische Joch abzuschütteln“, meldeten sich am Freitag zahlreiche Freiheitssender. Sie forderten zum Generalstreik auf und verlangten die sofortige Freilassung des Kardinals Mindszenty. In Nordungarn ist der Sender Miskolc in der Hand der Aufständischen. Der Sender Pecs (Fünfkirchen) gab in der Hauptsache verschlüsselte militärische Weisungen an die Freiheitskämpfer.
Die Forderungen der „Armeeregierung“
In den Flugblättern der „revolutionären ungarischen Armeeregierung“, die im ganzen Lande verteilt wurden, heißt es: „Wir schwören bei den Leichen unserer Märtyrer, dass wir für unser Land in diesen kritischen Zeiten die Freiheit erringen werden. Bürger, wir fordern:
1. Eine neue provisorische Revolutionsarmee und eine nationale Regierung, in der die Führer der revoltierenden Jugend vertreten ist.
2. Das unverzügliche Ende des Kriegsrechtes.
3. Die unverzügliche Aufhebung des Warschauer Vertrages. Friedlicher Abzug der Sowjettruppen aus unserem Vaterland.
4. Die Köpfe derjenigen, die für das Blutvergießen wirklich verantwortlich sind. Freilassung unserer Gefangenen und eine Generalamnestie.
5. Eine wirklich demokratische Basis für den ungarischen Sozialismus.
Inzwischen übernimmt die Armee die Verantwortung für die Ordnung und für die Entwaffnung der Sicherheitspolizei. Ohne diese Maßnahme bleibt die Gefahr weiteren Blutvergießen bestehen.“
27. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Mütter schickten ihre Söhne in den Kampf
Kein einziger der Aufständischen in Ungarn denkt an Flucht, solange noch die geringste Hoffnung besteht
Nach neuen Augenzeugenberichten geschildert von unserer Wiener Korrespondentin
Wohlorganisiert und sehr diszipliniert (Inge Santner)
Immer ist eine belagerte Stadt der Nährboden üppig wuchernder Gerüchte, die aus Furcht und Hoffnung gemixt sind. Kaum zwei von den rund vierzig Oesterreichern, Deutschen, Holländern, Schweizern und Türken, die in Budapest Augenzeugen der Revolutionskämpfe wurden und sich innerhalb der letzten 48 Stunden zur österreichischen Grenze durchschlugen, wissen das Gleiche zu berichten. Nur in einem einzigen Punkt decken sich alle Schilderungen: in der Feststellung, dass es sich bei den Kämpfen in Ungarn um keine Revolte von übermütigen jugendlichen Banden, sondern um eine Volkserhebung im echtesten Sinn des Wortes handelt. Und zwar um eine wohlorganisierte, mit fast unheimlicher Disziplin durchgeführte Volkserhebung.
Die Aufständischen – das betonen alle Augenzeugen und genauen Kenner Budapests – hielten sich an einen klugen und genauen ausgearbeiteten strategischen Plan. Sie versuchten schlagartig, die sechs neuralgischen Punkte der ungarischen Hauptstadt in die Hand zu bekommen:
1. Das Parlament und dessen unmittelbare Umgebung, in der mehrere Regierungsgebäude liegen.
2. Die Rundfunkstation.
3. Das Druckereigebäude des kommunistischen Parteiorgans „Szabad Nep“.
4. Den Ostbahnhof, von dem sämtliche Züge nach dem Westen abfahren.
5. Die Robert-Kiraly-Kaserne, Budapests größte Truppenunterkunft, in der zu Revolutionsbeginn mindestens 6000 ungarische Soldaten wegen „Unzuverlässigkeit“ kaserniert waren.
6. Die Kettenbrücke als die strategisch am günstigsten gelegene Budapester Donaubrücke.
„Wer diese sechs Punkte beherrscht, ist Herr über Budapest“ erklärten die Gewährsleute übereinstimmend. In den offenbar verfolgten strategischen Plan passt es auch ausgezeichnet, dass sich die Aufständischen in großer Zahl in den Häusern der Kör-Ut (Ringstraße) verbarrikadierten und dort das Stadtzentrum gegen die konzentrisch vergehenden Sowjettruppen zu verteidigen suchten. Die Kör-Ut umschließt jenen Bezirk Budapests, in dem Parlament, Rundfunkhaus, mehrere Regierungsgebäude und große Geschäfte liegen.
Das strategisch richtige Vorgehen der Aufständischen wird in Budapest allgemein als Bestätigung der Gerüchte gewertet, dass vier ungarische Regimenter geschlossen zu den Aufständischen übergegangen sind und dass die Aktionen der Revolutionäre von desertierten höheren ungarischen Offizieren geleitet werden. Einen Beweis für die Beteiligung ungarischer, wenn nicht gar sowjetrussischer Truppen an der Volkserhebung erblickt man auch darin, dass Teile der Aufständischen trotz des seit Jahren strengstens gehandhabten allgemeinen Waffenverbots in Ungarn bestens bewaffnet sind. Sie verfügen zwar über keine schweren Waffen und nur über einige gekaperte Panzer, haben aber moderne russische Maschinenpistolen, Maschinengewehre und die gleichen Karabiner, mit denen die ungarischen Truppen ausgerüstet sind.
27. Oktober 1956 Frankfurter Allgemeine Zeitung
Freiheitshelden
Wie lange kann der ungleiche Kampf dauern? Wie lange können, wie lange dürfen die anderen Völker zusehen, ohne bei den Vereinten Nationen dagegen vorstellig zu werden, dass eine Macht, nur weil sie Großmacht ist, ein kleines Land mit der ganzen Bevölkerung vergewaltigt? Wie lange werden die Russen, die sich als Vertreter einer neuen und fortschrittlicheren „Demokratie“ aufspielen, es für zweckmäßig halten, vor aller, auch vor der Asiaten und Afrikaner Augen, diesen Gegensatz zwischen ihren Phrasen und ihren Handlungen auszubreiten?
27. Oktober 1956 Die Welt
Westmächte erwägen die Einschaltung der UNO
Gesandte in Budapest wurden um Vermittlung gebeten
Von unserem Korrespondenten
gr. London, 26. Oktober
Die britische Regierung erwägt die Möglichkeit, die Ereignisse in Ungarn gemeinsam mit den USA und Frankreich vor die Vereinten Nationen zu bringen. Man ist sich jedoch in Whitehall im Augenblick noch nicht darüber klar, ob und auf welche Weise ein solcher Schritt unternommen werden könnte. Britische, amerikanische und französische Experten sind zurzeit dabei, die juristischen Möglichkeiten zu prüfen.
Anlass der Erwägung ist ein Appell von etwa 2000 Ungarn an die britische Gesandtschaft in Budapest. Am Donnerstagnachmittag hatten sie sich vor der britischen Gesandtschaft in Budapest versammelt, und fünfzig von ihnen waren als Sprecher in das Gesandtschaftsgebäude gekommen. Sie baten den amtierenden Gesandten, die Welt darüber zu informieren, dass die ungarische Bevölkerung sich durchaus friedlich verhalten habe, und ersuchten diesen gleichzeitig, die Angelegenheit vor die Vereinten Nationen zu bringen. Der britische Gesandte versprach, die Berichte und Forderungen getreulich weiterzuleiten, Die Menge begab sich anschließend mit dem gleichen Anliegen zu der amerikanischen Vertretung.
27./28. Oktober 1956 Frankfurter Rundschau
Aufstand dehnt sich über ganz Ungarn aus
Revolutionskomitees proklamieren Generalstreik – Auch Armee-Einheiten rebellieren
Regierung in völlig hilfloser Lage – Westmächte wollen den Sicherheitsrat anrufen
Budapest, 26. Oktober (dpa/AP/UP). In Ungarn hat sich der Aufstand jetzt auf das ganze Land ausgedehnt. Aus verschiedenen größeren Städten des Landes werden Kämpfe gemeldet. Von verschiedenen Seiten wird auch von einem Generalstreik gesprochen, der von örtlichen Revolutionsräten ausgerufen wurde. Das Zentralkomitee der KP tagt seit Freitagmorgen und hat wichtige Beschlüsse angekündigt. Am späten Nachmittag appellierte Radio Budapest an die „jungen Soldaten“, sie sollten „die Waffen niederlegen“. Der Sender versprach, dass niemand, der sich feiwillig ergebe, bestraft werden solle. Dieser Aufruf deutet an, dass großer Teil der Armee auf Seiten der Aufständischen kämpfen. Die Aufständischen haben die Westmächte durch die Gesandtschaften Großbritanniens und der USA aufgefordert, den Kampf des ungarischen Volkes durch Anrufung des Sicherheitsrates zu unterstützen. Wie der französische Außenminister Pineau dazu erklärte, werden die Westmächte möglicherweise bereits in Kürze diesem Wunsch nachkommen. Besprechungen hierüber fanden zwischen London, Paris und Washington bereits statt.
28. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Der Westen klagt Moskau vor der UNO an
Wegen bewaffneter Einmischung in Ungarn – Sicherheitsrat tritt bereits heute zusammen
New York (UP/dpa). Auf Antrag der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs ist der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen von seinem Vorsitzenden für Sonntag, 22 Uhr, zur Erörterung der Lage in Ungarn einberufen worden. In einem gemeinsamen Schreiben hatten die Westmächte am Sonnabendnachmittag gefordert, dass der Sicherheitsrat möglichst bald „über die Situation berät, die durch das Eingreifen ausländischer Militärverbände in Ungarn entstanden ist, die die Rechte des ungarische Volkes gewaltsam unterdrücken“.
Ihren Antrag begründen die westlichen Regierungen damit, dass sie zu den Unterzeichnermächten des ungarischen Friedensvertrages gehören, der die Rechte des ungarischen Volkes garantiere. Die spanische Regierung hat ebenfalls in einem Schreiben an UNO-Generalsekretär Hammarskjöld gegen die blutige Unterdrückung des ungarischen Volksaufstandes durch sowjetische Truppen protestiert und ein Eingreifen der UNO gefordert.
28. Oktober 1956 Telegraf
Der Satellitengürtel zerspringt
Von Arno Scholz
Noch immer ist nicht zu übersehen, wer die Aufständischen in Ungarn wirklich führt und auf welche Bevölkerungsschichten sie sich stützen können. Doch soviel darf schon gesagt werden, dass in Ungarn eine Volksbewegung ausgelöst wurde, die so leicht nicht zu ersticken sein wird.
Die Ungarn haben seit ihrer Loslösung aus der Donaumonarchie nach Ausgang des ersten Weltkrieges wohl das härteste Schicksal zu tragen gehabt, was je den europäischen Völkern in den letzten 40 Jahren auferlegt wurde. Kaum waren sie selbständig, da stürzte Bela Kun im Auftrage Moskaus am 22. März 1919 die legale Regierung Karoly. 133 Tage der Terrorherrschaft folgten. Mit Blut schrieb Bela Kun seine Gesetze, bis Er AM 31. Juli 1919 durch Admiral Horthy besiegt werden konnte. Bela Kun wurde 1938 als Trotzkist und Verräter in der Sowjetunion hingerichtet.
Horthy-Ungarn wurde für alle freiheitlich denkenden Menschen in Europa bald ein ebensolcher Begriff wie später Mussolini-Italien oder Hitler-Deutschland. Die Militärdiktatur des Reichsverwesers Horthy hielt sich auch dank der freundschaftlichen Beziehungen zu Hitler bis gegen Ende des zweiten Weltkrieges. Dann wurde Ungarn von den Sowjets erobert und im Dezember 1944 unter dem Druck dieser Besatzungsmacht eine Regierung gebildet, in der zwar nur zwei Kommunisten vertreten waren. Aber weil sie die Besatzungsmacht hinter sich wussten, bildeten sie von Anfang an das beherrschende Element. Zwischen 1945 und 1948 folgten zwar noch einige Versuche, den Einfluss der Kommunisten zurückzudrücken. 1948 waren aber bereits von 15 Regierungsmitgliedern 6 Kommunisten. Vom 9. Dezember 1948 wurde erstmalig eine ausschließlich aus Kommunisten zusammengesetzte Regierung gebildet, die dann treu und ergeben alle Befehle Moskaus ausführte und Ungarn zum Satellitenstaat der Sowjetunion machte.
Hoffentlich gelingt es der Arbeiterschaft Ungarns, die ebenso wenig kommunistisch eingestellt ist wie die der sowjetisch besetzten Gebiete Deutschlands oder Polens, der Tschechoslowakei und Rumäniens, die Initiative an sich zu reißen. Nichts wäre schlimmer, als wenn nach dem zweimaligen Wechsel nun wider ein Militärkabinett folgte.
29. Oktober 1956 Frankfurter Rundschau
Wie in den schlimmsten Tagen des Zweiten Weltkrieges
Schlagbaum zum verbotenen Land öffnet sich – An der österreichisch-ungarischen Grenze
Von unserem nach Ungarn entsandten Korrespondenten Maximilian Teicher
Mörder in Uniform
Einige Journalisten hatten die Möglichkeit, mit einem Medikamententransport bis nach Ungarisch-Altenburg (Magyarovar) zu gelangen. Dieser Ort der 17 Kilometer jenseits der Grenze liegt, war vor wenigen Tagen Schauplatz eines grauenhaften Massakers. Auf die Nachricht vom Aufstand in Budapest hin versammelte sich die Einwohnerschaft der Stadt auf dem Hauptplatz. Die Menge sang ungarische Freiheitslieder und rief: „Nieder mit den Russen!“ Dann setzte sie sich in Marsch, um von der Kaserne der Sicherheitspolizei die roten Sterne herunterzureißen. Der wachhabende Offizier und seine Soldaten schienen zunächst mit den Demonstranten zu sympathisieren. Der Offizier ging den Leuten, unter denen sich zahlreiche Freuen und Kinder befanden, mit ausgebreiteten Armen entgegen. Plötzlich warf er eine Handgranate in die Menge, und dann begannen auch die anderen Staatspolizisten wie wild aus Maschinenpistolen zu feuern. 92 Tote und über 200 verletzte blieben auf der Walstatt, während die anderen in wilder Panik davonstoben. Das Blutbad sollte jedoch nicht lange ungesühnt bleiben. Die Bevölkerung erhob sich wie ein Mann gegen die Terroristen. Bewaffnete Zivilisten und Soldaten kamen ihnen aus Raab zu Hilfe. Die Polizeikaserne wurde gestürmt. Von den 20 Staatspolizisten kamen nur wenige mit dem Leben davon. Zwei von ihnen wurden gehängt, einer den man schwer verwundet ins Spital eingeliefert hatte, wurde von der wütenden Menge herausgeholt und zu Tode getrampelt.
Das Krankenhaus des kleinen Städtchens schwamm buchstäblich im Blut der Verwundeten. Den wenigen Besuchern aus dem Nachbarland bot sich in den überfüllten Krankensälen ein grauenhaftes Bild. Kleine Kinder, deren Gliedmaßen von Handgranaten zerfetzt waren, lagen mit dicken Verbänden in den Betten. Ein zwölfjähriges Mädchen hatte den Fuß verloren, eine alte Frau den Arm. In einem anderen Saal lagen mehrere junge Männer im Sterben. Der Chefarzt des Krankenhauses erklärte, seit den schlimmsten Tagen des Weltkriegs nicht so viel Schlimmes und grauenhaft zugerichtete Opfer gesehen zu haben. Die leichter Verwundeten liegen zu zweit und zu dritt in den Betten. Die Ärzte sind am Rande der Erschöpfung, obwohl ihnen viele Kollegen aus der Umgebung sofort auf Fahrrädern zu Hilfe gekommen waren.
29. Oktober 1956 Die Welt
„Wir kämpfen nicht gegen Ungarn“
Gespräch mit Aufständischen – Spenden rollen zum Schlagbaum – Das Drama von Altenburg
In den Wartepausen schildern die Ungarn ihre Erlebnisse und Beobachtungen. Der Kampf in Westungarn, der Mittwoch und Donnerstag ausgetragen wurde, war grausam. Die zwanzig Männer der ungarischen staatlichen Grenzpolizei, die am Donnerstag in wenigen Stunden in einem friedlichen Demonstrationszug 91 Menschen durch Maschinengewehrsalven vernichteten, wurden gelyncht, zu Tode getrampelt. Einige andere aus dieser Gruppe hat man nachträglich gefasst und aufgehängt.
In Ostungarn, so erzählte ein Deutscher, der den Ausbruch der Revolution dort erlebt hatte, hat man einen Offizier, der ein Blutbad verschuldet hatte, nachher an einen Lastkraftwagen gehängt und durch die Straßen der Stadt zu Tode geschleift. Die Erbitterung der Menschen richtet sich aber in erster Linie gegen die Russen. „Wir kämpfen nicht gegen Ungarn, wir kämpfen gegen die Sowjets“, sagte ein blutjunger Student, mit Tennisschuhen an den Füßen und nur mit einem Pullover als wärmendem Kleidungsstück ausgerüstet.
29. Oktober 1956 Nürnberger Nachrichten
Ein Strom von Spenden ergießt sich in das leidgeprüfte Ungarn
Ganze Welt hilft Ungarn
Rot-Kreuz-Gesellschaften schickten in Flugzeugen Medikamente, Blutkonserven und Lebensmittel – Bundesrepublik entsendet „fliegendes Krankenhaus“
Verabschiedung in München
Das Deutsche Rote Kreuz hat sich entschlossen, seinen großen vollmotorisierten DRK-Hilfszug nach Ungarn in Marsch zu setzen. Heute früh um sieben Uhr wird er in München von Landtagspräsident Dr. Hans Ehard in seiner Eigenschaft als Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes verabschiedet.
Der Zug ist das modernste „fliegende Krankenhaus“ Europas. Sein Begleitpersonal besteht aus 40 Männern, 10 Krankenschwestern und einer Apothekerin. Die Leitung hat Otto Franke vom DRK-Generalsekretariat, leitender Arzt ist Dr. Walter Stöckel, dem die DRK-Bundesschule untersteht. Der Hilfszug besteht aus 12 Lastwagen, drei Kranken-, je zwei Fernmelde-, Funk- und VW-Kombi-Mannschaftswagen, einer Feldküche, einem I-Trupp-Wagen (für die Instandsetzung von Schäden, die am Hilfszug auftreten, einem Lkw-Anhänger mit Kraftstoffreserven und einer Lichtmaschine.
30. Oktober 1956 Telegraf
Die Angeklagten
Die Sowjetunion steht mit den schmutzigen Händen einer Kolonialmacht da. Der Warschauer Pakt hat sich im Lichte des ungarischen Aufstandes als einseitiges Instrument des sowjetischen Imperialismus, als ein blutiges Schwert zur Aufrechterhaltung der sowjetischen Hegemonie erwiesen. Der Warschauer Pakt ist moralisch tot.
Selbst wenn die Sowjetunion sich unter dem Druck der Verhältnisse dazu entschließen sollte ihre Truppen aus Ungarn abzuziehen – die ungarische Bevölkerung wird nicht nur Stalin, sondern auch seine Nachfolger Tyrannen nennen.
30. Oktober 1956 Der Tagesspiegel
Neue schwere Kämpfe
Rote Armee soll Budapest halten
Sowjettruppen werden verstärkt – Ungarische Revolutionäre lehnen Waffenstreckung ab
Aufständische misstrauen Versprechen der Kommunisten
Budapest / Moskau (dpa/UP). Die sowjetischen Truppen haben die ungarische Hauptstadt noch nicht geräumt. Entgegen einem Versprechen des ungarischen Ministerpräsidenten Nagy, dass die Russen Budapest sofort verlassen und in ihre Garnisonen zurückkehren würden, hat der sowjetische Außenminister Schepilow in Moskau festgestellt, die Sowjets würden erst dann abrücken, wenn die Aufständischen ihre Waffenniedergelegt hätten und keine weitere Gefahr für die sowjetischen Truppen bestände. Der britische Außenminister Lloyd bestätigte in London, dass weitere sowjetische Panzer aus Rumänien nach Ungarn und in die Hauptstadt in Marsch gesetzt worden seien.
Radio Budapest, das noch am Sonntagabend den Abzug der Russen verkündet hatte, behauptete am Montag, die Regierung habe sich mit den Aufständischen geeinigt, dass sie die Waffen niederlegen und dass anschließend die Russen abziehen würden. Über ihre Sender haben die Aufständischen dieses Ansinnen sofort zurückgewiesen und betont, sie würden die Waffen nicht niederlegen, weil niemand kommunistischen Versprechen trauen könne.
Nach Berichten, die am späten Montagabend eintrafen, sind an einigen Stellen der ungarischen Hauptstadt noch immer schwere Kämpfe im Gange. Bei diesen Kämpfen setzen die Sowjets schwere Waffen und Panzer ein.
30. Oktober 1956 Rhein-Neckar-Zeitung
Wie in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges
Von UP-Korrespondent Anthony Cavendish
Einheiten der sowjetischen Streitkräfte begannen am Montag unter Mitnahme ihrer Tanks und aller Waffen sowie ihrer Toten mit dem Abzug aus der durch den Volksaufstand schwer mitgenommenen ungarischen Hauptstadt.
Ich traf Montagvormittag aus Warschau kommend in Budapest ein. Die letzten fünf Kilometer vom Stadtrand bis ins Zentrum der einstmals herrlichen Metropole Ungarns legte ich zu Fuß zurück, nachdem ich mit dem Flugzeug und dem Kraftwagen den größten Teil der Strecke von Warschau nach Budapest hinter mich gebracht hatte.
Die polnische Maschine, mit der ich kam und die 220 Pfund Blutspenden an Bord hatte, konnte am Sonntagabend in Budapest nicht landen. Deshalb brachte uns der polnische Pilot Viktor Welka nach einem Landeplatz rund 50 Kilometer südlich von Budapest. Es gelang mir, mit einem Kraftwagen jedoch nicht hinein, denn diese Stadt zeigt die Spuren einer Zerstörung, wie sie seit dem Ende des zweiten Weltkrieges nirgendwo in Europa mehr in Erscheinung trat.
In allen Straßen, durch die ich kam, lagen umgestürzte, zerschossene und ausgebrannte Kraftwagen, Lastkraftwagen und Omnibusse. Aus verschiedenen Häusern, die alle von den Spuren der Kämpfe gezeichnet sind, wehte die Ungarische Nationalflagge. Alle waren ohne Sowjetstern. Der Stern war aus den Flaggen herausgeschnitten. Überall an den Hauswänden stehen in Kalkfarbe Parolen wie „Russen nach Hause“ zu lesen.
2. November 1956 Die Welt
Ungarn kündigt den Ostpakt
UNO um Schutz gebeten
Protestschritt Nagys gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen
Budapest, 1. November (AP – dpa)
Die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Nagy hat am Donnerstag angesichts des Einmarsches neuer sowjetischer Truppen die Neutralität Ungarns proklamiert und die Vereinten Nationen um Schutz dieser Neutralität angerufen. Nagy protestierte zugleich gegen den Einmarsch der neuen sowjetischen Verbände und erklärte den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt.
Ministerpräsident Nagy rief den sowjetischen Botschafter Andropow zu sich, um ihm mitzuteilen, dass Ungarn sich unter den Schutz der Vereinten Nationen stelle. Nach Berichten aus ungarischen Militärkreisen sind zwei sowjetische Panzerdivisionen von Norden und Süden her in Ungarn eingerückt. Der sowjetische Botschafter erklärte, dass es sich lediglich um eine Umgruppierung von Truppenverbänden handele und dass keine Absicht bestehe, die sowjetischen Truppen erneut gegen die inzwischen siegreichen Aufständischen einzusetzen.
1. November 1956 Nürnberger Nachrichten
Nürnberg, 1. Nov. – Über die letzten sowjetrussischen Einheiten, die gestern aus Budapest abzogen, kreisten drohend Flugzeuge der ungarischen Luftwaffe, die Flugzettel mit der in russischer Sprache aufgedruckten Forderung abwarfen: Wenn nicht sofort auch der letzte russische Soldat Budapest verlässt greifen wir an.“
Gleichzeitig beklagte sich der Sender Budapest, dass sich immer noch Sowjettruppen in der Stadt befinden. „Wir fordern die Regierung auf, sofort den sowjetischen Kommandeur zur endgültigen Räumung der Stadt zu veranlassen.“ Mit Empörung sehe die Bevölkerung, dass noch immer Sowjetpanzer vor dem Parlamentsgebäude ständen und in den verschiedenen Straßen herumführen. Die Geduld der Menge sei am Ende.
Wenige Stunden später hatte tatsächlich die letzte sowjetische Einheit Budapest und die Vorstädte mit unbekanntem Ziel passiert.
Vom Jubel begleitet
Auf dem Kossuthplatz vor dem Parlamentsgebäude sprach Imre Nagy gestern Nachmittag zu einer riesigen Menschenmenge. Als er den folgenden Satz aussprach: „Auch durch die Kündigung des Warschauer Pakts bitten wir die Sowjetunion um den sofortigen Abzug ihrer Truppen aus unserem Land“, brach ein ungeheurer Jubel aus. Ob Imre Nagy mit dieser Mitteilung die bereits erfolgte Kündigung des Warschauer Pakts oder nur die Absicht, diesen Schritt zu tun, bekanntgegeben hat, weiß man nicht.
2. November 1956 Nürnberger Nachrichten
Was sagt Mindszenty?
Der Frühere Ministerpräsident Zoltan Tildy von der Kleinbauernpartei, der in der Regierung Nagy den Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten inne hat, wurde gestern zusammen mit einer Regierungsdelegation vom Oberhaupt der katholischen Kirche in Ungarn, Josef Kardinal Minszenty, empfangen. Dabei äußerte sich der Kirchenfürst der, wie wir gestern berichteten, aus seiner Verbannung triumphal eingeholt worden war und vor dessen Palais Soldaten und Panzer postiert sind, sehr bestimmt über die politische Lage.
Als Vorbedingung für eine Unterstützung des gegenwärtigen Regimes forderte er die Zulassung einer christlich-demokratischen Partei nach dem Muster der CDU Bundeskanzler Adenauers sowie die Aufnahme eines Vertreters dieser Partei in die neue Regierung. Solange diese Bedingungen nicht erfüllt seien, könne er eine Unterstützung des gegenwärtigen Regimes nicht erwägen. In diesem Zusammenhang erzählt man sich in Budapest, der Kardinal sei bereit, unter den genannten Bedingungen eine Koalitionsregierung unter Einschluss „titoistischer“ Kommunisten zu akzeptieren.
Einem Vertreter der amerikanischen Nachrichtenagentur United Press gegenüber erklärte Mindszenty nach seiner Verhandlungen mit der Regierungsdelegation, vielleicht werde er sogar eine Persönliche Beteiligung an einer Regierung auf breiter Basis erwägen.
In einer Erklärung über Radio Budapest rief der Kardinal die Bevölkerung zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung auf. In der Erklärung heißt es wörtlich: „In meinem Herzen gibt es gegen niemanden Hassgefühle. Ein bewundernswürdiges Heldentum hat jetzt das Vaterland befreit. Dieser Kampf um die Freiheit ist ohne Beispiel in der Geschichte der Welt. Die Jugend verdient jeden Ruhm. Unsere Armee, unsere Arbeiter und Bauern haben ein Beispiel an heldenhafter Vaterlandsliebe gegeben. Die Lage des Landes ist sehr ernst. Wir müssen so schnell wie möglich den Weg zum Wiederaufbau finden.“
3. November 1956 Der Tagesspiegel
Dramatische Zuspitzung: Sowjetpanzer sperren Ungarns Westgrenze
Dringender Hilferuf Nagys an die UNO
Budapest bereitet sich auf die Verteidigung vor
Neubildung des politischen Lebens
Im politischen Leben Ungarns haben sich am Freitag neue Gruppierungen vorbereitet. Die Kommunistische Partei wurde unter Führung des Ersten Sekretärs Kadar neu gegründet und trägt jetzt den Namen „Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei“. Dem Vorstand gehören Nagy und zwei weitere Minister an. Die Partei der Kleinen Landwirte und die Bauernpartei haben beschlossen, gemeinsam eine „Nationale Bauernpartei“ zu gründen. Die Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Anna Kethly, hatte bereits am Donnerstag auf der Tagung der Sozialistischen Internationale in Wien angekündigt, dass ihre Partei mit Nagy über die Bildung einer neuen Partei verhandeln wolle. Sie bat für diesen Zweck um eine Sondergenehmigung, da die Sozialistische Internationale ein Zusammengehen der Sozialdemokraten mit den Kommunisten bisher untersagt hatte. Anna Kethly begründete die Haltung der ungarischen mit dem Hinweis auf die besondere Lage. Der Präsident des Nationalen Revolutionskomitees, Dudas, hat erklärt, er sei zu einer Zusammenarbeit mit Nagy bereit unter der Bedingung, dass die Vertreter der revolutionären Bewegung an der Koalitionsregierung beteiligt würden. Kardinal Minszenty hat es am Freitag abgelehnt, in das ungarische Kabinett einzutreten. Er erklärte: „Das ist nicht meine Aufgabe.“
3. November 1956 Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Ungarn bangen um ihren Sieg
Eigener Bericht unserer nach Budapest entsandten Korrespondentin Hanni Konitzer
Vor den Lebensmittelgeschäften stehen riesige Schlangen, denn jeder will soviel wie möglich kaufen aus Angst davor, dass neue Kämpfe in den nächsten Tagen beginnen und die Menschen wieder in ihre Häuser verbannen.
Dennoch ist die Stimmung überall bewundernswert gut. Niemand klagt und schimpft. Erschüttert und beschämt stellt der Besucher aus dem Westen fest, dass hier in Ungarn die Freiheit noch tatsächlich soviel bedeutet wie anderswo der gute Lebensstandard. Man hat für die Freiheit gekämpft und geblutet, und man nimmt es als selbstverständlich hin, dass ihretwegen auch der Kochtopf nur halbvoll ist und dass die Ersparnisse dahinschmelzen.
5. November 1956 Nürnberger Nachrichten
In den letzten 48 Stunden überschlug sich die Entwicklung in Ungarn
So gingen Sie unter
Zunächst sah es hoffnungsvoll aus: die Russen verhandelten über Truppenabzug – Es war aber nur eine Finte, um Zeit zu gewinnen – Ungarns militärische Führung tappte in eine Falle
Nürnberg, 5. Nov. – Der Eiserne Vorhang zwischen Ungarn und dem Westen ist gestern nach einer Woche freier Kontakte wieder rasselnd heruntergegangen. Hinter ihm vollzieht sich eine Tragödie, deren Ausmaß noch nicht übersehen werden kann.
Nach tagelangen Vorbereitungen sind die sowjetischen Divisionen in ganz Ungarn angetreten, um den Freiheitswillen des ungarischen Volkes in einem Meer von Blut zu ersticken. Die Nachrichtenverbindungen sind abgebrochen. Nur selten dringen noch verzweifelte Hilferufe einzelner Befehlssender der ungarischen Revolutionäre über den Äther in die freie Welt.
25. Okt. 1956 Neues Deutschland
Die Kräfte des Sozialismus sind stärker
Zu den Ereignissen in Ungarn
Es ist klar, dass wir zur Stunde nicht über die Kenntnis aller Einzelheiten der Ereignisse in Ungarn verfügen können. Soviel steht aber bereits fest: Am 23. und 24. Oktober versuchten die ausländischen Imperialisten mit Hilfe konterrevolutionärer Elemente in Ungarn einen bewaffneten Putsch gegen die sozialistische Volksmacht durchzuführen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Konterrevolutionäre wurden vom werktätigen ungarischen Volk und seiner Volksarmee binnen kurzer Frist niedergeschlagen. Einige Mitteilungen werfen ein bezeichnendes Licht auf die Taktik der Drahtzieher dieses gegen die Sache des Friedens und des Sozialismus gerichteten Verbrechens. Unter dem Einfluss einer verlogenen Propaganda über die Ereignisse in Volkspolen, mit Hilfe der bürgerlich-nationalistischen Verfälschung der Losungen „Unabhängigkeit und Selbständigkeit“ kam es in Budapest zu Demonstrationen, die offenkundig von den Gruppen der Untergrundorganisation zu antisowjetischen Provokationen ausgenutzt wurden. Die Fakten zeigen, dass hinter den verlogenen Phrasen von „Unabhängigkeit und Selbständigkeit“ der Plan des bewaffneten Sturzes der Volksmacht, der Wiederherstellung der kapitalistischen Sklaverei für das ungarische Volk stand.
Warum musste der konterrevolutionäre Putsch in Ungarn scheitern? Weil heute die Lage in der Welt und auch in Ungarn völlig verschieden ist von der im Jahre 1919, als die junge Ungarische Räterepublik von den weißgardistischen Horthy-Banden und der internationalen Reaktion erwürgt wurde. Heute hat der Sozialismus tiefe Wurzeln in Ungarn gefasst. Das Volk liebt und verteidigt seinen volksdemokratischen Staat, der bei allen Mängeln tausendmal besser ist als das verfluchte Regime der Magnaten und Kapitalisten. Heute existiert ein einheitliches, festes sozialistisches Lager, das auf keinen Fall schwächer ist als das Lager des Imperialismus. Volksungarn hat gute, zuverlässige Freunde und Verbündete. Erneut hat die sowjetische Armee sich ehrenvoll ins Blatt der Geschichte eingeschrieben. Einigen Truppen haben Schulter an Schulter mit den Soldaten der ungarischen Volksarmee gegen die konterrevolutionären Banditen gekämpft.
25. Okt. 1956 Neues Deutschland
Ungarn schlägt Konterrevolution nieder
Sieg der sozialistischen Volksmacht / Arbeiter verteidigten ihre Betriebe
Budapest (ADN/ND). Im Laufe des Mittwoch wurde in der ungarischen Hauptstadt ein Putsch konterrevolutionärer Elemente niedergeschlagen. Nachdem bewaffnete faschistische Banden schon in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch damit begonnen hatten, gegen die Volksmacht aufzuwiegeln und Blutvergießen anzuzetteln, nahmen die Arbeiter selbst Waffen in die Hand, um zusammen mit den Streitkräften die volksdemokratischen Errungenschaften von den konterrevolutionären Anschlägen zu bewahren.
26. Okt. 1956 Tribüne
Klägliches Fiasko
Die Abfuhr, die die Arbeiterklasse der DDR den Putschisten des Juni 1953 erteilte, hat die Monopolherren der westlichen Welt nicht daran gehindert, ihre blutgetränkten Hände wiederum nach sozialistischen Ländern auszustrecken. Gestützt auf faschistische Untergrundorganisationen und konterrevolutionäre Kräfte glaubten sie, die politischen Auseinandersetzungen und ökonomischen Schwierigkeiten in Ungarn und Polen ausnutzen zu können, um die Werktätigen dieser Länder vom Weg des Sozialismus und der Freundschaft mit der Sowjetunion abzubringen und sie wieder der kapitalistischen Knechtschaft zu unterwerfen. Aber sie rechneten nicht mit der Überlegenheit und der Klugheit der Arbeiterklasse, und deshalb war ihre Spekulation, Ungarn und Polen aus dem sozialistischen Lager herauszubrechen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
27. Okt. 1956 Neues Deutschland
Parteiführer beantworten Fragen der Arbeiter / Walter Ulbricht, Hermann Matern und Karl Schirdewan sprachen mit Berliner Arbeitern über die politische Lage
Walter Ulbricht: Über die Ereignisse in Ungarn und die Beschlüsse der polnischen Bruderpartei.
Im Werkzeugbau fragte Genosse Ulbricht den AGL-Vorsitzenden nach dem Stand der Gewerkschaftswahlen und unterhielt sich dann mit einem anderen Kollegen über die Ereignisse in Ungarn. Dieser sagte: „Die Konterrevolutionäre mucken überall auf, wo sie können. Man hätte ihre Vorstöße gleich im Keime ersticken müssen. Gibt es denn dort in den Betrieben keine Kampfgruppen?“
Im überfüllten Speisesaal des Werkes wurde die Aussprache mit Kollegen dieser beiden Werkteile und Ingenieuren aus den Labors fortgesetzt. Auch hier stellte gleich ein Arbeiter die Frage, wie es zu den Ereignissen in Ungarn und zu den Beschlüssen in Polen gekommen sie. Walter Ulbricht antwortete: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Entwicklungsbedingungen in Polen und Ungarn andere sind als in der Deutschen Demokratischen Republik. Die polnische Arbeiterklasse und das polnische Volk haben unter sehr schweren Bedingungen den Kampf um ihre nationale Einheit geführt und sehr große Opfer gebracht, damit das Land zu einem sozialistischen Industrieland wird. Offenkundig sind bei der Lösung dieser Aufgabe Fehler gemacht worden, und es ist eine Lage entstanden, in der die Lebenshaltung der Werktätigen in Polen bedeutend niedriger ist als in der DDR. Hinzu kommt, dass infolge von rechtwidrigen Prozessen die Unzufriedenheit sich erhöht hat.“
Karl Schirdewan: Partei und Arbeiterklasse kämpfen einheitlich für den Sozialismus
In der Aussprache kam zum Ausdruck, dass die Werktätigen zu den Ereignissen in Polen und Ungarn einen festen Standpunkt für das sozialistische Lager einnehmen, wobei die Erfahrungen von 1953 keine geringe Rolle spielen. Sie erklärten, dass sie sehr gut verstehen, dass man allen Versuchen konterrevolutionärer Kräfte mit Entschlossenheit und der einheitlichen Kraft der Arbeiterklasse entgegentreten muss. Der Feind darf sich keinerlei Hoffnungen machen, in der DDR Unruhe oder irgendwelche Störungen zu organisieren.
Auf die Frage des Kollegen Axe warum die Presse so zögernd die Werktätigen über den Gang der Ereignisse in Polen informiert habe, antwortete Genosse Schirdewan: „Wir mussten die Entwicklung in Polen erst genau kennenlernen und konnten erst, nachdem uns von den polnischen Genossen die Beschlüsse des Zentralkomitees bekanntgegeben wurden, bei uns mit der Veröffentlichung dieser Materialien beginnen. Es ist nicht die Aufgabe unserer Presse, mit der Westpresse in einen Wettbewerb um die größte Nachrichtensensation zu treten. Die Westpresse handelt verantwortungslos. Sie hat die Aufgabe, zu hetzen, die Tatsachen der Entwicklung zu verleugnen und sie im Sinne ihrer Wunschträume zu verdrehen. Dabei billigen wir nicht die Handlungsweise von Pressefunktionären, die die Auslieferung eines Teils der Montagausgabe der „BZ am Abend“ einstellen ließen. Dafür gab es keinen triftigen Grund.“
28. Okt. 1956 Neues Deutschland
Solidarität der Arbeiter der DDR, Berlin (ND)
Zahlreiche Werktätige und Betriebsbelegschaften richten spontan brüderliche Kampfesgrüße an die Verteidiger der ungarischen Arbeiter-und-Bauern-Macht, die unter Führung der Partei der Ungarischen Werktätigen heldenhaft den imperialistischen Putsch konterrevolutionärer Elemente niedergeschlagen haben. Die Werktätigen des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg haben an die Arbeiter, Angestellten und Ingenieure des Eisen- und Stahlwerkes Csepel in Ungarn ein Solidaritätstelegramm gesandt.
„Die Imperialisten versuchten auch bei uns am 17. Juni 1953, mit den gemeinsten Mitteln ihre Macht wiederherzustellen“, heißt es in der Grußbotschaft. „Wir Stahl- und Walzwerker Brandenburgs haben damals den faschistischen Provokateuren, die ihre schmutzigen Hände nach unserem Werk ausstreckten, eine kräftige Abfuhr erteilt. Wir sind stolz darauf, dass ihr im gleichen Geiste gehandelt und die Konterrevolutionäre zurückgeschlagen habt. Wir versichern euch unserer Solidarität im gemeinsamen Kampf gegen die Feinde des Sozialismus.“
30. Okt. 1956 Neues Deutschland
Wie konnte es dazu kommen
Die ungarische Volksmacht hat in ihren ersten Jahren sehr viel gebessert und das Lebensniveau ganz beträchtlich zu erhöhen vermocht. Erst in den letzten Jahren war ein gewisser Stillstand in dieser Entwicklung festzustellen. Hier ist zweifellos die Quelle einer Unzufriedenheit vieler Menschen zu suchen. Ich habe in ungarischen Betrieben manche kritische Bemerkung von Arbeitern und Angestellten gehört, ohne dass deshalb diese Menschen etwa Gegner der Volksmacht gewesen wären. Viel Erbitterung und böses Blut machten auch die Verleumdungen und ungerechten Urteile gerade gegenüber vielen erprobten revolutionären Kämpfern, die ausgeschaltet und diffamiert wurden.
Eine besondere Schwierigkeit in Ungarn sind die Nachwirkungen der 25 Jahre Herrschaft des Horthy-faschismus. Diese Erbschaft völlig zu überwinde, wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. In den letzten Jahren gewann ich in Ungarn manchmal den Eindruck, dass der Kampf gegen diese Erbschaft nicht mit der genügenden Konsequenz geführt worden ist. Es gab auf der einen Seite ein sehr rigoroses Vorgehen gegen gewisse Träger der alten Ideologie. Aber auf der anderen Seite konnte ich feststellen, wie z. B. in den Verwaltungen, in den Banken und in den Gerichten noch unverhältnismäßig viel Kräfte tätig waren, bei denen es offensichtlich über ein Lippenbekenntnis zu Volksmacht nicht hinauskam.
Ich habe mich in Ungarn manchmal sehr darüber geärgert, mit welcher Hemmungslosigkeit, ja Böswilligkeit manche Leute, die angeblich für den Sozialismus waren, Missstände und Mängel kritisierten. Es kam so heraus, dass es nicht um die Beseitigung der Missstände und Mängel ging, sondern darum, die Volksmacht selbst, den Aufbau des Sozialismus, die Arbeiterpartei und ihre Ideale in den Schmutz zu ziehen. Viele unter diesen Leuten, unter denen sich auch einige Schriftsteller befanden, deren Namen im ganzen Land bekannt sind, waren sich sicherlich nicht bewusst, was sie anrichteten, wie sie damit die Kräfte des Gegners formieren halfen, der überdies nicht zögern würde, auch ihnen den Hals abzuschneiden, wenn das Vorhaben der Konterrevolution glücken würde. Aus den Zeitungsmeldungen habe ich entnommen, dass erst die Schüsse in den Strassen von Budapest diese Leute aufgeweckt haben. Es gab also chaotische Diskussionen, und viele Schwankungen waren eine direkte Ermunterung der Kräfte der Restauration und der Konterrevolution und gestatteten ihnen, ihre Bataillone zu formieren und sie zum Losschlagen vorzubereiten.
30. Okt. 1956 Neues Deutschland
Was sie predigen und was sie tun
von Albert Norden
In der Nacht von Sonntag zu Montag erlebte die Welt ein gespenstisches Schauspiel. Die Völkerunterdrücker, gegen die um die gleiche Stunde von Mittelasien bis zum Atlantischen Ozean die arabische Welt für die nationale Freiheit im Generalstreik stand, appellierten an die UNO im Namen der Freiheit der Völker. Der amerikanische Vertreter Mister Lodge versicherte, „dem ungarischen Volk bei der Erlangung seiner Grundrechte helfen“ zu wollen. Ihm schlossen sich der englische und der französische Vertreter an, der es sogar fertigbrachte, zum Echo des französischen Geschützdonners in Algerien die Ideen der „Gleichheit, Freiheit und menschlichen Würde“ zu beschwören. So bekannte Apostel der Demokratie, wie Franco, Tschiangkaischek und Hitlers ungarischer Diktator Horthy, traten gleichzeitig und mit den gleichen Worten wie die obengenannten Herren für eine kapitalistische Intervention in Ungarn ein. Keineswegs durfte Bonns Außenminister von Brentano fehlen, der die Vorgänge in Ungarn zu Verleumdungen der Sowjetunion und als Argument für Adenauers Aufrüstung benutzte.
Neben den großen sozialistischen Errungenschaften der letzten zwölf Jahre gab es in Polen und Ungarn schlimme Vergehen gegen die sozialistische Gesetzlichkeit und Fehler, die mit folgenschwerer Wirkung in beiden Ländern die Bündnispolitik der Arbeiterklasse mit anderen Volkschichten entstellten, gab es die Machtzusammenballung in der Exekutive, die der gesetzgebenden Körperschaft allzuwenig Betätigung ließ, gab es schwere Opfer, die von der Arbeiterschaft gebracht wurden, um diese Agrarländer in industriell entwickelte Staaten zu verwandeln. Was falsch gemacht wurde, wird jetzt korrigiert. Auf verschiedenen nationalen Wegen geht es zum Sozialismus. Aber der Marxismus-Leninismus ist das Pflaster jeder dieser Straßen. Im Gegensatz zum imperialistischen Lager gibt im sozialistischen Lager kein Staat Befehle, und keiner würde sie entgegennehmen. Wir treiben sozialistische, deutsche Innen- und Außenpolitik, und unsere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung wird von den sozialistischen Interessen des deutschen Volkes diktiert. Wir seien abhängig? Jawohl, wir sind abhängig von den Ideen des Marxismus-Leninismus; aber gerade die setzen die Unabhängigkeit der Völker voraus. Was in den sozialistischen Staaten vorübergehende und im Verschwinden begriffene Entstellungen und Verzerrungen sind, das gehört zu den Grundprinzipien des monopolkapitalistischen Systems. Es ist gekennzeichnet durch den ständigen Bruch der Gesetzlichkeit, die dauernde Missachtung des Volkswillens, die immerwährende Verfolgung der Arbeiter.
30. Okt. 1956 Neues Deutschland
Augenzeugenbericht aus Budapest
Deutsche Antifaschisten als Zeugen der Ereignisse in der ungarischen Hauptstadt
Die Entwicklung der Ereignisse
Die Demonstration am Dienstagabend voriger Woche in Budapest war der Ausdruck der Stimmung breiter Teile der Bevölkerung. Sie forderten, dass mit den wirtschaftlichen Fehlern und den bürokratisch – administrativen Methoden Schluss gemacht werde. Kennzeichnend für die Demonstration war, dass keine ihrer Forderungen sich gegen den Sozialismus und gegen die Arbeiter-und-Bauern-Macht richtete. Die Ursachen für die Unzufriedenheit der Demonstranten waren nach der Meinung der Augenzeugen, dass Partei wie Regierung nicht kühn und energisch genug die Schlussfolgerungen aus dem XX. Parteitag der KPdSU gezogen haben. Sehr bald haben sich aber reaktionäre und konterrevolutionäre Elemente – schon im Anschluss an die Demonstration am Dienstagabend – die Bewegung der Massen zunutze gemacht und bewaffnete Aktionen gegen den Arbeiter-und-Bauern-Staat eröffnet. Mit Gewalt versuchten sie, das Rundfunkgebäude, die Ministerien und das Parlament in ihre Hände zu bekommen.
31. Okt. 1956 Junge Welt
Warum nicht rechtzeitig informiert?
Von Dieter Kerschek
Unser Leser Heinz Bauer aus Halle (Saale) fragt in einem Brief an die Redaktion, warum unsere demokratische Presse nicht rechtzeitig über die Entwicklung in Polen und die Ereignisse in Ungarn informiert hätte.
Diese Frage ist verständlich, denn unsere demokratische Tagespresse hat unter anderem die Aufgabe, ihre Leser über alle internationalen Ereignisse möglichst schnell zu informieren. Aber wir Mitarbeiter der fortschrittlichen Presse fühlen uns vor unseren Lesern verpflichtet, vor allen Dingen verantwortungsvoll zu berichten. Wir sind der Meinung, dass der Sache unseres Volkes, den Interessen der Jugend, der Sache des Sozialismus und der Völkerfreundschaft keineswegs damit gedient wäre, wenn wir unsere Verantwortung vergessen und mit der Westpresse in einen Wettlauf um Sensationsmeldungen treten würden.
Seit einer Woche überschlagen sich die Westpresse und der westliche Rundfunk dabei, das in Ungarn geflossene Blut in Sensationen, Lügen, Verleumdungen und Spekulationen umzumünzen. Auffallend ist bei dieser „Berichterstattung“, dass sie zu einem großen Teil mit der Unterzeile „Von unserem Wiener Korrespondenten“ versehen ist. Diese Wiener Korrespondenten berichten seitenlang darüber, was ihnen irgendein Kaufmann, irgendeine Schauspielerin erzählt haben soll, die gerade aus Ungarn gekommen sie. Wir halten uns bei unserer Berichterstattung über Ungarn nur an bestätigte Mitteilungen, vor allem an Mitteilungen der ungarischen Volksregierung. Vor allem aber gehen wir davon aus, dass es im Interesse des arbeitenden Volkes, unserer Jugend und der internationalen Arbeitersolidarität unsere Hauptaufgabe ist, die konterrevolutionäre Hetze gegen den sozialistischen Staat in Deutschland, die DDR, zu zerschlagen und unsere Jugend zum Kampf gegen die Reaktion in Deutschland zusammenzuschließen.
2. Nov. 1956 Neues Deutschland
Die tragischen Ereignisse in Ungarn
Von ***
Zur Stunde, da diese Zeilen in Druck gehen, wütet in einigen Gebieten Ungarns, darunter auch in Budapest, das auf Bitte der Regierung Nagy von sowjetischen Einheiten geräumt wurde, der weiße faschistische Terror in seiner scheußlichsten Gestalt. Ehrliche Sozialisten und Arbeiterfunktionäre, Kommunisten, Gewerkschafter, Jugendliche, Soldaten und Polizeiangehörige wurden in den letzten Tagen von zentral gelenkten faschistischen Banden ermordet. Faschistische Banden durchsuchen seit Donnerstag Häuser und Wohnungen, in denen Mitarbeiter des ungarischen Jugendverbandes leben, morden junge Menschen, nur weil sie Sozialisten sind und in der Jugendorganisation mitgearbeitet haben., weil sie ihren Staat, den Staat der Arbeiter und Bauern lieben.
Wir wissen, dass sich in letzter Zeit die Lage in Ungern infolge großer Schwierigkeiten der Unzufriedenheit der Werktätigen über die großen Fehler der früheren Regierung und über den trotz aller Erfolge noch niedrigen Stand der Lebenshaltung des Volkes schnell zugespitzt hat. Die schweren Missgriffe der früheren Parteiführung unter der Leitung von Matyas Rakosi (Rajk-Prozeß, Erschießung von alten Kommunisten und Offizieren, Ausschaltung und Verleumdung wertvoller sozialistischer Kader) hatten innerhalb der Partei wie in breiten Kreisen der Werktätigen zu einer lähmenden Unzufriedenheit geführt. Eine falsche Politik gegenüber dem städtischen Mittelstand, dem keine Möglichkeit der harmonischen Entwicklung im Prozess des sozialistischen Aufbaus gegeben wurde, sowie auch eine Politik des Zwanges zum Eintritt in Produktionsgenossenschaften gegenüber der Intelligenz haben die Situation noch verschärft.
Die Konterrevolutionäre traten nunmehr immer offener als führende Kraft in Erscheinung und ließen ihre Maske fallen. Viele der Demonstranten begannen erst in diesem Augenblick die wahre Lage zu erkennen. Aber die ehrlichen Arbeiter, Angestellten und Jugendlichen, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden waren, wurden von Partei und Regierung nicht rechtzeitig genug zusammengefasst und zur Verteidigung der Volksmacht mobilisiert. Zur gleichen Zeit strömten zu Unterstützung der einheimischen Konterrevolutionäre im Ausland formierte ehemalige Horthy-Offiziere und andere faschistische Emigrantenformationen von Österreich über die weithin offene Grenze ins Land.
Jedesmal, wenn die Regierung die Forderungen der Demonstranten angenommen hatte, wurden sofort durch bereits vorbereitete Flugblätter neue weitergehende Forderungen verbreitet, um eine Beruhigung der Lage zu verhindern. Diese Forderungen, die mit dem Ruf nach Freiheit begannen, endeten schließlich in offenen konterrevolutionären Forderungen, in der Forderung nach Restaurierung der Herrschaft der Kapitalisten und Großgrundbesitzer.
Die Regierung Nagy, die sich von den Ereignissen überraschen ließ, hat in allen Phasen der Entwicklung ihr Hauptstreben darauf gerichtet, Blutvergießen zu vermeiden auch wenn das mit großen und kaum noch tragbaren Zugeständnissen verbunden war. Der tragische Ablauf der Ereignisse gerade in den letzten Tagen und Stunden hat jedoch gezeigt, dass die Konterrevolution diese Haltung der Regierung dazu ausnutzte, um sie als schwach und unfähig hinzustellen, um schwankende Schichten an sich heranzuziehen und schließlich den weißen Terror gegen alle fortschrittlichen Menschen zu entfesseln.
5. Nov. 1956 Vorwärts
Konterrevolution stürzte Ungarn ins Chaos
In welchem fürchterliches Chaos das Wüten konterrevolutionärer Banden Ungarn, insbesondere seine Hauptstadt Budapest, in der vergangenen Woche gestürzt hatte, schildert der österreichische Journalist Bruno Frei in der „Österreichischen Volksstimme“. Wir entnehmen den Schilderungen des Autors, der vier Tage in Budapest weilte, nachstehende Auszüge.
Der Eindruck von Budapest: Madrid 1936. Tanks mit Marinesoldaten auf der Straße. Ich spreche mit einem Arbeiter, Monteur der Schiffswerft, wo 3500 Mann beschäftigt sind. Er kommt von einem 24stündigen Wachdienst. Die Arbeiterwache hatte sich gebildet, nachdem das Werk von Banden befreiter Krimineller angegriffen worden war.
Die Stadt hatte in den letzten Tagen zweimal den Herrn gewechselt. Gegenwärtig schützten regierungstreue Truppen die Ordnung. Waffenstillstand war verkündet worden. Die Aufständischen hatten ihr Hauptquartier im ehemaligen Lokal de Pfeilkreuzler aufgeschlagen. Das sprach nicht gerade für ihre demokratische Gesinnung. Die Regierung hatte noch einmal Amnestie versprochen. Wusste sie nicht, dass die Führer des Aufstandes, die von Demokratie, Freiheit und Unabhängigkeit sprachen, nicht Amnestie forderten, sondern die Macht? Die Macht für die Konterrevolution?
Mit einem Militärjeep brachte mich der Oberst einer regierungstreuen Einheit in Zentrum. Das furchtbare Bild der Zerstörung wurde oft genug geschildert. Die schwarzen Fahnen neben den rotweißgrünen sind ein pathetisches Zeugnis der blutigen Tage. Die bewaffneten Jugendlichen - das ist eines der dunkelsten Kapitel des Budapester Dramas. Ich sprach mit einem der jugendlichen Aufständischen. Er gehörte nicht zu den Jüngsten, er war immerhin schon 23 Jahre alt. Er hatte das automatische Gewehr im Getümmel des Dienstags von einem Militärwagen bekommen. Man mag einem Dreinundzwanzigjährigen das Recht, an einem Aufstand teilzunehmen, anerkenne. Aber sind Elfjährige oder Fünfzehnjährige Aufständische? Ich habe ihnen in die Augen geschaut. Einer – am Szenater – hatte auf mich gezielt. Ich habe den Genuss des Gewehr-in-der-Hand-Haltens nur noch in bestimmten Filmen, die dem Jugendverbot unterliegen oder unterliegen sollten, gesehen. Und ich hörte Geschichten, Geschichten des Grauens. Wenn Kinder Waffen in die Hand bekommen, mit den Worten: „Schießt zeigt euren Mut, zeigt dass ihr Helden sied…“- dann wird die lenkende Hand greifbar. Und sie haben geschossen. Sie haben sich in einen Blutrausch hineingeschossen. Ein Offizier der regierungstreuen Truppen hatte ein Kind vor seinem MG. Der Bub unterhielt sich damit, dass er die Patronenbänder seines automatischen Gewehres abknatterte. Der Offizier brachte es nicht übers Herz, auf ein Kind zu schießen. Das mag in diesem Fall falsch sein – aber von dem Drama geschehen ist, war es gewiss nicht das Falscheste.
Das Gebäude der Zeitung „Szabad Nep“ wird mit Gejohle besetzt. Eine Stunde später halte ich einen Flugzettel mit neuen konterrevolutionären Forderungen in der Hand, gedruckt in der Druckerei von „Szabad Nep“. Gleichzeitig erfahre ich, dass das Gerücht, das Gebäude von „Szabad Nep“ sei von den Aufständischen besetzt worden, schon seit Stunden in der ganzen Stadt kursierte, lange bevor es wirklich dazu kam. An diesem Vorfall konnte man die zentrale Lenkung der Aktionen und Losungen, die Taktik der Steigerung bei jedem Nachgeben, genau verfolgen. Viele Zeitungen überfluten die Straßen, kleben an allen Ecken. Nur eine Organisation hat keine Zeitung: die Kommunistische Partei.
Ich versuche zum Haus des Ungarischen Korrespondenzbüros zu gelangen, das am Naphegy in Buda liegt, um festzustellen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, mit Wien in Fernschreibverbindung zu treten. Am Szenater komme ich in eine Menschenmenge hinein. Der Platz ist zu einer Barrikade ausgebaut, in deren Mitte ein schwarzer Eisenbahnwagen steht. Er wurde von den Aufständischen vom nahen Südbahnhof herangerollt. Unser Wagen wird immer wieder angehalten. Es ist meist nicht möglich festzustellen, wer die Patrouille ist: Miliz oder Aufständische? Eine allgemeine Vermischung hat eingesetzt. Es gibt nur noch Schießende. Die Betriebe – mit Ausnahme der Lebensmittelbetriebe – stehen. Gegen 14 Uhr jört man wieder aus dem Stadtzentrum wildes Schießen. Haben die Sowjettruppen den Kampf aufgenommen? Das Gebäude der Budapester Stadtleitung – 24 Stunden vorher war ich dort empfangen worden – steht in Flammen. Was ist geschehen? Die Aufständischen sind dazu übergegangen, Gebäude der Kommunistischen Partei anzugreifen. Im 7. Bezirk haben sie die Bezirksleitung erstürmt und sich dort eingerichtet. Jetzt haben sie das neue Gebäude der Budapester Stadtleitung (nicht die Parteizentrale in der Akademia utca ) angegriffen. Ungarische Tanks, die da waren, das Haus zu schützen, haben die Aufständischen mit ihrem Feuer unterstützt. Und dann geschah das Entsetzliche: 21 Mann der blaugekleideten Wache wurden an den umliegenden Bäumen aufgehängt.