Ungarn 1956 Geschichte und Erinnerung
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Pressestimmen zum 50. Jahrestag der ungarischen Revolution 1956

(wird laufend aktualisiert)

22.08.07       Süddeutsche Zeitung   S. 13
Peter Kasza
Zu weit links. Warum in Ungarnein Denkmal für den Aufstand von 1956 fallen soll

6.1.2007        die tageszeitung     S. IV
Peter Brandt

Der Vorhang hält. Wer streikt oder Mitglied in Arbeiterräten ist, dem droht die Todesstrafe. Mit dieser Maßnahme wird der ungarische Volksaufstand im Januar 1957 endgültig erstickt. Ein Rückblick

Die Ereignisse in Ungarn, die in den Herbstwochen des Jahres 1956 begannen und sich bis in den Januar 1957 hinzogen, waren von einer atemberaubenden Dramatik. Nachdem bereits der 17. Juni 1953 in Ostdeutschland ein Fanal gesetzt hatte, erreichte die antidiktatorische Befreiungsbewegung im Herbst 1956 einen ersten und hinsichtlich revolutionärer Energie und Radikalität nie mehr erreichten Höhepunkt. Schon der Posener Aufstand Ende Juni 1956 hatte eine breite Solidarisierung unter den polnischen Arbeitern und Intellektuellen ausgelöst. Der so genannte National- und Reformkommunist Wladislaw Gomulka hatte mit der Androhung bewaffneter Gegenwehr eine sowjetrussische Intervention verhindert und damit ein deutlich erweitertes Maß an Unabhängigkeit erzwungen. Bis in die frühen 60er-Jahre galt Polen als eines der freiesten Länder des Ostblocks.

Zunächst scheint auch in Ungarn alles gut zu gehen. Am 23. Oktober 1956 stoßen im Anschluss an eine Solidaritätskundgebung mit Polen erstmals breite Schichten der Arbeiter und Angestellten Budapests zu den im Petöfi-Kreis vereinigten Intellektuellen. 200.000 Menschen sind auf der Straße. Zu den wichtigsten aktuellen Forderungen der Demonstranten in Budapest gehören die Rückkehr des kommunistischen Reformers Imre Nagy in die Regierung, die Demokratisierung der kommunistischen "Partei der ungarischen Werktätigen", geführt vom Stalinisten Ernö Gerö, und der Abzug der sowjetischen Truppen aus dem Land.

Gewehrschüsse von Staatssicherheitsleuten lösen den offenen Aufstand aus, der angesichts der faktischen Neutralität der Armee und der Sympathie der regulären Polizei im ersten Anlauf erfolgreich verläuft, als Tausende von Budapestern die Depots der Sicherheitskräfte und Waffengeschäfte plündern. Das Zentralkomitee der Partei reagiert defensiv, indem es mehrere Nagy-Anhänger in seine Reihen aufnimmt und einige notorische Stalinisten aus dem Politbüro entfernt - nicht jedoch Gerö, den Chef des Apparats.

Am frühen Morgen des 24. Oktober rollen Sowjetpanzer nach Budapest, wo sie unter anderem das ZK-Gebäude umstellen und damit den Kontakt der Nagy-Fraktion mit den Aufständischen physisch unmöglich machen. Trotz des die Weltpolitik bestimmenden Ost-West-Konflikts hatte die Krise des sowjetischen Imperiums und der monopolbürokratischen Ordnung im Jahr 1956 systemimmanente Ursachen: Chruschtschows geheime Enthüllungsrede über Stalins Verbrechen auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und der von ihm eingeleitete Versuch einer "Entstalinisierung" des Sowjetkommunismus erweiterte auch außerhalb der UdSSR den Spielraum für diejenigen KP-Spitzenfunktionäre, die die tyrannischen, terroristischen und byzantinischen Formen der stalinistischen Diktatur ablehnten. An der gesellschaftlichen Basis erlaubte die seit Stalins Tod im März 1953 spürbare Lockerung die Artikulation unmittelbarer materieller Bedürfnisse der werktätigen Bevölkerung, deren Lebensstandard in Ungarn nach einem deutlichen Aufschwung Ende der Vierzigerjahre wieder drastisch gesunken war.

Der nach einem bekannten Dichter der Revolution von 1848/49 benannte, im Frühjahr 1956 legal gegründete Budapester Petöfi-Klub wurde zum Kristallisationskern der innerkommunistischen Kritik seitens der jungen Intelligenz sowie der Opposition. Es entspricht dieser Konstellation, dass nationale, soziale und demokratische Impulse in der ungarischen Herbstrevolution untrennbar miteinander verbunden waren. Die bewusste Bezugnahme auf die Revolution begleitete die "Freiheitskämpfer" vom Anfang des Aufstands bis zu seinem Ende im Januar 1957.

In den Tagen, die dem 23. Oktober folgen, wird deutlich, dass das, was sich in Ungarn vollzieht, keine diffuse Rebellion, sondern eine regelrechte Revolution vor allem der Arbeiterklasse ist. Die großen Fabriken stehen im Zentrum des Aufstands. Aber nicht nur das: In den Industrieorten des ganzen Landes konstituieren sich, teilweise in bewusster Erinnerung an die erste ungarische Räterepublik vom März 1919, Arbeiterräte, die den bewaffneten Generalstreik organisieren, die Ordnung sichern, die Versorgung gewährleisten, die Kontrolle über die lokalen Machtorgane übernehmen und sich sukzessive auf regionaler und nationaler Ebene zusammenschließen.

In den Räten sitzen parteilose Arbeiter, Kommunisten sowie Mitglieder der neu entstehenden sozialdemokratischen Partei und kleinbürgerlich-kleinbäuerlich dominierter Parteigruppierungen. Das Programm enthält sehr ähnliche Forderungen, wobei neben dem Abzug der Sowjets aus Ungarn und der Auflösung des Staatssicherheitsdienstes vor allem auf die Herstellung demokratischer Rechte und Freiheiten, namentlich des Streikrechts und der Unabhängigkeit der Gewerkschaften, sowie die Einbeziehung von Repräsentanten der Aufständischen in die Regierung abgehoben wird.

Die ungarische Armee ist im Oktober 1956 längst nicht mehr gegen das eigene Volk einsatzfähig, und das über das weitere Vorgehen uneinige Moskauer Politbüro hat den Widerstand der Ungarn offenbar politisch wie militärisch unterschätzt; es ist sogar zu Fraternisierungs- bzw. Auflösungserscheinungen von sowjetischen Truppenverbänden gekommen, als die Sowjetarmee am 28. Oktober den Befehl zum Rückzug aus Budapest erhält. Damit gewinnt Imre Nagy Handlungsfreiheit, er nutzt sie, um unzweideutig auf die Seite der Arbeiter- und Volksrevolution zu treten. An die Stelle Gerös als Generalsekretär der kommunistischen Partei ist inzwischen János Kádár getreten, ein durchaus populärer ehemaliger antifaschistischer Untergrundkämpfer und alter Arbeiteraktivist, der später von den Stalinisten als "Titoist" inhaftiert und dabei schwer gefoltert worden war, ein somit mehrfach legitimierter Reformer. Kádár wird später zum Erfüllungsgehilfen Moskaus, als es während und nach der endgültigen militärischen Niederschlagung des Aufstands gilt, die Reste von Arbeiterwiderstand erst durch Scheinzugeständnisse zu paralysieren und dann zu zerschlagen. Im Nachhinein rechtfertigte er seine damalige Haltung mit Verweis auf die gerade in Ungarn seit den 60er-Jahren erfolgende Liberalisierung des Regimes einschließlich deutlicher materieller Verbesserungen - eine Entwicklung, die sich auch viele Aufständische als verzögerten Erfolg anrechnen.

Als drei russische Armeekorps entgegen der Abmachung der sowjetischen Führung mit der Regierung Nagy am 4. November in der "Operation Wirbelsturm" Budapest erneut besetzen - und damit auf den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt am 1. November 1956 reagieren -, beginnt ein irregulärer Krieg, in dem außer Teilen des in Auflösung befindlichen kommunistischen Parteiapparats und Resten des Geheimdienstes niemand auf die Seite der Sowjetarmee tritt, während zumindest ein Teil der ungarischen Armee, wo sich revolutionäre Soldatenkomitees gebildet haben, mit den Arbeitern und Studenten gegen die Invasoren kämpft - für "die nationale Unabhängigkeit, die Gleichheit der Rechte und den Aufbau des Sozialismus nicht durch eine Diktatur, sondern auf der Grundlage der Demokratie", wie Pál Maléters, der autorisierte Sprecher des Verteidigungsministers der Revolutionsregierung, in jenen Tagen erklärt.

Nagy und seine Freunde, zu denen zunächst ja auch Kádár gerechnet wird, haben anstelle der diskreditierten und faktisch nicht mehr existenten Partei der ungarischen Werktätigen am 1. November - sogar mit Kádár an führender Stelle - die ungarische sozialistische Arbeiterpartei als Neubeginn des Sozialismus in Ungarn gegründet. Die Regierung ist währenddessen zu einer breiten Koalition erweitert worden.

Es folgt ein tragisch-blutiges Kapitel von Heroismus, Verrat und Verwirrung, von brutaler Repression (über 300 Hinrichtungen, rund 16.000 langjährige und bis zu 100.000 zeitweilige Einkerkerungen in Gefängnissen und Internierungslagern) und Massenflucht. Am 10. und 11. Dezember bäumt sich die Arbeiterschaft unter den Bedingungen des Kriegsrechts mit einem Generalstreik ein letztes Mal gegen die Rekonsolidierung der Diktatur auf; am 16. Dezember werden in Budapest die ersten standrechtlichen Todesurteile gefällt. Anfang Januar 1957 wird die Bildung von Arbeiterräten ebenso unter Todesstrafe gestellt wie die Beteiligung an Streiks. Der Ungarnaufstand ist damit an sein Ende gekommen.

Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob bei einer klareren Zielorientierung und Führung der revolutionären Volksbewegung die Aussicht bestanden hätte, die sowjetrussische Intervention zu vermeiden; niemand weiß genau, was am Ende der ungehinderten Entfaltung oder gar eines gegen die Sowjetarmee siegreichen Aufstands gestanden hätte. Der Kreml und seine Gefolgsleute beschworen die Gefahr einer "Konterrevolution", sogar mit autoritär-faschistischer Tendenz - eine Lesart, die bei manchen Linksintellektuellen im Westen offene Ohren fand, weil es während des Aufstands zur Jagd auf Angehörige der zehntausende Mitglieder umfassenden, tief verhassten politischen Polizei und selbst zu Fällen von Lynchjustiz gekommen war. Auch war nicht zu übersehen, dass rechtsnationalistische Kräfte die Situation für eine Generalabrechnung mit "den Roten" nutzen wollten, als die Artikulationsmöglichkeiten für nichtsozialistische Kräfte sich wieder vergrößerten, auch für die Politiker der jahrelang unterdrückten oder zu einem Schattendasein verurteilten bürgerlichen Parteien.

Die Symbolfigur des in diesem Sinn antikommunistischen Segments der Revolution war der aus lebenslänglicher Haft befreite, strikt konservative Kardinal József Mindszenty - auch wenn dieser sich unter dem Übergewicht der demokratischen Volksbewegung eher zurückhaltend, jedenfalls nicht zugunsten einer klerikalen, großagrarischen und kapitalistischen Restauration äußerte. Positionen solcher Art hätten ihre Vertreter nach damals fast allgemeiner Einschätzung vollkommen isoliert. Die Revolutionskomitees auf dem Lande allerdings waren deutlich anders zusammengesetzt als in den Ballungsräumen, und die unter staatlichem Druck entstandenen Agrarkooperationen lösten sich in großer Zahl auf.

Es waren in erster Linie auch nicht die Vertreter einer angenommenen bürgerlichen, gar faschistischen Konterrevolution, die die harte, blutige Vergeltung der Besatzungsmacht und ihrer einheimischen Unterstützer seit Ende November 1956 traf, sondern authentische Vertreter der Arbeiter und freiheitliche Sozialisten. An ihrer Spitze Imre Nagy, der mit fünf weiteren "Verschwörern" nach einem Geheimprozess noch im Juni 1958 erhängt wurde.

Namentlich in der Endphase der bewaffneten Kämpfe hatten nicht unerhebliche Teile der Aufständischen in ihrer Verzweiflung auf ein Eingreifen der USA gehofft. Die zeitgleiche Suezkrise trug zweifellos dazu bei, die weltweite Aufmerksamkeit von der Niederschlagung des Ungarnaufstandes durch die Sowjetarmee abzulenken. Die Invasion der israelischen Armee in Ägypten, gefolgt von britischen und französischen Truppen, verringerte die ohnehin nicht sehr große Aussicht auf ein Eingreifen der UNO in Ungarn, wie es die ungarische Regierung mit dem oft als unklug kritisierten Austritt aus dem Warschauer Pakt am 1. November 1956 hatte provozieren wollen.

PETER BRANDT, Jahrgang 1948, ist Professor für Neuere Geschichte an der Fernuni Hagen
 
 
(Auszug / LI 75)              Lettre International
Péter Nádas
 
Hauptlose Revolution
 
 
WIE gesagt, an jenem Dienstagnachmittag ein einziger Menschenstrom auf den Ringstraßen, über die Váci-Allee kamen sie, über die Bajcsy-Zsilinszky-Allee, auf dem Marx-Platz aber konnten viele sich nicht entscheiden, wohin nun. Die Straßenbahnen stauten sich und blieben da stehen, wo sie festgefahren waren, in den leeren Wagen brannte Licht. Es mochten etwa achtzigtausend sein, die an den Rändern der großen Kreuzung festsaßen, sie sangen, schrieen, stellten Forderungen, faselten herum, hielten Reden. Rund eine halbe Million bereits vor dem Parlament. Sie wollten, daß die Russen abziehen, daß Imre Nagy zu ihnen spricht. Langsam wurde es dunkel. Die Menschen kamen über die Margareten-Brücke aus Buda, die Bálint-Balassi-Straße entlang, sie kamen aus der Miksa-Falk-Straße auf den Platz, über die Alkotmány-Straße kamen sie nicht mehr, dort hatte die Menge sich massiv gestaut, aber von der anderen Seite des Platzes kamen sie, aus der Nádor-Straße, und den Kai entlang kamen sie, der Verkehr in der Stadt war da bereits größtenteils zum Stillstand gekommen. Im Chor wurde gefordert, den Stern auf dem Kuppeldach auszumachen, der ganze Platz fiel ein und forderte das. "Macht den Stern aus!" Auf dem Heimweg von der Schule verbrachte auch ich den Nachmittag auf der Straße und stand nun dort in der Menge auf dem Platz. Nicht jede Forderung übernahm der Platz, diese aber ja. Der Stern war erst vor wenigen Wochen auf das Kuppeldach montiert worden, und es war wirklich gute Arbeit. Der Platz hallte von der gutgelaunten Forderung wider, dröhnte unter ihrem Rhythmus. Doch das Parlament mit seinen Zacken und Spitzen ragte, als wäre niemand da, der es hören könne, ernst, stumm und düster in den Himmel. Nur im Kuppelsaal brannte sicher ein wenig Licht. Sie hatten es wohl doch gehört und hielten es für besser, dem Volkswillen nachzugeben. Aber man schaltete die Beleuchtung auf dem riesigen Platz aus, nicht den Stern. Die Menge brauste auf, rumorte, es war zu fürchten, daß sie das Gebäude erstürmen, mit bloßen Händen in Stücke zerlegen. Gleich wurden Zeitungen, Flugblätter angezündet und in die Höhe gehalten. Wie ein Lauffeuer rollte die Woge der rasch aufflammenden Lichter über die Köpfe hinweg. Feierliche Stille entstand, einen Augenblick waren alle von der Schönheit der Feuerwogen betört. Wahrscheinlich dabei habe ich mein Zeichenbrett mit dem Kopflineal verloren. Dann erlosch der rubinrote Stern da oben, eine verkleinerte Ausgabe des berühmten Sterns auf dem Moskauer Kreml. Es wurde völlig dunkel auf dem Platz. An dem milden und warmen Abend war der Herbst schon von einer leicht herben, diesigen Schärfe, man spürte den Metallgeruch des Flusses. Das Schweigen einer Menge ist schwer wie Blei. Einen Moment lang wollte der Platz nicht glauben, daß seine Forderung erfüllt worden war, als, begleitet vom Jubelgeschrei dieses ersten weltbewegenden Sieges, auch die Straßenbeleuchtung wieder eingeschaltet wurde.
 
Jemand war auf den Balkon auf der linken Seite getreten, was natürlich nicht wahrzunehmen war, doch die Nachricht, daß jemand den Balkon betreten habe, verbreitete sich. Er redete umsonst,  es war nichts zu verstehen. Die Menge brüllte, daß man nichts verstehen könne. Inzwischen ging von Mund zu Mund, daß Imre Nagy unterwegs sei. Daß der Jemand auf dem Balkon gesagt habe, Imre Nagy sei unterwegs. Und an der Balkonbrüstung wurde ein Mikrofon befestigt, dann hängten sie an der Fassade ein paar große  trichterförmige Lautsprecher auf, testeten sie, klopften dagegen, sagten Mikrofonprobe eins, zwei, drei, was von den umliegenden Gebäuden widerhallte. Darauf wurde der Platz noch munterer, lachte auf vor Vergnügen. Dann aber schien es, als würden sie bis in alle Ewigkeit damit rummachen, mit dieser Scheißmontage, um Zeit zu gewinnen. Die Menge rumorte, pfiff, wurde unruhig, unzufrieden, verlor die Geduld, Gruppen entstanden, Zentren, ungeduldige Redner gaben ihre Meinung kund. Was für die Stadt wieder zu einer neuen Erfahrung wurde, eine bisher unbekannte Qualität von kanonartiger Vielstimmigkeit. Es war nicht vorauszusehen, was sich zusammenbraute, welche Forderung sich auf dem ganzen Platz durchsetzen, was daraus werden würde, alles geschah bereits.
 
Was in einer Gruppe wichtig erschien, erhielt nur durch die Menge Bedeutung. Oder erhielt sie nicht. Manches pflanzte sich fort, manches blieb einsames Geschrei. Von der Szalay-Straße bog ein Lastwagen voller Menschen auf den Platz ein, blieb jedoch vor der Kurie stecken. Die auf der Ladefläche verlangten nach dem Thronfolger, sie wollten Otto auf den Thron, die Monarchie wiederhaben, die Habsburger. Die in der Einmündung der Alkotmány-Straße festgestaute Menge machte ihnen komischerweise den Weg frei, sollten sie abziehen. Sie hatten Transparente dabei, ein großes Porträt von Otto. Fremde tauchten auf. Alle waren einander ja fremd, dennoch aber nach kurzer Zeit vertraut. Erstens wusste man, woher jemand kam, denn aus irgendeinem Grund waren alle neugierig, woher man kam. Und man wußte, wer in der unmittelbaren Umgebung welche Meinung über was hatte. Jeder fing bald an zu reden. Davon wurden selbst die, die tief geschwiegen hatten, redselig. Die Fremden erinnerten an Volksaufklärer, sie sagten nichts über sich, sondern suchten die, die einander schon näher kannten, davon überzeugen, daß alles wegen der vielen Juden so sei. Auch an mir rackerte sich ein jüngerer Mann ab, nicht viel weiter waren ein zweiter und dritter. Juden raus aus der Regierung, das wäre, was sie vorschlügen. Wo ich stand, antwortete niemand darauf. Wieder kam einer, der nicht wußte, daß sie mit ihrer Parole schon da gewesen waren. Ich antwortete nichts. Als wären sie Luft, als ob man sie gar nicht hören würde, antwortete man nicht.
 
Als sich von der Haupttreppe in Wogen Jubelgeschrei ausbreitete, wußte man dann, daß Imre Nagy eingetroffen war. Der Platz brauste auf, verstummte, wollte hören, ob er sich selbst gut hörte, brauste von neuem auf. Jemand verkündete auch durch die Lautsprecher, daß er eingetroffen sei. Von da ab weicht meine Erinnerung in einigen Punkten von der anderer ab. Als er auf den Balkon trat (andere erinnern sich, daß er in einem Fenster auftauchte), war er ungeschickt von irgend-einer Lampe beleuchtet, doch er stolperte über irgendetwas. Vielleicht eine hohe Schwelle, vielleicht die Verwirrung, denn vor so vielen Menschen hatte er noch nie gesprochen, vielleicht mangelnde Eignung für eine solche Rolle, oder der Boden des Balkons fiel einfach zu stark ab. Seitdem hatte ich immer vor, mir den Balkon einmal näher anzusehen. Ich jedenfalls habe in Erinnerung, daß ihn zwei Leute während der Rede in der Balkontür stützten. Daher war das Mikrofon so weit von ihm entfernt, und daher konnte man ihn so schlecht verstehen. Andere erinnern sich, daß er im Fenster von zwei Leuten gestützt wurde. Doch ich beharre auf meiner eigenen Erinnerung. Bei dieser ungeschickten Beleuchtung konnte man nur sehen, wie jemand heraustrat, stolperte, wie sein Hut herunterfiel und er selbst für einen Augenblick verschwunden war. Gelächter erschallte über dem Platz, denn es war lächerlich, aber nicht der ganze Platz lachte, es war versprengtes Gelächter und wurde sofort von der beschämten Stille der Menge geschluckt. In der Revolution gibt es kein Szenarium. Auch wenn die Stadt auf dich wartet, auch wenn du Imre Nagy heißt, du bist das gleiche wie jeder andere. An diesem milden Herbstabend war alles -Massenemotion, das heißt, allein die Masse konnte ihre eigene Emotion legitimieren oder abwürgen. Bis heute verstehe ich nicht, wieso ich von nachmittags drei bis Mitternacht keinen Hunger, keinen Durst verspürt habe, kein Wasser habe lassen müssen.
 
Sein erstes Wort war "Genossen". Die Anrede hätte noch eine Zeitlang nachgehallt, doch die Menge fuhr auf der Stelle auf, antwortete mit einem Pfeifkonzert. "Wir sind keine Genossen!" Nicht nur dachten alle dasselbe, nicht nur mit denselben Worten, die Antwort kam wie aus einem Mund. Und wie stark die bolschewistische Prägung von Imre Nagy auch gewesen sein mag, an diesem blöden Genossenzeug suchte er sich vergebens festzuhalten, es funktionierte nicht. Es gab eine Revolutionssprache aus dem neunzehnten Jahrhundert, in der sollte er reden. "Junge Freunde!",  jetzt versuchte er es damit, aber der Platz akzeptierte auch seine väterliche Fürsorge nicht. „Mitbürger!" Mit Triumphgeschrei wurde er belohnt, kaum daß ihm das Wort aus der Kehle gekommen war. Seht, er ist darauf gekommen, wir haben ihn darauf gebracht, er hat es geschafft, und dann gehörte auch diese Wendung sofort zu den großen Triumphen. Wir hatten den traditionellen Sprachgebrauch der bürgerlichen Revolutionen konfirmiert. Seine Rede war durch die vielen Echos, das Knistern, durch Beifall und Mißfallensäußerungen, die vielen freudigen und feindseligen Pfiffe dann kaum zu verstehen. Wer auf dem Platz stand, hatte nicht unbedingt den Eindruck, daß die Revolution ihren Führer gefunden hatte.
 
Dieser ersten, sagen wir gutartigen und jovialen Phase der Revolution, die noch genügend Raum gab für die Massendesertion von Polizei- und Armeeeinheiten, die Öffnung ihrer Waffenlager, das rituelle Abreißen und Zersägen von Sándor Mikus' Stalindenkmal, die Erstürmung des Rundfunkgebäudes in der Sándor-Bródy-Straße (ich stand noch auf dem Platz, als von der Nádor-Straße her die Nachricht herandrang, "beim Rundfunk wird geschossen, beim Rundfunk wird geschossen") und später selbst noch die ersten ernsthaften Feuergefechte – , machte ein Blutbad ein Ende. Das spielte sich am Donnerstag ab. Ein guter Freund von mir war dort vor dem Hotel Astoria, als die Menge einfach nicht von der Fahrbahn wich. Sie bot einer russischen Panzerkolonne Einhalt. Der befehlshabende Offizier wurde genötigt herauszukriechen. „Was wollt ihr hier, warum seid ihr hergekommen? Warum geht ihr nicht nach Hause?" rief man ihm auf ungarisch und russisch zu. Der Offizier schrie zurück, er müsse die Stadt von faschistischen Banden befreien. Der Menge fiel es nicht schwer, ihn zu überzeugen, daß da keine Faschisten, keine Banditen waren. Daß sie Studenten, Arbeiter, Beamte, Wissenschaftler waren. "Hörst du denn nicht, daß wir russisch mit dir sprechen?" Der Offizier verteidigte sich verzweifelt, dann habe man sie hereingelegt. Darauf wurden die Russen von der Menge gefeiert, man brachte ungarische Fahnen auf die Panzer, was die verstörten russischen Soldaten als Zeichen ihrer friedlichen Absicht auch zuließen. In diesem Augenblick näherte sich auf der Rákóczi-Allee eine zweite sowjetische Panzerkolonne, und als die Menge feststellte, daß auch sie mit ungarischen Fahnen geschmückt war, brach Jubelgeschrei aus. "Die Revolution hat gesiegt! Auf zum Parlament!" An diesem Tag, dem Donnerstag, ging tatsächlich wie ein Lauffeuer die Nachricht durch die Stadt, die Russen sind auf unserer Seite, die Russen sind übergelaufen! Die ganze Welt mit uns –  noch heute kann ich den romantischen Rausch von damals nicht in mir zügeln. Noch heute kann ich die ganze Chronologie dieser dreizehn Tage herbeten. Man konnte nicht gleichzeitig überall sein, aber die Nachrichten, Geschichten und wundersamsten Legenden erreichten alle. Wer sie hörte, lebte in ihnen, die Phantasie arbeitete, die Neigung zu Empathie, daher sicher die vielen Versionen. Die Revolution kennt eine erste Person Plural, die die erste Person Singular nicht nur nicht ausschließt, sondern mit all ihren Eigenschaften in sich aufnimmt, aufsaugt. Mein Freund ging zum Parlament, wo ihn ebenfalls russische Panzerwagen empfingen, auch dort erklomm die Menge die Panzerwagen, um die Soldaten und sich selbst zu feiern. Da krachten Salven. Von den Dächern der umliegenden Gebäude wurde mit Maschinengewehren in die Menge geschossen. Damals meinte die Stadt zu wissen, daß es die Leute der verhaßten Staatssicherheit waren, der historischen Forschung zufolge ist auf Befehl von General Serovs von oben geschossen worden. Die unten rannten, um unter den Arkaden Schutz zu suchen, bis auf dem riesigen Platz nur noch Verletzte und Tote übrig waren.
 
(...)
 
 
 
5.12.06                    Berliner Zeitung
Volker Müller
 
Die vertane Chance der Intellektuellen. Vor 50 Jahren wurde Walter Janka verhaftet - weil die SED ein Tauwetter in der DDR fürchtete
 
Heute vor fünfzig Jahren, am 5. Dezember 1956, abends. Als Walter Janka, der Leiter des Aufbau-Verlags, noch einmal kurz in sein Büro will, zögert der Nachtpförtner, dem Chef das Hausportal zu öffnen. Verängstigt gesteht er, MfS-Leute hätten sich bei ihm für diese Nacht angesagt. Sechs Tage zuvor ist Wolfgang Harich, der junge Cheflektor, verhaftet worden, mit ihm drei Mitstreiter. Der Vorwurf: konterrevolutionäre Agententätigkeit zum Sturz der sozialistischen Staatsmacht.
 
Janka war alarmiert. Er teilte Harichs Bestreben, die stalinistischen Strukturen zu zerbrechen, Ulbricht und seine Leute abzuwählen, den Sozialismus zu demokratisieren. Nachdem Chruschtschow auf dem XX. KPdSU-Parteitag Stalins Verbrechen offen gelegt hatte, setzte auch Janka auf "Tauwetter". Er ermutigte Harich zu Reformkonzepten. Die Parteigruppe des Aufbau Verlags und die Wochenzeitung "Sonntag" sollten dafür Foren bieten. Das leisteten sie auch - einen Sommer lang.
 
Nun aber - Janka spürte es - ging es wieder auf einen eisigen politischen Winter zu. Denn alarmiert war auch das Ulbricht-Regime, dem der Schock vom 17. Juni 1953 noch in den Knochen saß. Der Ostblock war nach den Moskauer Enthüllungen in seinen Grundfesten erschüttert. In Posen rebellierten die Massen; vom an die Spitze gelangten Gomulka erhoffte die Polen mehr Freiheit. Der Volksaufstand in Ungarn zeigte die Kraft, die Sowjetherrschaft hinwegzufegen. Der Stalin-Ankläger Chruschtschow ließ ihn blutig niederwalzen. Das Ancien Régime in der DDR holte wieder Luft. "Wenn es hier so etwas geben sollte wie einen Petöfi-Club in Ungarn", drohte Ulbricht Anfang November Wolfgang Harich, "würde das im Keim erstickt werden."
 
Janka ordnet an diesem Abend des 5. Dezember seinen Schreibtisch, nimmt eine Tito-Rede beiseite und fährt nach Hause. Die Männer in den Ledermänteln erscheinen gegen 23 Uhr und durchsuchen Stunden lang sein Büro. Wissend, was auf ihn zukommt, fährt der unbeugsame Mann am Morgen zu seinem letzten Arbeitstag. "Ich halte es für ausgeschlossen, dass sie mit Dir so verfahren wie mit Harich", sagt ihm Anna Seghers bei einem letzten Treffen. Helene Weigel bittet ihn zu sich. Sie: "Unser Dilemma ist die Hilflosigkeit der Arbeiter." - Er: "Nein, die Isolierung der Intellektuellen von den Arbeitern. Wenn wir hier nicht einen Wandel schaffen, wird sich nichts ändern." Als der Tag sich neigt, erfolgt der erwartete Zugriff. In rüder Manier bringen die Stasi-Leute den furchtlosen Hausherrn wie einen Kriminellen durch das stumme Spalier seiner Mitarbeiter zu den schwarzen Limousinen ...
 
Die Seghers hatte sich geirrt. Ulbricht zeigte keine Skrupel, diesen integren Mann mit der Vita eines ehrlichen Kommunisten, dem ein Thomas Mann, Halldór Laxness oder Hermann Hesse auf Augenhöhe begegneten, den Prozess zu machen. Janka, der Arbeitersohn aus Chemnitz, dessen ältester Bruder im April 1933 von der SS ermordet wurde, der für die Spanische Republik kämpfte, der die gefährlichen Wege des Exils ging bis nach Mexiko, wo er die Bewegung "Freies Deutschland" mitbegründete und den bedeutenden Exil-Verlag El Libro Libre führte. Heimgekehrt, hielt er es im SED-Parteivorstand nicht lange aus, wurde Direktor der DEFA und ab 1952 Chef bei Aufbau. Warum war dies der Ulbricht-Riege alles nichts mehr wert?
 
Was vor 50 Jahren im Aufbau Verlag vorging, war historisch schicksalhaft. Der Gesprächskreis um Janka und Harich hatte nichts anderes getan als statutenkonform den SED-Gremien Wege aus Verknöcherung und Stagnation zu weisen. Doch wurden die Akteure zu von Hochverrätern stilisiert und in zwei Schauprozessen im März (Harich und andere) und Juli 1957 (Janka, die davongejagten "Sonntag"-Chefs Heinz Zöger und Gustav Just, der Journalist Richard Wolf) abgeurteilt. Das war - je nach Perspektive - Schlachtruf und Menetekel. Die Ulbricht-Leute sahen sich nach dem Ungarn-Aufstand ermächtigt, Schluss zu machen mit für sie bedrohlicher "Entstalinisierung". Sie bliesen zur Attacke, was auch Denker wie Ernst Bloch oder Hans Mayer zu spüren bekommen sollten.
 
(…)
 
Genau das wurde der "Harich-Janka-Gruppe" zum Verhängnis. Man könnte sagen: tragischer- weise. Denn ihre Protagonisten waren zweifellos die radikalsten Reformer - so unterschiedlich sie argumentierten und taktierten. "Den Stalin-Kult muss man mit Stumpf und Stiel ausrotten, und alle, die sich das Gewissen oder die Hände mit dem Blut unserer Genossen beschmutzt haben, soll man wie gemeine Verbrecher zur Rechenschaft ziehen", postulierte Janka im Mai 1956 kompromisslos in einem Brief an seinen Bruder. Es sei falsch zu meinen, "dass diese Aufgabe nur in der Sowjetunion zu lösen ist." Als grundsätzliche Fragen nannte er "unser Verhältnis zu den sozialdemokratischen Arbeitern", "das Flüchtlingsproblem", "Rechtssicherheit und Demokratisierung", "Schaffung eines echten Vertrauensverhältnisses sowohl zu unseren Genossen als erst recht zu den breiten Massen" - Konzeptpunkte, die Harich bis zum Spätherbst immer manifester zu einer Plattform fügte.
 
Herzbergs Studie zeigt die Mechanismen, die in der Parteidiktatur demokratische Neuerer zu Widerruf, kritischer Selbstbezichtigung, Verrat an sich und anderen, zu totaler Unterwerfung drängen. Janka bekannte keine Schuld, beugte sich nicht, ließ sich nicht brechen, auch nicht demütigen nach seiner Haft, aus der er nicht durch Proteste von DDR-Kollegen vorzeitig freikam, sondern nach Interventionen westdeutscher und internationaler Persönlichkeiten. Diesen Stimmen verdankte er auch seine Anstellung als Dramaturg bei der DEFA, wo er an Filmen wie "Goya", "Lotte in Weimar" oder "Die Toten bleiben jung" mitwirkte.
 
Ansonsten ließ er es still um sich sein. Bis zur Herbstrevolution 1989, wo er endlich erleben durfte, was er am 6. Dezember vor 50 Jahren bei der Weigel gefordert hatte. Unvergessen bleibt die Lesung aus "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" am 28. Oktober im Deutschen Theater, zu der Tausende Einlass begehrten. Noch vor der großen Demo auf dem Alexanderplatz und dem Mauerfall war dies ein Fanal, "nach langem Schweigen endlich frei zu sprechen."
 
 
 
25.11.2006               Frankfurter Allgemeine Zeitung              S. 10
Georg Paul Hefty
 
Nagys später Sieg. Neuerscheinungen zum ungarischen Volksaufstand von 1956 und seinen Folgen
 
Wie wird einer zum Nationalhelden? Es scheint zwei Wege zu geben. Vor allem den glücklichen, der denen vorbehalten ist, die Staaten gründen oder ihre Nation vereinigen. Zu ihnen zählen der Deutsche Bismarck, der Amerikaner Washington und der Italiener Garibaldi. Aber es gibt auch den unglücklichen Weg derer, die für die Befreiung ihres Volkes von Fremdherrschaft oder sonstiger Not mit dem Leben bezahlt und ihren Erfolg nicht mehr erlebt haben. Der Ungar Imre Nagy ist ein tragischer Nationalheld. Seine Lebensgeschichte, in Grundzügen seit fünfzig Jahren bekannt, ist nun in wesentlichen Einzelheiten endlich auch auf deutsch zu lesen. János M. Rainer, Direktor des Instituts für die Geschichte der Ungarischen Revolution 1956 in Budapest, hatte vor einigen Jahren eine zweibändige Biographie Nagys auf ungarisch veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe ist daraus die Quintessenz, angereichert um neue Erkenntnisse.
 
Nagys Lebenslauf ist leicht zu rekonstruieren - aber nicht, weil er so einfach, sondern weil er so verwirrend war. Was in einem bürgerlichen Leben ein Widerspruch wäre, ist im Leben eines Kommunisten der Lenin-, Stalin- und Chruschtschow-Zeit geradezu eine Regelhaftigkeit. Denn zu einem führenden Kommunisten konnte nur aufsteigen, wer die Kaderüberprüfungen überlebt hatte - und die konnte nur überleben, wer aus unterschiedlichsten Anlässen einwandfreie Lebensläufe zu schreiben vermochte, aus denen kein nachweisbares Detail ausgelassen, aber alles so geordnet war, daß auch die Geheimpolizei keine fragwürdige, verdächtige Stelle entdeckte. Einwandfreie Lebensbekenntnisse - eher Lebensgeständnisse - garantierten zwar noch nicht, daß der Verfasser die jeweils anstehende Säuberungswelle überleben würde, aber sie machte das Weiterleben immerhin wahrscheinlicher, oft sogar auf einer höheren Karrierestufe.
 
Nicht nur Lebensnotizen für die Geheimpolizei, sondern auch gegen sie schrieb Nagy - etwa, als er nach seinem ersten Sturz als Ministerpräsident 1955 anfing, programmatische Aufzeichnungen zu verfertigen und als er nach seinem zweiten Sturz im Winter 1956/57 wieder sein Leben niederschrieb, so für sich allein und doch irgendwie wissend, daß es für die Nachwelt sein wird. Noch einmal, zum letzten Mal, gab der Häftling Nagy Kernstücke seines Lebens zu Protokoll, als 1957/58 der Prozeß gegen ihn vorbereitet wurde. Danach folgte nur noch der biografische Teil der Anklageschrift.
 
Der am 16. Juni 1958, neun Tage nach seinem zweiundsechzigsten Geburtstag, gemeinsam mit seinem Verteidigungsminister Pál Maleter und seinem Berater Miklós Gimes hingerichtete Nagy hat, hatte zumindest - so nennt Rainer sein letztes Kapitel - ein Nachleben, eines der grausigen Art. Nachdem die Ärzte den Tod durch Erhängen bestätigt hatten, "wurden die Leichname in Särge gesteckt und auf dem Gefängnishof im Ausgangsbereich ohne jede Markierung unter die Erde gebracht. Die Särge wurden am 24. Februar 1961 ausgegraben, in Teerpappe eingewickelt und auf den nahe gelegenen Friedhof ,Újtemetö' verbracht. Hier wurden die Särge auf der Grabstätte 301 erneut ohne Grabplatte unter falschen Namen (Imre Nagy als ,Piroska Borbiró') verscharrt. Die Überreste der Toten wurden im Frühjahr 1989 nach mehrmonatiger Suche gefunden und exhumiert. Am 16. Juni 1989 wurde Imre Nagy dann an der Stelle, wo er seit 1961 geruht hatte, im Rahmen einer ganztägigen Zeremonie feierlich bestattet."
 
Rainer hätte den Lesern diese genaue Beschreibung der letzten irdischen Einzelheiten nicht ersparen können. Denn sonst hätten die Nachgeborenen keine Ahnung davon, wie gefährlich, wie einflußreich ein Toter noch werden kann. Nagys zunächst siegreiche Todfeinde hatten eine klare Vorstellung davon, daß es ihr Schicksal besiegeln würde, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, den gehenkten früheren Ministerpräsidenten aus der Gegenwart und Zukunft zu tilgen. Deswegen ließen sie keine Grabstätte, nicht einmal die öffentliche Trauer der Angehörigen zu, deswegen vertrieben sie Jahrzehntelang jeden, der sich dem verunkrauteten Feld in der hintersten Ecke des riesigen Friedhofs nähern wollte.
 
Niemand weiß, ob der Mann, der vier Fünftel seines Lebens Kommunist gewesen war, in dem Moment der Verkündung des Todesurteils daran dachte, daß er nach seinem Tod von seinen angeblichen und vermeintlichen Gesinnungsgenossen - Rainer stellt heraus, daß Nagy nicht mehr von der durch die Partei gelenkten Arbeiterbewegung, sondern von der unorganisierten Arbeiterklasse gesprochen hat - wenig zu erwarten hätte, um so mehr aber von den sogenannten Klassenfeinden unter seinen Landsleuten.
 
Tatsächlich war es die ungarische Emigration, unter der sogar Sozialdemokraten eine winzige Minderheit und die Antikommunisten die überwältigende Mehrheit stellten, die Nagys Andenken bewahrte. Von Anfang an standen Nagy, Maléter und in gewisser Weise der katholische Kardinal Mindszenty als die Helden des Volksaufstandes im Mittelpunkt der jährlichen Gedenkfeiern am Ungarischen Gymnasium, das 1957 für die Flüchtlingskinder in Kastl in der Oberpfalz gegründet worden ist. Treffender als Rainer hat der ungarische Staatspräsident Sólyom jüngst darauf hingewiesen, daß es die Emigranten waren, die über die Jahrzehnte die wirklichkeitsgetreue Geschichte des Volksaufstandes und damit der Rolle Nagys bewahrt, veröffentlicht und der Welt kundgetan hatten.
 
Dies war die Voraussetzung dafür gewesen, daß es Nagy nicht so erging wie zum Beispiel seinem kommunistischen Genossen Rajk, der gleichfalls - Jahre vor Nagy - hingerichtet worden war. Dessen Rehabilitierung und feierliche Neubestattung war eine Angelegenheit der kommunistischen Partei gewesen, welche die allgemeine Bevölkerung - über das Mitleid mit einem aus politischen Gründen Gehenkten hinaus - nur als Beweis dafür interessierte, daß die Partei selbst eigene Fehler eingestehen mußte und ihre Unfehlbarkeit fortan zweifelhaft blieb. Im Unterschied zu Rajk ist Nagy auf Grund seines Schwenks vom Sowjetdiener zum Volksdiener und seiner Erklärung der Neutralität Ungarns zu einem von allen politischen Strömungen anerkannten Nationalhelden geworden.
 
Rainer macht dem Ministerpräsidenten des Volksaufstandes dennoch einen Vorwurf. Er nimmt an, daß nicht die Neutralitätserklärung und der Austritt aus dem Warschauer Pakt den Ausschlag für das Todesurteil gaben, sondern die Radioansprache vom 4. November 1956, dessen "Tragweite" Nagy in den letzten Tagen seines Prozesses "offenbar bewußt geworden" sei. Rainer zitiert die kurze Ansprache: "Hier spricht Ministerpräsident Imre Nagy. Sowjetische Truppen haben im Morgengrauen zu einem Angriff auf unsere Hauptstadt angesetzt, mit der eindeutigen Absicht, die gesetzmäßige demokratische Regierung der Ungarischen Volksrepublik zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Platz. Ich bringe die Tatsachen dem ungarischen Volk und der ganzen Welt zur Kenntnis." Rainer hält diese Schicksalsrede nicht nur politisch, sondern auch moralisch für verfehlt. Nagy habe die angreifende Sowjetunion als eine "aggressive imperialistische Großmacht" hingestellt, was ihn wahrscheinlich das Leben gekostet habe. "Aus dem Munde eines kommunistischen Politikers war ein solcher Satz noch nie zu hören gewesen." Schlimmer seien jedoch Nagys Behauptungen gewesen, daß die Truppen im Kampf stünden und die Regierung auf ihrem Platz sei. Tatsächlich war Nagy schon bald darauf in die jugoslawische Botschaft geflohen, aber viele einfache Leute verstanden seine Worte als Aufforderung zum Widerstand. (…)
 
Eine ganze andere Anklage führt Paul Lendvai, der österreichische Journalist ungarischer Herkunft, in seiner Geschichte des Aufstandes, die zu einer Geschichte des kommunistischen Ungarns geraten ist. Seine Anklage gilt Nagys vom Kremls erkorenem Nachfolger János Kádár: in Wirklichkeit sei "Kádár selbst der eigentliche Drahtzieher" beim Prozeß gegen Nagy gewesen: "Er und kein anderer hat das entscheidende Wort besonders bei der Bestimmung des Strafmaßes" gesprochen. Nagys Existenz sei "die Verkörperung der fehlenden Legitimation Kádárs gewesen". Lendvai argumentiert in seiner Darstellung nicht von Einzelpersonen, sondern vom Volk her. "Die Erinnerung daran, wie der Westen nach der Niederschlagung der Revolution das kleine Land seinem Schicksal überlassen hatte, ähnlich wie schon 1849 und nach 1945, bestimmte den Seelenzustand der geschlagenen Nation ebenso wie es das Trauma der wiederholten russischen Unterdrückung tat." Nicht die breit ausladenden Einzelheiten über große und kleine Helden und Zaungäste der Revolution machen jedoch den besonderen Wert seiner Arbeit aus, das haben schon ein Vierteljahrhundert früher auch andere geleistet, sondern sein überall eingeflossenes politisches Urteil.
 
Lendvai hilft vor allem dem außerungarischen Leser, das Geschehen in und um Ungarn herum und die Folgen einzuordnen, selbst wenn manche seiner Hauptthesen auch anders akzentuiert werden können. Er verneint "im Rückblick und in Kenntnis der heute verfügbaren Dokumente" die über Jahrzehnte gestellte Frage "eindeutig", ob die Volkserhebung "letzten Endes" nicht doch noch gesiegt habe. "János Kádár konnte unter den gegebenen Realitäten im Ostblock nicht das verwirklichen, wofür Imre Nagy stand und starb: ein demokratisches Mehrparteiensystem und echte Unabhängigkeit." Dieser Satz trifft zwar ins Schwarze, beantwortet die gestellte Frage jedoch überhaupt nicht. Natürlich konnte Kádár Nagys Ziele nicht verwirklichen, denn damit hätte er sich selbst als kurzsichtigen Mörder Nagys entlarvt, aber der Aufstand hat "letzten Endes" tatsächlich gesiegt, mehr oder minder zufällig, sobald Kádár seiner Altersschwäche verfallen war.
 
Es lohnt sich nicht, darüber zu spekulieren, was 1988 und 1989 geschehen wäre, wenn Kádár zu diesem Zeitpunkt nicht 76 Jahre alt gewesen wäre, sondern erst 66 - wie der ehemalige Ministerpräsident Hegedüs, der mit seiner Unterschrift 1956 die sowjetischen Truppen ins Land gerufen hatte. Wahrscheinlich hätte auch ein vitalerer Kádár den späten Sieg der Aufständischen nicht aufhalten können, aber andererseits wäre er genausowenig zur Verantwortung gezogen worden wie die Größen seines in den ersten fünf Jahren brutalen Regimes, die den Systemwechsel bei guter Gesundheit überlebt haben. Jedenfalls haben die Aufständischen nach ihrem späten Sieg nicht an ihren einstigen Unterdrückern Vergeltung geübt. Das mag im strafrechtlichen Sinne als ungerecht erscheinen und die unverjährbaren Verbrechen verniedlichen, entspricht aber ziemlich genau dem Geist des Volksaufstandes, bei dem die unbestreitbaren Lynchmorde nicht Methode hatten, sondern Wutanfällen entsprangen.
 
Einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung im Lande und von den Motiven der Aufständischen, unter denen viele kurz zuvor entlassene oder während des Aufstands freigekommene politische Gefangene waren - der bedeutendste und bekannteste dieser Kategorie war Kardinal Mindszenty -, gibt ein Band mit Rückblicken von "Augenzeugen und Revolutionären", die jetzt in Deutschland leben. Ihre Erinnerungen sind frei vom kühlen Blick des Nachgeborenen und vom geschmeidigen Duktus des journalistischen Alleskenners. Das ist Graswurzelgeschichtsschreibung. Der Abstand von fünfzig Jahren mag manches in einem glanzvolleren Licht erscheinen lassen, aber die Schilderungen sind der Wirklichkeit verhaftet - kein Aufständischer war je allein, jetzt die Wahrheit zu verdrehen, würde in der Gemeinschaft der ungarischen Emigranten nicht zu unverdientem Heldenruhm, sondern zur Verachtung des Angebers führen. Daher lohnt sich die Lektüre für alle, die nicht an der Weltgeschichte, nicht an der Geschichte der Mächtigen, sondern an den Absichten, Taten und Schicksalen der Männer auf der Straße interessiert sind. Denn das Geschehen von 1956 war keine Palastrevolution im kommunistischen Politbüro, kein Putsch der zweiten Reihe gegen die Parteiobersten, keine Kulturrevolution der Schriftsteller allein, sondern ein Volksaufstand, zu dem neben all diesen Elementen als Hauptelement eben die Bevölkerung gehörte.
 
 
János M. Rainer: Imre Nagy. Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands. Eine politische Biographie 1896 - 1958. Geleitwort von György Konrád. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006. 282 S., 29,90 [Euro].
 
Paul Lendvai: Der Ungarnaufstand. 1956 - Die Revolution und ihre Folgen. C. Bertelsmann Verlag, München 2006. 319 S., 22,95 [Euro].
 
Ungarnaufstand 1956. Zeitzeugen und Revolutionäre blicken nach 50 Jahren zurück. Lyra Verlag, Targa-Mures 2006. 206 S., 15,- [Euro]. Bestellbar: BUOD, Magdi.B@web.de
 
 
 
14.11.06        London Review Of Books
Eric Hobsbawm
 
Could it have been different?
 
Journey to a Revolution: A Personal Memoir and History of the Hungarian Revolution of 1956 by Michael Korda · HarperCollins, 221 pp, $24.95
 
Twelve Days: Revolution 1956 by Victor Sebestyen · Weidenfeld, 340 pp, £20.00
 
A Good Comrade: Janos Kadar, Communism and Hungary by Roger Gough · Tauris, 323 pp, £24.50
 
Failed Illusions: Moscow, Washington, Budapest and the 1956 Hungarian Revolt by Charles Gati · Stanford, 264 pp, £24.95
 
Contemporary history is useless unless it allows emotion to be recollected in tranquillity. Probably no episode in 20th-century history generated a more intense burst of feeling in the Western world than the Hungarian uprising of 1956. Although it lasted less than two weeks, it was both a classic instance of the narrative of justified popular insurrection against oppressive government, familiar since the fall of the Bastille, and of David’s in this case doomed victory against Goliath.
 
For the Western side in the Cold War, then at its height, it dramatised the desire of enslaved peoples for liberty and, after a brief intermission that allowed some 200,000 Hungarians to escape, its ruthless repression by arms and terror. For Communists outside the Soviet empire, especially intellectuals, the spectacle of Soviet tanks advancing on a people’s government headed by Communist reformers was a lacerating experience, the climax of a crisis that, starting with Khrushchev’s denunciation of Stalin, pierced the core of their faith and hope. It cost the Italian Communist Party something like 200,000 members, and most Western Parties the bulk of their intellectuals. And it was literally a spectacle. Hungary 1956 was the first insurrection brought directly into Western homes by journalists, broadcasters and cameramen, who flooded across the briefly breached Iron Curtain from Austria.
 
Fifty years later, the Hungarian October carries a distinctly lighter load of emotion, except in its own country, which has recently seen, and is still seeing, an attempt to replay the drama of 1956 in the same setting and ideally with the same script: mass demonstrations turning into riot, the occupation of broadcasting studios, national flags with circles cut out of the middle, by analogy with those from which the symbols of Communism were removed. The issue today is the replacement of a centre-left party of the free market by more chauvinist and demagogic centre-right market champions. The tragedy of 1956 has been succeeded by something close to a post-Communist farce.
 
New documentation has transformed the history of the Hungarian October since the fall of Communism opened the Hungarian and many of the Russian archives and Freedom of Information legislation eased access to state papers in the US. All but one of the books discussed here are written by Hungarians old enough to have been participants or contemporary observers, or at least infants, in 1956. Except for Michael Korda’s lively memory of an Oxford undergraduate jaunt, they are historically serious and not only recollect but analyse emotion in tranquillity. Victor Sebestyen’s Twelve Days is well documented, based on up to date knowledge, and vividly written. Roger Gough’s important biography of Kádár shows considerable understanding of a difficult, and in the end haunted, historical figure who was, not uncharacteristically, an admirer of The Good Soldier Svejk.
 
Charles Gati’s Failed Illusions: Moscow, Washington, Budapest and the 1956 Hungarian Revolt is an outstanding work. Its four major conclusions can be briefly stated in the author’s own words. ‘First, relatively few Hungarians actually fought against Soviet rule, and their ultimate aim was to reform the system, not to abolish it.’ Although practically all Hungarians cheered them on, the armed freedom fighters numbered no more than 15,000; they were mostly young, and they were ‘deeply nationalist, anti-Soviet and anti-Russian – but not anti-socialist’. ‘Second, the revolution lacked effective leadership.’ It was a ‘bungling performance’. Imre Nagy’s ‘fearless, uncompromising behaviour before the kangaroo court that sentenced him to death in 1958 should not obscure that fact that however well-meaning he was, he lacked the political skill to make the revolution victorious; in particular, he failed to steer his country between the freedom fighters’ maximalist expectations and Moscow’s minimalist requirements.’ ‘Third, the Soviet leadership in Moscow was not trigger-happy . . . Fourth, the United States was both uninformed and misinformed about the prospects for change – even as its propaganda was very provocative.’
 
Gati assumes that in 1956 the USSR might have accepted a regime of limited pluralism in Hungary had Hungarian demands been less radical, because it was already rethinking its Central European strategy; it had withdrawn its forces from a neutralised Austria in 1955 and Hungary, unlike Poland, had little or no strategic significance for Moscow. In any case the dramatically de-Stalinising Twentieth Party Congress in the same year had anticipated important changes in international Communism. As for the US (about which the author is bitter, as one of the 96 per cent of Hungarian refugees who had expected the American help that Radio Free Europe seemed to promise), it never planned to do anything: ‘Suez,’ Gati writes, ‘was but a convenient distraction.’ (…)
 
Counterfactual history can tell us in principle that history has no predetermined outcomes, but nothing about the likelihood of any other than the actual ones. The tragedy of the Hungarian uprising is that what did happen was always as close to a certainty as makes no matter. Yet its history is full of alternative political choices, major and minor, considered and taken, reconsidered and altered, in Moscow and Budapest, notably by a changeable Khrushchev. Nevertheless, in retrospect, given their historical context, there is an air of inevitability about the flow of events, as there is about the direction of a great river.
 
Perhaps the best way to begin the history of the uprising is with the miserable state of the Hungarian Communist Party during World War Two. Since briefly establishing the only Soviet republic outside Russia in 1919 (with the enthusiastic support of the young Hungarian movie industry under Alexander Korda, Michael Korda’s uncle), the Party had been scattered and reduced by domestic repression, Stalin’s terror and its own internal quarrels, and several times had actually dissolved. Gati claims that by 1940 there were barely more than two hundred activists in Hungary and fewer than fifty reliable survivors in Moscow, with the result that one of Stalin’s four Magyar postwar proconsuls (Rákosi, Gerö, Révai and Farkas), all incidentally Jewish, had to be transferred from the Czechoslovak to the Hungarian Party. The most that can be claimed is that the Party, though small, had enjoyed considerable sympathy between the wars among artists, writers, university students and other intellectuals. What is especially striking, given Central European anti-semitism, is the relatively high number of Jewish members. (One third of Hungarian Jews, about 275,000, survived the war.) The predominance of Jews was a considerable worry to both the Hungarian and the Soviet Communist Party leadership. A black humorist might even claim that the problems of the Hungarian revolution arose from the persistent search for a reliable and popular Hungarian leader who was not a Jew; hence the peasant Imre Nagy in 1953 and again in 1956, and the chess-playing worker, illegitimate son of a Slovak chambermaid, János Kádár, in 1956.
 
At the end of the war this did not much matter: no attempt to install Communism was made in Soviet-controlled territories in the wake of victory. For the time being Stalin settled for multi-party ‘people’s democracies’ with firm Communist control of the centres of power, while at the same time dividing and disabling non-Communist parties (‘salami tactics’). The situation changed dramatically with the outbreak of the Cold War and the Soviet split with Tito’s Yugoslavia in 1948. Hungary was assimilated to the Soviet model of the late Stalin era under the leadership of Mátyás Rákosi (‘Stalin’s most faithful pupil’) and for six years lived through the usual show-trials and executions preceded by confessions, and a harsher and more extensive reign of terror than any of the other Soviet satellites had to endure. The chief victim was the home-grown Communist leader Laszló Rajk, who was executed in 1949 and whose posthumous rehabilitation was to mobilise dissident opinion. Between 1950 and Stalin’s death, 7 per cent of the total Hungarian population was tried by the courts and 4 per cent found guilty. The attempt at express socialisation and lightning Soviet-style industrialisation was a total failure. Even from Moscow’s point of view the situation was so unsatisfactory that Hungary, alone among the satellites, was considered to be in need of immediate reform. A few months after Stalin’s death in 1953, the Soviet leadership imposed a ‘new course’ under a former agriculture minister, the moderate (in Soviet terms ‘Bukharinite’) and patently non-Jewish Nagy, who joined a reluctant Rákosi and the rest of the Moscow quartet as prime minister.
 
It is not difficult to understand the state of mind of Communists and others, intellectuals especially, who in 1944-47 had flocked to a regime that offered the chance to build a new Hungary, whether of workers or of peasants – in this land of feudal estates, agrarian labour was poverty-stricken and oppressed. They had found themselves committed to, even complicit with, the local version of the terrorist regimes of Stalin’s final years: now its policy was seen to have failed, and its victims, dead or alive, were being ‘rehabilitated’. Not without a sense of their own guilt (this was particularly the case among journalists and writers), they had shed their illusions, but retained hope in a return to a people’s ‘socialism with a human face’. In Nagy, a known moderate, they saw that face.
 
On the other hand an extraordinary effort of historical imagination is needed to understand the main agents of the first 15 years of postwar Hungarian history, all ‘professional revolutionaries’ of the Comintern and Stalin era. The structure of disciplined and authoritarian organisations of believers, whether in the Communist Party or the Roman Catholic Church, imposes the same obligatory public face on all but the supreme head, and hides personality, tensions and political disagreements under a blanket of uniformity. What lay behind the stony-faced public demeanour, the personality-drained language of official discourse, the discipline that meant that all orders to make and impose ultimate sacrifices were carried out? The Cold War encouraged us to see Communist believers in Eastern Europe not as political human beings but rather as actors reduced to the one-dimensional roles of a Ben Jonson play – ambition, assertion of power, mafioso cunning, subtlety, even fear and self-preservation or (in the case of secret police chiefs) a taste for cruelty. Few wonder about the inveterate hardliners who seem to present no occasion for historical revision, Rákosi, Suslov or Gerö, mistaken though it is to take their inflexibility for granted, or to assume that it was always politically irrational. We are puzzled about those who appear to change. Are they the same people?
 
How could the familiar, mercurial post-Stalin Khrushchev once have been Stalin’s hammer of the Ukrainians? But he was. How could Nagy, the survivor of the 1919 Hungarian Soviet, the man who presided over the 1956 revolt against the USSR, have been a paid member of the NKVD in the 1930s who denounced fellow Hungarian refugees in Moscow, as we now know from the Russian archives that he did? But he was. How could Kádár, head of the most tolerant and least tyrannical regime in Eastern Europe from the 1960s to the 1980s, be the man who, before falling victim to the Stalinist terror himself, brutally interrogated Rajk, or the man who in 1958 insisted on the execution of Nagy when it was no longer required or even expected by the USSR? But, as Gough’s biography makes clear, he was. How can we understand ‘the curious mental state’ of Communists under the Stalin terror, one ‘that combined permanent anxiety and boundless idealism’, as Gati puts it?
 
Revolutions do not occur without a high degree of popular discontent, but they are not made by it, least of all in authoritarian countries with strong powers of repression. In the Communist regimes of the 1950s change came from the top or not at all. The Hungarian revolution corresponded to Lenin’s model of a ‘governmental crisis which draws . . . the masses into politics’. In the case of Communist regimes ‘governmental crisis’ implied divisions within the ruling party. Two factors made the Hungarian situation explosive.
 
The divisions in the Hungarian Party coincided with the struggles in the Soviet Party that followed Stalin’s death, and which did not properly end until the removal from power in 1957 of the Stalin loyalists Molotov, Malenkov and Kaganovich. Hungarian reform or national Communism lacked the crucial advantage enjoyed by the Polish Communists: namely, a group of potential leaders within the top management who were capable both of retaining their grip on the Party and remaining united in confronting the Russians. In Hungary the old Stalin team had never lost control of the Party apparatus, though they had visibly lost control of the substantial body of disillusioned Communists and intellectuals. The result in the years 1953-56 was something like a ‘public sphere’ independent of the regime. Unlike Gomulka, Nagy had no purchase on the Party machine. He owed his Party career after 1944, and again in 1953, to the patronage of the NKVD, which probably saved him from jail or execution under the Rákosi terror, but he had the bad luck to be the protégé of its last chieftain under Stalin, the formidable and politically reform-minded Beria, who lost his political clout (and his life) a few days later.
 
The uncertainties of Moscow politics allowed Rákosi and the rest of the Moscow quartet to maintain, and from time to time reinforce, their control of the Party apparatus until July 1956, and even after that the Russians could find no obvious replacement for them. The trouble with Nagy, for the Russians (notably the extremely able Yuri Andropov, their ambassador from 1954 to 1956), was that he might not be able to keep control. The death of Stalin removed the sanctions of jail, terror and death: when Khrushchev reminded Nagy in 1955 of the fate of Zinoviev and Rykov both knew the unreality of the threat. Soviet uncertainty and temporising about the Hungarian leadership guaranteed trouble. The old Stalinists would not be forced to leave Hungary until July 1956 (Rákosi) or even until after the start of the rising (Gerö). Nagy, expelled from the Party by Rákosi, was not readmitted to it until ten days before the outbreak of the revolt, nor appointed to the premiership until after it had begun. Supporting and then dropping Nagy, but leaving him free in 1955-56, made him, in Gati’s words, ‘the coming revolt’s only conceivable, if altogether unlikely, inadvertent and – sad to say – ill-equipped leader’.
 
Trouble had inevitably followed the Twentieth Congress of the Soviet Party, the ten days of February 1956 destined to shake the Communist world. Had there been a grassroots rebellion in Hungary like the Poznan strike in Poland the Hungarian and Soviet Party leaders might have had a sense of the depth of the regime’s unpopularity and been forced to come to clear decisions, as the Party had in Poland. There was no such outbreak, but only an increasingly vocal anti-Stalinist dissidence on the part of the articulate classes, who campaigned on those issues of historical memory and injustice which lend themselves so well to Central European public discourse. This opposition now had a substantial student component, a constituency whose capacity for independent political mobilisation was not in those days widely recognised by any regime.
 
It was the coincidence of the student mobilisation – some 40,000 students were involved – and the Polish crisis that precipitated the uprising. In early October, at the start of the academic year, students at universities throughout Hungary began to replace the Communist union with their own organisations and to demonstrate. On 19 October the Polish CP restored the former victim of Stalinism, Wladyslaw Gomulka, then seen as a ‘national’ Communist, to his leadership and outfaced the Soviet leaders who threatened, but refrained from armed intervention. As mass meetings of Hungarian students resolved to leave the Communist organisation, drafting what amounted to a manifesto for revolution, the ‘Sixteen Points’, a demonstration of Budapest students, nominally in solidarity with the Poles, was planned for 23 October. Starting from different points it would converge on Bem Square, under the statue of the Polish general who fought in the Hungarian war of liberation in 1848. Announced, then banned and again permitted by the disoriented authorities, it turned into a gigantic political march against Gerö and the Russians, with the inhabitants of Budapest, full of rumour and hope, joining in at the end of their working day. As darkness fell, a crowd watched Stalin’s statue fall to the ground; only the Great Leader’s jackboots remained standing. During the night this unexpected eruption turned into an armed insurgency as students attempted to storm the radio station that refused to broadcast their Sixteen Points and the security forces opened fire. The police and the available Hungarian army units refused to intervene; one Budapest barracks under Colonel Pál Maléter joined the insurgents. Groups of young men, at first unco-ordinated and increasingly from the working classes, fanned out to search for arms, transport and support – and found them.
 
(...)
 
The heroic memories of the Hungarian uprising are largely based on the next three days, when brave and ingenious urban guerrillas succeeded in fighting to a standstill Soviet troops who expected a police action and found themselves faced with a revolution, which quickly spread from Budapest to the rest of the country. From 27 October fighting – or the number of casualties – tailed off, as the Nagy government took shape, established itself and began to negotiate with the Russians. Moscow, or at least Khrushchev, clearly still wanted a Polish or Yugoslav outcome – i.e. a reforming Communist regime – but the collapse of the Hungarian Party had been so dramatic that Nagy pressed for a withdrawal of Soviet troops and a return to the pluri-party system that had been in place from 1945 to 1947. Mikoyan argued for concessions, even reluctantly backing the presence of non-Communists in the Budapest government. (Whether he had the full support of his colleagues for this is not clear.) More surprisingly, Suslov went along with him. (So, it seems, did Tito and Mao.) So did the Moscow Politburo, which on 30 October issued a sensational declaration, published the following day in Pravda: troops would be withdrawn from Budapest as soon as requested by the Hungarian government and negotiations would begin about ‘the whole question of the presence of Soviet troops on Hungarian territory’. From this moment Hungarians and Poles were to be free to work out their own problems without Soviet advisers and Soviet troops.
 
A day later Moscow (supported by both Tito and Mao) changed its mind. Why, having unanimously and genuinely opted for the political solution did the Soviet regime now choose military force? It is true that Hungary, despite having been offered ‘an even longer leash’ than Poland, clearly wanted total independence, but this does not explain the suddenness of the change. Gati suggests that an incident which took place on the 30th, and is vividly described in Sebestyen, was crucial: the attack by insurgents on the headquarters of the Greater Budapest Communist Party on Republic Square, temporarily defenceless except for a contingent of secret police after the withdrawal of Russian and Hungarian soldiers. The building was taken, the Budapest Party chief – a strong supporter of reform – killed, and 23 secret policemen lynched by the mob in front of the world’s newsreel cameras. It was this demonstration of anarchic fury, combined with Nagy’s increasing concessions to the maximalist demands on the street, that persuaded both Moscow and Beijing that uncontrollable disorder was impending in Hungary. ‘In the end,’ Gati writes, ‘Nagy became a reluctant revolutionary who could not control that sudden outburst of violence . . . and this was the main reason why he lost whatever confidence Moscow had had in him.’
 
The alternative was the reform government’s number two, János Kádár, who had begun to impress the Russians. He left Budapest on 1 November as a member of Nagy’s government and returned six days later in a convoy of Soviet tanks – which made short work of the uprising once its full force was deployed. He has been denounced for his betrayal, but, unlike some other episodes in his long career, notably the execution of Nagy in 1958, it can be justified. The insurgents’ programme was beyond reach. What was the alternative to a Russian victory, if not a quiet reform Communist regime backed by a reform-minded Khrushchev? (In subsequent years the Kádárs were to develop a family friendship with the Khrushchevs.) Nagy’s choice implied only heroic victimisation – followed sometime in the future by public rehabilitation – and a return of the Hungarian Stalinists, with or without Rákosi and Gerö. Kádár’s solution was the only one available. To everyone’s surprise this uncharismatic figure, with a record of purely Hungarian service, loyal but with mixed success as a Communist functionary, never at ease with intellectuals, turned out to be the most successful ruler of his country in the 20th century. According to his biographer, a poll organised by several media organisations in late 1999 to discover the greatest Hungarians of the country’s millennial history, gave him third place after St Stephen and István Széchenyi, the great 19th-century reformer. But Nagy’s memory returned to haunt him in his old age.
 
In Moscow Mikoyan had opposed intervention to the end and beyond, on the grounds that it would aggravate the Cold War and do long-term damage to the position of the USSR. He was right on the second count but wrong on the first. Hungary stabilised relations, teaching Washington that limited objectives were better than an absence of policy combined with fundamentalist rhetoric. On the other hand, the USSR learned the lesson that dependent Parties were unreliable. From 1956, the Politburo, fatally encouraged by its success in reconquering and stabilising a dissident Hungary, rested the stability of its unsteady empire on military force. In the 1980s, once it was clear that Gorbachev was no longer ready to march or to subsidise, the immediate collapse of Soviet empire and influence was certain. Paradoxically, the man who chose Gorbachev as his successor was Andropov, who, as ambassador in Budapest, had been the strongest backer of intervention and Kádár’s most reliable supporter in the long aftermath.
 
Eric Hobsbawm, currently the president of Birkbeck, remembers the contemporary impact of both Budapest and Suez. A new edition of his Revolutionaries will be published next year; his memoir, Interesting Times: A 20th-Century Life, came out in 2004.
 
 
 
04.11.06        Frankfurter Rundschau
György Dalos
 
Gegenwart im Gedenken. Ungarn, 4. November 1956
 
 
"Helft! Helft! Helft!", das waren die letzten Worte des Freien Radios Kossuth an jenem kalten Novembersonntag. Der Hilferuf wurde auf Englisch, Deutsch und Russisch zweimal wiederholt, zwischen den Worten konnte man das Dröhnen der Panzer und die Kanonenschüsse deutlich vernehmen. Kurz nach acht Uhr verstummte der Sender. Dafür meldete sich auf einer anderen Wellenlänge - die rundfunktechnische Messdienste orteten sie in der Slowakei - bereits um sechs Uhr eine neue Stimme und verkündete die Gründung der "revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung" unter der Führung von vier Ministern des früheren Kabinetts von Imre Nagy.
 
Der Premier selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt samt seines engsten Beraterkreises im Gebäude der jugoslawischen Botschaft - das ihnen gewährte "politische Asyl" war nichts anderes als ein abgekartetes Spiel zwischen der sowjetischen und jugoslawischen Führung, dessen Ziel darin bestand, János Kádárs altneuer Truppe den Weg für die Wiederherstellung der Ordnung freizumachen.
 
Ohne Frage war die Operation "Wirbelsturm" von Anfang an zum Erfolg verurteilt. Die 58 000 Mann starke Armee mit der damals modernsten Kriegstechnik machte jeden militärischen Widerstand von vornherein zwecklos. Die politischen Unruhen konnten noch einige Zeit andauern, die angeblich in Szolnok gebildete Gegenregierung befand sich zunächst in einem Vakuum, aber vor allem schien es klar zu sein, dass sich die westlichen Regierungen aus diesem Konflikt heraushalten würden. Zwar beschäftigte sich die UNO dauernd mit der "ungarischen Frage", mehr als Rhetorik hat diese Debatte nicht produziert.
 
"Werden die Vereinten Nationen den Weg des Völkerbundes gehen?" fragte ein FAZ-Leitartikel, in dem bitter angemerkt wird: "Die Russen zertreten die Grundsätze der Vereinten Nationen höhnend und hinterhältig zu Staub, wie es nicht einmal Stalin in Jugoslawien gewagt hat." Staatsminister István Bibó, Mitglied der gestürzten Regierung, der an diesem Tag im Parlament blieb und eine Erklärung gegen die Invasion verfasste, bezeichnete die Lage in Ungarn als "den Skandal der westlichen Welt".
 
Selbstverständlich konnte kein nüchtern denkender Mensch wünschen, dass die USA wegen des winzigen mitteleuropäischen Landes der UdSSR den Krieg erklären und das Risiko eines thermonuklearen Konflikts auf sich nehmen würden. Es handelte sich jedoch um etwas mehr als bloße Nichteinmischung. Der kalte Krieg war nicht zuletzt ein kalter Frieden, der den Großmächten das Recht einräumte, in dem eigenen Einflussbereich souverän aufzutreten, ihnen genehme Regierungen einzusetzen, widerstrebende abzulösen. (…)
 
Und doch taten die historischen Kräfte das Ihrige: Der 4. November 1956 erwies sich langfristig als Pyrrhussieg. Moskau verlor zunächst die frühere absolute Kontrolle über die kommunistische Weltbewegung - denken wir an den Konflikt mit der KP Chinas und dem "Eurokommunismus" - und später über seine eigenen Satelliten im Warschauer Vertrag. Die Krise des Ostblocks trug einen mysteriös anmutenden zyklischen Charakter: Jedes zwölfte Jahr - 1968 in Prag, 1980 in Warschau - wurde die Effektivität der Kremlpolitik in Frage gestellt. Die Energie der kommunistischen Supermacht reichte nur noch aus, den zweifelhaften Status quo aufrechtzuerhalten. Dazu kam die innere Erosion des Regimes, die durch keine Panzer, nicht einmal durch Atomwaffen aufgehalten werden konnte. Das Jahr 1989 rächte sich an dem Jahr 1956.
 
Nun gedenkt Ungarn jenes Schwarzen Sonntags vor fünfzig Jahren und fühlt sich dabei recht unwohl. Keineswegs wegen des traurigen Rückblicks, sondern aufgrund ganz ordinärer innenpolitischer Spannungen. Die konservative Opposition versucht seit anderthalb Monaten Druck auf die sozialliberale Regierung auszuüben. Gegen die linkischen Wahllügen der Linken führt die Rechte eine Kampagne und zeigt sich, was die Mittel anbelangt, wenig wählerisch. Für den heutigen Samstag plant sie einen Fackelzug durch die Innenstadt; der Unfrieden der letzten Zeit verheißt wenig Gutes. Die brutale Erstürmung des Fernsehgebäudes durch rechtsradikale Randalierer am 18. September und das berechtigte, aber unangemessen harte Durchgreifen der Ordnungshüter am 23. Oktober schufen ein Klima im Land, das die eigentliche Erinnerung zu einem zweitrangigen Ereignis machen wird.
 
Von György Dalos erschien kürzlich bei C.H. Beck das Buch "1956. Aufstand in Ungarn".
 
 
 
3.11.06          Freitag
Siegfried Prokop
 
Kein deutscher Gomulka war in Sicht. UNGARISCHER FUNK. Nach dem Vorbild des Budapester "Petöfi-Kreises" wollten im Herbst 1956 auch Intellektuelle in der DDR zu inneren Reformen ausholen
 
Die Zeit nach dem XX. Parteitag der KPdSU schien für die mit der Sowjetunion verbündeten Länder eine Chance zu eröffnen, dank der Entstalinisierung mit einem Sozialismus sowjetischer Prägung zu brechen. Vorrangig in Polen und Ungarn entstanden starke Reformbewegungen, die auf die DDR nicht ohne Einfluss blieben. Deren Situation unterschied sich freilich in mancher Hinsicht von der anderer Länder des sozialistischen Lagers - zunächst einmal war der Lebensstandard höher als sonst irgendwo in Osteuropa, eine derart grobe Rechtsbeugung wie beim Rayk-Prozess in Ungarn hatte es nicht gegeben, die "Spitzen-Intelligenz" der DDR genoss eine materielle Förderung, die im Ostblock ihresgleichen suchte. Außerdem hatte der "Neue Kurs" nach dem 17. Juni 1953 tendenziell zu mehr Liberalität geführt, so dass sich in der DDR kaum derart brisante Konflikte zu entladen drohten wie in Polen und Ungarn.

Das änderte jedoch nichts an der von vielen Intellektuellen als zwingend empfundenen Notwendigkeit, mit dem Stalinismus zu brechen. Vor allem die Debatten im Budapester "Petöfi-Kreis" übten dabei einen nachhaltigeren Einfluss aus als gemeinhin angenommen wird.

Letzte Ehre für László Rajk

Die erste Zusammenkunft dieses Gremiums hatte am 15. März 1956 in den Räumen des Budapester "Kossuth-Klubs" stattgefunden - einem Zusammenschluss sozialistischer Intellektueller, dem auch Mitglieder der Jugendorganisation und des Schriftstellerverbandes angehörten. Benannt war der Kreis nach dem Nationaldichter Sándor Petöfi (1823-1849), der im März 1848 die Pester revolutionäre Jugend führte und 1849 im ungarischen Freiheitskrieg fiel. Er hatte zunächst volksliedhafte Lyrik verfasst, dann größere, dem poetischen Realismus verpflichtete Gedichte. Er schrieb das Märchenepos Der Held Janos (1845) und den Roman Der Strick des Henkers (1846).

Der "Petöfi-Kreis" debattierte besonders über die Verfassung, in die Ungarns KP unter dem Patronat des Stalinisten Mátyás Rákosi geraten war. Julia Rajk beispielsweise ging soweit, die sofortige Abdankung Rákosis und ein würdiges Begräbnis für ihren Mann zu fordern, der als ungarischer Innenminister zusammen mit seinen drei Mitangeklagten wegen angeblicher Spionage für die USA und Jugoslawien als "Titoist" und "Trotzkist" 1949 in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und gehängt worden war. Es gehörte zur bitteren Bilanz der Rákosi-Ära, dass von 1948 bis Mitte der fünfziger Jahre mehr Kommunisten in Lagern und Gefängnissen starben als unter der 25-jährigen Diktatur Admirals Horthys bis 1944.

Nach dem Rücktritt Rákosis am 18. Juli 1956 sollte sich der Wunsch Julia Rajks erfüllen - am 6. Oktober versammelten sich etwa 200.000 Menschen vor dem Kossuth-Mausoleum auf dem Budapester Zentralfriedhof, um László Rajk die lange verweigerte letzte Ehre zu erweisen.

Am 14. Juni sprach Georg Lukács im "Petöfi-Kreis" zum Thema "Freiheit der Kultur" vor mehr als 2.000 Zuhörern, die den 71-Jährigen enthusiastisch feierten. Lukács entstammte einer reichen Bankiersfamilie, war während seines Studiums in Deutschland Sozialist geworden und schon während der ungarischen Räterepublik unter Bélá Kún im Jahre 1919 Volkskommissar gewesen. Im sowjetischen Exil, wo er zur deutschen Sektion des Sowjet-Schriftstellerverbandes gehörte, kam er in engen Kontakt mit Schriftstellern wie Johannes R. Becher. Dabei verfiel Lukács nie dem geistlosen Dogmatismus in den Hochzeiten des Stalin-Kults und weigerte sich, per se die Überlegenheit der sowjetischen Werke des sozialistischen Realismus anzuerkennen. Unter Mátyás Rakosi wurde ihm schließlich ab 1952 ein Vorlesungsverbot für die Budapester Universität erteilt.

Entstalinisierung von oben

Am 28. Juni 1956 sprach Lukács in der Politischen Akademie der ungarischen KP und entwarf einen strategischen Plan für die Periode der Koexistenz zwischen den Systemen. Er erklärte: "Je ernster wir die Koexistenz nehmen, das heißt: je menschlicher wir den Sozialismus aufbauen - menschlicher für uns, zu unserem Nutzen, vom Standpunkt unserer eigenen Entwicklung -, um so mehr dienen wir auch dem endlichen Sieg des Sozialismus im internationalen Maßstab." Vier Wochen später flog Lukács mit seiner Frau nach Ostberlin zu einem längeren Ferienaufenthalt.

Auch in der DDR machten sich 1956 sowohl in der SED als auch in der Nationalen Volksarmee sowie unter den Intellektuellen überhaupt Reformkräfte bemerkbar, die darauf hofften, Walter Ulbricht durch einen "deutschen Wladislaw Gomulka" ersetzen und die DDR-Gesellschaft demokratisieren zu können. In Leipzig traf sich der "Bloch-Kreis", in Berlin der von Fritz J. Raddatz moderierte "Donnerstags-Kreis" und um den Bildhauer Fritz Cremer der "Niquet-Keller-Kreis". Die größte Bedeutung aber erlangte der "Kreis der Gleichgesinnten", den Mitarbeiter des Aufbau-Verlages und der Wochenzeitung Sonntag unter Federführung von Walter Janka sowie Gustav Just bildeten und dem sich von Anfang an auch der Philosoph Wolfgang Harich als der "Formulierungsgewandteste" des Forums zugehörig fühlte.

Der Einzige unter den namhaften Ostberliner Intellektuellen, der erkennbar auf Distanz ging, war der Schriftsteller und Chefredakteur der Zeitung Aufbau, Bodo Uhse. Er vertrat die Auffassung, die Deutschen seien in ihrer Mehrheit noch immer Nazis, außerdem wollten die "Gleichgesinnten" bei der inneren Demokratisierung den Bogen überspannen. (…)

Ende Juli 1956 und dann noch einmal Mitte August und Anfang September traf sich Lukács in Ostberlin mit Janka, Harich und Just. Als sie sich bei einem Mittagessen im Hotel Newa erstmals begegneten, erinnerte sich Gustav Just später, sei er von der Höflichkeit und bescheidenen Diskretion des Gastes aus Ungarn beeindruckt gewesen. Lukács gab seinen Gastgebern zu verstehen, er glaube, nach dem Rücktritt Mátyás Rákosis sei dessen Nachfolger Ernö Gerö nur ein Mann des Übergangs. Der kommende Führer Ungarns heiße János Kádár, der unter Rákosi schwer hatte leiden müssen. Janka und Just mussten gestehen, den Namen bis dahin noch nie gehört zu haben.

Rückfall ins Machtraster

Höchst aufschlussreich erschien ihnen, wie Lukács den Posener Aufstand vom Juni 1956 deutete, vertrat er doch die Ansicht, historisch gesehen seien solche Erhebungen das letzte Mittel der Arbeiter eines sozialistischen Landes, um wieder normale Beziehung zwischen Partei und Klasse herzustellen, wenn sich die Partei von den Massen entfernt habe. Man müsse die Ereignisse in Polen daher positiv bewerten, auch wenn es unumgänglich sei, solche Aufstände gewaltsam niederzuschlagen und zu verhindern, dass die Reaktion ihre Machtpositionen restauriere. Mittelbar seien derartige Konflikte jedes Mal eine Art Katalysator für eine neue, bessere Politik der Partei, die sich gezwungen sehe, ihr Verhältnis zu den Massen kritisch zu prüfen. So sei der Kronstädter Aufstand seinerzeit in Sowjetrussland indirekt ein Anlass für die Neue Ökonomische Politik (NEP) gewesen. Und habe nicht der 17. Juni 1953 in Osteuropa Entwicklungen vorangetrieben, die zum XX. Parteitag der KPdSU führten? In gleicher Weise werde auch der Posener Aufstand seine Wirkungen auf die Volksdemokratien nicht schuldig bleiben. Für Wolfgang Harich ergab sich daraus die Schlussfolgerung, auch für die DDR sei eine antistalinistische Revolution von oben nach polnischem Muster unumgänglich.

Im September-Heft des Aufbau erschien denn auch ein Aufsatz von Lukács zum Thema Der Kampf des Fortschritts und der Reaktion in der heutigen Kultur, der wesentliche Gedanken seiner in Budapest gehaltenen Vorträge enthielt. Der Sonntag hatte zuvor bereits ein Resümee dieses Traktats gedruckt und mit den Schriftstellern Tibor Déry wie Julius Háy auch andere Prominente aus dem "Petöfi-Kreis" zu Wort kommen lassen.

Unverkennbar stieg das Reformfieber in der DDR: Im Frühherbst 1956 gab es Pläne, an Stelle des Dachverbandes FDJ einen christlich-demokratischen Jugendbund, eine sozialistische Jugendorganisation sowie einen Pionier- und Studentenverband zu schaffen. Es solle ein "Studentenrat" gebildet werden, hieß es am 30. Oktober in einem Beschluss des SED-Politbüros, der jedoch unter dem Eindruck der Ereignisse in Ungarn schon drei Tage später, am 2. November 1956, wieder kassiert wurde - eine entscheidende Zäsur. Denn von nun an fiel unter dem Druck Walter Ulbrichts und mit dem Segen Moskaus die SED-Führung wieder in das traditionelle Machtraster zurück. Was zuvor noch "Reform zur Stärkung der DDR" hieß, firmierte jetzt als "reformistisch", "revisionistisch" oder "konterrevolutionär". Die abrupte Wende in Ostberlin vollzog sich geradezu synchron mit den Kämpfen in Budapest.

Das nackte Überleben

Einen gewissen Einfluss auf die Reaktionen der DDR-Führung dürften ab Ende Oktober 1956 die von der Budapester DDR-Botschaft an das Ostberliner Außenministerium übermittelten Lageberichte gehabt haben. Darin heißt es etwa über die Nacht nach dem Sturz der Stalin-Statue am 23. Oktober 1956, es sei "fast die gesamte Armee auf die Seite der Aufständischen" übergegangen. Nur noch die Donaukriegsflotte und die Sicherheitspolizei hielten zur Regierung. In den Wohnbezirken gäbe es spontan gebildete Arbeiter- und Soldatenräte, die von der Armee bewaffnet worden seien. Am 24. Oktober habe es in Budapest ständig Kämpfe gegeben - im Laufe des Tages sei die Regierung unter Imre Nagy´ gebildet worden, der auch Georg Lukács als Minister angehöre.

Als die Sowjetarmee am 24. Oktober in die Kämpfe eingriff, funkte die Botschaft: "Leider hat es am ersten Tage auch Fälle gegeben, wo Panzer der Sowjetarmee auf die Seite der Aufständischen übergegangen sind. Dies geschah jedoch nur an diesem einen Tag. Später nicht wieder. Die sowjetischen Genossen hatten (...) einen Fehler gemacht. Sie hatten den Soldaten erklärt, dass sie gegen Bourgeois zu kämpfen hatten. Als sie dann in den Straßen Zehntausende von Arbeitern sahen, konnten sie sich die Zusammenhänge nicht erklären und nahmen offenbar an, auf der falschen Seite zu stehen."

Am 25. Oktober versammelten sich etwa 100.000 Menschen vor dem Parlament, um den Rücktritt von KP-Chef Gerö und den Abzug der sowjetischen Truppen zu fordern. Dazu der Botschaftsbericht: "Unverständlicherweise eröffnete die Sicherheitspolizei konzentriertes Feuer auf die Menge, die sich völlig friedlich verhielt und keine Anstalten machte, etwa das Parlament zu stürmen. Es wurde auch nicht zurückgeschossen. Es gab ein entsetzliches Blutbad, das etwa 100 Tote forderte. In diesem Moment stellte sich die Sowjetarmee zwischen die Menschenmenge und eröffnete das Feuer auf die Sicherheitspolizei."

Wenig später trat Gerö zurück - die Menge ließ Janos Kádár, den neuen Ersten Sekretär, hochleben. Gleichzeitig vermerkt die DDR-Botschaft "konterrevolutionäre Kräfte". Leere LKW mit Hänger seien an bestimmten Konzentrationspunkten aufgetaucht und hätten die Menge immer wieder zu neuen Orten gebracht und dort mit bestimmten Losungen versorgt. "Man vermutet" - so die Botschaft - "dass einige der Anführer hohe Offiziere des Generalstabs der Volksarmee sind." Neue Provokationen seien erfolgt, so dass wieder heftige Kämpfe unter Einsatz aller Waffen tobten: "Die Situation war jetzt so unübersichtlich, dass man von nun an nie genau sagen konnte, wer eigentlich auf wen schoss und wer auf welcher Seite stand." (Botschaftsbericht)

Nach Bildung der Regierung Nagy´ habe die Sicherheitspolizei plötzlich ganz allein da gestanden. Mit der neuen Führung der Partei und Regierung konnte sie sich nicht identifizieren: "Gruppen der Sicherheitspolizei schossen sowohl gegen Aufständische wie gegen Regierungstreue. Sie kämpften einfach um das nackte Überleben", resümiert der Botschaftsbericht.

Die "Gleichgesinnten" in Ostberlin gingen in jenen dramatischen Herbsttagen davon aus, es gebe in Ungarn zwar eine Revolution, in die sich allerdings konterrevolutionäre Kräfte eingemischt hätten, weil die antistalinistischen Kreise in der ungarischen KP nicht rechtzeitig imstande gewesen seien, aus den Posener Ereignissen vom Juni zu lernen. Es sei zu keiner Revolution von oben nach dem Muster des VIII. Plenums der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) gekommen. Daraus müsse die DDR ihre Lehren ziehen. Sie tat es, aber sehr viel anders, als von den "Gleichgesinnten" erhofft.

Der Autor lebt und arbeitet als Historiker in Berlin. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen: Siegfried Prokop, 1956 - DDR am Scheideweg. Opposition und neue Konzepte der Intelligenz. Edition Zeitgeschichte Band 32. Kai Homilius Verlag Berlin 2006.
 
Warum ist Ungarn gescheitert?
 
Auf diese Frage antwortete der Literaturwissenschaftler Hans Mayer im Jahr 2000:
 
"Am Einmarsch der sowjetischen Panzer in Budapest natürlich. Daran, dass Imre Nagy und andere an den Galgen gekommen sind; dass Georg Lukács, der Kulturminister bei Nagy, entmachtet wurde und nur durch seine Berühmtheit dem Galgen entging ...
 
Chruschtschow wollte unter keinen Umständen mit Panzern einmarschieren in Ungarn. Kurz vorher war in Polen nach dem Aufstand dort ein liberaler Parteiapparat mit Gomulka gewählt worden, der durchaus in der Lage gewesen war, die Krise ohne militärische Gewalt zu beseitigen. Ich weiß, dass Chruschtschow, den man ja deshalb später auch abgesägt hat, bei allen Vorbehalten der Meinung war, man müsse auch die Ungarn in Ruhe liberal weiter arbeiten lassen. Warum sind dann die Panzer trotzdem einmarschiert?
 
Nein, die Regierung Nagy hatte alle Möglichkeiten, liberale Maßnahmen zu treffen. Nur eines hätte sie unter gar keinen Umständen tun dürfen: aus dem Warschauer Pakt demonstrativ austreten. Da mussten die Generale in Moskau reagieren, das Aufmarschgebiet der Roten Armee sichern. Wer, frage ich, hatte ein Interesse daran, dass es zu einer Krise und zu einem Bruch kam in Budapest, dass das Experiment Nagy/Lukács scheiterte? Zum einen der Vatikan und verschiedene katholische Kreise, zum anderen - I´m sorry to say - die Amerikaner. Die hatten ein vitales Interesse an der Fortsetzung des Kalten Krieges, sie wollten die Permanenz der Krise."
 
3.11.06      Freitag
Hannes Hofbauer
 
Beethoven entschärft Schostakowitsch. BLUMEN FÜR NAGY - PFIFFE FÜR DIE SOZIALISTEN. Der Ungarn-Aufstand durch die Erinnerungsmühlen der Provinz gedreht
 
"Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!" Mit dieser paternalistischen Formel leitete Janos Kádár im März 1963 für sein Land die Epoche der gesellschaftlichen Versöhnung ein. Im Herbst 2006, 50 Jahre nach dem Aufstand, stehen sich die politischen Kontrahenten in Ungarn wieder unversöhnlich gegenüber. Das einigende Band des Antikommunismus, das die Wendezeit geprägt hatte, hielt nicht, was es zu versprechen schien. Ungarns Gesellschaft ist grob gesagt in Nationalisten und Kosmopoliten gespalten. Ein Besuch in Kaposvar vertieft diesen Eindruck.
 
Abend für Abend versammeln sich in der Hauptstadt des Komitats Somogy 30 bis 50 Empörte auf dem Platz zwischen Kossuth-Denkmal und Stefanskirche, um ihren Protest gegen die Regierung Gyurcsany hinauszuposaunen. Mit Blick auf den Volksaufstand des Jahres 1956 wird die regierende Sozialistische Partei (MSZP) als verräterisch und verlogen beschimpft. Der Hass auf Sozialisten, Juden, Liberale - auf alle eben, die in der ungarischen Provinz keinen Platz haben sollen, sitzt tief. Viel ist in den Ansprachen der 56er-Veteranen von "Schweinen" die Rede, die sich im Budapester Parlament breit gemacht hätten. Die Verlesung von Abgeordnetennamen wird mit Pfiffen und Buh-Rufen quittiert, wenn es sich bei ihnen um jene aus den Reihen der MSZP handelt. Als meistgehasste Politikerin gilt in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt die körperlich behinderte Parlamentspräsidentin Katalin Szili. Sie - die im Volksmund gern "Ratte" genannt wird - hat hier nicht einmal einen Namen.
 
(…)
 
Am 23. Oktober 2006, dem zum Gedenken an den Herbst ´56 eingerichteten Nationalfeiertag, versammeln sich bereits vormittags gegen zehn etwa 1.000 Menschen vor dem Denkmal von Imre Nagy im kleinen Park hinter der Fö utca von Kaposvar. Der aus dieser Stadt stammende reformfreudige Politiker blieb bei den Rechten bis heute unbeliebt. Jungdemokraten (FIDESZ) wie auch die ihnen nahe stehenden Veteranenverbände reklamieren den Aufstand inzwischen gern als "ihre Revolution", müssen jedoch in Ermangelung einer eigenen heroischen Integrationsfigur bei feierlichen Anlässen auf Imre Nagy zurückgreifen. An dessen Denkmal kommt es bei der Kranzniederlegung prompt zum Eklat. Als ein Vertreter für die Sozialisten dem gescheiterten Reformer seine Ehre erweist, gellen Pfiffe. Während in Budapest ein Drittel der von der Regierung geehrten Veteranen den Handschlag mit Premierminister Gyurcsany verweigert, steht in Kaposvar der MSZP-Mann wie ein Aussätziger vor der Nagy-Statue.
 
Kurz darauf im Gespräch entpuppt er sich als ehemaliger Vorsitzender des Komitats. Noch mit einem Zittern in der Stimme erklärt er, es sei seiner Initiative Mitte der neunziger Jahre zu verdanken, wenn es hier eine Gedenkstätte für Nagy gebe. "Dies ist unser Denkmal, die Rechte missbraucht Nagy", empört er sich über die hasserfüllte Reaktion des Publikums. Ein Kundgebungsteilnehmer bringt es mit einfachen Worten auf den Punkt, als ich von ihm wissen will, weshalb man die Sozialisten derart behandelt. "Weil das eben Verräter sind!" - "Ist das eine Veranstaltung von FIDESZ?", frage ich nach - "Nein, die hier Versammelten sind Ungarn!" Auf meinen staunenden Blick hin setzt der Mann noch hinzu: "Keine Kosmopoliten!"
 
Dieser tiefe Riss macht sich auch im Kulturleben des Provinzstädtchens bemerkbar. Vor über einem halben Jahr hatte der musikalische Leiter der Kaposvarer Philharmonie das Festprogramm für den Abend des 23. Oktober 2006 festgelegt. Seither wurden die zwei Sinfonien von Tschaikowski und Schostakowitsch geprobt - bis radikale Rechte in Budapest das Fernsehgebäude stürmten. In diesem Augenblick bemerkte der Stadtrat von Kaposvar, welch brisante Entscheidung der Chefdirigent des Orchesters gefällt hatte. Russische Komponisten sollten unter einem russischen Dirigenten am Jahrestag des ungarischen Aufstandes gespielt werden? Es sollte ursprünglich ein Zeichen sein, dass es eine Aufarbeitung von Geschichte nur geben könne, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt: In politischer Hinsicht, indem man die Schuld an der Tragödie des Herbstes 1956 nicht pauschal "den Russen" zuweist. Immerhin waren es Ungarn wie Janos Kádár, von denen die Todesurteile gegen die Aufständischen und Reformer abgesegnet wurden. Und in kultureller Hinsicht, indem man die Rolle von "Roter Armee" und "russischen Komponisten" nicht durcheinander bringt.
 
Die Stadtväter freilich waren nur sehr partiell für das Argument einer durch die Kunst betriebenen Versöhnung zu gewinnen. Die toten russischen Komponisten durften gespielt werden, einen lebendigen russischen Dirigenten aber wollte man 50 Jahre nach dem Aufstand in Kaposvar nicht sehen. Also musste ein Deutscher nachrücken, und zum Abschluss des Programms - nach Tschaikowski und Schostakowitsch - dem Publikum noch Beethoven serviert werden. Die Zuhörer quittierten das Konzert mit frenetischem Beifall, der Abend war für Kaposvar gerettet.
 
 
2.11.06                SUPERillu
Gerald Praschl
 
»So erlebte ich die HASS-NACHT von Budapest« AUFRUHR IN UNGARN
50. Jahre Ungarn-Aufstand. Doch statt einer Gedenkfeier gab es eine Straßenschlacht. Mittendrin ein Team von SUPERiIIu
 
Ein T 34-Panzer dröhnt über den Asphalt. Dann hallen Schüsse. Ein greller Blitz, ein dumpfer Einschlag. Neben SUPERiIIu-Fotograf Nikola Kuzmanic (46) explodiert eine Tränengas-Granate. Szenen wie aus einem Bürgerkrieg. Nur Gott sei Dank ohne scharfe Munition. Kampf statt Gedenken. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eigentlich kam ich mit einer Delegation der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur nach Budapest, um die Feiern zum 50. Jahrestag des Ungarn-Aufstand, zu erleben. Und keine Schlachten. Alles hatte friedlich begonnen. Stiftungs-Chef Rainer Eppelmann (63) legte Kränze an mehreren Gedenkstätten nieder. Davon gibt es sehr viele. Alle Ungarn sind stolz auf den Aufstand, auch wenn er scheiterte. Am 23. Oktober 1956 hatten sie sich gegen die sowjetischen Besatzer erhoben. Militärisch waren sie ohne Chance. 2500 Freiheitskämpfer fielen (und 1000 Sowjetsoldaten). Dann brach die Front zusammen. Aufstandsheld Imre Nagy und 400 weitere Kämpfer wurden hingerichtet. So blieb Ungarn bis 1989 unter sowjetischer Fuchtel, Teil des Ostblocks.
 
Harter Streit.
 
Inzwischen ist das Land zwar eine Demokratie, Teil der EU. Doch politisch brodelt es. Die letzten Wallen gewann die linke MSzP. Der Nachfolger der kommunistischen Staatspartei USAP ist heute gemäßigt sozialdemokratisch.
Doch wie Premier Ferenc Gyurcsany (45), früher Sekretär der kommunistischen Jugendorganisation, sind viele MSzP-Funktionäre „alte Kader“. Die konservative „Partei der Jugend“ Fidesz unter Viktor Orban (43) bläst dagegen zum Sturmangriff.
Dabei kommt ihr entgegen, dass Ungarn in einer Finanzkrise steckt. (...)
Gegen 19 Uhr erreiche ich den Platz, an dem die zentrale Feier der Regierung stattfinden soll. Eine bizarre Veranstaltung. Geschützt von Hundertschaften Polizei weiht Gyurcsany ein Denkmal für den Aufstand ein. Publikum oder Gäste sind nicht dabei, nur TV-Kameras. Dafür viele Demonstranten. lch stehe mitten unter ihnen vor der Polizeiabsperrung. Junge Leute. Ehepaare, Rentner. Und eine Rocker-Gang. Erst schwenken sie Fahnen, singen die Nationalhymne. Dann schreien sie: „Gyurcsany, hau ab!"
 
Tränengas und Knüppel.
 
Orbans Gegenveranstaltung am »Astoria« ist inzwischen in eine Straßenschlacht übergegangen. In der ganzen Innenstadt toben ähnliche Kämpfe. Den Höhepunkt erlebe ich nachts um eins an der Elisabethbrücke. Demonstranten haben Barrikaden errichtet. Ich stehe mittendrin. Dutzende Tränengas-Granaten prasseln auf uns herab. Die Polizei feuert Gummigeschosse.
Knüppelkommandos verfolgen die Fliehenden. Ich flüchte in eine dunkle Gasse. Die Rettung.
Die traurige Bilanz, 128 Verletzte, höre ich am nächsten Morgen. Und 100 Verhaftete. Darunter György H., ein Veteran des Aufstands von 1956. Der Greis hatte den T 34-Panzer, der als Ausstellungsstück am Straßenrand stand, gekapert und war damit losgebrettert. Fast wie damals.
 
 
Oktober 2006           LE MONDE diplomatique
Roger Martelli
 
Kommunizierende Krisen im Herbst 1956
In Budapest besteht die UdSSR auf dem Primat des Imperiums etablieren sich die USA als nachkoloniale Ordnungsmacht im Suezkrieg
 
Am Abend des 23. Oktober 1956 fielen in Budapest die ersten Schüsse. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer auf Demonstranten, der Ungarnaufstand hatte begonnen, der mit der sowjetischen Intervention endete. Zur gleichen Zeit, vom 22. bis 24. Oktober, fand in Sevres ein Geheimtreffen statt, auf dem Frankreich, Großbritannien und Israel ihre Militärintervention in Ägypten verabredeten. Budapest und Suez: Zwei Krisen, von denen jede wie das Echo der anderen anmutet. Am Morgen des 4. November rückten die sowjetischen Truppen nach Budapest vor; am 6. November landeten die britisch-französischen Truppen der Operation Musketeer in Port Said. Am 20. November erlosch der letzte Widerstand in Ungarn; am 22. Dezember war Ägypten wieder frei von westlichen Truppen.
Die klassische Lesart ist einfach: Das Jahr 1956 erscheint als ein plötzlicher Kälteeinbruch nach dem ersten Tauwetter im Kalten Krieg. Begonnen hatte dieses Jahr im Zeichen der Entspannung. Am 18. April war der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow nach London gereist, am 15. Mai weilten der französische Premier Guy Mollet und sein Außenminister Christian Pineau zu einem offiziellen Besuch in Moskau. Doch kaum fünf Monate später wurde der ägyptischen Bevölkerung in Kairo über Lautsprecher verkündet, der „Dritte Weltkrieg" sei ausgebrochen.
 
Chruschtschows neuer Kurs
 
Die ungarische Tragödie spielte sich vor dem Hintergrund der Entstalinisierung und der beginnenden Krise des sowjetischen Imperiums ab. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte man damit begonnen, die 1929 mit der „großen Wende" der stalinistischen Zwangskollektivierung in der UdSSR eingerichteten Verwaltungsstrukturen auf Osteuropa zu übertragen.[1]
Der Spielraum, den Moskau den „neuen Demokratien" zwischen 1944 und 1947 zunächst zugestanden hatte, wurde nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin im Jahr 1948 wieder strikt eingeschränkt. Das Einheitsmodell der „Volksrepubliken" wurde im gesamten Block durchgesetzt. Und der Kalte Krieg begünstigte die Herausbildung eines bestimmten Herrschaftstyps, der die Fusion einer autokratischen, personalen Staatsführung mit einem gesamtgesellschaftlichen Verwaltungssystem darstellte.
 
Auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 öffnete Chruschtschow mit seiner berühmten Geheimrede die Büchse der Pandora: Er bekannte sich zur Pluralität der „Wege zum Sozialimus" und verurteilte den überall praktizierten Polizeiterror und den stalinistischen Personenkult. Die einzelnen Ostblockländer reagierten auf diese Rede der Führung von Enver Hoxha zeigte sich unbeeindruckt, während Bulgarien einen sanften Übergang einleitete. Die Tschechoslowakei und die DDR hingegen setzten sich ostentativ über den kritischen Impetus der „Geheimrede" hinweg, brachten die Wirtschaft jedoch auf einen „neuen Kurs" und akzeptierten einige marginale Zugeständnisse.
In zwei Ländern jedoch, in Polen und in Ungarn, löste das „Erdbeben" des XX. Parteitags eine gewaltsame Krise aus.[2] Die Hauptverantwortlichen waren die herrschenden Führungsspitzen. Weder der polnische Ministerpräsident Boleslaw Bierut noch Mátyás Rákosi reagierten auf die Signale, die seit Stalins Tod im Frühjahr 1953 aus der Sowjetunion kamen. In Ungarn unternahm Ministerpräsident Imre Nagy zwischen Juli 1953 und März 1955 einen ersten Reformanlauf, der ambitionierter war als im übrigen Osteuropa, aber am Widerstand der stalinistischen Fraktion scheiterte.[3] In Polen wie in Ungarn lehnten die Parteiführungen alle Veränderungen ab.
Trotz einer parallelen Ausgangssituation nahmen die beiden Krisen einen unterschiedlichen Verlauf. in Polen hatte Bieruts Nachfolger Edward Ochab 1956 den Mut, den Reformer Wladyslaw Gomulka an die Spitze der Regierung zu bringen, bevor die Fraktionskämpfe in einem Blutbad endeten.
In Ungarn dagegen wurde Imre Nagy erst in der Nacht des 23. Oktober, nachdem die sowjetischen Streitkräfte zum ersten mal eingegriffen hatten, erneut zum Ministerpräsidenten ernannt. Während die reformwilligen Kommunisten in Polen bis Ende Oktober das Heft in der Hand behielten, entglitt ihren ungarischen Genossen schließlich die Kontrolle über den Volksaufstand, der sich im Kampf gegen die russischen Panzer weiter radikalisierte.
In Budapest verkörperten zwei Männer diesen Widerspruch: Auf der einen Seite Imre Nagy, der sich nach anfänglicher Zurückhaltung schließlich an die Spitze der Bewegung setzte und mit Moskau brach. Als er sich weigerte, den Aufstand auch nach dessen Niederschlagung zu verdammen, wurde er am 16. Juni 1958 hingerichtet - und damit zum Märtyrer des Ungarnaufstands.
 
Auf der anderen Seite stand János Kadar, der von 1951 bis 1953 inhaftiert war und Imre Nagy zunächst unterstützt hatte. Doch schon Anfang November distanzierte er sich von der Regien Nagy und stimmte dem zweiten Einmarsch der Sowjettruppen zu.
In der UdSSR selbst war die Führungsgruppe gespalten, und Chruschschow befand sich in einer heiklen Position. Nach seiner antistalinistischen „Geheimrede" war er unter dem permanenten Druck der Konservativen wieder zurückgewichen. Seine Reaktion auf die beiden Krisenherde vom Herbst 1956 war eher pragmatisch als strategisch oder ideologisch motiviert. Gegenüber Polen entschied sich Chruschtschow im letzten Moment für den Weg der Versöhnung, als sich Gomulka zu den Verpflichtungen des Warschauer Pakts bekannte. In Budapest dagegen wurde der Konflikt mit Gewalt gelöst, weil Nagy sich für den Austritt Ungarns aus dem ein Jahr zuvor unterzeichneten Warschauer Pakt einsetzte. Chruschtschow war also ein Mann mit zwei Gesichtern.[4] Am 19. Oktober drohte er Polen mit militärischer Gewalt, um zwei Tage später darauf zu verzichten; in Ungarn ordnete er am 30. Oktober den militärischen Rückzug an, stimmte aber schon am nächsten Tag für den erneuten Einmarsch.
Die Suezkrise lief dagegen mehr nach dem klassischen Muster ab, aber sie war auch komplexer als die Ungarnkrise. Denn hier überlagerte sich eine rein machtpolitische Ebene, auf der es um die Kontrolle über den Suezkanal ging, mit dem israelisch-arabischen Konflikt, der durch das Waffenstillstandsabkommen vom Frühjahr 1949 nur eingefroren war. Vor allem aber hört der Konflikt von 1956 in den Kontext der weltweiten Entkolonialisierungsbewegung, zu der sich auch Ägypten unter Oberst Nasser zählte.
 
Anachronistisches Kolonialgebaren
 
Dabei agierten die westlichen Führungen auf hoffnungslos überholte Weise: Man praktizierte eine banale Variante der alten Kanonenbootpolitik, die Israel geschickt für seine Interessen nutzte. Während man sich allerdings im 19. Jahrhundert darauf berufen hatte, die „unterentwickelten Völker" zu zivilisieren, berief man sich 1956 in London und Paris auf die Notwendigkeit, den „neuen Hitler" zu bekämpfen.[5] Nicht in das klassische Konfliktschema passte allerdings die Rolle der USA und der UdSSR. Washington war in den Ausbruch der Krise verwickelt: Die Verweigerung von US-Geldern für den geplanten Bau des Assuan-Staudamms hatte Nasser veranlasst, die Kanalgesellschaft zu verstaatlichen. Obwohl er dem strategischen Interesse Washingtons am Bagdad-Pakt - also am Irak unter Nouri-Saïd und an der seit 1952 in die Nato eingebundenen Türkei - in die Quere kam, ließen die USA damals ihre Position in der Suez-Frage nicht von der Logik des Kalten Krieges diktieren.[6] Sie verfolgten im Gegenteil den alten amerikanischen Traum vom Ende des Kolonialismus, den sie als Voraussetzung für eine Neuordnung der globalen Kräfteverhältnisse sahen.
(…)
 Unter Chruschtschow strebte die UdSSR dagegen die Rolle der zweiten „Großmacht" an.[7] Das tat sie auch unter dem Eindruck der Expansion US-amerikanischer Bündnisse, etwa in Südostasien (Seato 1954) und im Nahen Osten (Bagdad-Pakt i955).
Das Jahr 1955 brachte die Versöhnung mit Tito und die Gründung des Warschauer Pakts, aber auch den Beginn einer sowjetischen „Dritte-Welt-Politik". Moskau suchte eine Annäherung an Indien und nutzte die Rolle, die sein chinesischer Verbündeter auf der Bandung-Konferenz spielte.[8] Und man hoffte, vom wachsenden Einfluss Jugoslawiens innerhalb der Bewegung der blockfreien Staaten zu profitieren.
Von der Suezkrise profitierte die UdSSR gleich auf zweifache Weise: Sie lenkte die internationale Aufmerksamkeit von dem Drama in Budapest ab, und sie ermöglichte den Sowjets, deren erste Kontakte mit Nasser enttäuschend verlaufen waren, einen spektakulären Auftritt auf der politischen Bühne Nahost.
Christian Pineau, der damalige französische Außenminister, schreibt in seinen Memoiren, sein Kollege John Foster Dulles habe ihm einige Jahre später gestanden: „In Suez lag ich falsch, Sie hatten Recht.“[9] In der Tat hat es die Suezkrise der UdSSR ermöglicht, in Nahost bis Anfang der 1970er-Jahre aktiv mitzumischen. Aber die sowjetisch-arabische Annäherung war fragil. In Moskau hatte man kein richtiges Ge­spür für die Verhältnisse im Nahen Osten. Zwar erwachte 1956 wieder der alte.. Traum der kontinentalen Großmacht, einen freien Zugang zu den warmen Meeren zu gewinnen, doch der Traum währte nicht lange.
Die unmittelbaren Folgen der Ereignisse vom Herbst 1956 sind bekannt: Nasser ging gestärkt aus der Krise hervor, der arabische „Sozialismus" sah sich bestätigt, das arabische Lager wurde durch den gemeinsamen antiimperialistischen Bezug zusammengeschweißt. Und Israel konnte sich als regionale Militärmacht etablieren.
Längerfristige Konsequenzen waren der endgültige Verlust der Welt­machtstellung Frankreichs und Großbritanniens, das Schwinden der Reformhoffnungen in Osteuropa, der Auftritt der UdSSR im Mittelmeerraum und der Auftakt zu einer Annäherung zwischen den USA und Israel.
Am weitreichendsten waren jedoch drei andere Entwicklungen. Erstens hatten sich die alten Kolonialreiche als überholt erwiesen. Das Scheitern der britisch-französischen Suez-Intervention wirkte wie das direkte Nachspiel auf die Konferenz von Bandung. Die großen Gewinner waren auf kurze Sicht die algerischen Nationalisten, die sich international durch Nassers Sieg legitimiert sahen. Frankreich und Großbritannien dagegen verloren ihre beiden Kolonialreiche endgültig.
Zweitens war das Großreich der Sowjetunion nur um den Preis zugespitzter Widersprüche zu erhalten. Die Proteste in den Ostblockstaaten wurden zwar kurzfristig unterdrückt, doch in der antitotalitären ungarischen Revolution kündigte sich bereits der Prager Frühling an.
 
Vorbote des 21. Jahrhunderts
 
1956 war auch das Jahr, in dem sich China als Alternative präsentierte. Als Reaktion auf die Unruhen in seinem Block war Chruschtschow gezwungen, ein Bündnis mit Mao zu suchen, nachdem er vergeblich eine Allianz mit Tito angestrebt hatte. Der Riese China stellte auf den ersten Blick die Hegemonie der UdSSR über den eigenen Block nicht in Frage. Aber er wurde rasch zum Herold der Konservativen, die den „Opportunismus“ als „Hauptgefahr“ anprangerten. Zwar blieb Osteuropa der Sowjetunion als geografisches Glacis erhalten, doch die Chance einer kontrollierten Entstalinisierung wurde 1956 verpasst. Dass Gorbatschow scheitern musste, war schon im Scheitern Chruschtschows angelegt.
Drittens bestätigte sich 1956 die besondere Rolle der USA. Bis dahin war das Netz der US-Verbündeten ein defensives gewesen, um die sowjetische Bedrohung abzuwenden. Seit 1956 sah sich Washington weniger als Führer eines Blocks denn als weltweite Ordnungsmacht. Die nach der doppelten Herbstkrise im Dezember 1956 verkündete Eisenhower-Doktrin erscheint aus diesem Blickwinkel als eine Art Vorläufer der Bush-Doktrin.
Das Jahr 1956 war gewiss eine Krise des 20. Jahrhunderts, denn sie war noch von den Kräfteverhältnissen nach 1945 bestimmt. Doch man kann diese Doppelkrise auch als Vorboten unseres 21. Jahrhunderts und seiner anmaßenden Ordnungspolitik sehen, die doch nur Unordnung gestiftet hat.
 
Aus dem Französischen von Grete Osterwald
 
Roger Martelli ist Historiker und Autor von „Communisme 1956. Le glas d'une esperance". Paris (La Dispute) 2006.


[1] Vgl. Moshe Lewin, ,.Le Siecle Sovietique", Paris (Fayard/Le Monde diplomatique) 2003.
[2] Vgl. Giuseppe Boffa, "Le repercussioni internazio¬nali del XX Congresso dei comunisti sovietici", in: II XX Congresso del Pcus. Rom (Franco Angeli) 1988.
[3] Vgl. Franpois Fejtö, ..Budapest, L'insurrection". Brüssel (Complexe) 1990: Csaba Bekes u. a., „The 1956 Hungarian Revolution: A History in Docu¬ments", Budapest (CEU Press) 2003.
[4] 4 Vgl. William Taubman, „Khrushchev. The Man and his Era". London (Free Press) 2003.
[5] Hugh Thomas, „The Suez Atfair", New York (Penguin Books) 1970.
[6] Vgl. Alain Gresh und Dominique Vidal. .Les Cent Cles du Proche-Orient", Paris (Hachette) 2006, Henry Laurens, „Paix et guerre au Moyen-Orient. Paris (Armand Colin) 2005.
[7] 7 Vgl. Jacques Levesque, „L'URSS et sa politique internationale de Lenine à Gorbatchev", Paris (Armand Colin) 1987.
[8] 8 Vgl. Jean Lacouture, "Neige nicht länger dein Haupt, mein Bruder. Die Asien-Afrika-Konferenz in Bandung 1955". Le Monde diplomatique. April 2005.
[9] 9 Christian Pineau, „1956, Suez, Paris (Robert Laftont)1976.
 
 
 
28.10.06               Neue Zürcher Zeitung
Andreas Oplatka
 
Symbol und Märtyrer des Ungarnaufstands. Imre Nagy in der Darstellung von János M. Rainer
 
In Rumänien, wohin ihn die Sowjets und ihre ungarischen Handlanger Ende November 1956 nach der Niederschlagung des Volksaufstands verschleppt hatten, begann Imre Nagy, der Ministerpräsident der Revolutionsregierung, eine autobiografische Skizze. Unter die Stichworte des Titels im Manuskript setzte er als Eckdaten seines Lebens folgende Jahreszahlen: «1896–195...?» Nagy trat zwar jetzt wie später, als er vor Gericht gestellt wurde, allen Beschuldigungen entgegen, bewies mit Ernst und Sorgfalt die Unhaltbarkeit der gegen ihn erhobenen Anklagen von Ungarns neuen Machthabern, offenkundig hegte er aber keine Zweifel darüber, dass er das Ende des Jahrzehnts nicht mehr erleben werde. Nach einem Geheimprozess in Budapest wurde Imre Nagy am 16. Juni 1958 hingerichtet.
 
Ein Standardwerk
 
«Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands» lautet der treffende Untertitel der von János N. Rainer verfassten Biografie, die nun auch auf Deutsch vorliegt. Rainer, Direktor des Budapester Instituts für die Erforschung und Dokumentierung des Volksaufstands von 1956, gehört unter den Zeithistorikern zu den besten Kennern der Materie. Seine in Budapest in den späten neunziger Jahren erschienene, rund tausend Seiten umfassende Darstellung von Imre Nagys Leben gilt als ein Standardwerk, dem man auf absehbare Zeit wenig wird hinzufügen können. Der von Anne Nass vorzüglich übersetzten deutschen Ausgabe liegt eine gekürzte Version zugrunde, die in Ungarn selber 2002 herausgekommen war. (…)
 
Ein früher Nationalkommunist
 
Man kann dies umso überzeugter tun, als es sich keineswegs um eine verwässerte Volksausgabe handelt. Rainers Buch bleibt auch in dieser Form ein fundiertes, mit einem reichen wissenschaftlichen Apparat ausgestattetes Werk, dessen Anhang zahlreiche Hinweise auf weiterführende, auch fremdsprachige Literatur enthält. Geschildert wird auf eine engagierte, aber leidenschaftslose und gewissenhaft sachliche Art der Werdegang eines sonderbaren, widersprüchlichen und doch bis zum bitteren Ende konsequenten Mannes. Dieser, in der westungarischen Provinzstadt Kaposvár als Kind einer halb bäuerlichen, halb kleinbürgerlichen Familie geboren, unterschied sich in seiner Jugend wenig von seinen Altersgenossen. Nachdem er aber als Soldat im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft geraten und mit den Ideen des Bolschewismus bekannt geworden war, stand für ihn der weitere, zum Schicksal gewordene Lebensweg fest; Nagy fand seinen Platz in den Reihen der Kommunisten.
 
Das bedeutete vorerst die Teilnahme am Bürgerkrieg in Russland, später das Engagement in der verschwindend kleinen, illegalen KP Ungarns, und dann, von 1930 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, verbrachte Nagy 15 Jahre in der Sowjetunion, in der Emigration. Unter den exilierten Kommunisten gehörte der professorale Agrarexperte zu den Gemässigten und damit eher nur zur zweiten Garnitur. Rainer verschweigt nicht einen dunklen Punkt: Nagy diente in dieser Zeit den sowjetischen «Organen» als Informant. Diese Tatsache wurde viel später, 1989, zur Anschwärzung von Nagys Bild ans Tageslicht gezerrt. Rainer bietet eine einfache Erklärung: Kein Emigrant in Moskau konnte eine solche Zusammenarbeit verweigern, Nagy hielt aber darüber hinaus die Erfüllung des Auftrags gewiss auch für seine Pflicht im Dienst der Partei.
 
Diese Parteidisziplin bestimmte ebenso sein Handeln in der Nachkriegszeit, als er, nun schon Regierungsmitglied im kommunistischen Ungarn, auch Aufgaben übernahm, die er für falsch hielt. Das Wort vom «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» gab es zu der Zeit noch nicht, doch war Nagy ein früher Vertreter dieser Richtung. Als Ministerpräsident gewann er 1953 mit seinem (von Moskau gebilligten) Reformprogramm und namentlich mit seiner spürbaren menschlichen Ausstrahlung Popularität. Den Kampf gegen die Stalinisten innerhalb der ungarischen Führung verlor er zwar bald, er wurde an den Rand gedrängt, doch im Oktober 1956, als in Budapest Hunderttausende im Protest auf die Strasse gingen, rief die Menge nach ihm, Imre Nagy.
 
An Widersprüchen zerbrochen
 
Der Hauptakzent in Rainers Biografie liegt deutlich auf der Zeit nach 1945 und insbesondere auf Nagys Rolle während des Volksaufstands. Sorgfältig, unter genauer und kenntnisreicher Auswertung des Quellenmaterials, befasst sich Rainer sodann mit dem Nagy-Prozess und allgemein mit den letzten anderthalb Jahren, in denen Nagy dank seinem moralischen Verhalten zu einer der grossen Gestalten in der Geschichte seines Landes heranwuchs.
 
Der Verfasser ist kein bedingungsloser Bewunderer. Er schildert, wie der langsam reagierende, wenig entschlussfreudige und durch die Ereignisse auch verwirrte Nagy, den die Revolution wieder zum Ministerpräsidenten gemacht hatte, erst allmählich begriff, dass das Land nach Demokratie und Freiheitsrechten rief und dass es Reformen unter Beibehaltung des Einparteistaates nicht mehr tun würden. Dann allerdings identifizierte sich der Ministerpräsident mit der Revolution und war auch nach deren Erdrosselung durch die Sowjettruppen nicht bereit, den Aufstand zu verleugnen.
 
Die politisch-militärische Niederlage, wie Rainer schreibt, musste Nagy akzeptieren, menschlich-moralisch gab er aber nicht nach. Er blieb bis zuletzt Kommunist, einer freilich, der hartnäckig beweisen wollte, dass sich Anstand, Charakter und Patriotismus mit dieser politischen Überzeugung vereinbaren liessen. Sein Leben zerbrach an diesen Widersprüchen.
 
János M. Rainer: Imre Nagy. Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands. Eine politische Biographie 1896–1958. Verlag Schöningh, Paderborn, und NZZ-Verlag, Zürich 2006.
 
 
27.10.06        Freitag
Egon Bahr
 
Alles kam zusammen, was eine Tragödie braucht. UNGARN VOR 50 JAHREN. Die gescheiterte Revolution hatte durchaus Langzeitwirkungen
 
 
Ungarn 1956, das ist kein Datum, vergleichbar dem Abend des 9. November 1989, als Menschen auf der Mauer tanzten. Es ist kein Ereignis, in dem eine Vorgeschichte sich zu einem einmaligen, kaum mehr lösbaren Knoten verdichtete. Es ist eher ein Vorgang von ungeheurer Dramatik, in dem die Handelnden einem Schicksal folgten, das sie kaum überblickten - Heldentum, Schuld und Vergehen sich schwer entwirrbar mischten. Es gab Subjekte, die eigenständig Entscheidungen trafen und zu Objekten wurden, über die verfügt wurde. Das ganz wesentlich von Kräften außerhalb Ungarns. Und alle Beteiligten konnten durchaus plausible Gründe für ihr Verhalten anführen. Kurz: Alle Faktoren kamen zusammen, um eine Tragödie hervorzubringen, unabwendbar und grausam.

Unvergesslich sind die Reportagen des Rundfunks geblieben und alles überlagernd bis zum heutigen Tag die Stimme: "Helft uns". Aus dieser drängenden und beschwörenden Stimme klang Hoffnung wie Verzweiflung. Und dann verstummte sie. Und mit einigen Kollegen in Bonn erörterten wir erschüttert und zugleich mit professioneller Vernunft, was nun in Budapest vor sich gehen würde, weil Hilfe nicht kommen werde. Das jedenfalls war schon damals klar; denn Krieg durfte es nicht geben. In Westberlin gelang es dem Parlamentspräsidenten Willy Brandt nur mühsam, die aufgebrachten Studenten vom Sturm auf das Brandenburger Tor aufzuhalten. Schon damals diskutierten wir die Wirkung amerikanischer Rundfunksendungen, die als Hilfeversprechen verstanden werden konnten. Vorgänge und Ablauf jener erregenden zwei Wochen sind bis zur Gegenwart nicht unbezweifelbar klar, durchsichtig nach Kriterien objektiver historischer Forschung. Das auslösende Moment kam aus Polen, aber es wirkte eben in Ungarn. Und in keinem anderen Land des sozialistischen Lagers.

Den Generalstreik in Posen hatte die polnische Armee erstickt, aber die Auflösung der Kolchosen und die Freiheiten für die Presse wurden geduldet. Wladislaw Gomulka - rehabilitiert - wurde wieder Generalsekretär und konnte die sowjetische Führung von der Bündnistreue Polens überzeugen. So wird am 24. Oktober in Budapest Imre Nagy eingesetzt - und die sowjetische Führung hatte begründet keinen Zweifel an seiner Bündnistreue. Aber anders als in Polen weitete sich der Studentenprotest revolutionär aus und forderte den Abzug der sowjetischen Truppen. Ein halbes Jahr vorher hatte Chruschtschow auf dem 20. Parteitag in seiner geheimen Rede, die nicht geheim blieb, die Verbrechen Stalins enthüllt. Das war kein Freibrief, wenn der Zusammenhalt der Moskauer Herrschaft gefährdet schien. Die erforderliche harte Antwort durch den Einsatz sowjetischer Truppen stieß auf Widerstand.

Nagy bildet eine neue Regierung, unter Beteiligung von Janos Kádár. Sowjetische Truppen ziehen sich aus Budapest zurück. Am 1. November verkündet Nagy den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns und verbindet das mit einem Appell an die UNO um Unterstützung. Innenpolitisch will er Arbeiter- und Bauernräte schaffen, was an das jugoslawische Beispiel erinnert. Und Janos Kádár gründet die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (USAP), arbeitet weiter mit Nagy zusammen und geht am 4. November auf die sowjetische Seite über, die nun massiv nach Budapest zurückkehrt. Zwischendurch hat Kardinal József Mindszenty bei den Amerikanern Asyl gefunden und angeregt, er könne an die Spitze Ungarns treten. Nagy, dem die Zügel entglitten sind, findet in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht, die ihn nicht endgültig schützen kann und geht seinem Schicksal entgegen. Janos Kádár, zwei Jahre zuvor noch verfolgt und rehabilitiert, tritt an die Spitze. Am 11. November ist alles zu Ende und beginnt dennoch neu.

Keiner der beiden Protagonisten hatte "saubere Hände", war frei im Sinne des lateinischen Wortes "integer vitae scelerisque purus", also von Verbrechen. Skurriles Zusammentreffen der Geschichte: 1989, genau am Todestag von Kádár, wurde Nagy rehabilitiert.

So viel zunächst zum gewissermaßen lokalen Teil des Dramas. Eine nicht weniger skurrile Tagesidentität fand am 31. Oktober 1956 statt. Unter diesem Datum gibt es zwei Erklärungen des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower. In der einen begrüßt er die ungarische Erhebung. In der anderen verurteilt er Gewaltanwendung als Mittel internationaler Streitigkeiten. Gemeint waren Frankreich, England und Israel. Zur Vorgeschichte: Israel war gegen die Nationalisierung des Suez-Kanals durch Nasser vorgegangen - London und Paris hatten militärisch interveniert, in alter kolonialer Manier. Chruschtschow hatte sich an Eisenhower gewandt und unmissverständlich gewarnt, dass ein Konflikt im Nahen Osten zu einer weltweiten Katastrophe führen könnte. Für Stunden tauchte die Gefahr eines Weltkriegs mit atomaren Waffen auf. Dagegen erschien nun Ungarn wirklich fast als lokaler Zwischenfall. Dementsprechend forderten die USA fast ultimativ die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten von den beiden Verbündeten; und London und Paris folgten. Am 6. November war dort alles zu Ende, um später in anderer Form fortgesetzt zu werden.

Die frappierende Gleichzeitigkeit der Krise in Ungarn und am Suez-Kanal verschafft bedeutende Einsichten: Im Herrschaftsgebiet des Warschauer Paktes braucht Moskau keine Intervention des Westens zu befürchten, was sich 1968 in Prag bestätigt. Und Großbritannien und Frankreich waren zum letzten Mal souverän genug, um einen Krieg zu beginnen, aber nicht mehr stark genug, um ihn zu gewinnen oder zu eigenen Bedingungen zu beenden. Sie waren sichtbar zu Mittelmächten degradiert worden. Die Supermacht lässt sich auch durch ihre besten Freunde nicht in einen unerwünschten Konflikt verwickeln. Das Eigeninteresse dominiert. Die Großmacht Sowjetunion musste die Blockdisziplin sichern; sonst würde der Zerfall des Warschauer Paktes ausrechenbar.

Ungarn braucht sich nicht als Opfer der Suez-Krise zu sehen. Moskau hätte in jedem Fall den Aufstand erstickt. Es gab nur in den letzten fünf Tagen zwischen dem 6. und 11. November, als die Waffen in Ägypten und Ungarn schwiegen, kein Risiko mehr. Die ungarische Tragödie war nicht aufhaltbar - ihre erstaunlichen Langzeitfolgen, die sie dennoch hatte, waren unabsehbar.

Natürlich haben wir registriert, dass Tito im Sommer 1956 die Sowjetunion besuchte und dort gefeiert wurde. Natürlich erregte es Aufsehen, das Chruschtschow zur Erholung nach Jugoslawien reiste. Beide hatten offensichtlich ein persönliches Verhältnis mit politischen Auswirkungen gefunden. Im September unterstützte Tito die Neuordnung der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Volksdemokratien. Während des ungarischen Dramas nahm Jugoslawien ohne Belastung seines Verhältnisses zu Moskau bis zu 80 Personen in seiner Botschaft in Budapest auf.

Danach habe ich nicht einmal registriert, dass Kádár einige Errungenschaften der Revolution bewahren konnte, es ist mir auch nicht aufgefallen, dass bereits einen Monat später Tito und Gomulka ihre gemeinsame Auffassung öffentlich vertreten haben, dass es unzulässig sei, sich in die inneren Angelegenheiten der sozialistischen Staaten einzumischen. Man musste sich der Treue Gomulkas und Kádárs sehr sicher sein. Beide konnten nur unter diesen Bedingungen wirken. (…)
Viele Jahre später hatte ich meine erste Begegnung mit Kádár, da gab es schon die allgemeine Auffassung, dass wer im sozialistischen Lager leben müsse, in Ungarn am besten versorgt und am unbeschwertesten sei. Als erstes fielen mir die Finger Kádárs auf. Die Folterer hatten ihm während seiner Haft in den frühen fünfziger Jahren die Nägel ausgerissen.

Er ließ Georg Lukács, der zu den Wortführern des Aufstandes gehört hatte und Kulturminister in der Regierung Nagy´ gewesen war, leben und wirken. Der marxistische Philosoph konnte mit Hilfe seiner Freunde in der DDR den Einfluss seines Denkens gerade in den Jahren danach auf den Westen ausweiten.

Ich habe diesen Mann bewundert und seine Fähigkeit für die notwendige Gratwanderung seines Landes, trotz seiner Vergangenheit oder vielleicht gerade deshalb. Und ich habe seine Weisheit bewundert, die ihn die Doktrin formulieren ließ: "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich." Das haben wir in Bonn als Signal der Hoffnung gehört, auf Entspannung und Annäherung. Es war das Gegenteil des bekannten Prinzips der Polarisierung, das George Bush später wiederholt hat: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Ich habe dem damaligen außenpolitischen Sekretär der USAP versucht, nahe zu bringen, dass sein Land klein genug sei, um außenpolitische Bewegungsmöglichkeiten zu erproben, die größere Länder nicht haben. Der Sekretär wurde ein Freund, er hieß Gyula Horn. Als Außenminister hat er den Zaun zu Österreich zerschnitten. Das wirkte 1989 wie ein Durchmarsch.

(…)

Der Bundeskanzler Brandt war geprägt vom Aufstand am 17. Juni 1953, von Posen und Budapest 1956, dem Bau der Mauer 1961 und der Besetzung Prags 1968. Er konnte sehr wohl fürchten, ob die Polen 1980 noch einmal erfahren wollten, dass Hilfe aus dem Westen nicht kommen würde. Gewalt von außen und von unten war kein Weg zur Befreiung. Er fühlte sich bestärkt in seiner Entspannungspolitik.

Die gescheiterte Revolution hatte durchaus Langzeitwirkungen. Ob dafür die Tragödie Ungarns und ihre Opfer notwendig gewesen sind - das ist eine menschliche Frage, die von der Geschichte nicht gestellt wird.
 
 
 
27.10.06        die tageszeitung
Stefan Reinecke, Christian Semler
 
"Kluge Angst und ein dummes Grinsen"
Vor 50 Jahren revoltierten die Ungarn gegen die sowjetische Herrschaft. Heute versucht die Rechte, den Aufstand von 1956 für sich zu reklamieren. Doch die geschichtlichen Fakten sprechen eine andere Sprache, so György Dalos
 
taz: Herr Dalos, als vor ein paar Wochen das Lügenbekenntnis des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány publik wurde, stürmte eine Menge das Fernsehgebäude - so wie am 23. Oktober 1956 eine Menge vor dem Rundfunkgebäude demonstriert hatte und so den Aufstand auslöste. Das war ein historisches Remake …
 
György Dalos: … ja, das war eine Nachinszenierung. Politik in Ungarn ist sehr symbolisch.
 
Im Moment versucht die ungarische Rechte, den Aufstand von 1956 für sich zu reklamieren. Zu Recht?
 
Nicht nur Rechte, alle berufen sich in Ungarn auf 1956. Den Aufstand selbst kann man nicht klassisch rechts oder links nennen. Er war kurz, heftig und explosiv. An dem Aufstand nahmen alle möglichen politischen Kräfte teil - von Trotzkisten bis zu Faschisten, von der liberalen Mitte über Sozialdemokraten bis zu Religiösen. Entsprechend gab es jede Menge Parolen und Forderungen. Nur eine Forderung gab es 1956 nicht: die freie Marktwirtschaft.
 
Warum nicht?
 
Das Wort Kommunismus war ebenso verhasst wie das Wort Sowjet - aber Sozialismus oder Arbeiterrat keineswegs.
 
Gab es damals eine intellektuelle Führungsgruppe, die die Revolution antizipiert und geplant hat? Und die ein Programm hatte?
 
Antizipiert ja, geplant nein. Es gab damals etwas vage Vorstellungen von einem Sozialismus mit ungarischem Antlitz. Das war der verschwommene Versuch, die Idee eines Dritten Weges mit dem Nationalen zu verknüpfen. Entscheidend für die Dynamik des Aufstand 1956 war die Intervention des Sowjetunion. Am 24. Oktober rollten sowjetische Panzer in Budapest - und vereinten damit Kommunisten und Antikommunisten erst zu diesem Aufstand.
 
Es war also eine spontane, ungeplante Revolte?
 
Ja. Die Studenten zogen am 23. Oktober 1956 vor das Rundfunkgebäude, um ihre Solidarität mit der polnischen KP zu bekunden. Sie hatten noch nicht mal Megaphone dabei. Sie forderten vorsichtig "ungarisch-sowjetische Freundschaft auf Basis der Gleichrangigkeit". Dann kamen die Arbeiter aus den Außenbezirken hinzu - und schlossen sich der Demo an. Das hat den Charakter des Ganzen verändert. Nun wurde gefordert: "Wer Ungar ist, zieht mit uns." Das Nationale kam vor dem Sozialen. Die Studenten haben die Kontrolle über die Demo verloren. Ich erinnere mich daran, dass es sowieso kaum Kontrollen auf der Straße gab: keine Staatssicherheit, keine Polizei auf der Straße. Die Polizei war sowieso nicht ausgebildet für solche Einsätze. Sie hatte noch nicht mal Gummiknüppel. Die gab es erst später, unter Kadar. Sie hießen "komprimierter Marxismus", oder "Kadarwurst."
 
Hatten die Aufständischen ein gemeinsames Ziel und eine Kommandostruktur?
 
Nein. Sie kooperierten in praktischen Dingen wie Lebensmittelbeschaffung und Nachrichtenverbreitung. Aber vor allem waren sie Rivalen. Man darf auch nicht vergessen, dass der harte Kern der Aufständischen nur aus etwa 500 Leuten bestand. Und die haben es fertig gebracht, dass die sowjetischen Panzer in Budapest nicht mehr vom Fleck kamen. Sie haben die Sowjets in ein Dilemma gestürzt. Militärisch konnte Moskau nichts tun, politisch noch weniger. Deshalb hat sich die Sowjetunion damals zurückgezogen - bevor sie dann richtig einmarschiert ist.
 
Können Sie erklären, warum es ausgerechnet in Ungarn den ersten Aufstand gegen die sowjetische Imperialmacht gab?
 
Ein Grund war der sklavische Gehorsam der ungarischen KP-Führung gegenüber Moskau. Das war etwa in Polen anders. Es gab 1956 in Posen einen von der polnischen KP-Führung blutig niedergeschlagenen Aufstand mit 80 Toten. Was immer man über die polnische KP denkt - sie hat sich nicht hinter Moskau versteckt, so wie die ungarische. Sie hatte immerhin den Mut, ohne Moskau zu fragen, ihre gesamte Führung abzulösen. Dazu wären die ungarischen KP-Leute völlig unfähig gewesen. Die ungarische KP hat immer wieder Drohgebärden gegenüber Protesten gezeigt, war aber zu schwach, sie umzusetzen.
 
Der Aufstand hatte, trotz der disparaten Gruppen, ein politisches Ziel: den Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und ein von Moskau unabhängiges, souveränes Ungarn. Das hätte Moskau aber nie geduldet. Also war der Aufstand eine Illusion.
 
Ja. Die Tschechen wollten 1968 gar nicht aus dem Warschauer Pakt austreten, trotzdem gab es die Okkupation. Von heute aus betrachtet war die Neutralität 1956 eine Schnapsidee. Aber damals nicht. Die Ungarn hatten die Neutralitätserklärung Österreichs vor Augen. Damals war der Warschauer Pakt erst ein Jahr alt. Und sie wussten nicht, dass der Westen die Aufteilung der Welt akzeptiert hatte. Sie haben, anders als die Polen, die wussten, dass ihnen niemand von außen helfen wird, der Propaganda der USA vertraut. Genauer gesagt: Sie haben den Versprechungen von "Radio Free Europa" geglaubt, weil sie daran glauben wollten.
 
(…)
 
Nach der Niederschlagung gab es eine Terrorwelle gegen die Aufständischen mit hunderten von Todesurteilen. Gleichzeitig setzte 1956 im Ostblock die Entstalinisierung ein. Woher kam diese Brutalität, die nicht richtig in die Zeit passte?
 
Die herrschende Elite hat so den Schock bekämpft, dass sie für einen historischen Augenblick die Macht verloren hatte. Diese maßlose Rache geschah nicht nur auf Anweisung Moskaus. Die überzogene Vergeltung ist ein Merkmal der ungarischen Geschichte. Solchen Terror gab es auch nach dem niedergeschlagenen Bauernaufstand 1514, damals verübt vom ungarischen Adel, und 1849 von den Habsburgern. Dieser Terror diente nicht dazu, einen Aufstand zu bekämpfen - er kam danach. Er diente psychologisch dazu, die Angst der Elite vor dem Machtverlust zu verarbeiten.
 
Ungarn wurde danach zur fröhlichsten Baracke des Ostblocks - Realsozialismus mit kleinen Freiheiten. Warum?
 
Die politische Elite wusste nach 1956: Ohne sowjetische Panzer verlieren wir alles. Und das Volk wusste: Wir können das Regime stürzen - aber dann kommen die Sowjets. Diese doppelte Erfahrung hat nach 1956 die Zwangsgemeinschaft von Volk und Führung begründet - das ungarische Modell. Dieses Modell basierte auf zwei Elementen: der Angst und dem Grinsen. Auf kluger Angst und dummem Grinsen.
 
Und heute? Was ist davon 2006 in Ungarn noch präsent?
 
Die Angst. Man kann den Ungarn mit autoritären Gesten noch immer leicht Angst machen.
 
 
26.10.06        Neues Deutschland
Karl-Heinz Gräfe
 
Ein tragischer Held. Imre Nagy – vom Parteisoldaten zum Märtyrer
 
Aus der Fülle der Publikationen zum Ungarn-Aufstand 1956, die jetzt zum 50. Jahrestag erschienen sind, ist vor allem die politische Biografie über Imre Nagy zur Lektüre empfehlenswert. Sein Name war in den staatssozialistischen Gesellschaften über Jahrzehnte tabu. Erst 1989 wurde das Fehlurteil gegen den 1958 hingerichteten Reformkommunisten aufgehoben.
Nach einem Jahrzehnt intensiver Quellenarbeit beendete der ungarische Historiker Janos M. Rainer seine zweibändige Nagy-Biografie, deren Kurzfassung nun auch in polnischer und deutscher Sprache vorliegt.
Der 1896 in bescheidenen Verhältnissen in der Kleinstadt Kaposvar geborene Imre Nagy besuchte nach dem Abschluss einer Schlosserlehre die höhere Handelsschule, die er wegen des Einberufungsbefehls 1915 nicht beenden konnte. Seine Kriegsgefangenschaft in Russland führte ihn in die Partei Lenins. Als er 1921 in seine vom Horthy-Faschismus beherrschte Heimat zurückkehrte, fand er während seiner legalen und illegalen Tätigkeit für die KP Ungarns eine Antwort auf die Frage, wie man auch unter Repression Kommunist bleibt. Als Experte für Landwirtschaftsfragen erhielt er in der sowjetischen Emigration (seit 1930) am Moskauer Internationalen Agrarinstitut der Komintern und danach im Statistikamt eine Anstellung. Zeitweise war er dem sowjetischen Geheimdienst als »Wolodja« dienlich. Die Stalinsche »Säuberungswelle« erfasste aber auch ihn; zwischen 1936 und 1939 war er aus der Partei ausgeschlossen. Doch 1944 gaben Stalin, Dimitroff und der ungarische Parteichef Rákosi grünes Licht für Nagys Einsatz in der im befreiten Debrecen entstandenen Provisorischen Volksfrontregierung.
Als Landwirtschaftsminister nahm er entscheidend Anteil an der im März 1945 beginnenden demokratischen Bodenreform. Die ersten freien Wahlen seit der ungarischen Räterepublik im November 1945 brachten die bürgerliche Partei der Kleinen Landwirte an die Macht, die mit den linken Parteien koalierte. Sein neues Amt als Innenminister befriedigte ihn wenig; schon 1946 folgte ihm Lazslo Rajk. Nagy blieb weiter Agrarexperte im Politbüro, geriet aber mehr und mehr in Konflikt zum allmächtig gewordenen Rákosi. Als Verfechter eines nationalen und demokratischen Weges zum Sozialismus – Erkennntnis aus seinen wissenschaftlichen Studien und Lebenserfahrungen – lehnte Nagy dessen forcierte Kollektivierung seit 1948 nach sowjetischem Muster ab. So wurde er wegen »rechtsnationalistischer Abweichung« 1949 aus dem Politbüro entfernt. Gerade dieser Umstand brachte ihn in der Krise des ungarischen Stalinismus 1953 in das Amt des Premiers.
Mit anfänglicher Rückendeckung des sowjetischen Premiers Malenkow bewies sich Nagy nicht nur als Krisenmanager. Konsequent wie kein anderer Politiker Osteuropas begann er mit antistalinistischen Reformen, bis Chruschtschow ihn im April 1955 von der politischen Bühne verbannen ließ. Ungarn Stalinisten um Rákosi aberkannten ihm seine Professur und jagten ihn aus der Partei.
In der neuerlichen Krise 1956 war Nagy daher Hoffnungsträger. In den dreizehn Tagen seiner zweiten Regierungszeit versuchte er, sein antistalinistisches Reformprogramm mit den radikalen Forderungen des aufständischen Volkes in Einklang zu bringen. (…)
Nagy nahm an, dass Moskau – ähnlich wie eine Woche zuvor in Polen – einlenken werde. Doch Chruschtschow hatte bereits am 31. Oktober 1956 eine zweite Intervention entschieden. Nagy stand auf verlorenem Posten.
Nach der Hinrichtung wurde seine Leiche an unbekanntem Ort verscharrt. Nagy erlebte jedoch quasi eine »Wiederauferstehung« im erneut unruhigen Ungarn der Jahre 1988/89. Sein Vermächtnis von einem demokratischen Sozialismus erfüllte sich indes nicht. Nagys letzte Botschaft von 1958 wurde anlässlich der feierlichen, öffentlichen Beisetzung seiner sterblichen Überreste im Juni 1989 publik gemacht, zugleich wurde damals aber auch sein »ungarischer Sozialismus mit menschlichem Antlitz« zu Grabe getragen.
Die 1990 aus dem Systemwechsel hervorgegangene rechtskonservative Regierung in Budapest wollte weder den Tag des Ausbruchs der ungarischen Märzrevolution von 1848 noch den 23. Oktober 1956 zum Nationalfeiertag erheben. Zum offiziellen Gedenktag erklärt wurde der Tag des »Heiligen Stephan« (20. August), der der ungarischen Nation den »Weg ins christliche Abendland« gewiesen haben soll. Nagys Name und seine Verdienste wurden 1996 per Gesetz »verewigt«. 2002 stiftete die sozialistisch-liberale Koalition den Imre-Nagy-Orden. Heute gilt er den meisten Ungarn neben Kádár als herausragendste Persönlichkeit der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
 
Janos M. Rainer: Imre Nagy. Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstandes. Mit einem Geleit von György Konrad. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn/Wien/Zürich 2006. 282 S., geb., 29,90 EUR.
 
 
25.10.06        Der Tagesspiegel
Hermann Rudolph, Budapest
 
Land des Zorns. Böswilligkeit, Rachsucht – und dann rollte sogar ein Panzer: Wie Ungarns Nationalfeiertag außer Kontrolle geriet
 
Am Morgen war es ein milder, sonniger Herbsttag, ähnlich wie der 23. Oktober 1956 in den Geschichtsbüchern beschrieben ist. Am Abend enden die Erinnerungsfeiern an die fünfzigste Wiederkehr des Beginns der ungarischen Revolution in einer heftigen Auseinandersetzung, die eine chaotische Spur durch die Budapester Innenstadt zieht.
 
Zwischen Elisabethbrücke und den breiten Ringstraßen, dem klassischen Touristenterrain, spielen sich Szenen von Gewalt und Zerstörung ab. Bis nach Mitternacht transportieren die Programme der ungarischen Fernsehanstalten Bilder des Chaos: Demonstranten- pulks unter wehend geschwungenen Fahnen, die martialischen Reihen der Polizei mit Schildern und Helmen, darüber Schwaden von Tränengas, dazu das trockene Knallen der Gummigeschosse.
 
Ein Panzer taucht im diffusen Licht auf, wie entnommen aus dem Bilderfundus der Revolution, mit aufgemaltem ungarischen Staatswappen und jugendlichem Besatzer. Der T 34 gehört zu einer Ausstellung auf einem Platz mitten in der Stadt. Am Nachmittag tummeln sich dort noch Familien mit Kindern. Am Abend wird dann der Panzer von den Demonstranten entwendet: ein Raub, der dem Protest einen absurden Höhepunkt setzt.
 
Die Ausschreitungen werfen einen deprimierenden Schatten über die Gedenkfeiern, bei deren Vorbereitung Ungarn keine Mühe und keine Kosten gescheut hat. Auf 13,7 Millionen Euro beziffert die Regierung die Kosten. „Wege der Erinnerung“ sollten zu dem großen Ereignis zurückführen. Am „Haus des Terrors“ in der Andrassy-Straße, dem zu einem fulminanten Museum umgestalteten einstigen Sitz der Geheimdienste, bilden die Porträts von 230 hingerichteten Freiheitskämpfern eine bewegende Galerie. Und das Ufer der Donau ist auf zwei Kilometern Länge von einer Plakatinstallation in den Nationalfarben gesäumt, denen im nächtlich strahlenden Budapest das ebenfalls rot-weiß-grün beleuchtete Parlament antwortet.
 
Doch das Jubiläum, bei dem noch einmal die Zeitzeugen ihr Wort sagen konnten – und das in einer Flut von Interviews in Zeitungen und Filmen auch taten –, stand von Anfang an unter zwiespältigen Vorzeichen. Angelegt als Manifestation der Erinnerung an das zentrale Ereignis der jüngeren Geschichte offenbart es die tiefe Gespaltenheit des heutigen Ungarns. Das Land ging – wie eine Zeitung schrieb – in „bitterer Zwietracht“ in diesen 23. Oktober, an dem 1956 die Demonstrationen der Studenten den Aufstand ausgelöst hatten. Was in den Augen der anderen Nationen als epochales Ereignis gewürdigt wurde, geriet im Land selbst zur Demonstration von böswilligem Nichtverständnis und nachhaltiger Rachsucht.
 
Nicht einmal auf gemeinsame Feiern hatten sich die miteinander im Streit liegenden Parteien und Gruppierungen einigen können. Gleichsam im Zweistundentakt zelebrierten deshalb Regierung und Opposition ihr Gedenken, legten zu unterschiedlichen Zeiten ihre Kränze an den Denkmälern und Erinnerungsorten der Revolution nieder und nutzten im Übrigen den Tag, um das Ereignis nach allen Regeln des politischen Krieges zu instrumentalisieren.
 
In gewissem Sinne hat der Gedenktag ein Bild der Lage des Landes, auch seiner gegenwärtigen politischen Verfasstheit wiedergegeben. Die Regierung besetzte mit ihren Feiern das Parlament und den Kossuth-Platz davor. Nachdem sie bereits am Sonnabend die Dauerdemonstranten, die seit vier Wochen den Parlamentsplatz belagern, abgedrängt hatte – passenderweise hinter eine Wand mit 56er-Bildern – und ihn in der Nacht zum Montag gänzlich räumen ließ, blieb er den ganzen Gedenktag eisern abgesperrt. Hinter Gittern und Polizei wurde morgens die ungarische Flagge gehisst, begleitet vom Aufzug der Fahnen der anderen Länder. Hier wurden die Ehrengäste begrüßt – Staatsoberhäupter einschließlich Bundespräsident Horst Köhler, die bereits am Vorabend an einer ebenfalls strikt abgeschirmten Gala in der Oper teilgenommen hatten.
 
Die Opposition dagegen blies nicht im Regierungsviertel, sondern in der Innenstadt zum Sammeln, an einer Straßenkreuzung am Hotel Astoria. Die in Ungarn zahlreichen radikalen bis abstrusen rechten Splittergruppen von den Anhängern eines Großungarns bis zu den offenen Antisemiten – sie bringen es bei Wahlen kaum je über ein bis zwei Prozent – zogen quer durch die Stadt, über die Ringstraße bis zur Corvin-Passage, einem der Hauptgedenkorte der Revolution.
 
Von diesem anachronistischen Zug gingen offenbar am Nachmittag die ersten Gewalttätigkeiten aus. Nimmt man die Aggressivität dieser Versammlung, von ihren Rednern überdies in eine ideologische Hexensabbat-Stimmung gebracht, so ist es fast folgerichtig, dass sich dieses Gemisch von abwegigen Ansichten und unübersehbarer Handlungsentschlossenheit entlädt. Der neuralgische Punkt ist erreicht, als die Menge sich in Richtung Kossuth-Platz am Parlament wendet.
 
Das bringt die Polizei auf den Plan, die schon in den Nebenstraßen wartet. Gegen vier, halb fünf machen die ersten Nachrichten die Runde: Die Protestierer beginnen mit dem Bau von Barrikaden, auch von Molotow-Cocktails ist die Rede. Wasserwerfer, Tränengas und auch berittene Polizei sind die Antwort.
 
Am späteren Nachmittag scheint sich dann die Lage etwas zu beruhigen. Ist es der Auftritt des Oppositionsführers Viktor Orban, der die Stimmung abermals anheizt? Die Rede, die er hält, ist jedenfalls hoch emotionalisierend – sie spricht der Regierung die Legitimität ab, stellt Orban und seine Gefolgsleute als die Generation der 2006er in das Erbe der 1956er und fordert Referenden, um die Regierungspolitik zu untergraben. Nun erst beginnen die Auseinandersetzungen, die den Feierlichkeiten endgültig den schlimmen Abgang verschaffen. Gegen 22 Uhr greift auch Regierungschef Gyurcsány in einem Telefoninterview in die Vorgänge ein. Die gewalttätigen Demonstrationen an einem nationalen Feiertag seien ein Anlass zur Scham, die Proteste Vandalismus, der Eingriff der Polizei gerechtfertigt – „wir müssen die Demokratie verteidigen“.
 
Am Morgen danach beginnt in Ungarn eine heftige Debatte über die Gründe und Abgründe der Auseinandersetzungen. Denn schon Mitte September hatte es in Budapest Krawalle gegeben. Sie waren die Folge einer Rede des Ministerpräsidenten, in der er zugegeben hatte, die Wähler vor der Wahl im April belogen zu haben. Nach dieser „längsten und dunkelsten Nacht in Ungarn“, wie Gyurcsány sagte, hatte er die Erwartung ausgesprochen, es würde ruhiger werden. Diese Erwartung hat getrogen – nach den elf Stunden, die die Proteste am Montag andauerten, wurden über 100 Verletzte gezählt, neun davon schwer.
 
Allerdings: Selbst wenn man die Ausschreitungen aufs Konto von Vandalen bucht, ist schwer bestreitbar, dass die tiefe Gespaltenheit des Landes der Hintergrund ist, ohne die der Schatten dieser Vorfälle nicht über diesen Gedenktag gefallen wäre. Steht dahinter der Streit darum, wer der eigentliche Erbe der Revolution ist? Oder doch eher der Kampf um die Macht, den der frühere Ministerpräsident Viktor Orban und seine FIDESZ- Partei bis aufs Messer gegen Ferenc Gyurcsány und seine Sozialisten führt? Vermutlich ist es die Mischung von beiden.
 
Alle ehemaligen Länder des Ostblocks haben ihre Schwierigkeiten mit dem Verhältnis zu ihrer Vergangenheit und demokratischen Verhaltensweisen. Aber nur in Ungarn ist dieses Feld gedüngt mit so tiefen Verletzungen, dass es offenbar nicht zu vermeiden ist, die jeweiligen Gegner im Streit mit Positionen zu überziehen, die ihrerseits verletzend wirken.
 
Vielleicht muss man sich dann nicht wundern, wenn Auseinandersetzungen so eskalieren, dass sie mit realen Verletzungen enden.
 
 
25.10.2006                              Berliner Zeitung
Frank Herold
 
Eine ungarische Nacht
Die Budapester Feiern zum 50. Jahrestag des Aufstandes von 1956 zeigen eine gespaltene Gesellschaft
 
Ungarn findet nach der Lügenaffäre seines Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany keine Ruhe. Selbst der Nationalfeiertag, der 50. Jahrestag des Aufstandes von 1956, zeigte nicht den gemeinsamen Stolz auf dieses heroische Kapitel seiner Geschichte, sondern die aktuelle Zwietracht. Das Schlüsselereignis dieses verunglückten Feiertages waren aber, trotz mehr als 120 Verletzten und mehr als hundert Festnahmen, nicht die nächtlichen Aufwallungen und deren Auflösung. Auch vier Wochen nach seinem Beginn besitzt der Budapester Straßenprotest weder politische Struktur noch Führung. Die überwältigende Mehrheit nutzt einfach die Gelegenheit, sich lautstark Luft zu machen. Gyurcsany mag deshalb annehmen, der Höhepunkt des öffentlichen Unmuts gegen ihn sei nicht nur erreicht, sondern überschritten. Er könnte sich täuschen.
Der Moment, der den Kern des ungarischen Konflikts zeigte, lag am frühen Abend. Da wurde mit wenigen geladenen Gästen und unter größten Sicherheitsvorkehrungen das offizielle Denkmal für den Herbst 56 geweiht. Als sich Gyurcsany vor dem Monument niederkniete, versuchte die auf große Entfernung gehaltene Menge, die doppelte Gitterabsperrung zu durchbrechen. Hier wurde nicht einfach nur Wut deutlich, dem Premier schlug kaum zu bändigender Hass entgegen. Gyurcsany wiederum - auf einer Videoleinwand gut zu sehen - verharrte minutenlang in seiner Pose, als wollte er noch einmal allen demonstrieren, dass ihn die Massenproteste nicht beeindrucken. Sein Kniefall zeigte aus Sicht der Demonstranten nicht Demut, sondern eine unerschütterliche Arroganz der Macht. Dieser Premier ist nicht bereit, auf seine Gegner zuzugehen. Er wird deshalb die fatale Polarisierung der ungarischen Gesellschaft nicht überwinden.
Gyurcsany will auch gar nicht vermittelnd wirken. Er ist fest überzeugt, sein Land auf den einzig richtigen Weg zu führen. Darin haben ihn sowohl die EU, als auch internationale Finanzinstitutionen mehrfach bestärkt. (...) Gyurcsany ist durch eine Wahl demokratisch legitimiert. Er hat eine Mehrheit im Parlament, um die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Diese Mehrheit wird halten, so lange seine sozialistischen Parteifreunde und die Abgeordneten der kleineren Parteien, voran der liberale Koalitionspartner, Neuwahlen fürchten.
Die konservative Opposition wirkt hilflos in ihrem Versuch, die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Sie kann in Budapest Zehntausende für ihre Kundgebungen mobilisieren. Das aber reicht nicht für einen demokratischen Machtwechsel. Wie groß auch im übrigen Land die Unzufriedenheit ist, zeigten die Kommunalwahlen. Ein Referendum gegen die Regierung, wie Oppositionsführer Viktor Orban behauptet, waren sie aber weder verfassungsrechtlich noch politisch. Die überwältigende Mehrheit der Ungarn hatte sich entweder gar nicht beteiligt oder für Bürgerbündnisse von Parteilosen gestimmt. Auch Präsident Laszlo Solyom wird den Konflikt nicht auflösen können. Mehr als sein moralisches Gewicht kann er nicht in die Waagschale werfen. Das hat er bereits zu Gunsten der Opposition getan, ohne Effekt. Bleibt der Protest im Kern demokratisch, wird Gyurcsany wohl regieren, so lange er selbst den Unmut aushalten will oder bis zu den nächsten Wahlen.
 
 
25.10.06                                       Neues Deutschland
Gábor Kerényi, Budapest 
 
Die Gewalt der Erinnerung. In Ungarn wird heftig um den 50. Jahrestag des Aufstandes gerungen 
Die Gedenkveranstaltungen zu den Ereignissen von 1956 in Ungarn wurden von schweren Auseinandersetzungen begleitet.
 
Am 23. Oktober 1989, am Jahrestag des Beginns des Aufstandes von 1956, wurde die dritte ungarische Republik ausgerufen und der Tag zum Nationalfeiertag erklärt. Der symbolträchtige Akt bezeugte, dass über den heute offiziell so bezeichneten Freiheitskampf von 1956 als Sternstunde der ungarischen Geschichte und einendes Band der ungarischen Nation breites Einverständnis herrschte.
Die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Aufstandes am Montag standen unter im Schatten der seit Wochen anhaltenden politischen Hysterie. Die rechtspopulistische Fidesz als größte Oppositionspartei, die seit ihrem Machtverlust 2002 nach allen Wahlen von Betrug spricht, tut sich mit dem Spiel der Politik, zu dem auch das Verlieren gehört, schwer. Man wolle, so ein Sprecher, »keine gemeinsame Luft« mit Regierungschef Ferenc Gyurcsány schnappen. In einigen kleineren Städten wurden die Feiern dessen ungeachtet von den Parteien gemeinsam abgehalten.
Der staatliche Festakt, dem 56 hochrangige ausländische Delegationen beiwohnten, fand dagegen ohne die Fidesz, aber mit der anderen rechten Oppositionspartei und dem konservativen Staatspräsident László Solyom statt. Der Kossuth-Platz vor dem Budapester Parlament war hermetisch abgeriegelt. Fidesz-Führer Viktor Orbán hatte vor einer Woche unter Berufung auf die gespannte Sicherheitslage in einer Rede davon abgeraten, hochrangige Delegationen nach Budapest zu entsenden. Allerdings hat der Oppositionsführer nicht nur auf weltpolitischem Parkett, sondern auch auf den Straßen der ungarischen Hauptstadt nicht alle Fäden in der Hand. Seit Ministerpräsident Gyurcsány Anfang Oktober durch eine parlamentarische Vertrauensabstimmung in seinem Amt bestätigt wurde, demonstrierten die Unzufriedenen, mit tatkräftiger Unterstützung der Fidesz, täglich auf dem Kossuth-Platz.
In den Tagen vor dem Festakt führten Verhandlungen mit den Demonstranten zu einer Vereinbarung, die diesen erlaubte, die staatlichen Festivitäten auf einer abgetrennten Ecke des Platzes zu überdauern. Dennoch wurde das Zeltlager der Demonstranten am Montagmorgen von der Polizei geräumt. Zuvor waren die Ordnungskräfte bei der Durchsuchung des Demonstranten-Lagers behindert worden und hatten, wie es offiziell hieß, die öffentliche Sicherheit bedrohende Gegenstände gefunden. Die Räumung stellte den unmittelbaren Anlass für die erneuten gewalttätigen Auseinandersetzungen auf den Straßen dar, die bis Dienstag anhielten.
In Sprechchören wurde den Ordnungskräften zudem immer wieder die Parole »ÁVH ÁVH« entgegengeschleudert, was im Ungarischen so viel wie im Deutschen »Stasi, Stasi« heißt. Den politischen Gegner mit dem System der Jahrzehnte vor 1989 zu identifizieren, stellt seit der Geburt des bürgerlich-demokratischen Ungarn 1989/1990 eine beliebte Waffe im Arsenal konservativer Politik dar. Unter Berufung auf 1956 wird jeder Form der sozialistischen Tradition und auch jedwedem liberalen Gedankengut die Existenzberechtigung in der neuen Republik abgesprochen. Noch im Sommer 1989 hatte es der ungarischen Öffentlichkeit als nahezu unfassbare politische Heldentat gegolten, dass der heutige rechtspopulistische Führer Orbán in seiner großen Rede bei der würdevollen »Wiederbeerdigung« von Imre Nagy öffentlich den Abzug der sowjetischen Truppen gefordert hatte. Nagy hatte sich im ungarischen Herbst 1956 als Ministerpräsident auf »die Seite der Reform« gestellt. 1958 war er hingerichtet und an einem über Jahrzehnte hinweg unbekannten Ort verscharrt.
Schon bei der feierlichen Eröffnungssitzung des ersten frei gewählten Parlamentes 1990 mussten die Abgeordneten der damals in der Opposition befindlichen sozialistischen und liberalen Parteien jedoch feststellen, dass jede Bezugnahme auf die durch Nagy verkörperte Tradition aus der offiziellen Bewertung des Geschehens von 1956 getilgt worden war. Spätestens seit diesem Moment ist 1956 in der ungarischen Erinnerungskultur zu einem offiziellen Zankapfel geworden. (...)
Die Fidesz als Oppositionspartei verweigerte von Anfang an und Jahr für Jahr die Teilnahme an den Staatsfeierlichkeiten unter sozialistisch-liberaler Ägide. Dass die Partei zu den 50-Jahr-Feiern am Montag dieser Woche eine oppositionelle Großkundgebung abhielt, hat also eine lange Tradition.
Was die Demonstranten und die Fidesz dennoch eint, ist Hass auf das Regierungslager. Im beschaulichen südungarischen Kaposvár etwa versammelten sich am Sonntag die Getreuen auf dem Hauptplatz um die Statue von Ferenc Kossuth. Verlesen und ausgebuht wurden die Namen der sozialistischen Parlamentsabgeordneten, bei den bekannteren skandierte man lautstark »Schwein« oder »Ratte«. Jene größere Minderheit der gar nicht so gespaltenen ungarischen Gesellschaft, die heute im Regierungs- und Oppositionslager sowie auf der Straße aktiv Politik betreibt, ist sich ebenfalls in einem einig: Ein Umbau der Gesellschaft in Richtung Umverteilung, Selbstbestimmung und Solidarität steht weder für die Systemwechsler verschiedenster Couleur im Parlament, noch für die protestierende Straße auf der Tagesordnung.
 
 

24.10.06                    Die Welt

Zsuzsa Bank

 

 

Da bebt etwas nach. Was der Aufstand in Ungarn von 1956 für die Nachgeborenen bedeute, beschreibt die Schriftstellerin Zsuzsa Bank: "Meine Eltern rissen rote Sowjetsterne ab, kletterten auf Panzer und forderten Freiheiten. Dann flüchteten sie in großer Angst ohne Koffer über eine Grenze."

 

 

In diesen Tagen und Wochen werde ich immer wieder nach dem Ungarnaufstand 1956 gefragt. Was er mir bedeutet. Was er für mich ist. In Radio-Sendungen, in Zeitungs-Interviews, nach meinen Lesungen. Ich antworte immer etwas beschämt, als nähme ich ein Thema, das mir nicht gehört, für mich in Anspruch, als gäbe ich vor, etwas anderes zu sein, als ich bin. Immer etwas ängstlich, zaghaft, als könnte mich jemand, der es weiß, enttarnen, aufspringen und schreien: Sie lügt! Was hat sie mit 1956 zu tun?!
Natürlich ist es nicht mein 1956. Es ist das meiner Eltern. Ich habe es mir nur genommen. Ich habe es benutzt für einen Roman, in dem diese vier Zahlen auf keiner Seite geschrieben stehen, über den aber erstaunlich viele Leute sagen, er handele von 1956. Ich beeile mich zu sagen, ich bin Jahrgang 1965, und viele Kilometer weiter westlich, hinter einem dicken eisernen Vorhang, zur Welt gekommen. Als in Ungarn Panzer rollten, gab es mich nicht einmal als Gedanken.

Geboren wurde ich als Staatenlose, in eine Familie Staatenloser. Es war etwas, das meine Eltern verschwiegen, vielleicht auch vergessen, einfach nie erwähnt hatten, weil es ihnen unwichtig, unsinnig erschien, das mich aber später, als ich davon erfuhr, zutiefst verunsicherte. Das waren also wir, meine Eltern, mein Bruder und ich: Vier Menschen ohne Zuhause, ohne Heimat. In Besitz eines grauen Behördenfaltpapiers, auf dem kein Staat eingetragen war. Wo wir doch ein Zuhause hatten: Eine kleine Wohnung, im Westen Frankfurts, mit Schlangen vor dem Bad, wenn sich dort in den Wintermonaten die Verwandtschaft drängelte, die Großeltern, die Tanten, die zähe Monate lang auf eine Besuchserlaubnis gewartet hatten.

Ob 1956 meine Familie traumatisiert habe, werde ich immer wieder gefragt. Erst sage ich, nein, wie kann es das, und dann sage ich, ja, sicher bebt da etwas nach, zittert da immer noch etwas, vielleicht sogar noch durch mein Leben, viele Jahre später. Aber was kann 1956 für mich sein? Was könnte Ungarn für mich sein? Meine Eltern sind dort geboren und aufgewachsen, fest verwoben in ihr Koordinatensystem aus Petöfi Sándor, József Attila, Mutter, Vater, Édesanya, Édesapa, Bartók Béla, einem großen See und vielen staubigen Straßen, Tanzstunden und erster Liebe, erster Arbeit, erstem politischen Wollen und Wünschen. Plötzlich herausgerissen, blutjung in den Aufstand verwickelt und geflohen, in der Hoffnung, schnell zurückkehren zu können, um dann langsam zu begreifen, es geht nicht. Nicht jetzt. Nie mehr. Aber was ist es für mich, wenn es Heimat nicht sein kann, nie sein konnte? Nicht mehr als ein Bild in starken Farben, durchwirkt von einer sonderbaren Sprache, getragen durch viele heiße Sommer, die ich als Kind dort verbrachte?

Dass auf Ungarn und seinen Aufstand die ganze Welt geblickt hatte, wusste ich spätestens, als 1956 weg von unserem Küchentisch hinein in mein Klassenzimmer gelangt war. Ich war irritiert zu hören, dass meine Eltern bereits Teil der Geschichte waren, über die ich zu debattieren hatte, und dass sie zwischen zwei Buchdeckeln standen. Sie skandierten, trugen Transparente, forderten Freiheiten, rissen rote Sowjetsterne ab, kletterten auf Panzer, um dann, an einem kalten Novembertag in großer Angst auf einen Zug zu springen und ohne Koffer, ohne Tasche, über eine Grenze zu fliehen. Ich hätte etwas sagen können wie, da geht es um uns, das sind wir, aber ich hatte nur eine Frage, die in mir hämmerte und nagte und auf die ich keine Antwort fand: Warum hörte niemand auf den Hilferuf, den das ungarische Radio an die Vereinten Nationen, in die Welt geschickt hatte?

Die Geschichte meiner Eltern kannte ich, jede Winzigkeit, jede Nebensächlichkeit. Was sie mir nicht erzählt hatten, hatte ich mir selber erzählt, ausgedacht und zurechtgereimt, erträumt und verankert, irgendwo in meinem Kopf. Und doch gab es Rätsel. Der Schmerz war ein großes Rätsel. Er zeigte sich bei jedem Abschied, an jeder Straße, an jedem Gartenzaun, an dem wir standen, wenn unser ungarischer Sommer ausklang, wenn wir die Tanten umarmten, die Großeltern küssten, mit den Vettern ein letztes Mal über einen Graben sprangen. Mein Vater fuhr unseren Wagen sehr langsam. Die Räder rollten kaum. Wir schwebten lautlos, ohne ein Wort, über eine schmale Straße, hielten die Arme aus den Fenstern, winkten, schauten in den Rückspiegel, drehten uns um, warfen Kusshände. Am Ende der Straße, neben der theresiengelben Kirche, hielt mein Vater den Wagen an und setzte den Warnblinker. Es dauerte, bis es ihm gelang, auf die größere Straße zu fahren, die uns wegbrachte, zurück in Richtung Westen führte, über eine Grenze, an der wir jetzt schon unsere neuen Pässe zeigen konnten, Staatsbürgerschaft: deutsch.

Wir waren wie alle deutschen Kinder. Wir waren wie alle deutschen Jugendlichen. Wir hatten gelernt, auf unserem hessischen Gymnasium, Deutschland zu hassen und die USA zu verachten. Und doch waren wir anders als alle deutschen Kinder. Wir wussten, dass wir nur uns haben, nur uns vier im Jetzt. Dass es in Deutschland für uns kein Davor gab, keine Wurzeln, keine Erinnerung. Nur ein Jetzt und ein Später. Keiner unserer Freunde konnte seinen Eltern ein solches Geschenk machen: Wir verzichteten auf alle Weihnachtsgaben und spendeten an das Friedland-Lager. Das Lager, das man später Tor zur Freiheit nannte, das unsere Eltern nach ihrer Flucht aufgenommen hatte und in dem sie nach großer Unruhe ein verlorenes Gefühl wieder entdeckten: das der Sicherheit. (…)

Aber jetzt, in diesen Tagen, da sich der Aufstand zum fünfzigsten Mal jährt, sitze ich vor dem Fernseher, ängstlich vor der Flut aus Bildern, die auf die Bildschirme finden. Immer noch habe ich Angst davor, in einer Menschenmenge meinen Vater, meine Mutter zu entdecken, ihre jungen Gesichter zu sehen, die Hoffnung, die Erwartung darin. Ich warte auf diese Stimme, diesen Hilferuf, den man hören wird, jetzt wieder und wieder, und der in mir nachklingt, dieser Ruf ohne Echo, den ich gespeichert habe, als ich ihn zum ersten Mal hörte, Tipis ins Hungary calling, the last remaining station.
Im November werde ich in Mattersburg im Burgenland aus meinem Roman lesen – fünfzig Jahre nach 1956. Gleichzeitig wird dort eine Foto-Ausstellung eröffnet: Gesichter in Schwarz-Weiß, in einer Novemberlandschaft, Menschen, denen nach dem Aufstand die Flucht aus Ungarn über diese Grenze gelang. Meine Eltern könnten auf einem dieser Bilder zu sehen sein. Jemand, den sie kannten, der mit ihnen stritt, eingesperrt wurde, mit ihnen in einen Zug drängte, über Felder lief, sich neben sie auf den kalten Boden warf, wenn Scheinwerfer die Felder absuchten. Leichtfertig, etwas zu schnell habe ich zugesagt. Was sich an diesem Abend in mir zutragen wird – ich ahne es. Vielleicht gelingt es mir aber auch, eine Geschichte einfach zu Ende zu erzählen.

 
 
24.10.06                   Frankfurter Rundschau
Thorsten Herdickerhoff
 
Gedenken spaltet Ungarn. Rechte und Linke sehen den Volksaufstand von 1956 völlig unterschiedlich
 
Die Nationalfarben Rot, Weiß und Grün bestimmen das Bild von Budapest zum Jubiläum des Aufstands vor 50 Jahren. Nachts erstrahlt sogar das Parlament in den Landesfarben - aber nicht alle meinen dasselbe mit der Trikolore.
 
Am Montag zogen tausende Regierungsgegner mit der Nationalflagge in den Händen durch die Straßen. Sie protestierten gegen Premier Ferenc Gyurcsany, in dem sie einen Lügner sehen und einen Nachfolger des kommunistischen Regimes, das 1956 stärker war als die Aufständischen. Die Oppositionspartei Fidesz ist derselben Meinung, veranstaltete aber ihre eigene Gedenkfeier. Auch die Frage nach einer Gedenkstätte für den Aufstand hat die Gemüter gespalten, und so wurden am Montag zwei Denkmäler eingeweiht: eines von der Regierung, eins von Widerstandskämpfern.
 
Einigkeit ist ein Fremdwort in Ungarn; selbst der Aufstand von 1956 kann nicht gemeinsam gewürdigt werden. Gemessen an dem Ereignis ist das ungewöhnlich - hatten bei dem blutig niedergeschlagenen Aufstand doch viele Gesellschaftsgruppen zusammen gestanden. Gemessen an der politischen Gegenwart verwundert es weniger.
 
Opposition ist jedes Mittel recht
 
Eigentlich hatten sich alle politischen Parteien darauf geeinigt, die Feiern nicht für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Seitdem aber vor vier Wochen die Tonaufnahme von Gyurcsanys Eingeständnis veröffentlicht wurde, die Wähler im Frühjahr belogen zu haben, scheint Fidesz-Chef Viktor Orban jeder Moment recht zu sein, die Regierung zu bekämpfen.
 
Das Datum spaltet die Gesellschaft ziemlich genau entlang des tiefen Grabens zwischen links und rechts. Die Rechten sehen in dem Aufstand eine bürgerliche Revolution gegen das kommunistische Regime, dessen Nachfolger die regierende Sozialistische Partei MSZP sei. Und diese verrate nun die Revolution vom 1956. Der Vorsitzende des Instituts für 1956, Peter Kende, meint dazu: "Man kann sehr viel über die Revolution sagen, aber nicht, dass es eine bürgerliche war."
 
Die Linken betonen umgekehrt den starken reformkommunistischen Impuls der Oktobertage 1956 und wenden sich gegen den Missbrauch des Datums durch Nationalisten und Rechtsextreme. Diesen Missbrauch sieht auch Kende, doch er betont die vielen Strömungen des Aufstands. Wenn er Erfolg gehabt hätte, "wäre Ungarn vielleicht ein schwarz-rotes Land wie Österreich geworden".
 
Der Streit um die Deutung von 1956 ist eine weitere Schlacht im Kampf um die Geschichte, der Ungarn so tief spaltet. Zwei Phasen sind noch nicht aufgearbeitet: das kommunistische Regime vor 1989 und das halb-autoritäre, zuletzt faschistische Regime vor 1945. (...)
Eine Annäherung ist daher derzeit nicht in Sicht - weder zwischen den Lagern noch zwischen den Geschichtsbildern.
 
 
24.10.06               Der Tagesspiegel
rtr/ dpa/ AFP
 
Straßenschlachten zum Jubiläum
50. Jahrestag des Ungarnaufstandes: Im Parlament wird gefeiert - davor gegen die Regierung protestiert
 
Bei den Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des Ungarnaufstandes gegen den sowjetischen Einfluss haben sich etwa tausend Demonstranten am Montag in Budapest Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Die Sicherheitskräfte versuchten, die Protestierenden vom Parlamentsgebäude fernzuhalten, wo die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag geplant waren. Daran nahmen die gesamte Staats- und Regierungsspitze und Gäste aus mehr als 50 Ländern teil, darunter auch Bundespräsident Horst Köhler.
Wie schon in den vergangenen Wo­chen richteten sich die Proteste gegen die sozialistische Regierung, die unlängst zugab, sie habe die Wähler vor der Wahl belogen. Schon bevor dies bekannt wurde, hatten Kritiker bemängelt, die Sozialisten seien als direkte Nachfolger der Kommunisten nicht geeignet, die Ge­denkfeiern abzuhalten. Die Polizei ging nach Augenzeugenberichten mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor. Im Parlament selbst sprach zur selben Zeit Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany.
Gyurcsany sagte, dass die Menschen 1956 keine andere Wahl gehabt hätten, als zu rebellieren. Heute aber sei Ungarn ein demokratischer Staat. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hob die Bedeutung des Freiheitskampfes vor 50 Jahren für die europäische Einigung hervor. Das Erbe von 1956 habe die „friedliche' Transformation Ungarns und seine Demokratie" bewirkt. Ungarn ist seit Mai 2004 EU-Mitglied.
Der rechtsnationale Oppositionsführer Viktor Orban, dessen Partei FIDESZ
die offiziellen Feiern boykottierte, versammelte am Montag etwa 100 000 Anhänger zu einer eigenen Kundgebung gegen den Premier. Seit einem Monat versuchen die rechte Opposition und großteils rechtsradikale Regierungsgegner, Gyurcsany mit Straßenprotesten zum Rücktritt zu zwingen. Auslöser war die Veröffentlichung einer internen Rede des Regierungschefs, in der er darauf hinwies, dass man die Parlamentswahlen im Frühjahr auch unter Verschleierung der wahren Haushaltszahlen gewonnen habe.
Der ungarische Volksaufstand hatte am 23. Oktober 1956 als friedliche Großdemonstration von Studenten begonnen, die mehr Demokratie und ein Ende des Stalinismus forderten. Abends fielen vor dem Budapester Funkhaus die ersten Schüsse. Bis Anfang November, kamen bei dem Aufstand weit über 2000 Ungarn ums Leben. Die Sowjets, die nach anfänglichem Zögern mit Gewalt reagierten, gaben ihre Verluste mit rund 700 Mann an. Etwa 180 000 Ungarn flüchteten, 230 wurden hingerichtet, mehr als 20 000 kamen ins Gefängnis. Später lockerte der von den Sowjets eingesetzte KP-Chef Janos Kadar die Verfolgung und etablierte das bis zu seiner Absetzung 1988 relativ freizügigste Regime im sowjetischen Machtbereich.
 
 
 
24.10.06                   die tageszeitung
Ralf Leonhard
 
Zerrbilder der Vergangenheit. Das Gedenken an den Aufstand von 1956 entzweit heute die Ungarn
 
Wem gehört der Ungarn-Aufstand von 1956? Zu den gestrigen Jubiläumsfeierlichkeiten entzweite diese Frage einmal mehr die ungarische Gesellschaft. Während Staatspräsident László Sólyom und Premier Ferenc Gyurcsány mit Staatsgästen in der Oper und am Heldenplatz der Ereignisse vor 50 Jahren und der 2.600 Opfer der Revolte gedachten, versuchte Oppositionsführer Viktor Orbán, seine Protestbewegung gegen die Regierung zur Neuauflage der 56er Revolution erklären.
 
Schon der Sturm rechtsradikaler Hooligans auf das Rundfunkgebäude vor fünf Wochen knüpfte an ähnliche Szenen vor einem halben Jahrhundert an. Die versuchte Demontage eines Denkmals für "Gefallene der Roten Armee" geriet zur pathetischen Parodie der Demontage des Stalin-Denkmals im Jahre 1956. Doch die Menschen - mehrheitlich Anhänger der rechten Parteien -, die Nacht für Nacht auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament demonstrieren, betrachten sich als legitime Nachfolger der Aufständischen gegen den Kommunismus. Und für Orbán, der sich inzwischen an die Spitze der Protestbewegung gestellt hat, geht es nicht mehr allein um den Rücktritt von Premier Gyurcsány, sondern um die Auflösung der sozialdemokratischen MSZP als Nachfolgepartei der alten KP. Veteranen von 1956 ließen sich in diese Inszenierung einspannen: Hier die Erben der tapferen Revolutionäre - dort mit Regierung und MSZP die Nachfolger der Schergen, die die Aufständischen an den Galgen brachten.
 
Leute wie Paul Lendvai dagegen, der damals als junger Journalist in den Westen flüchtete und heute in Wien lebt, betrachten jeden Vergleich der heutigen Situation mit damals als geradezu blasphemisch. Denn ohne die kommunistischen Reformer und Intellektuellen, die 1956 den Zusammenbruch der Staatspartei beschleunigt hatten, wäre der Aufstand viel schneller gescheitert. Arbeiter, Lehrlinge Studenten, Angehörige aller Gesellschaftsschichten machten mit und leisteten zum Teil noch nach der Invasion heroischen Widerstand. Diese Erinnerung sollte vereinen, statt zu trennen.
 
Dass dem nicht so ist, zeigt nur, wie wenig die Vergangenheit in Ungarn aufgearbeitet wurde und wie weit der Weg dazu noch ist.
 
 
23.10.06               Der Tagesspiegel
Ralf Hanselle
 
Die Fotografie braucht das Drama. Der Ungarn-Aufstand vor 50 Jahren war ein Großereignis der Bildreportage. Erich Lessing war dabei.
 
Herr Lessing, Sie sind ein Magnum-Fotograf der ersten Generation. Nach 1945 haben Sie Bilder aus dem zerstörten Europa aufgenommen, eine legendäre Serie über den österreichischen Staatsvertrag gemacht und 1956 die vermutlich bekannteste Bildreportage vom ungarischen Volksaufstand angefertigt. Warum haben diese eindringlichen Dokumente von Hoffnung, Zerstörung und Widerstand die Welt nicht ein Stück menschlicher gemacht?

Nun, das ist natürlich vereinfachend. Aber meine Generation war vielleicht tatsächlich ein wenig in der Illusion gefangen, Mitspieler im großen Weltgeschehen zu sein. Wir haben geglaubt, dass die Reportage im Zweiten Weltkrieg etwas bewirkt hätte.

Hat sie das nicht?

Zum Teil. Da war das Bild von Joe Rosenthal von Iwo Jima, das amerikanische Soldaten beim Hissen der Stars and Stripes zeigte. Dieses Foto war sicherlich sehr wichtig für die Art, diesen Krieg zu sehen. Aber auch die Bilder von Bergen-Belsen und der Befreiung des Lagers durch die Engländer haben großen Eindruck hinterlassen – bis heute.

Sie fingen erst nach dem Krieg zu fotografieren an. Fehlte es Ihnen an visuellen Ereignissen?

Genau. In den ersten Jahren des Kalten Krieges ist eigentlich nichts geschehen. Und Fotografie lebt vom Drama. Die meisten Ereignisse spielten sich auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene ab. Da war Budapest 1956 das erste große Ereignis, das bildlich auch wieder zu transportieren war.

(…)
 
Sie waren damals schon Wochen vor dem Aufstand in Ungarn. Wie haben Sie das vorrevolutionäre Budapest erlebt?

Ich habe damals gemerkt, dass die Fotografie ohne den Text ein extrem schwaches Medium ist. Oberflächlich betrachtet, glich das tägliche Leben in Budapest einer nicht sehr reichen, aber auch nicht verarmten Stadt. In den Kaffeehäusern der Donau gab es Five-o-Clock-Tea. Das, was an Unfreiheit und fehlender politischer Partizipation vorhanden war, das sah man nicht, sondern konnte allenfalls in Texten beschrieben werden. Unter der Oberfläche brodelte es.

Am Abend des 23. Oktober stürzen Demonstranten plötzlich das Stalin-Monument im Stadtpark.

Ein sonderbares Phänomen. Ein kluger Kopf hat einmal behauptet, dass es ein Unglück für den Kommunismus gewesen sei, in Russland ausgebrochen zu sein – in einer Gesellschaft, in der Symbole vermutlich wichtiger sind als Realität.

Diese Symbole tauchen auf vielen Ihrer Bilder auf. Sie zeigen Liebespaare vor Stalin- Monumenten in Warschau und Budapest. Der stalinistische Heroismus schien vollkommen entmenschlicht.

Ja. So gesehen war es sicherlich konsequent, dass zunächst die Symbole der Unterdrückung gestürzt wurden. Aber es hatte etwas Groteskes: Noch bevor es darum ging, die Macht zu festigen, machte man sich daran, die Symbole zu lockern. Das Absurdeste, was ich damals erlebte, war ein Schildermaler. Mitten in den Schießereien ging der ganz seelenruhig umher, klappte seinen Malkasten auf und pinselte auf jedes eroberte Geschütz das Kossuth-Wappen.

....das Zeichen der ungarischen Revolution von 1848.

So was ist nur mit der Macht der Symbole zu erklären.

Zwei Jahre vor Ihrer Reportagereise nach Ungarn ist ihr Kollege Robert Capa bei einem Bericht über den Indochinakrieg ums Leben gekommen. Einen Monat nach Budapest starb David Seymour während einer Reportage über die Suezkrise. Haben Sie nie Angst empfunden – insbesondere, als die Sowjets Anfang November zurück in die Stadt kamen?

Wenn Sie arbeiten, bleibt keine Zeit, Angst zu haben. Da gab es diese skurrile Geschichte: Ich fahre zusammen mit einem Kollegen durch Budapest. Er sitzt neben mir, und ich chauffiere. Plötzlich geraten wir in einen Straßenkampf hinein. Als ich auf eine Hauptstraße biege, kommt uns ein Panzer entgegen. Voller Schrecken biege ich also in die nächste Seitenstraße ein, und da ruft dieser Kollege plötzlich aufgeregt: „Nein, nicht! Das ist eine Einbahnstraße!“ Verstehen Sie? Es gelten plötzlich andere Regeln. Der Kollege mochte es mir verübeln, aber ich bin dann trotzdem in die Einbahnstraße gefahren.

Wussten Sie, an wen Sie sich in diesem Durcheinander halten konnten?

Da gabe es die verschiedensten Gruppierungen. Eine sehr rechte um Gergely Pongrátz. In der Kilián-Kaserne saßen die Stalinisten unter Oberst Pál Maléter. Dann formierten sich die Reformkommunisten um Imre Nagy. Etwas außerhalb der Innenstadt hatten sich Konservative versammelt, die an der Gründung einer katholischen Partei arbeiteten. Selbst das Militär agierte nicht einheitlich. Es war ein Chaos. Das war ja auch mit ein Grund dafür, dass das so schnell zusammenbrach. Es gab zu viele Revolutionen.

Wie kommt man in einer solchen Situation an Informationen?

Das läuft per Zuruf. Die meisten Journalisten waren im Duna-Hotel untergebracht. Und da kam dann immer mal wieder einer rein und sagte: „Kommt alle geschwind, in der Innenstadt wird geschossen!“ Na, da haben halt alle das Essen stehenlassen. Am nächsten Tag kam ein anderer – übrigens interessanterweise immer zur Mittagszeit – und sagte: „Kardinal Mindszenty ist aus der Haft entlassen worden.“ Also sind wieder alle aufgesprungen.

Die Bilder, die Sie dann von diesen Ereignissen im Westen veröffentlichen konnten, gelten bis heute als klassische Dokumente des Magnum-Stils. Was macht den ungebrochenen Ruhm dieser Fotoagentur aus?

Magnum war ein Vorreiter in vielerlei Hinsicht: im Kampf für die Unabhängigkeit der Fotografie, im ästhetischen Ausdruck und in der Qualität. Wichtig war, dass Henri Cartier-Bresson, Capa oder Ernst Haas sich stilistisch vollkommen unterschiedlich verhielten. Heute sind diese Bildsprachen vermutlich nicht mehr entwicklungsfähig – schon weil die großen Magazine nicht mehr da sind. Mit dem Tod Henris kann man vom Abschluss einer klassischen Generation sprechen. Wir leben am Ende einer Periode.

Das Gespräch führte Ralf Hanselle. Das Willy-Brandt-Haus zeigt bis 14. Januar Lessings Ungarn-Bilder, die zudem gerade im Wiener Brandstätter Verlag unter dem Titel „Budapest 1956 – Die ungarische Revolution“ erschienen sind.

Erich Lessing, 1923 in Wien geboren, floh mit 15 nach Palästina. Nach dem Krieg begann er in Österreich eine Karriere als Fotoreporter („Life“, „Quick“). Seit 1951 ist er bei Magnum.
 
 
23.10.06        Das Parlament
Johannes L. Kuppe
 
Das System in der Krise. Die DDR im Jahr 1956
 
Martin Heidegger soll einmal gesagt haben, Krisen sind die "Abmahnungen des Seins". Wenn dem so ist, dann hat die realsozialistische Wirklichkeit im Krisenjahr 1956 die in Osteuropa und der Sowjetunion herrschenden Stalinisten kräftig abgemahnt. Wir wissen zwar heute ziemlich genau über die internationalen Rahmenbedingungen des Jahres 1956 - unter anderem der 20. Parteitag der KPdSU mit der Chruschtschow-Rede über Stalins Verbrechen, die Suez-Krise, die Oktoberumwälzung in Polen und die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands - Bescheid, jedoch bedarf der diese Ereignisse reflektierende innergesellschaftliche Diskurs etwa in der DDR noch der stärker differenzierenden Analyse. Hier muss noch manches Schwarz-Weiß-Bild durch Grautöne aufgelockert werden.
 
(…)
 
Im ersten Sachkapitel fasst der Autor zusammen, was in den wenigen Reformmonaten nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 auf allen gesellschaftlichen Gebieten in akademischen und künstlerischen "Kreisen", "Zirkeln", "Gesprächsrunden" und sonstigen eher privaten Debattierclubs so diskutiert wurde. Dabei fällt hier und auch später dem nicht vorinformierten Leser die Einschätzung der politischen Bedeutung dieser "Kreise" und damit ihrer Programme und Ideen schwer, weil Prokop dazu leider keinerlei Aussagen macht.
 
"Kreis der Gleichgesinnten"
 
In zwei weiteren Kapiteln geht der Autor dann am Beispiel des "Kreises der Gleichgesinnten" (Wolfgang Harich, Walter Janka, Gustav Just, Günter Schubert, Heinz Zöger) und der damaligen Debatten im "Kulturbund der DDR" ins Detail und zeichnet, teilweise in chronologischer Tagebuchform, die Begegnungen, Pro-grammdebatten und Kontakte auch zu einflussreichen, aber am Rande bleibenden Figuren - zum Beispiel Berthold Brecht - nach. Das alles kann hier nicht wiedergegeben werden. Manches ist richtig spannend.
 
Bekannt ist, welchen Einfluss der große, von den Stalinisten verfemte Georg Lukács ("Geschichte und Klassenbewußtsein",1923) stets und besonders auch 1956 auf marxistische "Abweichler" ausgeübt hat. Umso verwunderlicher und zu beklagen ist, dass Prokop in seinen im Anhang versammelten biografischen Kurznotizen keine Zeile für Lukács, aber viele zum Beispiel über die furchtbare Hanna Wolf übrig hat.
 
Neu war für den Rezensenten, welchen Wirbel nicht nur im Westen, sondern tief wirkender noch in der DDR jenes berühmte Interview des italienischen KP-Chefs Palmiro Togliatti vom Juni 1956 ausgelöst hat. Er hatte darin kritisiert, dass der Diktator Stalin erst für alles gelobt und nun wieder für alles allein verantwortlich gemacht wird. Togliatti ging vielmehr auf die Suche nach den Strukturdefekten des Stalinschen Systems - und das ging natürlich auch der SED an die Nerven. Dankbar registriert man ferner, dass Prokop eine drohende Geschichtsklitterung korrigiert. Nach dem gescheiterten Ungarn-Aufstand setzte auch in der DDR die ideologische und administrative "Gegenrevolution" ein. Die SED-Führung beendete alle Reformdebatten, eine neue Frostperiode löste das kurze Tauwetter ab.
 
Schauprozesse
 
Tiefpunkt und Ausdruck der Rache des Systems waren die ekelerregenden Schauprozesse unter anderem gegen Harich, Janka und Just. Dass nun die auch für Ulbricht unantastbare Anna Seghers bei der Urteilsverkündung gegen Walter Janka einem seiner frühen Bericht zu Folge nur betreten zu Boden geschaut habe, beschreibt Prokop nun als eine Art Wahrnehmungsfehler, geschuldet der Aufregung und dem Zorn des Verurteilten. Tatsächlich hat die Seghers, bestätigt durch Stasi-Beobachter, im Gerichtssaal ihre Ablehnung des Urteils und ihre Sympathie mit dem Angeklagten sichtbar zu erkennen gegeben.
 
Auch ein wenig methodische Kritik ist fällig. Prokop gibt Gespräche in einer Form wieder, die sie fast wörtlich-authentisch erscheinen lassen, obwohl er sie aus Aufzeichnungen der Beteiligten, sicher redlich und kritisch bemüht, rekonstruiert hat. Hier bleibt also Skepsis gegenüber dem angebracht, was als historische Wahrheit daherkommt. Man wird dann entschädigt durch 50 Seiten Anhang, in dem Prokop bisher weithin unbekannte Dokumente, Resultate seiner fleißigen Archivsuche, versammelt hat.
 
Stand die DDR 1956 am Scheideweg? Ein Scheideweg setzt voraus, dass der Wanderer zwischen zwei oder mehreren Laufalternativen entscheiden kann. 1956 wusste aber nicht nur die SED-Führung nicht, wie es weitergehen sollte. Auch die intellektuelle Dissidenz wusste es nicht. Diese hatte zwar unzählige Konzepte diskutiert, aber letztlich war auch sie ratlos - von den Utopisten wie Harich abgesehen. Es war eher eine schwere Systemkrise, schwerer vielleicht noch, als die fünf Jahre später vom Mauerbau ausgelöste. Aber aus beiden haben die deutschen Stalinisten nichts gelernt.
 
Siegfried Prokop: 1956 - DDR am Scheideweg. Opposition und neue Konzepte der Intelligenz. Kai Homilius Verlag, Berlin 2006; 378 S., 19,90 Euro.
 
 
 
23.10.06        Das Parlament
Aschot Manutscharjan
 
Sichtbares Symbol des Bankrotts. Vor 50 Jahren: Am 23. Oktober begann der Ungarn-Aufstand
 
Mit zwei Demonstrationszügen begann am 23. Oktober 1956 in Budapest die "unerwartete" und "aussichtslose" ungarische Revolution. Initiatoren waren Studenten, die in den Straßen der Hauptstadt lautstark Freiheit skandierten. Auf ihren Transparenten stand: "Polen zeigt uns, dass es geht, folgen wir auf Ungarns Weg!" Aus dieser spontanen Kundgebung, die als Solidaritätsveranstaltung mit den polnischen Reformen begann, entwickelte sich binnen 24 Stunden der erste große militärische Aufstand im Ostblock.
 
Am Abend zuvor hatten die Studenten der Budapester Technischen Universität bei einer stürmisch verlaufenen Versammlung einen 16 Punkte umfassenden Forderungskatalog aufgestellt. Ganz oben auf der Liste stand der Abzug der sowjetischen Truppen. Danach sollte eine neue Regierung unter Führung des populären Reformkommunisten Imre Nagy gebildet werden. Gleichzeitig sollte die verbrecherische stalinistische KP-Führung zurücktreten. Weitere Programmpunkte waren: freie Wahlen, die Einführung eines Mehrparteiensystems, Meinungsfreiheit, die Entfernung des Stalin-Denkmals, die Wiedereinführung der ungarischen Nationalfeiertage und der nationalen Symbole.
 
Keine zwei Wochen später hatte die Sowjetmacht diesen Aufstand blutig niedergemetzelt. Die ungarische Nachrichtenagentur meldete am 4. November 1956: "Die sowjetischen Verbrecher haben uns betrogen (...). Die russischen Truppen haben plötzlich Budapest und das ganze Land angegriffen. Sie haben das Feuer auf jedermann in Ungarn eröffnet (...). Nagy und die Regierung sowie das gesamte ungarische Volk bitten um Hilfe (...) Lang lebe Ungarn und Europa!"
 
Der Journalist Paul Lendvai bezeichnet den Aufstand, der auch als ungarische Revolution in die Geschichte einging, als "größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa" und zugleich als "ein weithin sichtbares Symbol des Bankrotts des Sozialismus sowjetischer Prägung" nach dem Zweiten Weltkrieg. (…) Lendvai gelang wenige Monate nach dem Aufstand die Flucht nach Österreich, wo er seitdem als Korrespondent in Wien tätig war. Mit einigem Erfolg: 1982 wurde er Chefredakteur des ORF und 1987 Intendant von "Radio Österreich international".
 
Danach fand Lendvai Zeit, eine hervorragende Studie über "Die Ungarn" (C.Bertelsmann, 1999) zu veröffentlichen. Jetzt hat der Journalist nachgelegt. Dabei herausgekommen ist ein wahres Meisterwerk über den "Ungarn-Aufstand 1956", das in jede anständige Bibliothek gehört. Lendvai beschreibt den Aufstand nicht nur als Augenzeuge, vielmehr hat er neben der umfangreichen Sekundärliteratur vor allem Archiv-Dokumente aus Ungarn und Russland ausgewertet.
 
Am Beispiel Ungarns analysiert Lendvai die Entwicklung Osteuropas in der Nachkriegszeit und offenbart dabei die ambivalente Haltung der freien Welt gegenüber der Sowjetunion. Detailliert zeichnet er die Motive und Beweggründe von Imre Nagy und den Moskautreuen ungarischen Kommunisten nach, die den "großen sozialistischen Bruder" um Hilfe gegen die "faschistische Konterrevolution" gebeten hatten. Kenntnisreich erläutert der Autor die nationalen "Besonderheiten" Ungarns und zeigt so, warum es ausgerechnet dort zum Aufstand kam.
 
Hartes Durchgreifen Moskaus
 
Das "Ungarn-Syndrom" hat die spätere Politik Juri Andropows beeinflusst, der als sowjetischer Botschafter in Budapest die militärische Lösung befürwortet hatte. In der Folge setzte der Kreml auch während des Prager Frühlings 1968 und 1979 mit dem Afghanistan-Feldzug auf hartes Durchgreifen.
 
(…)
 
"Die Befreiung der versklavten Völker war und ist ein Hauptziel der amerikanischen Außenpolitik und wird es - bis der Erfolg errungen ist - bleiben." Dieser Satz aus der Regierungserklärung von US-Präsident Dwight D. Eisenhower vom Dezember 1955 findet sich in fast jedem Buch über den Kalten Krieg und die Aufstände in Osteuropa. In Ungarn ist er bis heute nicht vergessen. Als der Aufstand begann, versicherte der mächtigste Mann der freien Welt, das "Amerikas Herz für das ungarische Volk" schlage. Abgesehen von rhetorischen Einlassungen unternahmen die USA jedoch nichts gegen die militärische Niederwerfung des Aufstands. Woher sollten die Aufständischen auch wissen, dass Washington Nikita Chruschtschows Doktrin vom Erhalt des Status quo, der "Nichteinmischung" in die jeweilige Einflusszone und der so genannten "friedlichen Koexistenz" abgenickt hatte?
 
Bis heute ist in Ungarn die passive Haltung der US-Regierung ein Thema, ebenso wie die Handlungsweise des vom US-Kongress finanzierten Radiosenders "Free Europe/Radio Liberty". Dieser hatte vom sicheren München aus die Ungarn zum Kampf aufgerufen. Auch diesen unbequemen Fragen um den "verratenen Aufstand" spüren Paul Lendvai und György Dalos nach. Dass sich dieses finstere Kapitel noch nicht erledigt hat, erfuhr US-Präsident George W. Bush im Juni 2006 bei seinem Besuch in Budapest. Die Veteranen des Aufstands verlangten von ihm eine offizielle Entschuldigung für das Verhalten der USA während der Ungarn-Krise vor 50 Jahren. Selbst Präsident Boris Jelzin hatte sich im Namen Russlands entschuldigt. Präsident Bush lehnte dieses Ansinnen jedoch ab. Vermutlich wollte er sein Land nicht auf die gleiche Stufe mit der Sowjetunion stellen, schließlich war der Aufstand auf Geheiß Moskaus blutig niedergeschlagen worden.
 
Der Ungarn-Aufstand und seine Niederschlagung war eine bittere Lehre für osteuropäische Demokraten und Regimekritiker, die jede Hoffnung auf Hilfe aus der freien Welt fahren lassen mussten. Wer sich retten konnte, ging in den Westen. Dort trafen sie in Politik und Medien auf vielfache Bewunderung: Immerhin hatten es die Ungarn gewagt, sich gegen die mächtige Sowjetunion aufzulehnen. Aber das war es dann auch. Derweil ging der mit Hilfe der sowjetischen Panzer an die Macht gelangte János Kádar daran, das sozialistische System mit tausenden Todesurteilen zu "stabilisieren". Nach dieser Liquidierungswelle begann der sozialistische Alltag. Moskau genehmigte den Ungarn einen konsumfreundlicheren Kurs, der auch als "Gulaschkommunismus" in der "fröhlichsten Baracke" des Warschauer Pakts bekannt wurde.
 
Paul Lendvai: Der Ungarn-Aufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen. C. Bertelsmann Verlag, München 2006; 320 S., 50 s/w Abbildungen, 22,95 Euro.
 
György Dalos: 1956. Der Aufstand in Ungarn. Verlag C.H. Beck, München 2006, 246 S., 16 Fotos von Erich Lessing, 19,40 Euro.
 
 
23.10.2006               Berliner Zeitung
Martin Klesmann
 
1956 IN DER DDR. Die Strafe für fünf Minuten Schweigen
UNGARN 1956 - Vor 50 Jahren rebellierten die Budapester gegen das stalinistische Regime. Fast vergessen ist, dass sich der Ungarn-Aufstand auch auf eine Oberschule in Storkow ausweitete.
 
Die Konterrevolution in der Kurt-Steffelbauer-Oberschule im märkischen Storkow beginnt am 29. Oktober 1956 in der Geschichtsstunde. Als Lehrer Mogel mit dem Unterricht anfangen will, halten die kaum 18-Jährigen spontan ein fünfminütiges Schweigen für die vielen toten Aufständischen in den Straßen von Budapest ab. Minutenlang schweigen sie eisern auf die Unterrichtsfragen des Geschichtslehrers, der gleichzeitig Parteisekretär der Schule ist.
 
Der Rias hatte zu solchen Schweigeminuten aufgerufen. Über diesen Radiosender, der mit amerikanischer Unterstützung aus West-Berlin sendete, informierten sich die Oberschüler - heimlich. Einen Tag später wiederholt die Klasse die Schweigeminuten vor der Mathestunde - empört über den angeblichen Tod des bekannten ungarischen Fußballstars Ferenc Puskas, der auf Seiten der Aufständischen gefallen sein soll. Es ist eine Falschmeldung, die ebenfalls vom Rias übertragen wird.
 
Einer der Schüler von damals, Dietrich Garstka, hat nun ein Buch über seine Schulklasse geschrieben. Garstka lebte heute als pensionierter Gymnasiallehrer in Essen. Damals initiierte er die Protestaktion in der Schule am See. In einem recht nüchternen Ton und auf der Grundlage umfangreicher Quellen beschreibt er, welche dramatischen Konsequenzen dieser jugendliche Protest nach sich zog. "Heute wäre unser Schweigen nicht der Rede wert", so Garstka. "In der Diktatur ist das anders."
 
Zunächst erfährt die Staatssicherheit aus dem familiären Umfeld eines Schülers von dem Vorfall, dann erst schalten sich die Lehrer ein. Schließlich taucht der grobschlächtige Volksbildungsminister Fritz Lange persönlich in der Schule auf, um die "Rädelsführer" zu ermitteln. Nun kommt die staatliche Repressionsmaschine in Fahrt. Der Volksbildungsminister droht Schülern sogar damit, ihnen "die Fresse zu polieren", sollten sie den "Putsch in Ungarn" verteidigen. Etliche Verhöre folgen. Dabei zeigt sich die Angst der SED-Oberen vor einem weiteren Volksaufstand auch in der DDR. "Wenn es einmal anders kommt, dann sind diese Jugendlichen die Ersten, die am Strick ziehen werden", schreibt der Minister in seinem Bericht.
 
Die Schüler halten in anrührender Weise zusammen. Als sich trotz des enormen staatlichen Drucks kein Anstifter feststellen lässt, kommt Genossin K., die Abteilungsleiterin für Volksbildung im Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder), in die Schule und löst die Klasse einfach auf. Zum Abitur soll keiner mehr zugelassen werden - weil die Schüler "nicht von sich aus Ordnung schaffen und sich von konterrevolutionären Elementen distanzieren", so die Dame fünf Tage später in ihrem Bericht. Auch die meisten Lehrer hätten "ein faules Versöhnlertum" gezeigt.
 
Nach der drakonischen Bestrafung verabreden die Schüler die Flucht nach West-Berlin. Der Fluchtplan wird während eines lokalen Fußballspiels auf den Zuschauerrängen besprochen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zwischen Weihnachten und Silvester 1956 fliehen 15 Schüler per Zug und S-Bahn in den Westen, die Grenze ist noch offen. Beim Umsteigen am Ostkreuz laufen sie die Treppen mehrmals runter und rauf, um mögliche Beschatter abzuschütteln. Nur vier Mädchen aus der Klasse bleiben in Storkow.
 
In West-Berlin wird die Flucht der Schulklasse als Propagandaerfolg im Kalten Krieg gefeiert: "Die tapferen Primaner von Storkow - eine ganze Schulklasse floh in die Freiheit", titelte die Bild-Zeitung am 31. Dezember 1956. Die DDR-Behörden üben Druck auf die Eltern aus, sie sollen ihre Kinder zurückholen. Nach einigen Wochen siedelt die Klasse geschlossen in ein kirchliches Schulinternat im hessischen Bensheim über, macht dort Abitur. Dort besucht sogar Adenauers damaliger Außenminister, Heinrich von Brentano, die Schüler. Inzwischen sind auch der Storkower Mathelehrer sowie einige Eltern in den Westen geflüchtet.
 
(...)
 
Dietrich Garstka, der Anstifter der kleinen Rebellion, vermeidet auch im Rückblick auf seine Erlebnisse jedes Triumphgefühl. Er erklärt nachvollziehbar, wieso sich die Schüler mit den ungarischen Aufständischen identifizierten. Da sei dieses jugendliche Gerechtigkeitsgefühl gewesen, dass hier ein David gegen einen Goliath, gegen die sowjetische Übermacht, kämpfte. Und die Schüler selbst hatten die Sowjets zunächst meist nicht als Befreier erlebt. Während auch die Eltern von "dem Russen" sprachen, von Krieg oder Vertreibung, hörten die Schüler von Lehrern und FDJ nur Gutes über den Sowjetmenschen. Garstka zeigt, wie brüchig das DDR-System damals im ärmlichen Storkow war.
 
 
 
23.10.2006               Berliner Zeitung
Bert Hoppe
 
Zwei Augenzeugen als Historiker. UNGARN 1956 - Vor 50 Jahren rebellierten die Budapester gegen das stalinistische Regime. Fast vergessen ist, dass sich der Ungarn-Aufstand auch auf eine Oberschule in Storkow ausweitete.
 
Als sich György Dalos am Nachmittag des 23. Oktober 1956 auf dem Rückweg von der Schule durch die Menge der Demonstranten auf dem Platz des 7. November in Budapest drängelte, galt seine Sorge noch der Geografiestunde am folgenden Tag; der strenge Herr Pirovszky wollte ihn da über die skandinavische Wasserwirtschaft ausfragen. Erst als er am nächsten Morgen vom Geräusch sowjetischer Panzerketten und von Schüssen geweckt wurde, wurde ihm bewusst, "dass zumindest heute keine Befragung an der Tafel stattfinden würde."
 
Vom gleichen Lärm wurde wenige hundert Meter die Ringstraße hinunter auch Paul Lendvai aus dem Schlaf gerissen, der nach dreijährigem Berufsverbot erst zwei Tage zuvor angefangen hatte, wieder als Journalist zu arbeiten. Er wohnte direkt neben der Kiliankaserne an einem der Brennpunkte des gerade losbrechenden Aufstandes - 14 Tage und zwei Panzerangriffe später gähnte in dem Haus ein großes Loch, wo sich einst seine Wohnung befunden hatte. Von den Büchern hatten sich nur die Marx- und Lenin-Ausgaben erhalten, die in Kisten verpackt im Badezimmer abgestellt waren.
 
Vor diesem autobiografischen Hintergrund schildern György Dalos und Paul Lendvai in zwei neuen Büchern die Geschichte des Ungarn-Aufstandes. Aber dem damals dreizehnjährigen Schüler und späteren Dissidenten Dalos gelingt es besser, die Ambivalenz der Ereignisse zu erfassen, als Lendvai, der 1957 ins Exil ging und schließlich Chefredakteur des ORF wurde.
 
Lendvai ist immer noch beseelt vom Bemühen, der "Desinformationspropaganda" des längst erloschenen kommunistischen Regimes entgegenzuwirken. Dalos dagegen bekennt offen, über den Aufstand im Laufe seines Lebens "die unterschiedlichsten, ja einander krass widersprechenden Ansichten" entwickelt zu haben. Das spiegelt sich in seiner Art wider, Ereignisse und Personen nicht in feste Kategorien zu pressen, sondern geradezu tastend nach einer Einordnung zu suchen.
 
Dem entspricht auch sein kollagehafter Stil, in dem sich Analysen aus der Vogelschau des Historikers, prägnante Zitate aus Radionachrichten und Sitzungsstenogrammen, sowie persönliche Erlebnisse mischen. Besonders gelungen sind die lebendigen Skizzen von einigen der Aufständischen. Sie zeigen, wie bunt die Menge der damaligen Aktivisten war. (...)
 
Von einer solchen atmosphärisch dichten und differenzierten Beschreibung, die auch immer wieder die eigene Sichtweise kritisch hinterfragt, ist Paul Lendvai weit entfernt. Von einigen Einschränkungen abgesehen sind Helden für ihn immer noch Helden. Er schildert den Kampf der Aufständischen gegen die mächtigen sowjetischen Panzer so ausführlich, dass er sogar erklärt, wie man einen Molotowcocktail herstellt (für eilige Leser: die Bauanleitung findet sich auf Seite 67).
 
In ihren Urteilen über den Aufstand unterscheiden sich beide Bücher jedoch erstaunlich wenig. Es zeigt sich, dass seit der zumindest teilweisen Öffnung der Archive viele Rätsel geklärt wurden und der Interpretationsspielraum geschrumpft ist. So lässt sich heute detailliert nachvollziehen, wie kopflos, ja zum Teil panisch die Parteiführung in Budapest auf die anfänglich friedlichen Kundgebungen vom 23. Oktober reagierte, mit denen der ungarische Studentenverband zunächst nur seine Solidarität mit der neuen reformkommunistischen Führung in Polen bekunden wollte. Im Laufe dieses Tages wurden die Versammlungen mehrmals verboten und wieder erlaubt - die von der Entstalinisierung desorientierte Parteispitze erkannte, dass hier eine Bewegung aus dem Ruder lief, die sie eigentlich mit der Gründung von Debattierzirkeln wie den "Petöfi-Kreisen" hatte kanalisieren wollen.
 
Es war ein Zeichen von Ratlosigkeit, dass schließlich der eher schüchterne Agrarfachmann Imre Nagy wieder an die Spitze der Regierung berufen wurde, der nach Stalins Tod als Ministerpräsident für kurze Zeit einen vorsichtigen "Neuen Kurs" verfolgt hatte, bevor er als "Rechtsabweichler" aus der Partei ausgeschlossen worden war. Er genoss als einziger kommunistischer Politiker das Vertrauen der Öffentlichkeit. Ob Nagy aber den Lauf der Ereignisse noch hätte wenden können, ist zumindest fraglich. Denn als er am Abend des 23. Oktober erstmals zu den Massen vor dem Parlament sprach, bereiteten andere Gruppen von Demonstranten schon den Sturz des monumentalen Stalindenkmals vor und belagerten das Rundfunkhaus. Noch bevor am nächsten Morgen die ersten sowjetischen Panzer in die Stadt einrückten, hatte es 30 Tote gegeben. Die Gesamtbilanz bis zum Ende der Kämpfe belief sich auf 2 652 tote Ungarn und 669 tote Rotarmisten - für die sowjetische Armee war dies bis zum Einmarsch in Afghanistan der verlustreichste Einsatz nach 1945.
 
Der Aufstand erscheint bei Dalos und Lendvai als ein politisches "Naturereignis" (so der Begriff, den beide Autoren übereinstimmend verwenden) ohne Kern und Ziel, der eine tragische Dynamik entwickelte. Sie sehen die Handelnden in ideologischen Käfigen gefangen, von vornherein ohne Spielraum. Dies betrifft insbesondere Chruschtschow, der nach dem zeitweisen Rückzug der sowjetischen Panzer aus Budapest am 29. Oktober schon einen Tag später entschied, seine Truppen wieder in die ungarische Hauptstadt marschieren zu lassen.
 
Ein Rückzug der Roten Armee aus Ungarn werde die Westalliierten ermuntern, erklärte er im Parteipräsidium: "Sie verstehen es als unsere Schwäche und werden uns angreifen." Die umstrittene Erklärung Imre Nagys vom 1. November über den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt war insofern, da sind sich Dalos und Lendvai einig, nicht der Auslöser, sondern lediglich eine verzweifelte Reaktion auf die schon Tage vor der zweiten sowjetischen Intervention anlaufenden Truppenbewegungen. Nagys Hoffnung, mit diesem Schritt das Ausland zur Unterstützung Ungarns zu motivieren, schlugen fehl: Der Westen war mit dem zeitgleich ausbrechenden Suezkrieg beschäftigt und in den sozialistischen Nachbarstaaten fehlte es am notwendigen Mitgefühl für die Ungarn, die noch immer ihrem 1920 in Versailles zerschlagenen Großreich nachtrauerten.
 
György Dalos: 1956. Der Aufstand in Ungarn. C.H. Beck, München 2006. 246 S., 19,40 Euro.
 
Paul Lendvai: Der Ungarn-Aufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen. C. Bertelsmann, München 2006. 320 S., 22,95 Euro.
 
 
23.10.06              Focus
Stephan Sattler
 
Die verratene Revolution
50 Jahre Ungarn-Aufstand: Der Publizist Paul Lendvai schildert den blutigen Herbst 1956 in Budapest
 
Niemand ahnte an diesem Herbsttag, als Budapest in einem prachtvollen Licht erstrahlte, dass der 23. Oktober 1956 einmal als weltgeschichtliches Datum wahrgenommen und dokumentiert werden würde…“, so beginnt Paul Lendvais Geschichte über den Ungarn-Aufstand. Er selbst war damals 27 Jahre alt und saß „gerade das zweite Mal an meinem neuen Arbeitsplatz bei der Abendzeitung Esti Hirlap"'. Hinter ihm lagen fünf vergeudete Jahre: 15 Monate Militärdienst, acht Monate Haft und drei Jahre Berufsverbot.
Er missfiel den Oberen der noch stalinistisch ausgerichteten Partei der Ungarischen Werktätigen (vormals KP) des Mátyás Rákosi.
Die „unerwartete Revolution" riss den jungen Lendvai aus allen gewohnten Lebensbahnen. Nach der blutigen Niederschlagung durch die sowjetische Armee floh er am 13. Januar 1957 über Polen in den Westen. An die 200 000 Ungarn verließen ihre Heimat. Allen Ungarn, die bewusst dabei waren, sind der Triumph und die Tragödie der Herbsttage ein unauslöschliches Erlebnis geblieben. Und noch heute, da wieder Tausende gegen eine labile Regierung in Ungarn protestieren, tobt ein Kampf zwischen rechten und linken Parteien darüber, wem der Aufstand 1956 gehöre, wer sich auf ihn zu Recht berufen dürfe. Zeitzeuge Lendvai, der seit langem in Wien lebt und sich als international bekannter Osteuropa-Experte etabliert hat, stand beim Verfassen seines Buches vor einem Problem: Wie lassen sich persönliche Erlebnisse mit den späteren Dokumenten, den Analysen und Darstellungen der Historiker in Einklang bringen? Wie subjektive und objektive Perspektive vereinbaren?
Wie löst der lebenskluge Mitteleuropäer sein Problem? Er erwähnt beiläufig, dass er für den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn und für politische und wirtschaftliche Reformen eintrat. Er erzählt von den Eindrücken, die die Kampfhandlungen der Aufständischen in der unmittelbaren Nähe seines Wohnviertels auf ihn machten, und er schildert lebendig einige Straßenszenen und Stimmungsbilder im umkämpften Budapest. Aber der Hauptteil seiner Arbeit verdichtet die mittlerweile sehr beachtliche Forschung über die Ereignisse. (...)
Der Aufstand von 1956, so belehrt einen die Lektüre, war vor allem eine spontane Bewegung - ohne Planung ohne Programm und ohne politische Führung. Was als ein Studentenprotestzug um 14 Uhr des 23. Oktober begann, verwandelte sich plötzlich in einen Volksaufstand und endete schon Stunden später im Sturz des Stalin-Denkmals, in der Belagerung des Parlamentsgebäudes und dem Rücktritt von Parteiführung und Regierung. Mehrere Hunderttausend Menschen demonstrierten in der Innenstadt, Waffendepots wurden geplündert, und Arbeiterräte schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Strukturen des Regimes lösten sich auf. Die Bediensteten von Polizei und Geheimdienst, viele Soldaten, aber auch Mitglieder der kommunistischen Partei liefen zu den Aufständischen über. Imre Nagy, Reformkommunist und Hoffnung der antikommunistischen Bevölkerung, wurde zurückgeholt. Doch der zögernde, stets schlecht informierte Mann vermochte die Wucht der Bewegung nicht zu kanalisieren. Anfang November beschloss die Parteiführung in Moskau, die „Reaktion" mit Panzern niederzuwalzen und János Kádár an der Spitze eines Marionettenregimes einzusetzen. Auf Seiten der Aufständischen - vor allem Arbeiter, Studenten und Jugendliche - fielen mehr als 2500 Menschen. Fast 20 000 wurden verwundet. Imre Nagy wurde hingerichtet.
Lendvais Darstellung ist dort am stärksten, wo sie die beteiligten Personen porträtiert: Imre Nagy, János Kádár, Jurij Andropow (damals sowjetischer Botschafter in Budapest, 1982 bis 1984 Chef der KPdSU) und den späteren KGB-Chef Wladimir Krjutschkow. Seine Geschichte vom Freiheitskampf der Ungarn wie vom Verrat, der Kompetenzlosigkeit und der Brutalität der verantwortlichen KP-Politiker geht einem noch heute unter die Haut. Der Westen übrigens kehrte damals den so sehr bedrängten Ungarn den Rücken zu.
 
 
23.10.06                   Der Tagesspiegel
Peter Kasza, Budapest
 
Volksaufstand im Schwimmbad. Ungarns Stolz: Sieben Männer gewannen 1956 ein blutiges Wasserballspiel – gegen ihre Besatzer. Noch heute sind sie Helden
 
In der Aula des ungarischen Parlaments funkelt die Stephanskrone in einer Vitrine, eine Erinnerung an die gute alte Zeit, da Ungarn noch eine Macht war in Europa. Drinnen verleiht mattes Licht dem Festsaal eine erhabene Atmosphäre, und auch hier huldigt man der Geschichte. In dessen Mitte stehen fünf ältere Herren, die mit etwas Verspätung eine Auszeichnung für ihre Verdienste am Vaterland erhalten. Es ist ein staatstragender Moment, als die Parlamentspräsidentin ihr Glas erhebt und einen Toast ausspricht – auf den Sieg einer ungarischen Wasserballmannschaft, der 50 Jahre zurückliegt.
 
Bis auf einen sind die Männer von damals, die noch leben, alle gekommen. Der alte Markovits, dessen Rücken im Laufe der Zeit krumm geworden ist, der schlaksige Gyarmati, heute ein nationalistischer Politiker, Hevesi und Bolvári, die beide immer noch ein ebenso breites Kreuz haben wie damals. Und der kleine Kárpáti, der ziemlichen Hunger hat, denn vor Aufregung hat er den ganzen Tag noch nichts gegessen.
 
Diese fünf sind immer noch Helden, denn sie gaben dem Volksaufstand, dessen Ausbruch sich heute zum 50. Mal jährt, aus ungarischer Sicht so etwas wie ein Happy End. Obwohl oder weil sie nicht mit Kugeln und Granaten schossen, sondern mit Bällen. Sie gewannen in einem brutal geführten Spiel gegen die Sowjets, nur einen Monat nachdem die den ungarischen Volksaufstand niedergeschlagen hatten, beim olympischen Wasserballturnier von Melbourne 1956. Für die Ungarn ist es noch heute ein Jahrhundertspiel, ein Mythos, in etwa das, was für die Deutschen der WM-Titel der Fußballnationalmannschaft 1954 in Bern war. Andy Vajna, unter anderem „Rambo“-Produzent, und „Basic Instinct“-Autor Joe Eszterhaz haben die Geschichte verfilmt. Der Streifen läuft pünktlich zum Jubiläum des Volksaufstandes an.
 
Wer heute aus erster Hand erfahren will, wie sich damals alles zugetragen hat, der sollte einen Wasserballer in seiner natürlichen Umgebung treffen. Zum Beispiel im Schwimmbad des Budapester Helia-Hotels. Weil Ungarn seine Helden nicht vergisst, haben Olympiamedaillengewinner im hiesigen Sport Club freien Eintritt, und an guten Tagen gleicht der Gang durchs Schwimmbad einem Gang durch die Ruhmeshalle des ungarischen Sports.
 
Man findet Stars von einst im Jacuzzi, wo Olympioniken vergangener Tage sich vom Blubbern tragen lassen und über die alten Zeiten plaudern. Den Fünfkämpfer István Móna etwa, 66 Jahre alt, eine Medaille. Bence Szabo, 44 Jahre alt, Säbelfechter, vier Medaillen. Und, vor allem: György Kárpáti, 72 Jahre alt, einst Wasserballer, vier Medaillen, und Sieger über die Sowjetunion im sogenannten „Blutspiel“ von 1956.
 
(...)
 
Ganze zwei Pools gab es 1956 in Budapest, weniger als ein Dutzend im ganzen Land. Dennoch waren die Ungarn die erfolgreichste Wasserballmannschaft der Welt. Ein scheinbarer Widerspruch, den György Kárpáti ohne große Gesten aufklärt: „Sport war für viele die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu erreichen. Deshalb trainierten wir besonders hart.“
 
Er sagt auch: „Eigentlich waren wir unpolitisch.“ Aber so einfach ließ sich das nicht trennen, damals in Ungarn. Sie waren jung, fröhlich, durchtrainiert – und damit ein schönes Werbeinstrument für ein Land, das in Wirklichkeit vor dem wirtschaftlichen Bankrott stand und in dem Freiheit ein Fremdwort war. So machte das Regime die Siege der Wasserballmannschaft zu Siegen des Sozialismus, und auch wenn sich die Spieler vielleicht damit nicht identifiziert haben, so hieß „unpolitisch“ zu sein wohl eher: nicht anzuecken. Das Volk nahm den Spielern ihre Privilegien nicht übel – solange sie siegten. Also siegten sie. Das Regime verhätschelte sie – solange sie die Klappe hielten. Also hielten sie die Klappe und bereiteten sich auf die Olympiade in Melbourne vor, mit dem Ziel: Goldmedaille.
 
Sechs Wochen dauerte das Trainingslager. Die Spieler logierten hoch über Budapest im Hotel „Roter Stern“ abgeschirmt von der Welt. Zum Training fuhren sie täglich hinunter auf die Margareten-Insel, die mitten in der Donau liegt. Zweimal am Tag trainierten die Spieler dort im Wasser. Ausdauer. Kraft. Schwimmen. Werfen. Abends fuhren sie wieder hinauf. Auch der 23. Oktober 1956 verlief so, der Tag, an dem die ersten großen Demonstrationen gegen das Regime stattfanden.
 
Herr Kárpáti, erinnern Sie sich noch an diesen Tag?
 
„Na und ob ich mich daran erinnere. Abends haben wir mit einem Glas Sekt angestoßen.“
 
Auf den Beginn des Volksaufstandes?
 
„Nein, nein. Das haben wir anfangs gar nicht richtig mitbekommen. Dezsö Gyarmati hatte Geburtstag.“
 
Vor ihrer Tür war eine Revolution ausgebrochen, sie feierten Geburtstag. Auch als die Funktionäre am nächsten Tag kamen und sagten, „heute fällt das Training aus“, haben sie sich nichts gedacht. Erst als Schüsse in der Stadt auch auf dem Berg zu hören waren, als die Funktionäre ihnen untersagten, das Hotel zu verlassen, da wussten sie: Es ist was Ernstes.
 
Nach und nach hörten sie von den Massendemonstrationen, vom Massaker vor dem Parlament, bei dem der Geheimdienst auf unbewaffnete Demonstranten geschossen hatte, von den russischen Panzern und dem Widerstand der Freiheitskämpfer, vom Ministerpräsidenten Imre Nagy, der ein unabhängiges Ungarn forderte.
 
„Aber wissen Sie, uns hat eigentlich in dem Moment vor allem die Frage interessiert: Können wir nun zur Olympiade fahren oder nicht?“, sagt ein anderer, der damals dabei war: Ervin Zádor.
 
Heute sitzt er einige tausend Kilometer von Budapest entfernt in Stockton, Kalifornien, und lässt seine Zehen im Pool baumeln. Das Wasser hat ihn sein Leben lang nicht losgelassen. Er arbeitet als Schwimmlehrer und als Wasserballtrainer. Zur Ehrung nach Budapest ist er nicht gefahren. Er hatte seinen Pass verschlampt.
 
Zádor und seine Mannschaftskollegen schwebten wie in einer Luftblase über der Stadt. Was Volksaufstand bedeutete, davon hatten sie bis zu jenem Tag herzlich wenig Ahnung, als die Revolutionsregierung entschied: Das olympische Team soll nach Melbourne fahren, um das neue Ungarn zu repräsentieren. Was er dort repräsentieren sollte, sah Zádor, als er sich auf den Weg machte, um sich von seiner Familie zu verabschieden. Er lief 15 Kilometer quer durch Budapest. Da platzte die Blase. „In den Straßen lagen die Toten. Die Leute schossen auf die russischen Panzer, die Panzer schossen auf die Leute. Er erreichte das Elternhaus, seine Mutter fiel ihm um den Hals. „Bist du verrückt“, tadelte sie. Er sagte: „Ich musste euch noch einmal sehen. Es kann sein, dass ich sehr lange weg bin.“Auf seinem Marsch hatte er eine Entscheidung gefällt. Er wollte nicht mehr in diesem Ungarn leben, in dem gegen das Volk regiert wurde. „Ich werde nach Melbourne zur Olympiade fahren. Wenn die Revolution siegt, komme ich danach zurück. Wenn nicht, dann eben nicht.“
 
Es sah so aus, als würde Mama Zádor ihren Sohn bald wiedersehen, denn am nächsten Tag zog nicht nur das olympische Team nach Prag ab, sondern auch die russischen Truppen aus Ungarn. Die Revolution schien gesiegt zu haben. György Kárpáti und Ervin Zádor verließen Budapest als Vertreter eines freien, unabhängigen Ungarn.
 
„Früher war es uns egal, was die Kommunisten für eine Folklore mit uns veranstaltet haben. Jetzt konnten wir uns mit der Revolution identifizieren“, sagt György Kárpáti heute. Die Erinnerung lässt ihn unruhig auf seinem Hocker herumrutschen. Die Mannschaft verbrachte eine Woche in Prag quasi in Isolationshaft – weil die Tschechen Angst hatten, die subversiven Ungarn würden auch ihnen die Revolution ins Land bringen – und flogen dann nach Australien. Erst dort erreichte sie die Nachricht, dass die Russen nur zum Schein abgezogen waren. Die Panzer waren zurückgekommen, sie hatten den Volksaufstand niedergeschlagen.
 
Im Olympischen Dorf hissten die Olympioniken die ungarische Fahne – ohne den Roten Stern in der Mitte, dafür mit Trauerflor als Gedenken an 2000 Tote zu Hause. Und das Schicksal dachte sich die Pointe aus, dass im Halbfinale des Wasserballturniers Ungarn ausgerechnet auf die Sowjetunion traf.
 
„Dieses Spiel war natürlich etwas Besonderes. Zur gleichen Zeit rollten sowjetische Panzer durch Budapest. Wir mussten gewinnen, wir wollten Rache“, sagt György Kárpáti. Und sie wollten die Goldmedaille. „Um die zu gewinnen, mussten wir die Russen schlagen“, sagt Ervin Zádor. Für die Zuschauer, die an jenem 6. Dezember auf den Rängen des Crystal Palace in Melbourne saßen, war die Vergabe von Medaillen zweitrangig. Das Spiel, das hier um 15 Uhr 25 begann, war eine politische Angelegenheit, ein Stellvertreterkrieg, Freiheitskämpfer gegen Besatzer. 10 000 Menschen empfingen die sowjetischen Spieler, als hätten diese persönlich an der Niederschlagung des Aufstands mitgewirkt. Die Halle bebte unter den Buhrufen, als die Sowjets ins Wasser glitten. „Es war ein unglaublicher Lärm“, erinnert sich Kárpáti.
 
Es begann, wie ein normales Wasserballspiel beginnt. Über Wasser wurde gegrinst, unter Wasser gefoult. Es fielen zwei Tore für die Ungarn, und es hätte in diesem Rahmen weitergehen können. Denn gegen die russischen Spieler hatten die Ungarn eigentlich nichts. Im Gegenteil. Man kannte und man schätzte sich. „Wir haben sie nicht gehasst. Wir hatten Respekt vor ihnen“, sagt Ervin Zádor. Schmunzelnd setzt er hinzu: „Aber natürlich haben wir die Situation ausgenutzt. Wir konnten ja alle Russisch und haben sie provoziert: ‚Ihr Bastarde. Ihr habt uns bombardiert!‘ und solche Sachen. Aber es war nur ein Test, ob wir sie an den Punkt bekommen würden, an dem sie die Kontrolle verlieren.“
 
Man kann wohl sagen, dass ihnen das gelang. Der Ungar Gyarmati schlug seinem Gegenspieler ins Gesicht, kurz vor Ende des zweiten Viertels. Die Sowjets verloren die Nerven, Fäuste flogen, es wurde getreten. Ein Foul nach dem nächsten. 4:0 führten die Ungarn vier Minuten vor Schluss. Dann schwamm Antal Bolvári zu seinem Kollegen Zádor und bat ihn: „Hey, kannst du mal den Prokopow übernehmen? Der Idiot hat mir das Trommelfell zerschmettert.“
 
„Klar.“ Zádor nahm sich des Russen an. Der trat zur Begrüßung gleich mal zu. Zádor wich aus: „Dann habe ich ihn angelächelt und ihm gesagt, wie hässlich er ist und dass seine Mutter auch hässlich ist.“ Zádor drehte sich einen kurzen Moment weg. Prokopow schraubte sich aus dem Wasser und schlug ihm von oben mit voller Wucht ins Gesicht.
 
Ein Schrei. Eisige Stille in der Halle. „Ich sah nur noch Sterne und dachte: Mann, was bin ich für ein Vollidiot. Ich hätte mich nicht wegdrehen sollen.“ Das Wasser färbte sich rot. Gellendes Geschrei im Publikum. Dann zog man Zádor aus dem Wasser. Blut rann aus einer Platzwunde unter dem rechten Auge. Die Zuschauer stürmten in Richtung Pool. Die Polizei musste die sowjetischen Spieler schützen – das Match wurde abgebrochen, Ungarn zum Sieger erklärt.
 
Die Reporter stürzten sich auf Zádor. „Ich sah die Kameras blitzen und hörte schon die Frage: ‚Sind sie ein Freiheitskämpfer?‘“ Er muss noch heute darüber lachen. „Mann, das hat mich in dem Moment herzlich wenig interessiert. Ich wusste nicht, ob ich am nächsten Tag im Finale spielen kann. Das war wichtig.“
 
Auf lange Sicht war es das nicht. Die olympische Medaille, die die Ungarn gewannen, war etwas für die Statistik. Was wirklich geblieben ist, ist der Sieg gegen die Sowjets. Ihm, nicht der Medaille, ist der Kinofilm gewidmet, der nun anläuft. Und auch beim Empfang im Parlament spricht niemand über die Olympiade 1956, sondern nur vom Jahrhundertspiel.
 
Als die Parlamentspräsidentin ergriffen ins Mikro haucht: „Die elf, die damals gegen die Sowjets gewonnen haben ...“, da wird klar, dass sie in ihrem Leben noch nie ein Wasserballspiel gesehen hat. Von allen Seiten raunt man ihr zu: „Sieben! Wasserball spielt man zu siebt!“ Doch man sieht es ihr nach. Denn eigentlich ging es ja nicht einmal um Wasserball. Symbolisch für diesen Sieg ist das Foto des blutenden Zádor, das damals um die Welt ging. Es gibt dem Volksaufstand eine tröstliche Note. Die Russen haben zwar die Ungarn geschlagen. Aber gewonnen haben die Ungarn.
 
 
23.10.06        Der Tagesspiegel
Sebastian Bickerich
 
Die Freiheit, sonst nichts
 
Budapest strahlt in allen Farben des Herbstes an diesem herrlichen Oktobertag. Niemand ahnt, dass dieser Tag, der 23. Oktober 1956, Ungarn und die Welt verändern wird. Zwei Demonstrationszüge ziehen durch die Stadt, um sich mit polnischen Arbeitern zu solidarisieren, die sich in Posen gegen die stalinistische Führung erhoben hatten. Im Februar, mehr als ein halbes Jahr zuvor, hatte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow mit seinem Vorgänger Stalin abgerechnet und damit einen ungeheuren Freiheitsdrang in Osteuropa ausgelöst.
 
Schnell weiten sich die Kundgebungen in Budapest zu einem Volksaufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht aus, schnell gerät die Herrschaft der Stalinisten ins Wanken. 13 Tage währt der ungarische Traum von Demokratie und Freiheit, 13 Tage die Regierungszeit des Imre Nagy, jenes Ministerpräsidenten, dessen knarzende Radioansprache im Angesicht der Niederlage sich ins Gedächtnis Ungarns und der Welt eingebrannt hat: „Hier spricht Ministerpräsident Imre Nagy. Sowjetische Truppen haben im Morgengrauen zu einem Angriff auf unsere Hauptstadt angesetzt... Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Platz. Ich bringe diese Tatsachen der Ordnung halber unserem Land und der ganzen Welt zur Kenntnis.“ 2500 Menschen lassen in den folgenden Tagen ihr Leben, 12 000 wurden bei den Kämpfen mit der russischen Invasionsstreitmacht verletzt, 200 000 Ungarn verlassen später ihre Heimat.
 
Wenn das offizielle Budapest heute der Revolution gedenkt, wird das ein Trauerspiel. Die Konservativen, die seit Wochen den Sturz des sozialistischen Lügenpremiers Ferenc Gyurcsany fordern, sehen den nationalen Befreiungskampf von 1956 als noch nicht abgeschlossen, sehen die gleichen Verräter von damals an der Macht – „Verräter“, gegen die sie sich in einer demokratischen Wahl nicht durchsetzen konnten. Die Sozialisten tun ihrerseits das Beste, um die Feierlichkeiten als Beweis ihrer Regierungsfähigkeit darzustellen, nach den durch ein inkriminierendes Tonband öffentlich gewordenen Wahlkampflügen ihres Ministerpräsidenten. So ist Ungarn ausgerechnet im 50. Jubiläumsjahr des Aufstands gespalten wie nie. Und glaubt man dem Schriftsteller Peter Esterhazy, dann hat das Land die Erinnerung an 1956 sogar schon wieder verloren – sie ist nunmehr bloß eine „parteipolitische Beute“.
 
Doch die Erinnerung an 1956 ist mehr als innenpolitisches Gezänk. Es ist die Erinnerung an ein Weltereignis, an ein Beispiel für Zivilcourage – und an ein Ereignis, das uns Deutschen auf lange Sicht die Einheit erst möglich machte. (…)
 
Viel wird in diesen Tagen über das Erbe dieser Revolution gestritten, nicht nur in Ungarn. Hätten die Revolutionäre siegen können? Wurden sie damals von den USA, die Tag für Tag über ihre Propagandasender Durchhalteparolen ausgaben, instrumentalisiert? Waren es England und Frankreich, die die Ungarn verraten haben, als sie inmitten der Budapester Revolutionstage die Suezkrise entfachten? Es ist müßig, heute darauf Antworten finden zu wollen. Was bleibt, ist etwas anderes: der Kampf eines kleinen Volkes gegen eine Supermacht, „für die Freiheit und sonst nichts“, so hat die Philosophin Hannah Arendt es genannt.
 
Der Aufstand im Oktober 1956 war die größte Herausforderung der sowjetischen Macht in Osteuropa – und zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für den Bankrott des Kommunismus. Er war eine siegreiche Niederlage, ein unvergängliches Kapitel aus der Geschichte menschlichen Mutes. Das ist es, was nicht nur in Ungarn bleibt: die Gewissheit, im Kampf um Demokratie und Freiheit auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Eine Gewissheit, die uns auch heute noch ein Beispiel ist.
 
 
 
 
22.10.06               Der Tagesspiegel
Hermann Rudolph
 
„Wir haben noch nicht gelernt, damit zu leben“
Ungarns Premierminister Ferenc Gyurcsany über den Volksaufstand, Freiheit, Frieden – und dreiste Lügen
 
 
Morgen ist der 23. Oktober 1956 fünfzig Jahre her, an dem die ungarische Revolution begann. Was, Herr Ministerpräsident, bedeutet für Sie das heutige Ungarn?

Der 23. Oktober ist der Feiertag der Freiheit. Er erinnert an die Revolution, die wie so viele ungarische Aufstände für Freiheit und Unabhängigkeit scheiterte und erst durch die Wende des Jahres 1989 vollendet wurde. Er enthält für uns auch eine aktuelle Herausforderung, weil Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet. Aber damit berühren wir bereits die Debatten von heute …

Ihr Land hat für die Revolution teuer gezahlt. Viele Freiheitskämpfer wurden verfolgt, eine große Zahl von Ungarn musste emigrieren. Dann sah es fast drei Jahrzehnte so aus, als hätte das Land seinen Frieden mit der Niederlage gemacht. Unter Janos Kadar, dem Dauerregierungschef von 1957 bis 1989, trug es das Etikett der „fröhlichsten Baracke im sozialistischen Lager“ nicht ganz ohne eine gewisse ironische Koketterie.

Die Welt unter Kadar war auf einem großen Kompromiss aufgebaut, genauer formuliert: auf einer Lüge. Zwischen der Macht und den normalen Menschen gab es eine Übereinkunft: Du forderst deine Freiheit nicht ein, und ich gebe dir dafür als Entgelt eine gewisse Sicherheit. Dann kannst du stolz darauf sein, dass es hier innerhalb des Lagers eigentlich am besten läuft.

Während wir hier in Ihrem Amtssitz im Parlament miteinander sprechen, versammeln sich draußen, auf dem Platz vor dem Parlament, die Demonstranten, die Ihren Sturz fordern, wie an jedem Tag seit vier Wochen. Der Anlass ist eine Rede, in der Sie – in einem rüden Vokabular – eingeräumt haben, die Wähler vor der Wahl über die wahre Lage belogen zu haben. Es ist derselbe Platz, der vor fünfzig Jahren ein Hauptschauplatz der Revolution war. Eint sie die Ungarn oder spaltet sie sie?

Vielleicht kann man sagen, dass die Nation den Weg zur Revolution sucht. Denn sie lebt in den Herzen von wenigen Leuten. Sie ist nicht zur persönlichen Feier von Millionen geworden. Auch deshalb fällt es der Politik leicht, damit herumzuspielen. Und es gibt einige, die versuchen, an den Kreuzungen die Schilder umzudrehen. Aber was wissen wir über die Nation? Wir wissen nur, dass einige Tausend Leute auf dem Platz sind.

(…)

Mit der Folge, dass Ungarn diesen Gedenktag in einem Zustand der politischen Krise begeht. Sie beziehungsweise die Sozialisten haben die Parlamentswahlen im April gewonnen. Die Opposition, die bürgerliche Jungen Demokraten/Bürgerbund, hat Anfang Oktober die Kommunalwahlen gewonnen. Der Oppositionsführer will das Volk gegen Sie mobilisieren, boykottiert Sie und verlässt, wenn ich das richtig weiß, das Parlament, wenn Sie anfangen zu sprechen.

Seien Sie bitte nicht böse, wenn ich jetzt keine Meinung über das Verhalten der Oppositionsführer äußern werde.

Es ist das Klima der Konfrontation, das bestürzt. Das gibt es gegenwärtig sonst nirgendwo in Europa. Selbst nicht in Polen mit seinen verhärteten Fronten …

Es gibt ein einziges Thema, das entscheidend ist: Ob wir es akzeptieren können, dass das Gemeinwohl sowohl von Liberalen oder von Konservativen oder auch von Sozialdemokraten befördert werden kann. Nach meinem Eindruck haben die Sozialisten damit kein Problem. Nur dem Vorsitzenden der größten Oppositionspartei, die übrigens schon vier der letzten fünf Wahlen verloren hat, fällt es schwer, das anzuerkennen.

Die Rede, die der Anlass für das Aufbrechen dieser Polarisierung war, kann man einen Offenbarungseid nennen. Denn sie betrifft eigentlich nicht nur die Jahre Ihrer Regierung, sondern die 16 Jahre seit der politischen Wende. Bereits in Ihrem Programm für die neue Regierung vom April haben Sie eine dramatische Bilanz gezogen: In Ungarn habe sich seit der Wende die Schere der Ungleichheit weiter geöffnet. Sorglosigkeit stehe neben Entbehrung und Resignation. Die ungarische Gesellschaft scheine – Ihre Worte – „sich immer mehr zu versteifen“. Das sind sehr kritische, fast vernichtende Urteile über eine Zeit, die doch einen Neuanfang für Ungarn bedeutet hat.

Etwas Neues hat tatsächlich angefangen, was die Demokratie und die Marktwirtschaft betrifft. Aber zugleich wurde die künstliche Welt der Gleichheit im Sozialismus durch einen Wettbewerb abgelöst, wie ihn die Menschen noch nie erlebt hatten. Es gab wenige Gewinner und viele, die sich als Verlierer fühlen. Und wir haben noch nicht gelernt, damit zu leben.

Man wirft Ihnen vor, dass Sie die Ungarn belogen haben. Aber man hat eher den Eindruck, Sie hielten der ungarischen Gesellschaft vor, sie belüge sich selbst.

Wir sollten selbstkritisch sein. Wir haben Illusionen gefüttert, für uns selbst und auch für die Wähler. Wir waren nicht tapfer, nicht mutig genug, ihnen klar zu sagen, dass die Person vor allem für sich selbst verantwortlich ist. Wir wollten die Marktwirtschaft so aufbauen, dass die Leute das Gefühl haben konnten, dass doch ein kleines Stück vom staatlichen Sozialismus erhalten bleibt. Und wir hatten damit kein Problem – weil wir nicht mutig genug waren.

Die Leute haben es nicht begriffen? Nicht begreifen wollen? Nicht begreifen können?

Die Jahrzehnte zwischen 1956 und 1990 waren in mancher Hinsicht sehr bequem. Ein bisschen relative Freiheit, ein bisschen relativer Wohlstand – aber sonst Stagnation und eine falsche Illusion von Sicherheit.

Das war die Vergangenheit. Aber was haben Sie selbst, was hat die politische Klasse versäumt in den 16 Jahren seit 1990, in denen Sie frei waren, politisch zu handeln?

Was eigentlich unsere Sache war, ein besseres Gesundheitssystem aufzubauen, das Schulwesen zu modernisieren, das Sozialwesen tragfähig zu machen, da haben wir viel zu wenig getan. Um ein Beispiel zu nennen: Wir wohnen im besten Bezirk der Stadt, und die Schule, in die mein Sohn geht, eine staatliche Schule, wo er übrigens auch Deutsch lernt, bietet ihm nach meiner Einschätzung die gleichen Umstände wie in, sagen wir, Düsseldorf. Nur 200 Kilometer östlich von Budapest gibt es aber Schulen, wo es kein Wasser gibt und die Zigeunerkinder unter sich bleiben. Mein Sohn und diese Kinder sind Mitglieder derselben Nation, beide gehen in staatliche Schulen. Das haben wir nicht fertiggebracht, zu verändern.

Hat der nötige Umbau, der Transformationsprozess, das Land insgesamt überfordert? Und ist das der tiefere Grund der Krise?

Um ein Rechtssystem umzubauen, genügen – sagen wir – ein paar Monate. Für einen grundsätzlichen Strukturwandel – drei bis acht Jahre. Aber die Mentalität umzugestalten – und da rede ich auch über uns selbst, über die Politiker – das dauert Jahrzehnte. Und wir sind noch am Anfang dieses Prozesses.

War der Bruch mit der realsozialistischen Vergangenheit zu groß oder war er nicht groß genug? Oder, um die Frage von Bruch und Kontinuität zu personalisieren: Sie waren als junger Mann ein kommunistischer Jugendfunktionär, sozusagen ein Nachwuchskader. Sie wurden nach der Wende ein erfolgreicher Unternehmer.

Ich kenne das Argument. Wenn man versucht, die ungarische Linke zu kritisieren, dann wird immer wieder über die Herkunft der neuen ungarische Elite spekuliert. Aber unter den 100 reichsten Leute in Ungarn werden Sie keine drei finden, die etwas mit dem Regime zu tun hatten oder selbst Funktionär waren. Die Veröffentlichung, die das belegt, ist gerade vor einer Woche erschienen.

Die Frage drängt sich auf, weil man sich jemanden wie Sie in Deutschland nicht vorstellen kann. In den so genannten neuen Ländern, also der ehemaligen DDR, gibt es keinen ehemaligen FDJ-Funktionär, der die Chance hätte, Ministerpräsident zu werden – aber auch keinen, der Millionär geworden wäre.

Aber bin ich so eine mysteriöse Person, die die Macht von einem Ufer auf das andere herübergebracht hat? Oder Ferenc Gyurcsany mit seinen Fähigkeiten, der 1990 nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit zu einer Firma gegangen ist und als Officeboy angefangen hat? Und der dann anfing zu studieren und vorwärts kam, ganz ohne eine Parteimitgliedschaft.

Paul Lendvai, ein 1956 geflohener Publizist, der in Deutschland als Orakel für Ungarn gilt, hat die Krise auf den Nenner der „Dialogunfähigkeit“ gebracht. Ist das Problem, mit dem Ungarn es zu tun hat, eine Frage der politischen Kultur?

Ich bin damit einverstanden, aber weit über die politische Kultur hinaus. Die Unfähigkeit zum Dialog ist spürbar auf allen Gebieten des ungarischen Lebens, in der Wissenschaft, in der Kultur, auch in den Medien. Aber das ist ein Problem für die ganze Region, von Polen bis Kroatien. Also für alle die Länder, deren demokratische Vergangenheit sehr kurz war und die ihre nationale Unabhängigkeit für lange Zeit verloren hatten.

Ungarn ist ein kleines Land, aber Millionen Ungarn leben in den Nachbarstaaten, in der Slowakei, in Rumänien. Da wirkt noch immer der Vertrag von Trianon, der 1919 das damalige Ungarn faktisch um seine Hälfte amputiert hat. Das ist für das Selbstverständnis Ungarns lange ein traumatisches Problem gewesen. In Europa, das ja ein Modell des Zusammenarbeitens ist, gibt es die Euregios als Modelle der Zusammenarbeit. Könnte so etwas diese Situation befrieden?

Es gibt natürlich Programme, um die Beziehungen in diesen Regionen zu entwickeln. Aber genauso wie Liebe mit Geld nicht zu kaufen ist, sind diese historischen Wunden nicht durch Autobahnen und Brückenbau zu heilen. Liebeskummer wird auch nur durch die Zeit geheilt, und das Trauma, das dieser Vertrag von Trianon verursacht hat, kann auch nur durch die Zeit geheilt werden – und, vielleicht, durch Weisheit.

Ungarn hat im letzten Jahrhundert kein leichtes Schicksal gehabt. Es hat zwei Kriege mit verloren. Es hat vor fünfzig Jahren mit der Revolution ein großes Zeichen für den Willen zur Freiheit gesetzt. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hat es seinen Platz in Europa wiedergefunden. Worin sehen Sie seine Aufgabe? Was kann Ungarn aus diesen Erfahrungen heraus den Europäern sagen?

Ungarn kann sich am besten nützlich machen, wenn es die Stabilität in Südosteuropa stärkt und stützt. Das ganze Jahrhundert hat ja gezeigt, was geschieht, wenn dieser Hinterhof in Europa in Unordnung gerät. Im Ungarischen sagt man: Der Kluge lernt vom Schaden des anderen. Gibt es das auch auf Deutsch?

In Deutschland wird man vom eigenen Schaden klug.

Vielleicht könnte man von Ungarn lernen, dass Friedlosigkeit in der Seele auf lange Frist auch eine tatsächliche Friedlosigkeit schafft.

Das Gespräch führte Hermann Rudolph.
 
 
22.10.2006                              Der Tagesspiegel
István Vörös
 
Vor die Gulaschkanone gespannt. Die letzte echte Revolution der Menschheit: Mit dem Ungarn-Aufstand am 23. Oktober 1956 ging der Glaube unter, dass das Volk zählt

Die fünfziger Jahre waren für Ungarn eine erfolgreiche Zeit. Das Land präsentierte der Welt seine „goldene Fußballmannschaft“, und es bescherte ihr die größte antisowjetische Revolution von ganz Osteuropa. Dabei war es zu der Zeit nicht leicht, in Ungarn zu leben: Einem Witz zufolge, den man sich in Pest erzählte, blieben die Leute, die nicht emigrierten, aus reiner Abenteuerlust zu Hause. Was Ende Oktober 1956 geschah, gehört zu den Höhepunkten der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Ein Höhepunkt, weil sich das nüchterne Denken der kleinen Leute und das ironische Denken der kritischen Intelligenz verbündeten und gegen die dunklen Kräfte der Geschichte durchsetzten.

Ich konnte 1956, acht Jahre vor meiner Geburt, nicht ahnen, als Ungar zur Welt zu kommen. Und meine Eltern auch nicht. Sie waren Oberschüler in einem Stuhlweißenburger Schülerwohnheim. Mein Großvater half in seinem Dorf, den Stern vom sowjetischen Ehrenmal zu entfernen, weshalb er zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Als ich, halbwüchsig, in dem Film „Tagebuch für meine Kinder“ von Mártan Mészáros den ahnungslosen, aber neunmalklugen Sohn des berüchtigten Ernö Gerö, des Generalsekretärs der Ungarischen Arbeiterpartei, spielen durfte, wollte Großvater mich deshalb rausschmeißen. Später schrieb ich als Dramatiker für einen Film über 1956 von György Szomjas die Dialoge und fand mich dadurch mitten zwischen den einfachen Bürgern der Revolution wieder.

Die persönlichen Erinnerungen haben sich abgenutzt. Mein verhafteter Großvater lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr, meine Eltern erlebten den Aufstand aus der Sicht von Kindern, und in meiner eigenen Kindheit bestand das Ereignis nur aus einem einzigen Wort, das ich nicht verstand: Konterrevolution. Eine Revolution möchte das Bestehende verändern. Also hat eine Gegenrevolution zum Ziel, dass sich nichts verändert; so lautete meine kindliche Analyse. Sie muss so etwas gewesen sein wie eine Gegenströmung, dachte ich. Darum war ich überrascht, als unser Musiklehrer am Gymnasium uns am 25. Jahrestag mitteilte, 1956 habe es keine Konterrevolution, sondern eine richtige Revolution gegeben. Das kam mir logisch vor, aber warum flüsterte er?

Die Sache blieb ein dunkler Fleck in unserer Geschichte, doch man war daran gewöhnt, Lügen und Halbwahrheiten als eine eigene Form der Wahrheit hinzunehmen. In meiner Jugend, den frühen achtziger Jahren, spielten die Erwachsenen immer wieder auf etwas Geheimnisvolles an, etwas, das geschehen war, worüber man aber nicht sprach, obwohl es besprochen werden müsste. Sogar die Kulturfunktionäre und auch der gefürchtete Sicherheitschef taten das im Fernsehen. Seinerzeit herrschte zum Thema Revolution Einvernehmen im ganzen Volk. Das Volk ging – die Todesopfer, die Eingekerkerten und Emigranten ausgenommen – einen hübschen Handel mit den Mördern, den Kerkermeistern und den Landesvertreibern ein, und die ließen in der fröhlichsten Baracke Osteuropas nur den zu, der sich mit seinem Schweigen mitschuldig machte.

Als ich geboren wurde, tauchte schon in der Entbindungsstation ein Geheimpolizist auf, der mir den Eid abnahm, niemals nach den Morden von 1956 zu fragen. Sprechen konnte ich noch nicht, also konnte ich nicht schwören. Auch Großvater, der in der Haft mehrmals verprügelt wurde, musste schwören, er werde darüber nicht reden. Er schwor zwar nicht, aber er sprach auch nicht darüber. Wir lebten gut, doch das verdankten wir dem Pakt mit dem Teufel. Man gab uns billiges Brot und billige Milch, und erwartete dafür, dass wir schweigen und jeder wenigstens einmal das Wort Konterrevolution aussprechen würden. (...)

Vielleicht kam János Kádárs Machtübernahme zu früh. Vielleicht ging mit der geistigen Vorbereitung der Revolution aber auch alles zu schnell. Es hat zwei Wochen gegeben, in denen die Menschen ein bisschen Ungarn, ein bisschen frei, ein bisschen Revolutionäre waren, dann wurde dies alles gründlich vergessen. Die Mutigeren machten Anspielungen, alle gaben sich Mühe und hatten ein gutes Leben, sie schluckten den Gulasch des Kommunismus hinunter, als wäre er Zungenfleisch. Es war so leicht, das, was 1956 geschehen war, zu leugnen oder zur Bagatelle zu erklären. Mein Großvater sagte, er habe bei der Abnahme des Sowjetsterns nur geholfen, weil er sah, dass die anderen damit nicht zurechtkamen, er habe nicht geahnt, in was er sich da einließ. Sonntags schwebte über dem Essen nicht nur Suppendunst, auch eine kleine Lügenwolke.

Wir müssen neu erforschen, was damals geschah. Die Augenzeugen erzählen meist nur noch Dummheiten, oder sie sind so klug, dass man ihnen kein Wort glauben kann. Die Überlieferungen sterben nicht mit dem Tod der Augenzeugen. Sie starben bereits, als sie leugneten, was sie gesehen hatten.Vielleicht vollzog sich 1956 die letzte echte Revolution der Menschheit. Denn die Zeit der Revolutionen ist vorbei, Veränderungen, auch die radikalen, werden künftig andere Formen annehmen. Es wird wohl zum bewaffneten Volksaufstand nicht mehr kommen. Heute glaube ich, dass es doch eine kalte Konterrevolution gegeben hat.

Vielleicht begann das von Francis Fukuyama beschworene „Ende der Geschichte“ bereits im November 1956, mit der Niederschlagung der Revolution – als sich zeigte, dass der Wille eines ganzen Volkes nichts mehr zählt. Den Zugang zu dieser tragisch-schönen Episode müsste das heutige Ungarn wiederfinden. Und finden sollte ihn auch Europa. Ich weiß, die westeuropäischen Staaten konnten nicht helfen, aber indem sie nicht halfen, beendeten sie für sich selber die Geschichte. Die Sechsundfünfziger waren einmal jung und kühn, aber von ihnen lernen kann man nicht mehr. Wir müssen herausfinden, wie das, was mit uns geschieht, wahre Geschichte wird.

István Vörös, 1964 in Budapest geboren, ist Lyriker, Essayist und Kinderbuchautor. Zurzeit lebt er als DAAD-Stipendiat in Berlin. Auf deutsch erschien bei der Wiener Edition Korrespondenzen der Gedichtband „Die leere Grapefruit“. – Aus dem Ungarischen übersetzt von Hans Skirecki.
 
 
21.10.06                                       Neues Deutschland
Karl-Heinz Gräfe 

Budapester Herbst. Konterrevolutionärer Putsch oder Versuch einer Reformierung des Sozialismus? 
 
»Was war in Ungarn los?« Unter diesem Titel erschien 1957 im SED-Verlag Dietz ein Bericht der österreichischen Journalistin Eva Priester. Damals noch Student habe ich ihn gelesen und ihm geglaubt, wie auch den vom ungarischen Informationsamt herausgegebenen fünf Bänden zum Prozess gegen »Imre Nagy und Komplizen«. Im »Eva-Bericht« und in der Dokumentation war zu lesen, dass Nagy »Wegbereiter des Faschismus« gewesen sei und mit Schlagworten wie »Sozialismus ohne Stalinismus« oder »demokratischer Sozialismus« die Massen verführt habe. Wie war es wirklich? Was war in Ungarn los?

Heftige Debatten

Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 fand auch in Ungarn ein großes Echo. Das reformkommunistische Potenzial, welches notwendige Veränderungen hätte durchsetzen können, befand sich weitgehend außerhalb der Parteiführung: in den Verbänden der Schriftsteller, Künstler und Journalisten sowie in einem von der Föderation der Arbeiterjugend gegründeten Klub, der den Namen des Dichters der Märzrevolution 1848, Sándor Petöfi, trug. In vielen Städten und auf dem Lande fanden öffentliche Debatten statt. Der ehemalige Rätekommissar und namhafte Wissenschaftler György Lukács offerierte seine Ideen für eine Erneuerung des Sozialismus, Veteranen des antifaschistischen Widerstandes verlangten die Rehabilitierung des im ersten stalinistischen Schauprozess in Osteuropa (1949) zum Tode verurteilten Laszlo Rajk, Schriftsteller forderten die Aufhebung der Zensur. Vertreter unterschiedlichster Berufsgruppen und Generationen artikulierten ihren Wunsch nach einer Rückkehr zu jenem demokratischen und nationalen Weg, wie ihn Imre Nagy in den Jahren 1953 bis 1955 schon beschritten hat.
Nach dem Arbeiteraufstand in Poznan vom 28. bis 30. Juni 1956 (vgl. Gerd Kaiser: »Solange kein Blut fließt ...«, ND vom 24./25. Juni 2006) glaubten die Hardliner in Budapest jedoch, neue Argumente für ihre Verweigerungshaltung zu haben. Auf einer ZK-Tagung der USAP am 30. Juni verlangte Rákosi, entschiedener gegen den Petöfi-Club und die Parteiintellektuellen vorzugehen, da diese die ungarischen Arbeiter in die Irre führten. Am 12. Juli streikten die Stahlarbeiter des »roten Csepel«. Ein am folgenden Tag in Budapest eingetroffener Emissär aus Moskau überbrachte die »Sorge« von Mikojan und Chruschtschow, dass der Petöfi-Club als »paralleles ZK« fungiere und die dortigen Debatten das »ideologische Poznan ohne Schüsse« seien. Am 18. Juli musste Rákosi zurücktreten; er begab sich mit seiner jakutischen Ehefrau zum Urlaub in die UdSSR (um dort bis zu seinem Tode 1971 zu bleiben). Sein Nachfolger als Parteichef wurde Ernö Gerö und nicht, wie von vielen erhofft, János Kádár. Eine Fehlentscheidung, ebenso wie die nicht gleich erfolgte Ersetzung des Premiers Hegedüs durch den im Volk beliebten Nagy.
Die Unruhe im Land wuchs. Ab Mitte Oktober tagte das Politbüro der Partei in Permanenz. In der Nacht zum 24. Oktober raffte es sich auf, Nagy zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Eine Chance, die Krise gewaltfrei zu lösen wie zeitgleich in Polen bestand nun allerdings kaum mehr.
Im Gefolge der Ereignisse in Poznan Ende Juni 1956 war in Polen der auf Stalins Geheiß von Bierut 1948 als Parteichef abgelöste und 1951 inhaftierte Wladyslaw Gomulka rehabilitiert und in die Politik zurückgeholt worden. In der polnischen Partei gab es im Gegensatz zur ungarischen einen starken reformkommunistischen Flügel (Pulawska-Gruppe). Am 19. Oktober trafen Chruschtschow, Molotow, Kaganowitsch, Mikojan, Shukow sowie Marschall Konew, Oberkommandierender des Warschauer Vertrages, zur Eröffnung des VIII. Plenums der polnischen Partei in Warschau ein. Chruschtschow beschuldigte Gomulka, das sozialistische System zum Einsturz bringen und Polen aus dem Warschauer Vertrag herauslösen zu wollen. Shukow drohte, das Land in drei Tagen militärisch zu besetzen. Da inzwischen zehntausende Arbeiter, Studenten, Armeeangehörige in Warschau, Gdansk, Gdynia, Poznan und Krakow die Unterstützung der neuen Führung bekundet hatten, konnte Gomulka den Gästen selbstbewusst entgegnen: »Ich glaube nicht, dass die Zusammensetzung der Führungsspitze irgendeiner kommunistischen Partei Gegenstand von Diskussionen mit einer Bruderpartei sein kann.« Zugleich versicherte er, das Militärbündnis nicht verlassen zu wollen, und plädierte für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit der UdSSR. Er überzeugte, die sowjetischen Truppen kehrten an ihre Standorte zurück.
Unter der Losung »Polen zeigt uns, dass es geht«, zogen nun in Budapest am 23. Oktober 1956 Tausende von Studenten zu den Denkmälern des Freiheitskämpfers Petöfi und des legendären polnischen Generals Bem, der 1849 die ungarischen Truppen gegen die Habsburger und die Interventionsarmee des russischen Zaren geführt hatte. Immer mehr Hauptstädter strömten hinzu. In den Abendstunden waren es ihrer 200 000, die nun unüberhörbar verlangten, dass Nagy wieder ans Staatsruder soll. Doch als der Gerufene, von der Weinlese am Plattensee zurückgeeilt, um 21 Uhr vor die Massen trat, enttäuschte er. Seine kurze Ansprache ließ die Massen unbefriedigt. Mehrere Demonstranten meinten, ihrem Ärger sichtbar Ausdruck zu verleihen. Sie stürzten das Stalin-Denkmal und zogen es mit einem Traktor durch die Straßen. Andere versammelten sich am Rundfunkgebäude und verlangten, die Forderungen der Studenten zu senden. Während der folgenden gewaltsamen Zusammenstöße gab es auf beiden Seiten je einen Toten.

»Für uns billiger«

An diesem 23. Oktober hatte bereits um 20 Uhr Sowjetmarschall Shukow Marschbefehl für zwei der vier in Ungarn stationierten sowjetischen Divisionen erteilt. Gegen 21 Uhr bestätigte das KPdSU-Präsidium die Intervention. Einzig Mikojan stimmte dagegen: »Ohne Nagy kann die Bewegung nicht unter Kontrolle gebracht werden«, warnte er. Und ergänzte: »Das wäre für uns auch billiger. Die Ungarn selbst sollen Ordnung machen. Wenn unsere Truppen einmarschieren, verpatzen wir für uns die Sache.«
Ungarns Parteichef Gerö wurde erst zwei Stunden später vom Beschluss der Moskauer Führung in Kenntnis gesetzt. Als Nagy am Vormittag des 24. Oktober 1956 sein Amt als Regierungschef antrat, befanden sich schon 6000 sowjetische Soldaten mit 290 Panzern und 156 Geschützen in Budapest. Doch 2000 bewaffnete Ungarn leisteten Widerstand. Bis zum 27. Oktober 1956 starben 600 Ungarn (darunter 150 Polizisten) und 350 Sowjetsoldaten.
Premier Nagy und der neue Parteichef Kádár handelten am 28. Oktober mit den Aufständischen sowie den inzwischen allerorts entstandenen Arbeiterräten, National- und Revolutionskomitees einen Waffenstillstand aus. Es wurde – nach dem Vorbild des ersten Nachkriegskabinetts – eine nationale Koalitionsregierung gebildet. Ihr gehörten Vertreter der sich erneuernden KP (mit Nagy, Kádár, Maleter, Geza Losonczy, Lukács) der wieder zugelassenen Sozialdemokratie (Ana Kethly, Gyula Kelemen, Jozsef Fischer), der Nationalen Bauernpartei (Istvan Bibo, Ferenc Farkas) und der Partei der Kleinen Landwirte (Tildy, Bela Kovacs, Istvan B. Szabo) an. Nagy beauftragte General Bela Kiraly, aus Teilen der Armee, Polizei und Aufstandsgruppen die Nationalgarde aufzubauen. Die basisdemokratischen Räte und Komitees sollten in die neue Staatsmacht integriert werden. Die Arbeiterräte der Hauptstadt beschlossen für den 5. November die Wiederaufnahme der Arbeit in den Betrieben.
Nagy und Kádár beurteilten die Oktoberereignisse als ein »nationales und demokratisches Aufbegehren« und nicht als Konterrevolution. Moskau lenkte vorerst ein. Am 30. Oktober 1956 – an dem Tag, an dem eine rechtsextreme Terrorgruppe das Budapester Parteikomitee angriff, den sich ergebenden Stadtparteichef Imre Mezö und weitere 22 Kommunisten bestialische ermordete – bestätigte das KPdSU-Präsidium die friedliche Krisenlösung und entschied, die sowjetischen Einheiten aus Budapest zurückzuziehen sowie Verhandlungen über den generellen Abzug ihrer Truppen aus Ungarn zu eröffnen. USA-Präsident Eisenhower hatte tags zuvor den Kreml wissen lassen, dass er die »Satellitenländer nicht als mögliche potenzielle Verbündete betrachtet«. Er war vollauf mit der Suez-Aggression seiner britischen und französischen Verbündeten beschäftigt. Was ihn nicht hinderte, über den in München stationierten Sender »Freies Europa« die Aufständischen zum Durchhalten und zu einer modernen »Bartholomäusnacht« aufzuhetzen.
Am 1. November 1956 verkündete Nagy: »Wir wollen weiter nichts als die Unabhängigkeit und wollen nicht, dass unser Land zum Kriegsschauplatz wird.« Er und seine Mitstreiter beunruhigte, dass entgegen sowjetischer Zusicherungen fünf Divisionen in das Land eingedrungen sind. Tatsächlich hatte das KPdSU-Präsidium am 31. Oktober eine neue Militäroperation beschlossen: Am 4. November sollte in Ungarn endgültig »aufgeräumt« werden. Dazu holte sich Chruschtschow das Einverständnis von Peking, Prag, Sofia, Bukarest ein, Warschau fragte man nicht.
Kádár wurde nach Moskau bestellt und vor vollendete Tatsachen gestellt. (...)

Blutiger Aderlass

In Folge der zweiten sowjetischen Invasion (diesmal mit 60 000 Mann) erhöhte sich die Zahl der getöteten Ungarn auf 2652, die der Sowjetsoldaten auf 669. Abertausende Ungarn wurden verhaftet und interniert, 22 000 erhielten langjährige Haftstrafen, 229 wurden hingerichtet, darunter Nagy und Genossen. Fast 200 000 Ungarn verließen ihre Heimat, zu ihnen gehörten 8000 Studenten.
Bis 1957 konnte die von Moskau eingesetzte »Arbeiter- und Bauernregierung« unter Kádár nur mit Ausnahmezustand regieren. Es gelang ihm jedoch in der Folge, den attraktivsten, demokratischsten, freiheitlichsten und ökonomisch effizientesten Sozialismus in Osteuropa zu gestalten.

Unser Autor ist Professor für osteuropäische Geschichte.
 
 
21.10.06               Neues Deutschland
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Nagy, Rákosi, Kádár. Drei Hauptakteure der ungarischen Tragödie
 
Auf der politischen Bühne Ungarns agierten im Herbst '56 Zehntausende, zu den Hauptakteuren gehörten – neben jenen hinter den Kulissen – drei Ungarn, die in ihrem Wesen, in ihrer Geisteshaltung und ihrem Verhalten nicht unterschiedlicher sein konnten: Imre Nagy, Mátyás Rákosi und János Kádár.
 
Der 1896 in Kaposvár, südlich des Plattensees geborene Schlosser Imre Nagy, der sich als Kriegsgefangener den russischen Bolschewiki 1918 angeschlossen und seit 1921 aktiv in der illegalen kommunistischen Bewegung das faschistische Horthyregime bekämpft hatte, war in den 30er Jahren Mitarbeiter des Internationalen Agrarinstituts der Komintern in Moskau. Nach kurzer Haft 1938 überlebte er Stalins »Großen Terror« und wurde im befreiten Ungarn als kommunistischer Minister in der bürgerlichen Koalitionsregierung durch seinen Einsatz für die Bodenreform bekannt.
Mátyás Rákosi, der 1892 in Süd-ungarn als Sohn einer vermögenden jüdischen Kaufmannsfamilie das Licht der Welt erblickt und Bankwesen studiert hatte, war 1919 Volkskommissar in Bela Kuns Räteregierung, Kominternsekretär, saß 17 Jahre im Horthygefängnis und stand an der Spitze der KP Ungarns, die in der ersten frei gewählten Regierung 1945 die treibende Kraft des gesellschaftlichen Umbaus war, der den Landhunger einer halben Million Bauern sättigte, Hungersnot und Arbeitslosigkeit überwand. Bereits im Januar 1946 lag Rákosi in der Beliebtheitsskala hinter Bauernführer und Staatspräsident Zoltan Tildy und sogar vor Primas Jozsef Mindszenty. Die britische großbürgerliche Zeitung »Manchester Guardian« sah in Rakosi »eine herausragende Persönlichkeit«.
Ein erstaunliches Lob für einen Mann, der seit 1947, als Ungarn den Weg zum Sozialismus zu beschreiten begonnen hatte, das sowjetische Gesellschaftsmodell in seinem Land durchzusetzen versuchte, bedingungs- und rücksichtslos wie nirgendwo anders in Osteuropa. Es war sein »Verdienst«, dass bis Mai 1953 wegen »Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit« 40 000 »Volksfeinde« verhaftet oder in Zwangsarbeitslagern interniert sowie 13 000 begüterte Budapester deportiert und deren Wohnungen in der Hauptstadt beschlagnahmt wurden. Zu den Opfern von Ungarns Stalin gehörten auch einstige namhafte Mitstreiter wie Innenminister Laszlo Rajk und Sicherheitschef Ernö Szücs.
1949 entließ Rákosi auch Nagy aus der Führungsriege, der schon damals einen Sozialismus mit demokratischen Methoden und den ungarischen Verhältnissen angepasst anstrebte. Im Zuge der »antisemitischen Säuberungen« verlangte Moskau 1951 Nagys Wiederaufnahme in das ZK. Nach Stalins Tod zwang das neue Macht-Duo Malenkow-Berija im Juni 1953 den inzwischen im Volk gründlich verhassten Rákosi, sein Amt als Premier an Nagy abzugeben. Dieser erschien mit seinem neuen Kurs der geeignete Krisenmanager. 18 000 Repressionsopfer wurden freigelassen.
Nagy trieb wie kein anderer osteuropäischer Führer die Entstalinisierung weit über die von Moskau gesetzten Grenzen in Richtung eines demokratischen, freiheitlichen und ökonomisch effizienten Sozialismus. Nach Malenkows Machtverlust beschuldigte der zum alleinigen Kremlherrn aufgestiegene Chruschtschow Nagys Bauernpolitik als »bucharinistisch«, dessen Kurs zur Verbesserung der Lebensbedingungen als »pazifistisch«. Zudem befürchtete er, dass das mit Österreichs Unabhängigkeit zum »Frontstaat« gewordene Ungarn sowjetischer Kontrolle entgleiten könne und ersetzte 1955 Nagy durch Andras Hegedüs, einen Gewährsmann des Parteichefs Rákosi. Der stalinistische Restaurationskurs stürzte das Land schon nach einem Jahr in eine tiefe Krise. Auch nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 verteidigte der »letzte Mohikaner« des osteuropäischen Stalinismus seine Politik gegen die »rechte nationalistische Abweichung« Nagys. Aber ihm widersprach u. a. János Kádár. Der 1912 geborene, in bescheidenen Verhältnissen im südwestungarischen Kapoly aufgewachsene Feinmechaniker, Mitglied der KP seit 1932, war nach 1945 in das Politbüro aufgerückt und brachte es bis zum stellvertretenden Parteichef. 1951 unter dem Vorwurf des Titoismus verhaftetet, war er bis 1954 inhaftiert. Nach seiner Rehabilitierung war er Gebietssekretär in Pecs. Rákosi sah in ihm einen Rivalen und machte UdSSR-Botschafter Andropow klar, dass Kádárs Aufnahme ins Politbüro eine Gefahr für die »Einheit der Partei« sei. Es war Kádár, der letztlich als Sieger aus diesem Dreigestirn hervorging.
 
 
21. Oktober 2006                Neue Zürcher Zeitung
György Konrád

Das plötzliche Schwinden der Angst. Erinnerung an den gescheiterten ungarischen Volksaufstand vom 23. Oktober bis 4. November 1956

«Wo waren Sie am 23. Oktober 1956, und was haben Sie am 4. November 1956 gemacht?», fragte mich Anfang der neunziger Jahre eine junge Journalistin. Am 23. Oktober hatte ich keine Waffe in der Hand, am 4. November dagegen schon. Doch warum das so gewesen war, darauf wusste ich plötzlich keine Antwort. Ich erinnere mich, dass am ersten Tag der Ereignisse ein schöner, heller Vormittag war. An dem Tag hätte die erste Nummer der Monatsschrift für Literatur und Politik «Lebensbilder» erscheinen sollen, für die ich als Volontär tätig war. Ich sass in einem Eckzimmer der Andrássy út, ausser mir war keiner da. Gegen zehn machte ich mich an die Lektüre dilettantischer Manuskripte. Ein ansehnlicher, die Papiere begleitender Lebenslauf begann etwa so: «Wir waren zu zehnt und hungerten oft.» Jeder Stellen- oder Studienbewerbung musste ein Lebenslauf beigefügt werden. Schon im zweiten Satz hatte die präzise Angabe zur Klassenzugehörigkeit der Eltern zu erfolgen.
Ich selbst begann für gewöhnlich so: «Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie.» In den Namenlisten von Schule und Universität gelangte deshalb neben meinen Namen der Buchstabe X. Das bedeutete: klassenfremd, unzuverlässig, kann gerade noch geduldet, doch gemäss lokalen Beschlüssen auch relegiert werden. Anständige Buchstaben hatten die anderen: A für Arbeiter - gleich Elite, B für Bauer - auch gut, aber weniger, AG für Angestellte - weder kalt noch warm, I für Intelligenz - muss noch überprüft werden. Aber X! Verdächtig allein schon wegen der Form des Buchstabens: Ein anständiger ungarischer Name fängt nicht mit einem X an, das X ist ein kosmopolitischer Buchstabe. Ich war ixig, ein schädliches Element, was für mich nicht neu war. Früher schon hatten sie Buchstaben neben meinen Namen gesetzt: entweder ein J. oder die drei Lettern Isr. oder je nachdem die schroffere Anmerkung «Jude».

WIR SIND DAS VOLK

Plötzlich fand ich mich im Demonstrationszug wieder, ich war vom Gehweg heruntergetreten und hatte mich den Jugendlichen zugesellt. Manche hakten sich unter und warteten an jeder Strassenecke darauf, dass der Staatsschutz anrücken und die Marschkolonne auseinandertreiben würde. Ein Wunder, wie sich die Bevölkerung innerhalb einer Stunde in ein Volk verwandelte. Schluss mit der Erstarrung, wir haben sehr wohl ein Recht auf die Strasse. Eigenartig, nun haben sie Angst vor uns und nicht wir vor ihnen. Auf ein Blatt Papier kannst du schreiben, was immer du willst, und es an einen Baumstamm heften. Eine Rhetorik ist zusammengebrochen. Aufruhr der Sprache, die ganze Stadt eine einzige Wandzeitung. Volksfest der Unbotmässigen.
Der erotische Zauber der Masse verführt die Polizisten. Statt zu schiessen, verschmelzen sie mit den anderen. Die eigenen Worte lehnten sich gegen das Regime auf: Revolution, das galt in der Schule als ein schönes Wort, nun bitte, da habt ihr sie. Das ist keine Stunde der Nüchternheit. Wenn das Volk die Herrschaft der Lügner ablehnt, dann ist es ein Feind der Volksmacht. Gesindel! Geht nach Hause! Sie gehen nicht. Warnschüsse. Die Menschen schiessen zurück. Die Monster sind gegen die Kugeln gefeit. Albdrücken! Binnen Stunden löst sich alles, was über Jahre die Ordnung der Dinge gewesen ist, in nichts auf.
Unter leichten Vorbehalten bin ich in der Menge mitgetrottet. Zwar gab es Gründe dafür, dabei zu sein, doch war ich schon zu den Demonstrationen am 1. Mai mit Hunderttausenden aus Zwang und auch aus Höflichkeit mitmarschiert. Etwas musste getan, angezündet, niedergerissen werden! Aus der rot-weiss-grünen Fahne das Wappen mit Ährenkranz, Hammer und fünfzackigem Stern herauszuschneiden oder herauszubrennen, war eine relativ einfache Lösung. Dass die restlichen Teile der Fahne unversehrt blieben, dazu bedurfte es jedoch eines gewissen Sachverstands. In solch heftigen Szenen fühlte ich mich unwohl. Mich machte der Kollektivkult nicht trunken. In meiner Erinnerung vermischten sich die Demonstrationen, an denen ich teilgenommen hatte. Von den meisten hatte ich mich verdrückt. Jetzt machte ich mich nicht aus dem Staub. Die Strassenbahn stellte ihren Betrieb ein, vom Bürgersteig winkten alte Frauen und Babys im Kinderwagen. Der Dichter macht grosse Gesten, mit wohltönender Stimme ru!
ft er: «Leute, das ist eine Revolution!»
Ich würde mich eher als geduldig bezeichnen, keineswegs als kämpferisch oder gar revolutionär. Meine Einfalt geht allerdings mit Eigensinn einher. Die Maschinenpistole trug ich eher wie ein Bürger seinen Regenschirm, der ja gebraucht werden könnte, sicher ist sicher. In meiner Erinnerung an die Demonstrationszüge, die zum Sturz des Regimes führen sollten, wechseln sich Bilder von Unbeholfenheit mit religiös weihevollen Bildern ab. Die einst winzige, fast nicht existente Opposition schwillt zu einer mächtigen Kraft an. Es bedarf kaum einer Organisation, die Menschen strömen von selbst auf den Platz, ein inneres Gebot führt sie dorthin.

ETWAS TUN

Auf dem Platz stehen, das genügt nicht. Es gilt, von einem Symbol zum anderen zu ziehen, Statuen umzustürzen, Gefängnistüren zu öffnen, Druckmaschinen, das Rundfunkgebäude, das Fernsehen, die Knotenpunkte der Netzwerke. Vom Balkon aus werden Fahnen geschwenkt, und ein humanistischer Wissenschafter wird hinausgedrängt, um beim Anblick der erhitzten Menge erhabene Sätze zu formulieren, wie er es noch nie zuvor getan hat.
Am Tag nach dem Ausbruch der Revolution fing ich nichts Besonderes an. Ich sass zu Hause, sprang von einem Radiosender zum anderen. Ich versuchte, Rechenschaft über den vorangegangenen Tag abzulegen, kaufte Brot und Fleisch ein; für das Kind legten wir eine Milchpulver-Reserve an. Am dritten Tag gelang es mir, einem aus dem Fenster springenden Wahnsinnigen und einem Salvenfeuer auszuweichen. Am vierten Tag ging ich zur Universität, und als ein junger Dichter und Übersetzer schreiend über den Flur rannte: «Jungs! Wer will eine Maschinenpistole haben?», meldete ich mich. Bald darauf war ich Mitglied der aus Studenten sich organisierenden Nationalgarde und stützte mich mit den Ellenbogen auf das Führerhaus eines offenen Lastwagens.
Mein Chefredaktor hatte sich in den Sessel des Ratsvorsitzenden von Budapest gesetzt, das Mehrparteiensystem wurde installiert, wir traten aus dem Warschauer Pakt aus, und es hatte schon den Anschein, dass die sowjetischen Truppen abziehen würden, als sie mit weiteren viertausend Panzern einmarschierten und mit ihren Kanonen dorthin feuerten, von wo aus Maschinenpistolen auf sie geschossen wurde, im weiteren Verlauf auch dorthin, von wo niemand auf sie schoss, einfach nur so, um der Abschreckung willen.
Generalstreik, permanente Ferien, ein auf die ganze Stadt sich erstreckendes Theater, die Erfahrung komprimierter Gegenwart. Unter den Kämpfenden waren die Sträflinge aus dem Bergbau womöglich am mutigsten, wie überhaupt die aus dem Gefängnis Befreiten, die manchmal noch Häftlingskleidung trugen. Vielleicht ist das Jahr 1956 das denkwürdigste meiner Jugend gewesen: das plötzliche Schwinden der Angst und die unerwartete Ermutigung.

(…)

AUFGESCHRECKT

Ich ging durch die Strassen und las die mit Reisszwecken befestigten Aufrufe. Sie forderten den restlosen Abzug der sowjetischen Truppen. Im Restaurant diskutierten einige Leute darüber, wie weit man zurückgehen müsse. Bis zur Einführung des Einparteiensystems, bis 1949 also? Bis 1945, bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen? Oder noch weiter zurück? Bis zum Einmarsch der Deutschen? Oder noch weiter zurück? Wo sollten wir Fuss fassen? Welches war ein zuverlässiger Ausgangspunkt? Sollte es aber keinen geben, könnte dann nicht dieser heutige revolutionäre Tag der Beginn einer neuen Zeitrechnung sein? Ein Reporter hatte Informationen vom Abzug der sowjetischen Panzer, ein anderer wusste es genau umgekehrt; die Eisenbahner meldeten, auch auf Rädern rollten die Raupenfahrzeuge landeinwärts.
Am letzten Abend, dem 3. November 1956, am Sonnabend, gingen wir zu Fuss zu meinen Eltern zum Essen. Strassenbahnen fuhren keine, bei einer Tasse Kaffee politisierten wir mit meinem Vater, dann hatten wir es eilig, um noch vor der Ausgangssperre nach Hause zu gelangen.
Wir genossen einen familiären Abend, eine neue Wirklichkeit bildete sich heraus: Es gab schon Parteien, Zeitungen und Politiker unterschiedlichster Schattierungen, das Ganze funktionierte bereits von selbst, meine Maschinenpistole würde ich nicht mehr brauchen. Als Budapest im Morgengrauen des 4. Novembers 1956 vom Geschützdonner der Kanonen aufgeschreckt wurde, lag ich an Veras Seite in dem schmalen Bett. Sollten mich Bewaffnete abholen wollen, würde ich schiessen, stellte ich mir in der Dunkelheit vor, während ich Vera umschlang.
Der Moment des Aufschreckens ist identisch. Frauen und Männer stützen sich gleichermassen im Bett auf, die Männer geben sich fachkundig, jawohl, Panzerabwehrkanonen des T 54. Dann stellen alle das Radio an und hören, was später in jedem Zeitungsartikel zitiert werden wird: «Die sowjetischen Truppen dringen in unser Land ein, mit der offenkundigen Absicht, die rechtmässige Regierung zu stürzen. Wir sind an unserem Platz. Unsere Truppen befinden sich im Kampf.» In unserem Zimmer herrschte noch Dunkelheit, Aneinanderkuscheln, denn Vera wusste schon, woran ich dachte. Wenn unsere Truppen kämpfen, dann springen wir zwar nicht, aber taumeln aus dem Bett. Noch konnte ich nicht wissen, dass sich die rechtmässige ungarische Regierung, als ich die Wohnung verliess, bereits in der jugoslawischen Botschaft befand.
Mit umgehängter Maschinenpistole trottete ich durch das Treppenhaus. Auf der Strasse, den Blick nach links gerichtet, sah ich sogleich eine Panzerkolonne, die über die Ringstrasse zog. Eine nicht enden wollende Armada von Panzern ratterte von Ost nach West. Aus einem Hausflur sprach mich ein Mann an und zog mich zu sich herein. «Wenn sie dich mit der Maschinenpistole sehen, schiessen sie dich zusammen.» Wozu eigentlich muss ich unbedingt eine Waffe mitnehmen? Im Universitätsgebäude stehen die Maschinenpistolen kistenweise herum. Ich brachte die Waffe nach Hause, verstaute sie im Bettkasten und zog erneut los. Auf dem Körút, der Ringstrasse, gab es zwischen der Panzerkolonne einen grösseren Zwischenraum, einige Fussgänger wagten sich über den Fahrdamm. Soldaten an Maschinengewehren auf dem Dach von Panzerspähwagen sahen sich unschlüssig um. Schnell weg, in schmalere Strassen; an den Fenstern und in den Hauseingängen wird spioniert.
Auf einem leeren Grundstück werden von einem Lastwagen aus Waffen verteilt. Ich höre Nachrichten vom erfolgreichen Widerstand der Aufständischen, treffe an der Universität ein, die Torwachen kennen mich, ich gehe zum Büro des Dekans. Dort haben sich einige versammelt. Was wir dort tun? Nun ja, wir sind einfach nur da, drucken Flugblätter, beraten uns, telefonieren, halten Verbindungen aufrecht, Waffen und Konserven gibt es zur Genüge. Noch hatten die Russen die Universität nicht angegriffen, auch wir schossen nicht. Die öffentlichen Gebäude befanden sich bereits in ihrer Hand; die Universität gehörte noch uns. Hier wimmelt es von den Verrückteren unter den Studenten der philosophischen Fakultät, sie schwirren umher, meinen, ohne sie könne die Geschichte nicht stattfinden.

VON MORALISCHER BEDEUTUNG

Auch ich gehöre zu ihnen. Ich glaube, meiner Entscheidung und meinem Handeln komme moralische Bedeutung zu. Im Krieg geschehen die Dinge nur so aufs Geratewohl, der Mensch ist darauf bedacht, davonzukommen, satt zu werden. Und das gelingt ihm auch gelegentlich, vielleicht auf Kosten seiner Gefährten. Unsere Generation hat all dem, was hinter ihr lag und woran sie sich erinnern musste, obwohl es unangenehm war, im Nachhinein moralische Bedeutung verliehen.
Am 4. November 1956 spätabends hielt ich zusammen mit der angehenden Malerin Eva Barna an einem Fenster der Budapester philosophischen Fakultät Wache. In der Váci utca war ab und zu das Rattern eines Panzers zu hören. Der aussergewöhnliche Aspekt des Geschehens war jedoch Evas Schönheit, ihre bedeutungsvolle, tiefe Stimme, mehr noch: was sie sagte. Sie hatte Camus' «Mythos von Sisyphos» im Original gelesen. Aus Eifersucht machte ich zu Camus ironische Bemerkungen. Im Dezember ist Eva emigriert und Camus begegnet. Sie korrespondierte mit ihm. Zwischen ihnen lagen nur die Reisekosten, Eva und mich trennte der Eiserne Vorhang.
Während wir die Strasse beobachteten, starrte uns nach einigem Rasseln und einer halben Wende ein Kanonenrohr an, nahm unser Fenster ins Visier. An die Wand der Fensternische gelehnt, verfolgte ich, was passieren würde. Es geschah nichts. Ich beteiligte mich an der Abfassung eines Flugblatts, auf dem wir versuchten, die Besatzer von ihrem misslichen Handeln abzubringen. Sie sollten sich auf die Marxsche Wahrheit besinnen, dass ein Volk, das andere Völker unterdrückt, auch selbst nicht frei sein kann. In meiner Fassung gerieten die russischen Sätze ein wenig kompliziert, und der Text war eher eine Abhandlung als ein Flugblatt. Die Nacht verging, weiter weg Aufschreien und Keuchen. In jenen Tagen blühte die Universität auf. Im Hof standen den revolutionären Studenten Lastwagen zur Verfügung, auf der Ladefläche kistenweise Maschinenpistolen. Enorme Mengen an Verpackungsmaterial und Sägespänen, um die wertvolleren Sendungen zu umhüllen, die Schinkenkonserven und das Pfirsichkomp!
ott, von Dr. Otto Habsburg der heldenhaften ungarischen Jugend gespendet.

WER ZU ERSCHIESSEN SEI

Ich schlief einige Stunden und konnte mich nicht freimachen von der Frage, was zum Teufel ich hier eigentlich zu suchen hatte. Der grössere Teil des Studienjahrs meinte, die Ereignisse hätten sich nun dahingehend entwickelt, dass es am klügsten wäre, sich fernzuhalten. Ich sagte, die sowjetische Einmischung in die lokalen Angelegenheiten sei unfair, weshalb auch ich mich in die lokalen Angelegenheiten einmischen wolle, und zwar ebenfalls bewaffnet. Das sei bis dahin in Ordnung. Doch nun stelle sich die eigentliche Frage, nämlich wer zu erschiessen sei. Wir Studenten sassen beisammen, unter uns mochte es auch solche gegeben haben, die schon getötet hatten, doch die Mehrheit sicher noch nicht. Sollten wir die Universität verteidigen? Sollten sie uns belagern und zusammenschiessen, sollten wir zurückschiessen bis zur letzten Patrone, sollten wir zulassen, dass die Universität von den Minenwerfern, die auf dem Gellérthegy aufgestellt waren, unter Feuer genommen wurde, während wi!
r zwischen den Trümmern zugrunde gingen?
Die Studenten der philosophischen Fakultät meinten, die sowjetischen wehrpflichtigen Soldaten trügen keine Schuld. Auch ich hatte zusammen mit ihnen in einer Feldküche gegessen, wo wir Nationalgardisten uns hatten niederlassen dürfen, nachdem wir unsere Waffen an der Seite abgelegt hatten. Wir assen, unterhielten uns, die russischen Burschen sagten das Gleiche wie die ungarischen Polizisten, dass sie sich gern heraushalten würden, doch das sei leider nicht möglich, dass sie Sehnsucht nach zu Hause hätten. «Es bricht mir das Herz, Brüderchen, doch wenn ich den Befehl dazu bekomme, dann werde ich auf dein Wohnhaus ballern.» Wir bedankten uns für die Kohlsuppe mit Fleischeinlage, nahmen die Waffen wieder an uns und gingen unserer Wege.
«Jetzt wird nicht geschossen, geh da lang!» Ein langhaariger Typ im Tuchmantel trat zum Tor der Universität hinaus und machte sich auf den Weg zu einem Spaziergang durch die Stadt. Pistole, Federmesser, Apfel, Füllfederhalter, Notizbuch - er vergewissert sich durch Beklopfen der Manteltaschen, dass er alles Nötige bei sich hat. Menschen treiben sich zwischen den Panzern herum, Panzergrenadiere rauchen. In den Backstuben wird gearbeitet, in den Geschäften wird versprochen, dass es Brot geben wird. Vor dem Laden eine lange Schlange, manchmal ist eine Maschinengewehrsalve zu hören. Ein Lastwagen mit Brot trifft ein, und wer einen Laib ergattern und nach Hause bringen kann, der ist berauscht von seinem kleineren strategischen Erfolg.
Der Generalstreik dauert an. Aber die Kinder brauchen Brot und Milch. Jeder hat frei, die Menschen gehen auf die Strasse. Die Personen des Machtapparats in blaugrauen Steppjacken lungern zwischen ihnen herum. Die gleichen Ecken und Gesichter. Um die Panzer muss man einen Bogen machen, mit den Besatzern reden wir nicht unbedingt. Die Leute glauben nicht daran, dass man die neu eingetroffenen Truppen überreden kann, wieder abzuziehen. Wie einem Verkehrshindernis, so weichen sie den Panzergrenadieren aus. An der Strassenecke verschwindende Schritte, Flugblätter vom sowjetischen Stadtkommandanten: «Widerstand zieht harte Vergeltungsmassnahmen nach sich.» An der Universität begrüssen mich die Wachen. «Was ist los?» «Ratlosigkeit.» Die Mehrheit werde sich den Besatzern fügen. Wenn wir den bewaffneten Kampf fortsetzen, dann werden wir fanatische Attentäter sein. Legen wir die Waffen nieder, so werden wir uns auf einen Modus Vivendi einrichten. Wir wechseln dann zu einer schleichend!
en Krankheit über, entscheiden uns für eine vorsichtige und langfristige historische Strategie; dann setzt die permanente Partie um die verbale Macht ein.

ZUSAMMEN VERRECKEN

Die Nachricht traf ein, dass sie auf dem Hof der Hochschule für bildende Kunst einige aufständische Studenten erschossen hätten. Auch die Keller in der Nachbarschaft hätten sie durchkämmt; auf dem Hof der Akademie seien Studenten erschossen worden. Ein Student - völlig ausser sich - forderte uns auf, wir sollten ihn zu einer Neupester Kaserne am Stadtrand begleiten. Er habe zwei Lastwagen besorgt, dort sei der richtige Platz für uns. Ich fragte ihn, warum wir dorthin gehen sollten. «Weil sie beschossen werden.» - «Von wo?» - «Mit Minenwerfern vom Gellérthegy, vom Blocksberg aus.» - «Aber von der Kaserne aus kann man mit Maschinenpistolen nicht zurückschiessen.» - «Nein, zurückschiessen können wir tatsächlich nicht.» - «Und warum sollen wir dann dorthin fahren?» - «Verstehst du nicht? Damit wir zusammen verrecken!»
Mit einer weissen Fahne in der Hand traf ein sowjetischer Offizier ein und überreichte einen Zettel mit einer knappen Botschaft in russischer Sprache. Sollten wir die Universität nicht räumen, würde sie morgen mittels Einsatz von Panzern dem Erdboden gleichgemacht. Im eigenen Interesse und dem der Hochschule gehen wir nach Hause, einige Akten nehmen wir an uns und schleichen uns einzeln davon.
Ich schiebe Wache vor unserer Haustür. Die Maschinenpistole habe ich nicht aus dem Bettkasten geholt. Zusammen mit einem Konzertmeister stehe ich Posten und diskutiere mit ihm, einem zurückhaltend grüssenden und zerstreuten Menschen. So äussert er sich auch: «Zu guter Letzt wird der Mensch im Stich gelassen. Das glauben wir nicht, solange es nicht tatsächlich geschieht. Wir Ungarn haben immer für die Leichtgläubigkeit unserer Führer bezahlt. Wir haben den Deutschen geglaubt. Was ist daraus geworden? Wir haben den Russen geglaubt. Was ist daraus geworden? Und jetzt haben wir den Amerikanern geglaubt, dass sie uns helfen und dass die Russen nicht wagen würden einzumarschieren, weil die Weltöffentlichkeit eine grosse Macht sei. Und was ist daraus geworden? Auch uns selbst werden wir verlassen. Junger Mann, seien Sie misstrauisch! Vor allem dann, wenn die Hoffnung lockt. Die Hoffnung bringt einen in die Grube.»
Anderentags ging ich zum Schriftstellerverband. Die Stadt hatte die Kämpfe bereits hinter sich, als in der Bajza utca erneut Kugeln pfiffen. Wir schalten das Licht aus und beobachten hinter den schweren Vorhängen, wie zwei junge Männer, mit Maschinenpistolen bewaffnet, auf die andere Strassenseite hinüberrennen und über ein niedriges Gartentor springen, doch die vom Vorgarten ins Haus führende Tür ist zweifellos geschlossen. Sie kommen wieder heraus, sehen sich ratlos um, sämtliche Haustüren sind zugesperrt, und keine einzige wird ihretwegen aufgemacht. «Wir müssten sie hereinbitten», schlage ich vor. «Bist du wahnsinnig geworden? Damit sie von hier aus herumballern? Damit die Panzer hier zusammengezogen werden und das Haus der Schriftsteller unter Beschuss nehmen?» Wir verzichten darauf, die beiden jungen Männer hereinzubitten, und sind erleichtert, als sie um die Strassenecke entkommen. Noch können wir uns nicht vorstellen, dass unsereins aus diesem Haus, aus allen Univers!
itäten und Redaktionen entfernt werden wird.
Nachdem die sowjetischen Panzer ein zweites Mal gekommen waren, in grösserer Zahl und verärgerter als am Abend des Aufbegehrens, sind nach dem 4. November 1956 von den zehn Millionen Ungarn zweihunderttausend weggegangen, zumeist junge Leute, die Hälfte meiner Klassenkameraden, die meisten meiner Freunde und Liebsten, meine Schwester und Vettern. Sechsundfünfziger? Nach kurzen, heldenmütigen inneren Kämpfen die Entscheidung: Gehst du? Bleibst du? Wer gehen konnte, ist gegangen. Bei Schnee und Frost ging die Jugend über die nachlässig bewachte Grenze.

GEHEN? BLEIBEN?

Auch Vera telefonierte hierhin und dahin; das Gehörte reichte ihr, die Gefallenen, die Verbrannten, die Erhängten wollte sie nicht sehen, gleich welcher Nation Söhne sie sein mochten. Von hier sehnte sie sich weg zu vertrauenswürdigeren Völkern. Sie würde nach Paris gehen, um dort Englisch und Russisch zu unterrichten, sie würde die Grundlagen für unsere Existenz schaffen, eine Wohnung anmieten, wir sollten nachkommen, sie würde alles richten, nur gehen sollten wir! Ich sollte nicht so schwerfällig sein! Ich blieb, denn ich wollte wissen, was hier in diesen Strassen passieren würde. Aus dieser offenen und nicht zu beendenden Geschichte wollte ich mich nicht herausreissen. Die gleichen Treppenhäuser und Cafés, das, was bisher gewesen war.
Noch vor Weihnachten machte sich Vera in Gesellschaft meiner Schwester Eva auf den Weg. Sie gelangten sogar bis an die Grenze, überschritten sie bei nächtlichem Schneetreiben, setzten ihren Marsch in der Finsternis zwischen österreichischen Aufschriften fort, doch dann plötzlich erblickten sie wieder ungarische. Vermutlich hatten sie einen Berg umkreist. Sie waren erschöpft. Meine Schwester versuchte es am folgenden Vormittag erneut und schaffte es. Vera kehrte am Weihnachtsabend zurück und gab sich unzufrieden, dass ich keinen Weihnachtsbaum aufgestellt hatte. Wir gingen auf die Strasse, fanden noch ein kleines Bäumchen und Schmuck dazu. Es gab Geschenke, ein improvisiertes Abendessen, Kerzenlicht und familiäre Heiterkeit.
1956 bin ich geblieben. Sooft ich die Gelegenheit zum Gehen hatte, bin ich geblieben, habe mich an den Tisch gesetzt und etwas geschrieben. Wenn ich einen grossen Entschluss hätte fassen müssen, traf ich lieber keine Entscheidung, liess die Dinge sich entwickeln, rann mit der Zeit dahin. Ich musste lernen, mit der Angst als Wegbegleiter umzugehen, damit sie keine Macht über mich gewann. Nach 1957 heftete niemand mehr seine einem Blatt Papier anvertrauten Gedanken mit Reisszwecken an einen Baumstamm. Die Seele drehte sich zur Wand und zog die Decke über den Kopf. Der grössere Teil der Erinnerungen war gestorben; sie am Leben zu erhalten, erwies sich als unvorteilhaft. Am Ende des Dramas kommt die Vergeltung: Todesurteile.
Im Herbst 1959 war ich als Vormundschaftsbeamter tätig. An einem sonnigen Nachmittag hatte ich in der Száz utca zu tun, die seither zum Teil abgerissen und wieder aufgebaut worden ist. Wenn es in Budapest einen Slum gab, dann waren die Száz utca und die Jobbágy utca in der Nähe des Ostbahnhofs ein solcher. Nicht nur wegen ihrer Schäbigkeit, Armut und Wohndichte sowie ihres grossen Anteils an Zigeunern, sondern auch wegen ihrer menschlichen Wärme und Öffentlichkeit. Jeder kannte jeden, die Menschen dort lebten draussen auf der Strasse. Als ich um die Ecke biege, ist von allen Ecken und Enden Schluchzen zu vernehmen. Was war passiert? An jenem Tag hatten die Angehörigen ins Zentralgefängnis gehen dürfen, um die Sachen von etwa zehn Burschen und einem Mädchen abzuholen. Man hatte sie erhängt. Aufständische von 1956, zumeist noch minderjährig, richtige Draufgänger, die einige sowjetische Panzer gesprengt hatten. Im Frühjahr 1959 wurde die Strasse von der Ordnungsmacht umzingelt.!
Von Haus zu Haus trieb man einen Trupp Jugendlicher zusammen und verurteilte einen Teil von ihnen zum Tode. Zum Zeitpunkt der Urteilsvollstreckung waren sie mündig geworden.

DAS SCHWEIGEN BRECHEN

Aufzeichnungen aus dem Jahr 1986: Tagtäglich bekomme ich Besuch von Journalisten aus dem Westen, zu 1956 gebe ich ein Interview nach dem anderen, nehme an Gedächtnisveranstaltungen teil. Meine Schriftstellerkollegen hatten ein Schweigegelübde abgelegt, enthielten sich jeglicher leichtsinnigen Äusserung. Nur Geächtete wie meinesgleichen sind bereit, offen und überhaupt zu reden. Es besteht ein Bedarf an internationalem Pathos. Den versorgen wir jetzt mit Nährstoffen. Ungarische, tschechische, polnische und ostdeutsche Dissidenten haben zum Gedenken an 1956 eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet.
Im Radio brüsten sich alte Führer damit, dass sie vor dreissig Jahren einen Sieg errungen hätten. Die bewaffnete Niederschlagung der Revolution ist für sie ein Sieg. Doch die Autorität ist altersschwach geworden, neue Kräfte drängen sich vor dem Tor, die Kádár-Ära nähert sich ihrem Ende. Alle fordern Veränderungen, es wächst die Ungeduld, noch aber herrscht Ängstlichkeit vor, wenn auch gemischt mit Zorn. Aus der Zeit von 1956 erinnere ich mich an das unerwartete Mutigwerden. Inzwischen ist die Revolution von 1956 klassisch geworden. Sie ist das einzige Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das wir in diesem Jahrhundert selber gemacht haben. Es wäre ja möglich, dass wir die Sache nun, ohne einen einzigen Blutstropfen zu vergiessen, zum Erfolg führen könnten.
Imre Nagy, der loyale, massvolle und professoral auftretende Ministerpräsident der Revolution, ist mit Billigung seines Nachfolgers János Kádár am 16. Juni 1958 erhängt worden. Seine Gebeine wurden an unbekanntem Ort verscharrt, in einem vernachlässigten und anonymen Winkel des Zentralfriedhofs zusammen mit anderen zum Tode Verurteilten. Am dreissigsten Jahrestag der Hinrichtung forderten einige hundert Menschen eine ehrenvolle Bestattung und Demokratie. Wir Oppositionellen waren in der Pester Innenstadt am Gedenklicht Graf Lajos Battyánys, eines anderen hingerichteten ungarischen Ministerpräsidenten, zusammengekommen. Den Impulsen der Gummiknüppel des polizeilichen Überfallkommandos folgend, setzten die Demonstrierenden ihre Versammlung auf wechselnden Plätzen fort, so dass sie durch die ganze Innenstadt zogen.

DER TOTE VATER ALS SYMBOL

Einunddreissig Jahre nach Imre Nagys Hinrichtung, am 16. Juni 1989, fand seine eigentliche Beerdigung statt. Neben Imre Nagy und einigen seiner Mitangeklagten bestatteten wir einen unbekannten Aufständischen in einem namenlosen Sarg. Hundertfünfzigtausend Menschen hatten sich auf dem Heldenplatz versammelt. In den Medien und in der Gesellschaft wurde damals viel von der Revolution gesprochen. Eine Lücke in den Lebensläufen hatte sich geschlossen, im Spiegel der Erinnerung erblickten wir das Gesicht unserer Jugend. Die Getöteten wurden wieder lebendig. War es der Nation nicht vergönnt gewesen, souverän zu werden, so hatte doch der legitime Ministerpräsident Nagy souverän gehandelt. Im Wissen darum, was er zu erwarten hatte, und in Kenntnis der Mentalität derer, die seinen Richtern befehlen würden, bekannte er sich für nicht schuldig und bat nicht um Gnade, er tat, was er tat, er stand zu seinem Wort.
1989 gehörte Ungarn nicht mehr dem Herrn über die «fröhlichste Baracke» im kommunistischen Lager, nicht mehr dem damals schon geistesverwirrten János Kádár. Das Land hatte sich für einen toten Vater als nationales Symbol entschieden, für den Gehenkten, für Imre Nagy. Wenig später starb auch János Kádár, und die unterdrückte Erinnerung an die Revolution entfaltete sich aus dem Material, das in Aktenmappen unter Verschluss gewesen war. Wir erinnerten uns an die gemeinsame Geschichte, die sich so sehr in unseren Privatgeschichten spiegelte. Unser Handeln war durch und durch mitteleuropäischer Natur, denn es war von Erinnerung durchdrungen. Wir trauerten um die Getöteten, die Kugelspuren auf lebensfähigen Körpern, um Helden ebenso wie um Toren. Diese gigantische, kollektive Wiederbeerdigung war ein symbolischer Wendepunkt. Die Demokratie ist nach Ungarn zurückgekehrt.

György Konrád, 1933 in Debrecen geboren, gehört zu den massgeblichen ungarischen Gegenwartsschriftstellern. Zuletzt erschien 2005 im Suhrkamp-Verlag «Sonnenfinsternis auf dem Berg», Konráds autobiografische Erinnerungen an die Nachkriegszeit. - Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.
 
 
21. Oktober 2006                Neue Zürcher Zeitung
Andreas Oplatka

Weisse Flecken und neue Interpretationen. Ungarn 1956 im Spiegel der historischen Forschung

Hatte der ungarische Volksaufstand je Aussicht auf Erfolg? War er das Werk von tollkühnen, aber in der Realpolitik wenig bewanderten Männern und Frauen, die mit dem Kopf durch die Wand wollten? Oder lag ein Ausgleich mit der Sowjetunion in Reichweite? Die Fragen sind so alt wie die historische Beschäftigung mit der ungarischen Revolution. Bekannt war von jeher, dass die Führung im Kreml am 30. Oktober 1956, eine Woche nach dem Ausbruch von Kämpfen in Budapest, ihre Bereitschaft erklärte, die Sowjettruppen aus Ungarn abzuziehen und auf dem Verhandlungsweg ein neues Verhältnis zum bisherigen Satellitenland zu suchen. Ebenso weiss man, dass die gleichen sowjetischen Machthaber einen Tag später, am 31. Oktober, das Gegenteil beschlossen: die Erdrosselung des Aufstands. War das erste Angebot eine Finte? Oder meinten es die Herren des Kremls ernst? Und wenn sie tatsächlich hatten nachgeben wollen, was in diesem Fall bewirkte in den 24 Stunden ihre Sinnesänderung?
Worauf die Historiker lange ohne Hoffnung gewartet hatten, ereignete sich in den frühen neunziger Jahren: Der Zugang zu den Archiven der zusammengebrochenen kommunistischen Staaten wurde möglich. In begrenztem Ausmass (anfänglich mehr, später weniger) galt dies auch für die sowjetischen Bestände. Und damit nicht genug: Der damalige Präsident Russlands, Boris Jelzin, brachte 1992 bei einem Besuch Ungarns als Geschenk sowjetische Dokumente aus dem Jahr 1956 mit. Jelzin hatte auch die politische und menschliche Grösse, bei dieser Gelegenheit eine - heute kaum mehr vorstellbare - Geste zu machen: Er bat um Verzeihung wegen des Blutvergiessens im Herbst 1956.

WASHINGTONS PASSIVITÄT

Die auf solche Art frei gewordenen schriftlichen Zeugnisse verhalfen zu neuen Kenntnissen. Auch auf die Beratungen der Sowjetführer in den entscheidenden Tagen fiel nun mehr Licht, doch freilich nach wie vor nicht genug; für Antworten auf die oben formulierten Fragen blieb immer noch viel Ermessensraum. Und so gehen die Forschermeinungen über die Chancen des Aufstands weiterhin auseinander. Der Dokumentensegen wiederholte sich jetzt zum 50. Jahrestag nicht, die Debatte dauert aber fort. Ein gewichtiger Beitrag dazu stammt vom amerikanischen Historiker Charles Gati, der - mit ernüchterndem Resultat - die Akten der CIA durchforstet und die in der Ungarnkrise eingenommene Haltung der Vereinigten Staaten untersucht hat.
Ernüchternd ist Gatis Befund darum, weil aus seinem Buch - «Failed Illusions» - klar hervorgeht, dass Washingtons grosse Worte von der Befreiung der unterjochten Nationen einerseits und die Bereitschaft und Fähigkeit zum Handeln anderseits einander nicht im Geringsten deckten und dass die CIA über den Ostblock im Allgemeinen und Ungarn im Besonderen dilettantisch wenig wusste. Vor diesem Hintergrund sind Fehlurteile in der Einschätzung etwa des nationalkommunistischen Ministerpräsidenten der Revolutionsregierung, Imre Nagy, zu verstehen sowie die unverantwortlichen, die Stimmung anheizenden Sendungen von Radio Freies Europa. Der amerikanische Historiker bekennt sich zu der - nicht durchwegs neuen - Ansicht, dass Washingtons demonstratives Desinteresse an Ostmitteleuropa auf Moskau ermutigend gewirkt hat beim Beschluss, den Aufstand niederzuschlagen.
Charles Gati geht indessen weiter. Er legt eine These vor, die weniger auf neu entdeckten Fakten beruht, eher als eine eigene und eigenwillige Interpretation anzusehen ist: Der Aufstand, so meint er, war trotz dem Geist des Kalten Kriegs nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt; er hätte Erfolg haben können, wenn Imre Nagy ein härterer Führer und die Revolutionäre weiser und zurückhaltender gewesen wären. Erfolg bedeutet in dieser Lesart nur so viel, dass die Sowjets - vielleicht - eine Lösung nach jugoslawischem oder polnischem Vorbild zugestanden hätten (der Pole Gomulka hatte im gleichen Herbst für sein Land ohne Blutvergiessen etwas mehr Spielraum erlangt).
Dass die These Diskussion entfacht, ist gewiss; Gati wurde bereits zweierlei entgegengehalten: Er überschätze die Konzessionsbereitschaft der damaligen Sowjetführung. Und Revolutionären sei eben nicht Umsicht eigen; wären sie massvoll und diplomatisch, dann griffen sie nicht zu den Waffen. Und so käme es gar nicht zu einer Lage, in der die mächtige Gegenseite sich gezwungen sieht, Zugeständnisse überhaupt zu erwägen.

«VOLKSURTEILE» ALS VORWAND

Zwei Ereignisse am 30. Oktober waren nach Gatis Verständnis für den jähen sowjetischen Sinneswandel namentlich verantwortlich. Einer der führenden Emissäre Moskaus in Budapest, Anastas Mikojan, liess - erstens - die ungarische Führung wissen, der Kreml akzeptiere die Rückkehr Ungarns zum Mehrparteiensystem. Doch handelte es sich dabei bloss um eine persönliche Ansicht. Nagys Überzeugung hernach, dass die Sowjetunion diesen Schritt billige, beruhte somit offenbar auf einem Missverständnis. Zweitens kam es in Budapest nach Belagerung des Hauptsitzes der kommunistischen Partei zu einem Massaker an den Verteidigern, nachdem sich diese ergeben hatten. Die Opfer, die vom Pöbel gelyncht wurden, waren in ihrer Mehrheit junge Soldaten, die man eingezogen und, ohne sie zu fragen, bei den - besonders verhassten - Truppen der Staatssicherheit eingeteilt hatte.
(…)

IMRE NAGYS GLAUBE

Was sich vor dem Sitz der Partei auf dem Budapester Platz der Republik ereignete, wurde zwar oft beschrieben, gehört aber in vielen Einzelheiten zu den unaufgeklärten, weissen Flecken in der Geschichte der Erhebung. Gerade weil Gati - zu Recht oder zu Unrecht - dem Ereignis eine so weitreichende Bedeutung beimisst, trifft es sich gut, dass nun in Ungarn eine ausführliche Untersuchung des Falles vorliegt. Ihr Autor, László Eörsi, ist einer der Mitarbeiter des Budapester Instituts für die Erforschung des Volksaufstands von 1956. In seiner Arbeit kommt er zum Schluss, dass diese tragische und schwerwiegende Episode der Revolution durch Irrtümer und Fehler, Masslosigkeit und Vermessenheit auf der einen wie der anderen Seite zu erklären ist.
Nagy wird durch ihn entlastet; der von zahllosen Verhandlungen in Anspruch genommene Ministerpräsident beauftragte die Armee, einzuschreiten und Ordnung zu schaffen, doch das Militär versagte in der Folge völlig. Eörsi fand keinen Beweis für die Annahme, wonach die Morde vor dem Parteihaus auf eine heimliche sowjetische Provokation zurückgehen könnten, anerkennt aber, dass sie in Moskau den Befürwortern des harten Durchgreifens als Vorwand überaus willkommen waren.
Zwei weitere Bände sollen hier noch erwähnt werden; zwar sind sie, ebenso wie Eörsis Arbeit, dem nichtungarischen Leser unzugänglich, als Neuerscheinungen markieren sie aber den Stand der Forschung. Es handelt sich um Sammlungen von Dokumenten, und in beiden Fällen geht es um das Schicksal von Imre Nagy und seiner Mitarbeiter in den Monaten unmittelbar nach der Niederschlagung der Erhebung.
Nagy und die anderen hatten am 4. November beim sowjetischen Angriff in Begleitung ihrer Angehörigen in der Botschaft Jugoslawiens Zuflucht gesucht. János Kádár, der Chef der von Moskau eingesetzten Regierung, sicherte ihnen die freie Rückkehr in ihre Heime zu, doch Sowjettruppen verhafteten die Gruppe beim Verlassen des Botschaftsgebäudes, und man deportierte sie nach Rumänien. Nagy, erst im Frühjahr 1957 nach Ungarn zurückgebracht, verblieb in Haft und wurde im Juni 1958 nach einem Geheimprozess zusammen mit drei Mitkämpfern hingerichtet.

MÄRTYRERSCHICKSAL

Die zwei - zu einem Teil leider identischen - Dokumentbände enthalten Notizen, Briefe, Gesprächs- und Vernehmungsprotokolle und bezeichnenderweise auch viele Abhörberichte, Zeugnisse von der Denk- und Verhaltensweise der Deportierten. Am gewichtigsten ist ein von Imre Nagy erstelltes, umfangreiches, wenn auch Torso gebliebenes Memorandum, in dem er die Ursachen und den Charakter des Aufstands und die eigenen, im Amt des Ministerpräsidenten getroffenen Entscheidungen prüft. Die Schrift wurde zum ersten Mal vor zwei Jahren in Rumänien publiziert, worauf Nagys Nachkommen nun der Veröffentlichung auch in Ungarn zustimmten.
Der auffallendste Zug: wie Imre Nagy auch jetzt noch, nach und trotz all dem Erlebten, weiterhin in Kategorien der kommunistischen Lehre und der Parteidisziplin denkt, jedoch die sklavische Befolgung der Moskauer Befehle ablehnt, den Aufstand als Ausdruck des Volkswillens sieht und die parteipolitische Pluralität mit dem Sozialismus für ebenso vereinbar hält wie den Austritt aus dem Warschaupakt und Ungarns Neutralität. Dafür, dass Imre Nagy nicht bereit war, die Revolution zu verleugnen, nahm dieser sonderbare, hartnäckig zu seinen Überzeugungen stehende Mann zuletzt sehr bewusst auch das Märtyrerschicksal auf sich.

Andreas Oplatka ist ehemaliger Redaktor und Osteuropakorrespondent der NZZ. Zurzeit lehrt er osteuropäische Geschichte an der Universität Wien und an der Andrássy-Universität in Budapest. 2004 erschien im Wiener Zsolnay-Verlag sein Buch «Graf Stephan Széchenyi. Der Mann, der Ungarn schuf.»
 
 
 
21. Oktober 2006                Neue Zürcher Zeitung
Paul Jandl

Die verspätete Zeit. Budapest als Kulisse der Geschichte

In leuchtendem Gelb ist die Fassade des Budapester Corvin-Kinos gestrichen, und András B. Vagvölgyi weiss, dass es so nicht gehen wird. Der ungarische Filmemacher arbeitet an einem Leinwandepos über das Jahr 1956, die Farbe des ehemaligen Hauptquartiers der Aufständischen ist dafür entschieden zu frisch. «Da wird man digital etwas machen müssen», sagt Vagvölgyi, der sich in der ungarischen Hauptstadt sonst nicht um originale Patina sorgen muss.
Ein Eckgebäude in der Práterstrasse wird die erste Einstellung des Films liefern. Der Verputz des Jahrhundertwendehauses ist noch mit Einschusslöchern übersät, die aus der Zeit des Volksaufstands stammen. Grau ist die Fassade und trostlos noch im schönsten Sonnenschein. In Budapest ist es nicht schwer, Strassenzüge zu finden, die fast noch so aussehen wie in den fünfziger Jahren. Selbst die Bezirke am grossen Ring haben die Zeiten so unverändert überdauert, dass sie gut als Kulissen ihrer eigenen Vergangenheit durchgehen können.
Rund um das Corvin-Kino fanden vor fünfzig Jahren heftige Kämpfe zwischen den Sowjettruppen und den Revolutionären statt. In der Práterstrasse gab es Schiessereien, und auf der Üllöi- Allee in der Nähe des József-Rings wurde mit Panzern gekämpft. Die Aufständischen haben Molotowcocktails geworfen, und die sowjetische Artillerie hat geantwortet. Die Geschichte ist den Häuserzeilen bis heute eingeschrieben. Zwischen stattlichen Gründerzeitgebäuden hat die graue Nutzarchitektur der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre die Lücken gefüllt. Wo früher zerschossene Panzer standen und die Strassen mit den Ziegeln der zerbombten Häuser übersät waren, fliesst heute der unangenehm lebendige Budapester Verkehr.

LETZTE RUHE

Vom Ring weg führt die kilometerlange Üllöi-Allee aus der Stadt hinaus und vorbei am Arbeiterbezirk Ferencváros. Immer lockerer wird die Bebauung, bis sich die verfallenden Maschinen- und Textilfabriken mit ihren riesenhaften Anlagen ausbreiten. Fährt man auf holprigem Kopfsteinpflaster immer weiter, dann kommt man an eine Budapester Peripherie, die etwas Endzeitliches hat. Blumenkioske stehen hier und eines der grossen Gefängnisse der Hauptstadt. Gleich nebenan gibt es den Rákoskeresztúrer Friedhof, auf dem die Freiheitskämpfer des Jahres 1956 begraben sind. Regungslos sitzt der alte Friedhofswächter auf seinem Sessel in der Sonne. Eine frühherbstliche Ruhe geht von dieser Parzelle mit der Nummer 301 aus, die im letzten Winkel des riesigen Areals liegt. Durch kleine Wäldchen führt der Weg hierher. Rundherum gibt es längst keine anderen Gräber mehr. 1989 wurden die nach kommunistischen Prozessen Gehenkten hier noch einmal mit allen Ehren begraben.
Blumen liegen auf den schlichten Grabplatten des Generals Pál Maléter oder des mit achtzehn Jahren hingerichteten Péter Mansfeld. Wer dieser Tage per Bus eine bequeme «Revolutions- Tour» durch Budapest unternimmt, wird auch hierher gebracht. Man fährt zum Bem-Platz, wo am 23. Oktober 1956 die erste Massendemonstration stattgefunden hat, und zum Szabadság tér, wohin laut eigenwilligem Programmtext «der Botschafter der USA, Kardinal Mindszenty», geflüchtet ist.
Beim Parlament, wo Imre Nagy seine schlimmsten Stunden erlebte und wo am 26. Oktober 1956 Scharfschützen des Sicherheitsdienstes AVH unter der Menge ein Blutbad angerichtet haben, ist ein Fotostopp geplant. Mitte Oktober 2006 herrscht am Kossuthplatz vor dem Parlament Volksfeststimmung. Immer noch und seit seiner umstrittenen Rede wird gegen den ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány demonstriert. Es sind die Flaggen und Symbole einer Rechten zu sehen, die auch die durchlöcherte ungarische Fahne mit sich trägt, das Symbol des Ungarnaufstands. Hammer und Sichel haben die damaligen Revolutionäre aus der Mitte der Flagge herausgetrennt.
Den Demagogen nütze Ungarns schizophrene Situation, sagt László Eörsi, Sohn des Schriftstellers István Eörsi und Historiker am Budapester Institut für die Geschichte der ungarischen Revolution von 1956. Die Frage, wem die Revolution eigentlich gehöre, sei bis heute nicht beantwortet. Es schweigen die kompromittierten Parteien, und es schweigen auch viele der Intellektuellen. László Eörsi, geboren 1955, ist aus seiner Familienbiografie in das Thema 1956 hineingewachsen und heute einer der wichtigsten Experten. Eörsis Vater wurde 1956 zu acht Jahren Haft verurteilt und kam 1960 frei.
Als Kind hat der Schriftstellersohn in Budapest bei der Verbreitung der Samisdattexte seines Vaters mitgeholfen. Das Wissen um die Ereignisse vor fünfzig Jahren in der ungarischen Bevölkerung zu verbreiten, will ihm heute fast ähnlich schwer vorkommen. Das Interesse an den historischen Vorgängen sei im Schwinden, was ein mitunter bizarres Veteranentum begünstige. (…)

SPUREN DES KAMPFES

Das vor fünfzig Jahren heftig umkämpfte und heute herausgeputzte Corvin-Kino zeigt in diesen Tagen den Revolutionsfilm «Szábadsag Szerelem», was mit «Freedom Love» ebenso passend übersetzt ist, wie es dem Kitsch dieses Werks entspricht. An Filmen zum Thema 1956 hat es bisher nicht gerade gemangelt. Es gab die politische Indoktrination der Ära Kadar und ab 1989 ein abendfüllendes und sentimentales Revolutionskino. Die Ästhetik von András Vagvölgyis Film ist inspiriert vom berühmten Titelblatt des «Time»-Magazines. Den unbekannten ungarischen Freiheitskämpfer hat das amerikanische Blatt 1956 zum Mann des Jahres gewählt. Mit dem Gewehr im Arm und seinem entschlossenen Blick ist er für András Vagvölgyi ein schillerndes Klischee, das seine Vorbilder im kargen Leben und in den dunklen Hinterhöfen Pests durchaus gehabt haben mag.
Aus den Fenstern des heutigen Budapest kann mit den Gewehren der Requisite geschossen werden, als wäre es damals. Es ist ein authentischer Rest geblieben, dessen Atmosphäre man sich nicht entziehen kann, wenn man an den Arbeitervierteln und den stillgelegten Budapester Fabriken vorbeifährt. «Kolorádó Kid» wird András Vagvölgyi seinen Film nennen - nach einem Schlager der fünfziger Jahre, in dem das amerikanische Colorado auf unnachahmliche Weise ungarisch ausgesprochen wurde. Der Held trägt in den Strassen Budapests Kohlen aus, und er gerät mit Begeisterung in die Revolution. Erst nach Jahren kommt er aus der Haft wieder frei. Das erste Bier seiner wiedergewonnenen Freiheit trinkt er an einem Kiosk beim Rákoskeresztúrer Friedhof. Er spürt die verspätete Zeit. Den Kiosk des Films gibt es auch im wirklichen Budapest seit mehr als fünfzig Jahren.
 
 
21.10.06        Die Welt
Krisztina Koenen
 
Er konnte nur Kader sein. Ein Versuch, János Kádár zu ergründen, der nach 1956 in Ungarn ein guter König der Proleten sein wollte. Der Kommunist und ungarische
Politiker war maßgeblich an der Niederschlagung des Ungarischen
Volksaufstands 1956 beteiligt.


Während Leben und Wirken Imre Nagys, des Ministerpräsidenten von 1956,
die Historiker seit seiner Hinrichtung intensiv beschäftigt, scheinen
sich für János Kádár, der 33 Jahre lang die Geschicke Ungarns bestimmt
hat, nur wenige zu interessieren. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass
er in ungarischen Umfragen als drittwichtigster Staatsmann des Landes
genannt wird. Und gerade die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen,
dass sein geistiges Erbe ebenso lebendig ist wie das des Aufstandes
von 1956 - ja, dass es sogar möglich ist, im Namen der Revolution von
1956 das Kádár-System einzuklagen.

Vielleicht erklären gerade jene Vitalität seines Vermächtnisses und
die Angst davor den Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit. Hinzu
kommen Schwierigkeiten: János Kádár war kein Mensch, der zu
Selbstreflexionen neigte. In dem Milieu der untersten Schicht des
Proletariats, aus dem er kam, war das nicht üblich. Es gibt so gut wie
keine Dokumente, die eindeutig belegen könnten, warum er was tat. Auch
der Historiker Tibor Huszár, der auf annähernd 800 Seiten die erste
umfassende Kádár-Monographie in Ungarn veröffentlicht hat (Szabad Tér
Kiadó, Kossuth Kiadó, Budapest. 2 Bde. 405 und 383 S., zus. umger. ca.
20 EUR), stand vor dem Problem, dass er trotz seines gigantischen
Materialberges nur auf eigene Schlussfolgerungen angewiesen war.Einmal
versuchte Kádár sein Handeln zu erklären

Ein einziges Mal allerdings, am 12. April 1989, knapp zwei Monate vor
seinem Tod, versuchte Kádár sein Handeln zu erklären. An diesem Tag
versammelte sich das Zentralkomitee der Ungarischen Sozialistischen
Arbeiterpartei (USAP) zu einer seiner letzten Sitzungen. Auf der
Tagesordnung stand praktisch die Selbstauflösung des kommunistischen
Herrschaftssystems. Kádár war nicht geladen - vordergründig wegen
seines Gesundheitszustandes. Aber der schwer kranke Mann - er litt an
einer Parkinson-ähnlichen Nervenerkrankung im letzten Stadium - brach
gegen Mittag aus der Klinik aus und ließ sich zum ZK fahren. Dort
eroberte er vor den Augen der paralysierten Parteiführung das
Rednerpult und trug das vor, was als "Kádárs letzte Rede" in die
ungarische Geschichte eingehen sollte.

Sie lässt dem Zuhörer heute noch das Blut in den Adern gefrieren. Sie
war das zusammenhanglose Gestammel eines in Auflösung befindlichen
Geistes, bestand aus im Kreis rotierenden Gedanken über 1956, den Mord
an Imre Nagy, über die Frage von Revolution und Konterrevolution. Oft
wurde sie als eine Art Macbethsche Vision interpretiert, in dem die
Opfer schreckliche Rache an ihrem Henker nehmen, aber auch als ein
spätes Eingeständnis der Sünde und die Bitte um Vergebung. Doch Huszár
weist zu Recht darauf hin, dass Kádár keineswegs um Verzeihung gebeten
hat. Denn er sah nicht sich als Verräter, sondern vielmehr Imre Nagy,
der 1956 die Partei preisgegeben hatte. Er, Kádár, tat nur, was die
Treue zur Idee und zur Partei erfordert hatte, und sein Entsetzen galt
dem Vorhaben des ZK.Kádárs letzte Rede lässt einen heute noch das Blut
in den Adern gefrieren

Tatsache ist: am 1. November 1956, kaum 14 Tage nach dem Beginn des
Aufstandes am 23. Oktober, fährt Kádár in die russische Botschaft. Er
hat einen Tag zuvor die Nachfolgepartei der alten, diskreditierten KP
unter dem Namen Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (USAP)
gegründet und übernimmt ihre Führung. Doch diese Position hat nicht
viel zu sagen: Die KP hat ihren Alleinvertretungsanspruch verloren,
und der Schwerpunkt der Macht befindet längst im Parlament, beim
Ministerpräsidenten Imre Nagy.

Am 31. Oktober war im Präsidium der KPdSU der Beschluss über die
bewaffnete Intervention gefallen. Weil aber ein zumindest auf dem
Papier souveräner Staat nicht einfach besetzbar war, brauchte man
einen Ungarn, der um "Hilfe" bat. Am 2. November ist Kádár schon in
Moskau, wo er einen Tag später Nikita Chruschtschow, den ersten
Sekretär der KPdSU trifft. Er kann über die Intervention nicht
entscheiden, nur seine eigene Rolle dabei kann er bestimmen. Er ist
zögerlich. Er weiß, dass das militärische Vorgehen die Kommunisten
langfristig diskreditieren wird, das sagt er auch. Die Russen
schwanken deshalb, ob er der Richtige für die innere Niederschlagung
des Aufstandes und die Politik der Konsolidierung sei. Huszár ist
überzeugt, dass gerade die Nachdenklichkeit Kádárs Chruschtschow für
ihn eingenommen habe. Das sei, schreibt er, der Anfang der späteren
Freundschaft zwischen den beiden gewesen.Warum hat Kádár die
Sowjetmacht machen lassen?

Was aber hat Kádár dazu bewogen, sich zum Instrument der Sowjetmacht
machen zu lassen? Und wenn er schon dazu bereit war, warum machte er
zunächst an der Seite der Aufständischen mit? Um mit der zweiten Frage
zu beginnen: Huszár betont immer wieder, wie wichtig für Kádár die
Lage der einfachen Menschen im Lande war. Er hatte gute Kenntnisse
darüber, und das machte ihn zum Reformer. Aber er wollte innerhalb des
sozialistischen Systems bleiben: Eine freie Gesellschaft,
Privateigentum und Markt wollte er nicht. Nicht jetzt, und auch nicht
später.

Warum er nicht weitergehen wollte? Da waren einmal die unmittelbaren
Eindrücke: Die erschreckende Brutalität des Aufstandes, die Macht der
Straße, dessen Kult nicht nur an den Rändern der Gesellschaft bis
heute unwidersprochen fortlebt. Während einer der schlimmsten
Ausbrüche von Barbarei wird Kádárs wahrscheinlich bester Freund, Imre
Mezö, von den Aufständischen ermordet, als er mit einer weißen Fahne
das Parteihaus verlässt. Das war kein Einzelfall und nicht das, was
Kádár wollte. Und da kommen seine längerfristigen, ganz tiefen
Überzeugungen ins Spiel. Arbeiterbewegung gab ihm als Jungen halt

Mit großem Aufwand rekonstruiert Huszár, wie Kádár von seiner frühen
Jugend an in der kommunistischen Bewegung seine wahre Heimat findet.
Der 1912 geborene Sohn eines Zimmermädchens brauchte proletarisches
Lebensgefühl nicht erst aus Büchern zu lernen. Für den in sich
gekehrten Jungen, der schwer unter seiner unehelichen Herkunft litt,
kam es einer Erlösung gleich, als er mit 17 der Jugendorganisation der
Metallarbeitergewerkschaft beitritt. Ab diesem Tag war es die
Arbeiterbewegung, die ihm Halt und Selbstbewusstsein gab. Als er 27
Jahre später vor den Größen der KPdSU saß, hatte die Kommunistische
Partei sein ganzes Leben ausgefüllt. Außer seinen Genossen hatte er
niemanden, außer Parteikader zu sein, konnte er nichts.

Es ist nicht das erste Mal, dass er für die Partei bereit ist, Blut zu
vergießen. Als Innenminister bereitet er den Schauprozess gegen László
Rajk (1948-1950) vor, immer mit der Bedrohung im Rücken, dass er der
nächste sein dürfte. So kam es auch, 1952 wurde er wegen Verrats und
Liquidatorentums zu lebenslanger Haft verurteilt, 1954 wieder auf
freien Fuß gesetzt und rehabilitiert. Aber Huszár ist sich sicher:
Kádár muss im November 1956 befürchten, dass eines Tages die alten
Sünden wieder hervorgeholt werden, falls er den russischen Genossen
nicht zur Verfügung steht.Für die Partei vergießt er Blut

Was folgte, ist hinlänglich bekannt. Den militärischen Teil der
Niederschlagung des Aufstandes erledigten die Russen und die neu
organisierten ungarischen Sicherheitskräfte. Die Abrechnung mit den
Führern und Teilnehmern des Aufstandes begann. Huszár kann die
bösartige Leidenschaft, mit der Kádár alsbald noch mehr Todesurteile,
noch härtere Strafen für festgesetzte Aufständische von den Gerichten
forderte, nicht erklären. Der wandte sich mit einem wahren Furor gegen
alle, die es gewagt hatten, an der Revolution teilzunehmen. "Wir
müssen einen Volksgerichtshof einrichten, und wo auch immer wir auf
die Anhänger Horthys (sic!) treffen, die sich getraut haben, Sauereien
anzustellen, müssen sie vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und
hingerichtet werden", sagt er im Frühjahr 1957. Und wenige Tage
später: "Wir haben viele Blätter vom Baum geschüttelt, aber den Stamm
haben wir noch nicht durchgeschlagen" - diese Worte lassen keinen
Zweifel über das Schicksal aufkommen, das Imre Nagy und den anderen
führenden Persönlichkeiten des Aufstandes bevorsteht. (…)

Jetzt kann die geschlagene und erniedrigte Gesellschaft der
Kollektivierung der Landwirtschaft keinen Widerstand mehr
entgegenbringen. Nachdem die letzten Reste des privaten Eigentums
verschwunden sind, kann Kádár darangehen, sein eigenes Ideal vom
Sozialismus zu verwirklichen. Er will der Herrscher sein, den er sich
selbst gewünscht hätte: der gute König der Proleten, der sich um das
Wohl seiner Untertanen sorgt, sie aber auch vor ihren Dummheiten
bewahrt. Zu diesen Dummheiten gehört, die Alleinherrschaft der KP und
die Vorherrschaft der Sowjetunion in Frage zu stellen, sich noch
länger Gedanken über 1956 zu machen - und generell über Politik
nachzudenken. Es mag ihm zwar nicht bewusst gewesen sein, aber für
sein Handeln als patriarchalischer Herrscher und Staatsneugründer gab
es große Vorbilder in der ungarischen Geschichte: Kaiser Franz Joseph
von Habsburg und Reichsverweser Miklós Horthy."Wer nicht gegen uns
ist, ist für uns."

Die Entpolitisierung der Gesellschaft leitete er 1963 mit einem dem
Lukas-Evangelium entliehenen Slogan ein: "Wer nicht gegen uns ist, ist
für uns." Statt Politik gab es Verbesserungen der Lebenssituation:
größere Wohnungen, ein Wochenendhäuschen, einen Trabi. Wer sich an die
Regeln hielt, durfte sogar alle drei Jahr in den Westen reisen. Das
persönliche Realeinkommen wuchs zwischen 1960 und 1980 um
durchschnittlich 3,8 Prozent pro Jahr - eine für ungarische
Verhältnisse beispiellose Entwicklung.

Kádár selbst wirkte wie der personifizierte Ausdruck dieser Politik.
Er sprach die Sprache des Volkes, zeigte sich in einer alten schwarzen
Sporthose am Plattensee, setzte sich gern zu diskutierenden Gruppen,
liebte das volkstümliche Kartenspiel "Ulti" und die deftigen
ungarischen Gerichte. Er beanspruchte für sich außer der Jagd keine
sichtbaren Privilegien. So entstand das Bild von dem gerechten Kádár
János, der zwar das Beste wollte, aber nicht immer so konnte, wie er
wollte. Mit einem Augenzwinkern gab er dann dem Volke zu verstehen,
dass wieder einmal die Russen oder die Betonköpfe - gegen die er
schließlich in ständigem Kampf stand - ihn daran hinderten. Das ganze
Land schien eine einzige verschworene Gemeinschaft unter Führung
Kádárs zu sein, die sich ihre kleinen Freiheiten gegen übermächtige
Gegner gemeinsam sichert.

Die meisten Ungarn - bis auf die wenigen öffentlichen Intellektuellen
- empfanden die Entpolitisierung, die ihnen für den bescheidenen
Wohlstand abverlangt wurde, nicht als Last, im Gegenteil. Viele sehnen
sich heute immer noch oder schon wieder nach einem Patriarchen mit
starker Hand - möge er rechts oder links sein wie Kádár - weil sie es
leid sind, Verantwortung für sich selbst und das Land zu tragen.

Die Kádárschen Wohltaten konnte die Wirtschaft trotz einiger Reformen
nicht bereitstellen. Vor allem, weil sie den Markt nur simulierten,
anstatt ihn zu erlauben - und sie wurden sofort gestoppt oder
rückgängig gemacht, sobald sie - in welchem bescheidenen Rahmen auch
immer - in Richtung echter Freiheit führten. Das mit der
sozialistischen Produktion unvereinbar hohe Konsumniveau bewirkte
alsbald das dramatische Ansteigen der Auslandsverschuldung und führte
nach einem guten Jahrzehnt an den Rand des Kollapses. Zwar zahlten
westliche Länder, allen voran die BRD, Ungarn lange bereitwillig,
wollten sie doch den Beweis für die Reformierbarkeit der
kommunistischen Diktatur in ihm sehen. Aber Anfang der achtziger Jahre
ließ sich das Wachstumsniveau trotzdem nicht mehr halten. Kádár
versuchte, zum Zentralismus zurückzukehren, wodurch die Krise nur noch
größer wurde.

Das Aufkommen der demokratischen Opposition beschleunigte das Ende des
sozialistischen Königreichs. Es gab nichts mehr zu verteilen, und den
Rahmen der zuletzt milden sozialistischen Diktatur konnte und wollte
Kádár nicht verlassen. Seine Vorbilder stammten wie er selbst aus
einer vorindustriellen Gesellschaft, was darüber hinauswies, bekämpfte
er. Huszár hat Recht, wenn er behauptet, Kádárs Taten seien aus einem
Guss: Die Niederwerfung des Aufstandes und der "Gulaschkommunismus"
entsprangen den gleichen Idealen. Für eine kurze Zeit schien es
möglich zu sein, beides zu haben: Im alten System der Kollektive und
der informellen Beziehungen zu verharren, und die Wonnen der
Konsumgesellschaft zu genießen. Als es nicht mehr weiterging, wusste
auch Kádár nicht mehr weiter. Er hörte in dem Augenblick auf, die Welt
um sich herum zu verstehen, als die sich aufmachte, die
agrarisch-industrielle Vergangenheit hinter sich zu lassen.

 
 
21.10.06        Berliner Zeitung
George H. Hodos
 
Sowjetpanzer gegen die Revolution. Wie die Freiheitsbestrebungen in Ungarn 1956 von Moskau blutig niedergeschlagen wurden
 
Für mich begann die ungarische Revolution von 1956 schon am 6. Oktober 1956. Es war fast genau der Tag, an dem sieben Jahre zuvor Laszlo Rajk, damals noch der zweite Mann in der Partei, und drei seiner Genossen, darunter mein Freund Tibor Szönyi, hingerichtet und ihre Leichen in nicht gekennzeichneten Gräbern verscharrt worden waren. Szönyi hatte zuletzt die Kaderabteilung des Zentralkomitees der Partei geleitet und war Kommunist seit 1930. Ich hatte ihn während seiner und meiner Emigration vor 1944 in der Schweiz kennengelernt. Aus der Verbindung dieser "Schweizer Gruppe" mit dem US-Bürger Noel Field wurde 1949 der Ungarische Schauprozess gegen "Rajk und Konsorten" konstruiert. Er endete mit fünf Todesurteilen im Hauptprozess und weiteren 40 in Nebenprozessen, um nur die Todesopfer zu erwähnen.
Gemeinsam mit Rajks Witwe Julia beschlossen wir, die Überlebenden, und die Leitung des Schriftstellerverbandes, die feierliche Neubeerdigung der Gehängten zu organisieren. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Budapest, und am 6. Oktober strömten 100 000 Menschen zusammen. Es wurde die erste spontane Massendemonstration seit 1949 gegen Tyrannei und Stalinismus. Ich stand Ehrenwache am Sarg Szönyis und hörte der Ansprache meines ehemaligen Mithäftlings Bela Szasz zu: "Wir wollen hier zugleich eine Ära begraben, für immer die Unterdrückung und auch die moralisch Toten der schändlichen Jahre zu Grabe tragen." Aus der versammelten Menge kamen Rufe: "Lasst uns auch das verlogene System beerdigen!" 17 Tage später brach die Revolution aus.
Als ich gut zwei Jahre zuvor, am 1. September 1954, in Budapest aus dem Gefängnis entlassen und rehabilitiert worden war, hatte sich das stalinistische Ungarn schon etwas verändert. Fünf Jahre hatte man uns, die für die Inszenierung des Rajk-Prozesses verhafteten Kommunisten, in völliger Isolierung gehalten. Wir wussten nicht, was politisch im Land vorgeht. Umso erschütternder war die wiedergewonnene Freiheit. Ich selbst war inzwischen ein anderer Mensch als der parteitreue Kommunist, den die AVH, die ungarische Staatssicherheit, in der Sommernacht des 6. Juli 1949 abgeholt hatte. Die Illusionen über den sozialistischen Charakter des Stalinismus waren zerbrochen. Dennoch verließ mich die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Sozialismus nie.
Die neu gewonnene Freiheit nutzte ich dazu, das Geschehen der verlorenen Jahre aufzuarbeiten, und ohne diese Geschichte wäre der Ausbruch der Revolution auch nicht verständlich. Das Bild war erschreckend. Die Sowjetisierung des Landes hatte den Nationalstolz der großen Mehrheit des Volkes mit Füßen getreten, die überschwängliche Huldigung der fremden Besatzer, die sklavische Umgestaltung von Staat, Politik, Wirtschaft und Kultur nach Sowjetmuster provozierte Widerstände, die mit Terror im Keim erstickt wurden. Es gab fast keine Familie, in der nicht irgendein Mitglied in Konflikt mit der Polizei oder der AVH geraten wäre. Unter 5,2 Millionen erwachsenen Ungarn waren Mitte 1953 750 000 Gerichtsverfahren anhängig, es gab 5 000 Internierte und 15 000 Familien, die aus den großen Städten in Dörfer der Provinz verbannt worden waren.
Der erste Wendepunkt kam mit Stalins Tod am 5. März 1953. Am 15. Juni wurde die Parteiführung mit Matyas Rakosi an der Spitze und ausdrücklicher Einladung an Imre Nagy nach Moskau beordert. Rakosi wurde für alle Fehler und Sünden in Wirtschaft und Politik Ungarns verantwortlich gemacht, von der überstürzten Industrialisierung und Kollektivierung bis zu den stalinistischen Prozessen und Masseninternierungen. Am Ende schlugen die Sowjetgastgeber vor, die Prozesse zu überprüfen, die Fehler zu korrigieren, Rakosi soll zwar Parteichef bleiben, doch das Amt des Ministerpräsidenten an Imre Nagy abgeben. Als die Delegation am 17. Juni wieder in Budapest eintraf, erreichte sie die Nachricht vom Arbeiteraufstand in der DDR.
Die ungarische Öffentlichkeit erfuhr von dem in Moskau diktierten "Neuen Kurs" erst aus dem Reformprogramm des neuen Ministerpräsidenten im Parlament am 4. Juli. Die wahre politische Bedeutung seiner abends im Radio vollständig übertragenen Rede lag nicht so sehr in dem, was er sagte, sondern darin, wie er sprach. Man hörte nicht den üblichen blechernen Parteijargon, sondern ein gut klingendes Ungarisch ohne Phrasen, es war eine Sprache, die das Volk sofort verstand und enthusiastisch annahm. Es entstand eine Art von stiller, unbalancierter Verschwörung zwischen der Nation und Nagy. Vor ihm standen die Millionen des verängstigten Volkes, noch unfähig, ihm aktive Hilfe zu leisten, hinter Nagy stand jedoch niemand von denen, auf die es damals noch ankam.
Der Gegenangriff Rakosis begann unverzüglich mit der schlauen Sabotage der von der Regierung eingeleiteten Veränderungen. Besonders gefährlich schien ihm die Überprüfung jener konstruierten Schauprozesse, deren Organisator er ja höchstpersönlich gewesen ist. Die Überlebenden berichteten über seine schändliche Rolle. Viele Schriftsteller und ein Großteil der Intellektuellen, die anfangs die schöne Idee des Sozialismus in die Partei geführt hatte und die Rakosi voreilig verherrlicht hatten, wurden jetzt, von Gewissensbissen geplagt, zu aktiven Anhängern Nagys. Seit September 1954 gehörte auch ich dieser intellektuellen Opposition an.
Trotz der Intrigen und Blockaden konnte Nagy wichtige Reformen durchsetzen, das Leben im Dorf, in der Stadt, an den Schulen wurde erträglicher, der Lebensstandard hob sich etwas, die Repression stockte. Der Machtkampf auf der obersten Ebene dauerte bis Frühjahr 1955, dann wurde Nagy aus allen Partei- und Staatsämtern entfernt, im Dezember sogar aus der Partei ausgeschlossen. Parallel begann die Restalinisierung des Landes. Die Schwerindustrie sollte wieder oberste Priorität bekommen, die Löhne der Arbeiter sollten gesenkt, den Bauern die Marktbedingungen verschlechtert werden. Der Terror flammte auf, die Überprüfungen der Prozesse wurden gestoppt, die Gefängnisse füllten sich wieder. Rakosi versuchte, die mit Nagy verbündeten Intellektuellen zum Schweigen zu bringen. Doch jetzt lief die Zeit gegen ihn. Der Rückzug der sowjetischen Truppen aus Österreich, der Canossa-Gang Chruschtschows zu Tito und die historische "Geheimrede" auf dem XX. Parteitag der KPdSU, in der Chruschtschow mit dem Stalinismus abrechnete, wiesen in eine andere Richtung.
Im März 1956 ging die antistalinistische Opposition zur offenen Herausforderung über, sie konnte bald auf die Unterstützung des Großteils der Studenten aller Hochschulen und Universitäten des Landes rechnen. Ende März 1956 musste Rakosi eingestehen, dass Rajk unschuldig gehängt worden war, und im Mai, dass er selbst die Hauptschuld daran trägt. Im Juni versuchte er noch, eine "Liste der 4000" zusammenzustellen - 4000, die verhaftet werden müssten -, doch Chruschtschow winkte ab. Das war das Ende. Am 21. Juli beschloss das Zentralkomitee, ihn als Generalsekretär der Partei abzusetzen, und am 26., als ich meinen Geburtstag feierte, erhielt ich als schönstes Geschenk die Nachricht, er sei "zur ärztlichen Behandlung" in die Sowjetunion gefahren. Er kehrte nie nach Ungarn zurück.
Die Spannung nahm zu durch die Ereignisse in Polen. Im Juni 1956 kam es in Poznan zu blutig niedergeschlagenen Arbeiterprotesten, und kaum zwei Monate später folgte der "Polnische Oktober". Die unschuldigen Opfer der stalinistischen Prozesse kamen aus den Gefängnissen, darunter auch Gomulka, der Generalsekretär der Partei. Nach großen Demonstrationen, auf denen Freiheit und Abzug der Besatzungstruppen gefordert wurden, kam es zum Sturz der alten stalinistischen Garde, Gomulka wurde wieder Parteichef. In Moskau wurden Einheiten der Sowjetarmee Richtung Polen in Marsch gesetzt, Chruschtschow flog am 18. Oktober nach Warschau, doch angesichts der Entschlossenheit der gesamten Parteiführung wie auch der Mehrheitsstimmung in Polen gab er nach und kehrte am 20. Oktober nach Moskau zurück. Die Invasionspläne wurden gestrichen.
Dieser Teilsieg des polnischen Widerstandes gab der ungarischen Opposition den letzten Anstoß. Am 22. Oktober beriefen die Studenten der Budapester Technischen Universität eine politische Beratung ein. Spät in der Nacht wurden zwei Beschlüsse gefasst. Erstens, am nächsten Tag, dem 23. Oktober, eine Demonstration zur Statue des polnischen Generals Josef Bem, eines Helden der ungarischen Revolution von 1948, zu organisieren. Zweitens, eine Liste mit 16 Punkten ihrer Forderungen beim Parlament einzureichen. Die wichtigsten davon waren: Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, Schaffung einer neuen Regierung mit Genossen Imre Nagy an der Spitze, freie und geheime Parlamentswahlen unter Teilnahme mehrerer demokratischer Parteien, volle Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit.
Dem Umzug der Studenten schlossen sich unterwegs Tausende an, der Großteil zog vom Bem-Denkmal weiter zum Parlament, ein kleinerer verwandelte den Heldenplatz in einen Ort des Volksfestes, als einige Teilnehmer mit Schweißbrennern dort die riesige Bronzestatue Stalins zerstückelten. Die Menge jubelte ihren stundenlangen Bemühungen zu, das Denkmal fiel, nur Stalins Stiefel blieben im Betonsockel stecken.
Die vor dem Parlament versammelten Massen verlangten pausenlos Imre Nagy zu hören, doch er erklärte, er käme nur, wenn die Partei ihn darum bitte und in seine entzogenen Ämter wieder einsetze. Am Nachmittag holte ihn eine Parteilimousine in die Zentrale, er erhielt seine Parteimitgliedschaft zurück, wurde in das Zentralkomitee und das Politbüro gewählt und zum Ministerpräsidenten ernannt. Die Taktik der Partei war klar: Sie benötigte seine Dienste für eine Atempause, um dann den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Vor dem Parlament hielt Nagy eine kurze Ansprache. Schon die übliche Anrede "Liebe Genossen!" wurde von der Menge ausgepfiffen. Was er sagte war enttäuschend, er hatte die neue Situation noch nicht begriffen, die Demonstranten hatten ihn längst überholt: Nur dem Nimbus eines von den Stalinisten unterdrückten Kommunisten und unzweifelhaften Patrioten verdankte er den großen Applaus, den er am Ende doch erhielt. Eine Stunde später erklang aus dem Radio die wahre Stimme der Partei, die von Ernö Gerö, dem Nachfolger von Rakosi an der Spitze der Partei. Er verurteilte die Demonstration als illegal und konterrevolutionär, nannte sie eine Provokation reaktionärer, imperialistischer Kräfte und kündigte an, sie mit allen Mitteln zu zerschlagen.
Jetzt radikalisierte sich die Stimmung. Am 24. Oktober sprang die Revolution in die Provinzstädte und Industriezentren über, in Budapest tauchten die ersten Sowjetpanzer auf, doch Studenten der Militärakademien und Teile der Armee schlossen sich dem Aufstand an und verteilten Waffen. Einzelne Feuergefechte mit den Sowjeteinheiten brachen aus. In allen Städten, selbst in Dörfern, fanden Protestkundgebungen wegen der Vorgänge in der Hauptstadt statt. Der 25. wurde zum tragischen Höhepunkt, Arbeiter und Studenten stürmten das Parlament und die Radiozentrale, Salven der AVH-Einheiten töteten Hunderte Demonstranten. Als Antwort durchkämmten kleine Gruppen Aufständischer die Straßen, suchten nach AVH-Offizieren und lynchten sie an Ort und Stelle. Auch der Charakter der Massen änderte sich, zu den Arbeitern und Studenten stießen Zehntausende aus allen Schichten der Bevölkerung, auch Randalierer und andere zweifelhafte Elemente, doch hielt die Mehrheit an den sozialistischen Grundlagen fest. Ich hörte nicht ein einziges Mal die Forderung nach Wiederherstellung des Kapitalismus, im Gegenteil, im Budapester Elektrogerätewerk hatte sich am Vortag der erste Arbeiterrat gebildet, dem jetzt blitzartig weitere in allen Landesteilen folgten.
Imre Nagy stand am 26. Oktober vor der Alternative, den Aufstand zu unterdrücken oder sich an seine Spitze zu stellen. Nach langen Gewissenskämpfen und Beratungen mit den nach Budapest entsandten Sowjetberatern - Mikojan und Suslow - entschied er sich für die Führungsrolle in der Revolution. Gerö dankte ab, flüchtete wie Rakosi nach Moskau und wurde durch den Zentristen Janos Kadar ersetzt. Die neue Regierung Nagy wurde gebildet, in die auch der Intellektuelle Georg Lukacs eintrat. Am 27. Oktober erließ sie ein Dekret zur allgemeinen Feuerpause, am 28. verkündete Nagy den baldigen Rückzug der sowjetischen Armee aus Ungarn, die Auflösung der Staatssicherheit und die Erfüllung einiger anderer Forderungen der Studenten und Arbeiter. Er stellte sich auf die Seite der Arbeiterräte. Die Panzer zogen sich aus Budapest zurück. Ein Teilsieg der Revolution schien sich anzubahnen.
Doch nicht wenige blieben skeptisch gegenüber den Versprechungen von Nagy und legten die Waffen nicht nieder. Sie erwarteten die vom CIA-Sender Freies Europa in München angekündigte Hilfe Amerikas. Stattdessen ließ am 30. Oktober das State Department eine Note in Moskau überreichen, wonach die USA sich in Ungarn nicht einmischen würden. Bis dahin hatte die Sowjetführung tatsächlich den Truppenabzug erwogen, wie man heute weiß. Am 31. Oktober änderte das Politbüro in Moskau seine Meinung, die Armee erhielt den Befehl, die ungarische "Konterrevolution" niederzuschlagen. Der Rest ist bekannt: die zweite Sowjetinvasion am 4. November, die Unterdrückung der Revolution.
Zweifellos war die erste Phase von antistalinistischen Kommunisten vorbereitet und in Gang gebracht worden. Die Studenten waren Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes, ihre Berater kommunistische intellektuelle Oppositionelle und Professoren, der von ihnen gewählte Führer Imre Nagy ein Reformkommunist, ihr Ideal eine ungarische freiheitliche sozialistische Gesellschaft. Die klare Mischung von Sozialismus und Patriotismus ist in den folgenden Tagen mit dem Anschluss von Hunderttausenden aus allen Schichten der Bevölkerung und durch die Gewalt und Gegengewalt getrübt worden, doch hat sie sich nie in eine Gegenrevolution umgekehrt. Auch in den letzten Tagen, als Nagy sich gezwungen sah, Vertreter der bürgerlich-demokratischen Parteien in seine Regierung aufzunehmen, war kein Ruf zu hören, der den Kapitalismus restaurieren oder die Rakosi-Ära durch das Vorkriegsregime Horthys ersetzen wollte.
 
Das polnische Beispiel zum Vorbild zu nehmen war falsch, denn die im entscheidenden Augenblick hinter Gomulka stehende einige, starke nationale Partei, die gab es in Ungarn nicht. Hinter Kadar stand nur die zerfallende stalinistische ungarische KP.
Trotzdem ist es vorstellbar gewesen, dass die ungarische Revolution einen Teilsieg erringt. Noch am 30. Oktober erwog die Sowjetführung den Kompromissvorschlag von Nagy, Verhandlungen über einen Truppenabzug zu beginnen. Doch am gleichen Tag fiel mit der amerikanischen Note, sich nicht in die ungarischen Ereignisse einmischen zu wollen, der letzte Grund für ein Nachgeben weg, die Sowjetarmee setzte sich in Gang. Als Nagy am 1. November von den Truppenbewegungen erfuhr, fasste er den noch heute unverständlichen Entschluss, den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität der Nation zu erklären. Er hatte wohl das österreichische Vorbild im Auge, doch damit besiegelte er das Schicksal der Revolution. Im Morgengrauen des 4. November weckte mich der Kanonendonner der Sowjetinvasion.
Die heraufbeschworenen Geister der Revolution konnten nicht so rasch unterdrückt werden. Die bewaffneten Widerstandsnester wurden zwar in ein, zwei Wochen erstickt, doch mit den sozialistisch-demokratischen Institutionen hatte es die von Moskau eingesetzte Regierung Kadars weit schwerer. Studenten, Schriftsteller, Journalisten schlossen sich zum Revolutionären Rat der ungarischen Intellektuellen zusammen und forderten den Abzug der Sowjettruppen sowie eine neue Regierung mit Nagy an der Spitze. An meinem Arbeitsplatz, dem Europa-Verlag, gab es niemanden, der sich diesen Forderungen nicht anschloss, nicht einmal die Parteileitung. Noch wichtiger war die Gründung des Budapester Zentralen Arbeiterrates, der die Arbeiterräte aller Betriebe zusammenschloss. Er forderte darüber hinaus die Beibehaltung der sozialistischen Grundlage, des gesellschaftlichen Eigentums, organisierte Streiks und Demonstrationen, die noch wochenlang die größeren Städte und Industriezentren der Provinz prägten.
Kadars Antwort war der Terror der Vergeltungsperiode. Von Anfang 1957 bis Ende 1959 wurden die revolutionären Räte aufgelöst, viele Intellektuelle und Arbeiterführer verhaftet. Es gab nahezu 400 Todesurteile, 35 000 Gefängnisstrafen und Internierungen, dazu kamen Hunderte in die Sowjetunion Verschleppter. Der Höhepunkt war der bekannte Geheimprozess gegen Imre Nagy im Februar 1958, in dem er und seine engsten Mitarbeiter zum Tode verurteilt und anschließend sofort gehängt worden sind.
Von 1960 an folgte dem Terror die Verdrängung und Verfälschung des jetzt zur Gegenrevolution abgestempelten Aufstandes. Die 30 Jahre der "Befriedung" wurden eine Periode der politischen Lockerung, das Leben wurde leichter, das Feld der Freiheiten weitete sich erheblich aus, die Mehrheit versöhnte sich mit Kadar gemäß seinem Motto "Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns". Der Preis dafür war allerdings die Einhaltung der ungeschriebenen Tabus, doch die überwiegende Mehrheit tauschte gern die Freiheit der Privatsphäre gegen eine Entpolitisierung ein. Zu den Tabu-Themen gehörten die Revolution von 1956 und die Person von Imre Nagy. Mehr und mehr verblassten sie im Bewusstsein des Volkes. Die Schlüsselbegriffe "Konterrevolution" oder "Brüderliche Hilfe der Sowjetunion" wurden zwar nie angenommen, doch bedeutete das nur, einfach nicht hinzuhören. Das Ganze sei doch die Sache derer dort oben, ein Widersprechen würde nur unser ruhiges Leben gefährden.
Erst mit der Krise der sozialistischen Wirtschaft, ja der Fehlfunktion des Systems Mitte der 80er Jahre, begannen sich kleine Gruppen der liberalen und nationalen Opposition zu bilden, wie immer in der neuzeitlichen ungarischen Geschichte aus Studenten und Intellektuellen bestehend. In der Partei kam es zu Fraktionskämpfen zwischen Reformern, Zentristen und Dogmatikern, ihr Auflösungsprozess beschleunigte sich und endete in März 1990 mit dem katastrophalen Fünf-Prozent-Ergebnis in den ersten freien Wahlen seit 1947.
Kehren wir zu der verdrängten Revolution von 1956 zurück. Die Erinnerung an sie fand in der neuen Opposition nur schüchtern einen Platz, angesichts der doch allgemein geachteten Person Kadars sozusagen auf dem Nebengleis. Noch am 16. Juni 1988, dem 30. Jahrestag der Hinrichtung von Imre Nagy, nahmen nur 400 Personen an der Gedenkdemonstration teil. Im Januar 1989 taufte eine Historiker-Kommission der Partei die bisherige Bewertung "Gegenrevolution" in "Volksaufstand" um. Am 16. Juni 1989 kam es jedoch zu der feierlichen Wiederbestattung Nagys unter Teilnahme von 350 000 Menschen. Am gleichen Tag ist Kadar gestorben. Das wurde der Tag, an dem die kommunistische Partei psychologisch zusammengebrochen ist, das symbolische Ende der 44-jährigen Nachkriegs-Geschichte Ungarns.
Am 4. November 1956 starb in mir jede Hoffnung auf einen von der Revolution errungenen freiheitlichen ungarischen Sozialismus. Die Lügen der altneuen Quislinge über "Terroristen und Banditen der Gegenrevolution", über die "brüderliche Hilfe der Sowjetunion" schnürten mir den Hals zu, ich konnte nicht atmen in der von Kadar mit der Hilfe des sowjetischen Generals Serow organisierten blutigen Unterdrückung. Ich musste weg aus Ungarn.
Ein Mithäftling aus unseren fünf Gefängnisjahren nach 1949 hatte wieder eine höhere Stellung angenommen. Ich bat ihn, mir und meiner Familie zu einem Reisepass zu verhelfen. Er wies mich ab. Ich wandte mich an einen anderen Mitgefangenen von damals, der auch wieder aufgestiegen war. Eine Woche später erhielt ich die Pässe. "Du hast recht", sagte er mir. "Ich würde auch gehen, wenn ich könnte. Doch ich bin alt, mein ganzes Leben lang war ich Berufsrevolutionär, ich kann nichts anderes. Ich muss bleiben und den Mund halten." Am 2. Februar 1957 überschritten wir die Grenze. Am Vortag wanderte ich durch die Straßen von Budapest, prägte mir die von sowjetischen Kanonen zerschossenen Häuser, die an den Straßenkreuzungen und vor den öffentlichen Gebäuden stationierten Sowjetpanzer ein, damit ich nie Heimweh empfinde.
In Wien reichte ich Einwanderungsgesuche in die Schweiz und nach Amerika ein, doch beide wurden abgewiesen, ehemalige Kommunisten waren unerwünscht, die fünf Jahre im kommunistischen Gefängnis blieben unberücksichtigt. Nach zwölf Jahren rief man mich überraschend in das amerikanische Konsulat in Wien und bot mir das Einwanderungsvisum an. Die McCarthy-Zeit sei vorbei, erklärte mir der Konsul, auch aus Ex-Kommunisten könnten anständige Menschen werden.
Als ich mir noch unlängst die Frage stellte, was die Aktualität von 1956 für das heutige Ungarn sei, war meine Antwort: Es gibt keine. Die Erinnerung ist dabei, zu einem formellen nationalen Feiertag zu erstarren, gleich dem 15. März, dem Gedenktag der Revolution von 1848, oder gar dem 20. August, als vor tausend Jahren der ungarische Staat gegründet wurde. Lediglich eine indirekte Aktualität könnte man feststellen - die so oder so verzerrte Benutzung von 1956 für parteipolitische Zwecke. Die populistische Rechte glorifiziert den Antikommunismus und Nationalismus, die heutige Linke würde am liebsten den Kommunisten Imre Nagy und die Arbeiterräte in der Versenkung verschwinden lassen. Doch im September 2006 musste ich mein Urteil revidieren. Eine Wiederaufführung des früheren Stücks? Das sollte jedenfalls werden, was am 18. September in Budapest vor dem Parlamentsgebäude und in der Fernsehzentrale geschah. Ultra-Nationalisten schwenkten die Fahnen der vor tausend Jahren in das Karpatenbecken eingewanderten heidnischen ungarischen Stämme, Neo-Faschisten skandierten antisemitische Losungen, Jugendliche paradierten vor den Fernsehkameras der BBC, der CNN, ja der ganzen Welt - sie glaubten Kinder und Enkelkinder von 1956 zu sein. Ihr Führer, der skrupellose Viktor Orban und sein Populismus, spielt mit der Meinung breiter Schichten, der Systemwechsel von 1989 sei unvollendet, die radikale Umwandlung gestohlen, was 1989 in den gewaltfreien Verhandlungen mit den Kommunisten unterschlagen worden sei, müsse jetzt als Auferstehung von 1956 gefordert werden. Ein neuer Systemwechsel sei nötig - die Änderung der parlamentarischen in eine plebiszitäre Demokratie.
Doch das ist nur noch eine traurige Kopie des 23. Oktober 1956, die niemandem eine reale Alternative bietet.
 
George H. Hodos, Jahrgang 1921, übersiedelte nach der Niederschlagung der Revolution von 1956 nach Österreich, arbeitete dort als Wirtschaftsberater und Journalist. 1969 ging er in die USA und wirkte an verschiedenen Universi-täten Kaliforniens. Seit 2002 lebt er wieder in Budapest. Im Basisdruck-Verlag erschien sein Buch "Mitteleuropas Osten - ein historisch-politischer Grundriss".
 
 
 
21.10.06               Die Welt
Jacques Schuster
 
"Wir sind keine Genossen" Paul Lendvai, János M. Rainer und György Dalos entwerfen ein Panorama des Ungarnaufstandes vor 50 Jahren voller neuer Aspekte.
 
Dienstag, 23. Oktober 1956; herbstlich klar ist die Luft. Blauseiden der Himmel, kein Wind rührt die golden gefärbten Blätter. Tore öffnen sich. Haustüren schlagen; Besen kratzen über die Pflastersteine. Männer und Frauen gehen zur Arbeit, Kinder schlendern in die Schule. Ein Morgen wie jeder andere in Budapest. Seit Jahren kriechen in Ungarn die Tage dahin - träge und einschläfernd. Nur einmal seit der kommunistischen Machtübernahme vor acht Jahren brandete Unruhe auf. Im Sommer 1954 zogen Fußballfans nach der verlorenen Weltmeisterschaft wütend durch die Straßen. Das ist längst vergessen.
Dennoch rumort es in der Gesellschaft. Die Bevölkerung hat genug von der Sowjetisierung des Landes, die Ungarn nach 1945 aufgrund seines Bündnisses mit Deutschland während des Weltkrieges besonders hart traf. Auch soll endlich Schluss sein mit dem Stalinismus, seinem Spitzelwesen, den Säuberungen und der brutalen Herrschaft Mátyás Rakosis, "Stalins bestem Schüler". Zwar ist Rakosi seit Juli 1956 entmachtet, doch der Kampf zwischen seinen Getreuen und den Reformern innerhalb der alles beherrschenden kommunistischen Partei ist nicht entschieden. Hoffnungen regen sich. Gerade hat Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag in einer Geheimrede mit Stalin gebrochen und einige seiner Verbrechen enthüllt. Seine Worte gehen um in Budapest, erregen, stacheln an. Der Sieg Wladyslaw Gomulkas in Polen am 21. Oktober beflügelt. Sollte in Budapest nicht das gleiche wie in Warschau möglich sein?
Die Studenten sind davon überzeugt. Nach langen Debatten am Abend zuvor, ziehen sie am Mittag des 23. Oktober plötzlich los. Die Ruhe des Tages ist dahin. "Polen zeigt uns, dass es geht. Folgen wir auf Ungarns Weg", steht auf den Transparenten. Viele Passanten schließen sich dem Zug an. Zunächst bleibt es ruhig. Dann singen einige der Demonstranten die Nationalhymne. Ihr folgt die Marseillaise. Freiheitsrufe ertönen, aber auch "Russen raus" und "Imre Nagy an die Macht". Eine Masse ohne Lautsprecher bahnt sich den Weg durch die Straßen. Als sie das Parlamentsgebäude erreicht, stehen 200 000 Budapester auf dem Platz, der sanft getönt von den Farben der sinkenden Sonne seltsam friedlich im Abendlicht liegt. Ein Surren und Schwirren, ein Reden und Raunen hängen in der Luft. Bald nimmt es die Form einer Forderung an. Studenten, Arbeiter, Angestellte und Rentner rufen nach Imre Nagy. Am Rande des Stadtparks geht es heftiger zu. Dort fallen Demonstranten mit Schweißgeräten über das acht Meter hohe und achtzig Zentner schwere Stalindenkmal her. Noch in derselben Nacht wird es fallen.
Die Partei ist macht- und kopflos. Sie verhängt ein Versammlungsverbot und hebt es wieder auf. Ein Teil des Politbüros glaubt, nur Imre Nagy könne helfen. Die Forderungen der Demonstranten belegen es: Noch immer steht der 1955 entmachtete Ministerpräsident in der Bevölkerung für einen offenen, post-stalinistischen Kurs. Erst kurz zuvor haben die Kommunisten den Ausgestoßenen wieder aufgenommen. Nun soll er für sie den Untergang abwenden - und zwar sofort. Nach langem Drängen gibt Nagy nach. Eilig entwirft er eine Rede für die wartende Masse vor dem Parlament. "Liebe Genossen", erhebt der Sechzigjährige seine Stimme. "Wir sind keine Genossen", zischt das Heer der Protestierenden zurück. Erst allmählich finden Nagys Worte Gehör. Eindruck hinterlassen sie nicht. Die Nachricht von einem ersten Opfer verbreitet sich. Ein Demonstrant vor dem Rundfunkgebäude stirbt unter den Schüssen der Geheimpolizei. Der Tote wird nicht der letzte sein. Mit dem 23. Oktober 1956 beginnt, was als Ungarn-Aufstand mit seinen 2700 Toten, davon 350 bis 400 Hinrichtungen, 19 000 Verwundeten, 26 000 Verhafteten und 160 000 Flüchtlingen in die Geschichte einging.
Der Jahrestag bietet Anlass zum Rückblick. Paul Lendvai, János Rainer und György Dalos werfen Licht auf die 13 Tagen im Herbst, die Ungarn bis heute prägen und in Deutschland weitgehend vergessen sind. Ihre Bücher lohnen. Sie bringen die Atmosphäre im Kalten Krieg vor der Entspannungspolitik nahe und geben die Stimmung in einer Gesellschaft wieder, deren Führer am Würgeband der Sowjets hingen. Darüber hinaus liefern sie neue Erkenntnisse. Vor allem Paul Lendvai und János Rainer können sie vorweisen.
Lendvai, Nestor der Osteuropakunde, hat zahlreiche Archive besucht und neues Material aus Moskau mitgebracht. Sein Buch befasst sich mit allen Facetten des Aufstandes und geht weit über ihn hinaus. Wer umfassend über die Lage in Ungarn bis 1989 informiert sein will, der muss zu Lendvais Studie greifen. Lendvai, damals Journalist in Budapest, reichert die Tatsachen durch eigene Erinnerungen an. In flinken Strichen zeichnet er Porträts sogar von Personen, die sich auf den Barrikaden zu örtlichen Leitfiguren entwickelten. Die großen Linien verliert Lendvai nicht aus den Augen. Immer wieder kommt er auf die zentrale Rolle des damaligen sowjetischen Botschafters in Budapest, Juri Andropow, zurück, enthüllt Titos Mitschuld an der Verschwörung gegenüber Nagy und bettet den Aufstand in die weltpolitische Lage während der Suez-Krise ein.
Dem Schriftsteller György Dalos, auch er Zeitzeuge, glückt dieser Wurf nicht ganz so souverän, auch wenn er durch zahlreiche Zitate ein lebhaftes Bild der Wochen und Monate bis zur Hinrichtung Imre Nagys entwirft. János Rainer schließlich konzentriert sich auf die Person Nagy. Das Buch des ungarischen Historikers ist die erste, umfassende Biografie über den gutmütigen, zaudernden Ministerpräsidenten. Sie bietet tiefe Einblicke in die Persönlichkeit des Intellektuellen, dessen Monate in Haft die ganze Niedertracht kommunistischer Regimes in Erinnerung rufen. Kein Biograf ist Nagy so nahe gekommen wie Rainer.
Der Direktor des "1956er Instituts" in Budapest hebt hervor, wie jäh den Kaltgestellten die Wirren der Oktobertage traf: "Die Tränen liefen ihm über die Wangen. Er machte den Eindruck eines Menschen voller guter Absichten, der seinem Volk, seinem Vaterland und der Sache des Sozialismus dienen will und nun in einer sehr schwierigen Situation den Ereignissen ratlos gegenübersteht", zitiert Rainer einen Vertrauten Nagys. Zwar hatte Nagy schon zu Jahresanfang in einer für sich selbst verfassten Denkschrift über "Ethik und Moral im öffentlichen Leben Ungarns" für einen vom Stalinismus gereinigten Kommunismus und für den Grundsatz der nationalen Unabhängigkeit geworben. Doch mit der Rasanz der Entwicklung kommt der herzkranke Nagy nicht mit. Trotzdem wird er binnen weniger Stunden zum Symbol der aufständischen Ungarn.
Zunächst aber stehen die Demonstranten ohne Führer da. Lendvai, Rainer und Dalos betonen, wie wenig die "unerwartete Revolution", die Empörung der "verlassenen Masse" mit der späteren Version vom geplanten Aufstand durch "Horthy-Faschisten", reaktionäre Kräfte der "parteifeindlichen Nagy-Gruppe" und "internationale Imperialisten" zu tun hatten. Gleichfalls unterstreichen sie, dass nur eine Minderheit der Protestierenden einen Systemwechsel forderte. Der Mehrheit geht es um die Wahl einer neuen KP-Führung, die Entfernung stalinistischer Funktionäre, freie Wahlen und die Rückkehr zu den nationalen Staatssymbolen. Erst mit dem Einmarsch der Russen gewinnt der Ruf nach dem Austritt aus dem Warschauer Pakt Gewicht.
Vorsichtshalber hatte der Kreml bereits im Juli einen Plan unter dem Decknamen "Volna" (Welle) ausarbeiten lassen. Im Notfall, so die Idee, sollte das seit September 1955 in Ungarn stationierte russische Sonderkorps Moskaus Macht sichern. Aktion "Volna" kommt noch am 23. Oktober auf den Tisch. Lendvai zitiert aus der Sitzung des sowjetischen Parteipräsidiums, das kurz vor Mitternacht zusammentritt. Chruschtschow und alle anderen Genossen sprechen sich für den Militärschlag aus. Nur Anastas Mikojan hat Bedenken. Er wird ignoriert. Um zwei Uhr früh erreichen die ersten russischen Soldaten die Außenbezirke Budapests. (…)
Lendvai, aber auch Dalos erzählen packend von den Wirren auf den Budapester Straßen, den Kämpfen zwischen Soldaten in ihren T-34-Tanks auf der einen und vorwiegend jugendlichen Arbeitern, bewaffnet mit Molotow-Cocktails, auf der anderen Seite. Am Kossuth-Platz kommt es zum Blutbad mit mehr als hundert Toten. Die Nachricht von den bestialischen Szenen beeinflusst auch die Partei. KP-Chef Ernö Gerö wird seines Amtes enthoben, Janos Kádár sein Nachfolger, Imre Nagy erneut Regierungschef. Die Russen akzeptieren mit Bauchschmerzen. Sie fordern, die neue Führung möge in einem rückdatierten Brief um den Einmarsch der sowjetischen Truppen bitten. Nagy lehnt ab, sein Stellvertreter unterschreibt.
Rainer schildert, wie der Regierungschef allmählich Kraft gewinnt. Trotz der Gewalt hofft er, dem Anti-Stalinismus zum Durchbruch zu verhelfen. Nagy glaubt, seine Popularität in der Bevölkerung werde zusammen mit seinen Moskauer Verbindungen ausreichen, um allen die Lage zu erklären. Am Ende, so stellt er sich vor, würden seine Landsleute eine Art milder Unterordnung unter das Sowjetimperium dulden. Chruschtschow hingegen würde sehen, dass ein anti-stalinistisches Ungarn im sowjetischen Interesse läge.
Doch der Premierminister irrt von Anfang an. Der Aufstand ähnelt anderen Revolutionen: er gleicht einer flutenden Bewegung. Stehen bleiben ist für ihn Verhängnis, Rücklauf sein Ende. Er muss fordern, immer mehr verlangen. Nagy gibt ihm nach, tritt mit Kádár für den Abzug russischer Truppen, für Blockfreiheit und ein Mehrparteiensystem ein. Das Land kommt für einen Atemzug zur Ruhe, die Kämpfe verstummen. Doch die Sowjets werden unruhig. Haben sie für einen Moment auf Nagy als Genossen gesetzt, der das Schlimmste verhindern kann, fürchten sie nun den Zusammenbruch ihrer Herrschaft über die mitteleuropäische Kolonie. Rainer zitiert Chruschtschow: "Wenn wir uns aus Ungarn zurückziehen, würde das die amerikanischen, englischen und französischen Imperialisten nur ermutigen. Sie würden das als Schwäche auffassen und zum Angriff übergehen. Außer Ägypten würden wir ihnen dann auch noch Ungarn überlassen."
Was nun geschieht, lässt sich hier im Detail kaum schildern. Zu schnell stürmen die Ereignisse aufeinander ein. Auf Drängen Andropows setzt das sowjetische Politbüro auf Kádár und lässt ihn nach Moskau schaffen. Kádár ist ein Machtmensch, der mit Moral wenig anzufangen weiß. Er ergreift seine Chance und wird zu Chruschtschows Mann in Ungarn. Währenddessen setzen sich neue russische Divisionen in Bewegung. Die Hilferufe der ungarischen Regierung an die Vereinten Nationen verhallen gehört. Nagy und seine Getreuen eilen am 4. November in die jugoslawische Botschaft. Die Falle schnappt zu. Denn Tito denkt wie Chruschtschow. Er will Nagy loswerden, weil ein freies Ungarn auch seinem halbstalinistischen System gefährlich werden könnte.
Ausführlich beschäftigt sich Lendvai mit der Titoschen Hinterlist. Zwar hat der jugoslawische Staatschef nur auf einen Rücktritt Nagys im Schutz der eigenen Botschaft gebaut, doch letztlich ist er wie Chruschtschow und Kádár verantwortlich für die Entführung der legitimen ungarischen Regierung am 22. November nach Rumänien. Der Kampf ist da längst entschieden; Nagy und seine "Verrätergruppe" zunächst in Rumänien, dann in Budapest in Haft. Am 15. Juni 1958 spricht sein Richter dort das Todesurteil. Am folgenden Tag bei Sonnenaufgang werden Nagy und zwei seiner Getreuen zum Galgen geführt. "Das Herz des Delinquenten Imre Nagy hat um 5.16 Uhr zu schlagen aufgehört", stellen die Ärzte fest. Kurz danach werden die Leichen ohne Markierung im Gefängnishof verscharrt. Ungarn ist zu dieser Zeit längst wieder fest im Griff der Sowjets.
 
 
20.10.06                                       Freitag
Erhard Schütz
 
"Warum helft ihr uns nicht?" György Dalos und Paul Lendvai erinnern an den Ungarn-Aufstand 1956
 
Neunzehnhundertsechsundfünfzig ist das Jahr der Revolution in Ungarn. Welches Datum aber nimmt man zum fünfzigjährigen Gedenken? Den 23. Oktober, als die Solidarität mit den polnischen Reformern in heimischen Protest und unter Beschuss in bewaffneten Aufstand umzuschlagen begann? Nimmt man diesen emphatischen Augenblick, in dem noch alles ins Freie zu führen schien, oder nimmt man den 4. November, als die sowjetischen Armeen einfielen und den Widerstand binnen einer Woche blutig niederschlugen?
 
Als unlängst Ferenc Gyurcsány, der derzeitige, sozialistische Ministerpräsident Ungarns offenbarte, man habe statt zu regieren nur "morgens und nachts und abends gelogen und gelogen", und das ebenso unflätige wie bemerkenswerte Fazit zog: "Wir haben es verfickt", da gab es heftige öffentliche Protestversammlungen, von den einen als Aufmarsch (neo)faschistischen Gesindels gebrandmarkt, von den anderen als wiederauferstandener Revolutionsgeist von 1956 beschworen. Dass der Oppositionschef und ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán - je nach Sicht Nationaldemagoge oder christlicher Bürgertrost -, der 1989 öffentlich die Sowjetunion zum Abzug ihrer Armee aufgefordert hatte, sich von der Protestbewegung distanzierte, wurde ihm das von den einen als besondere Perfidie, von den anderen als Imre-Nagy-Virus angekreidet. Was auch immer im ideologisch halbierten Ungarn seit 1989 geschieht, die Revolution von 1956 bildet die Folie dazu, ja, ist dessen Motor. Für einen Laien-Beobachter hierzulande ist es nahezu unmöglich, eine andere als je intuitiv sympathisierende Position zu beziehen, zumal die Gewährsleute hierzulande kaum minder verblockt sind als in Ungarn selbst.
 
Nicht minder verblockt sind die Vorstellungen darüber, was es denn überhaupt damals war, ein Volksaufstand, eine Revolution? Was sie damals wollten: Freiheit. Aber Freiheit vom Stalinismus oder Freiheit zum Sozialismus, individuelle Freiheit oder nationale? Wer waren die Symbolfiguren? 1957 hat Hans Magnus Enzensberger als Beispiel für die typisch fehlinformierenden Personalisierungen des Spiegel angeführt, dass die Titel-Story zur "ungarischen Oktoberrevolution" mit einem Cover-Bild von Imre Nagy illustriert wurde: "Jeder aufständische Arbeiter hätte das historische Ereignis besser repräsentiert als dieser hilflose Mann." Doch war der "Hungarian Freedom Fighter", den das TIME Magazine im Januar 1957 auf seinem Cover als "Man of the Year" vorstellte, jener von Enzensberger beschworene unbekannte Arbeiter? Mit wildem Haarschopf, grimmem Blick und Panzerknacker-Kinn gemalt, einen verwegenen Schal um den Hals, eine Maschinenpistole ("Gitarre") auf die verbundene Hand gestützt, ist er vor der ungarischen Flagge mit herausgeschnittenem Sowjetemblem postiert.
 
In György Dalos Buch 1956. Der Aufstand in Ungarn ist das abgebildet. Dalos, damals 13 Jahre alt, erinnert daran, dass unterschiedliche Einschätzungen nicht nur im gegenwärtigen Raum gegeneinanderstehen, sondern sich auch in der Zeit veränderten: "In den späten fünfziger Jahren, noch ein halbes Kind, verspürte ich Trauer über die Niederlage, als Jungkommunist in den sechziger Jahren verdammte ich den Volksaufstand als Konterrevolution, in den siebziger Jahren entwickelte ich für die Ereignisse aufgrund meiner Lektüre und meiner eigenen Erfahrungen mit dem System zunehmend mehr Verständnis, ohne allerdings eine Wiederholung des blutigen Aufstands für wünschenswert zu halten."
 
Noch tiefer freilich geht die historische Dimension, bedenkt man, wie sehr im damaligen Selbstverständnis die Ungarn sich auf ihre Helden des nationalen Freiheitskampfes von 1848 bezogen. Und gar, wenn man die geradezu mythische Dimension ernst nimmt, die ein Historiker bereits 1956 anführte: "Die Geschichte des magyarischen Volkes, ein Jahrhunderte altes Epos von Widerstand und Kämpfen zur nationalen Selbstbewahrung - vereinsamt inmitten einer germanisch-romanisch-slawischen Umwelt."
 
(...)
 
Beide, Dalos wie Lendvai, geben persönliche Erinnerungen, vor allem aber historische Gesamtdarstellungen. Beide mit dem Fluchtpunkt in 1989 und der Geschichte seither. Obwohl sie kaum gemeinsame Gewährsleute haben, liegen ihre Darstellungen im Zentrum beisammen. Dalos akzentuiert stärker die Rolle der Intellektuellen, wie er überhaupt die kulturelle Situation stärker macht und auf Gedichte, Schlager oder Filmtitel eingeht, während Lendvais Sympathien zu denen tendieren, die von der Parteileitung damals als "faschistisches Gesindel" oder "Mob" tituliert worden sein sollen.
 
Bei beiden entsteht ein plastisches Bild, über dem eine Sentenz Georg Lukács stehen könnte: "Es gibt nichts Fürchterlicheres als eine Tyrannei mit schwacher Hand." Der kopflose Schlingerkurs der Partei, die jähen Gewalteskalationen durch Geheimpolizei und Militär, die Ermordung Unbeteiligter und Unbewaffneter auf beiden Seiten, über allem aber das Wunder einer erfolgreichen, wenn man so will polyzentrischen und polyperspektivischen Erhebung, in der sich Reformsozialismus, Nationalismus, christliche Reaktion und liberaldemokratische Positionen zunächst ergänzten. Dazwischen die, so der Historiker Miklós Molnár, "Kräfte des Chaos", die Plünderungen und Lynchjustiz betrieben und, so Dalos, von jedweder toleranten demokratischen Staatsmacht hätten ebenfalls radikal bekämpft werden müssen. Der wankelmütige Imre Nagy, die abenteuernden Kommandanten der Corvin-Gruppe und der charismatische Militär Pál Maletér, die sowjetischen oder von ihnen gesteuerten Intriganten und ihr Betrug und Verrat, das verzweifelte Ende des Aufstands unter den Ketten der Panzer. Die perfide Rolle Titos bei der Ausschaltung der Regierung Nagy und das Schicksal Milovan Djilas, der dessen Heuchelei entlarvte. Die folgende Hetzjagd auf die Unterlegenen. Schließlich jener "Gulaschkommunismus" von Janos Kádár, unter dem zwar die Erinnerung an den Aufstand bald tabu war, der aber Ungarn zur "fröhlichsten Baracke" des sozialistischen Lagers machte und noch heute den vierten Platz in der Hitparade der ungarischen Helden einnimmt.
 
Über zweieinhalb Tausend ungarische Tote und fast 20.000 Verwundete, die circa 700 Toten und 1.500 Verwundeten auf sowjetischer Seite nicht zu vergessen, etwa 300 Hingerichtete, 13.000 Internierte und 35.000 vor Gericht gestellte Personen, schließlich mehr als 200.000 Flüchtlinge - eine bittere Bilanz. Noch bitterer ist, wie der vollmundig die Freiheit hochhaltende Westen damals so gar nichts tat. Und das nicht nur, weil man gerade mit der eskalierenden Suez-Krise befasst war. Mit Ingrimm erinnert Lendvai daran, wie Radio Free Europe und Radio Liberty mit ihren Sendungen und über zwei Millionen Luftballons vor dem Aufstand und währenddem die Illusion geschürt hatten, der Westen stünde hinter den Freiheitssuchenden. "Warum helft ihr uns nicht?" - auch Dalos zitiert diesen verzweifelten Satz. Es mutet fast wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte an, dass ausgerechnet der spanische Diktator Franco Truppen schicken wollte, von den USA jedoch zurückgepfiffen wurde. Die versprochene "westliche Solidarität" (Sándor Márai) setzte erst gegenüber den Flüchtlingen ein, die, so Dalos (Freitag 35/2006), wenn sie an baldige Veränderungen glaubten, nach Österreich und in die Bundesrepublik gingen, während die Skeptiker in die USA auswanderten.
 
Gut, man kann sagen, dass ein Blick auf die Landkarte hätte lehren können, wie völlig unmöglich für das Sowjet-Imperium ein Verzicht auf Ungarn war und dass der Westen das wusste und die möglicherweise katastrophalen Folgen scheute. Gerade darum ist der Stachel so giftig - im Bewusstsein des allseitigen und ausnahmslosen Verrats einer auf Hegemonialität bedachten Politik. Um so mehr sollte Bewunderung für jene Menschen bleiben, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus willens waren, auf sich allein gestellt, ihr Schicksal zu wenden.
 
György Dalos: 1956. Der Aufstand in Ungarn. Beck, München 2006, 247 S., 14,90 EUR
 
Paul Lendvai: Der Ungarn-Aufstand. Eine Revolution und ihre Folgen. Bertelsmann, München 2006, 320 S., 22,95 EUR
 
 
 
20.10.06                                      Freitag
György Dalos
 
Terror und Taktik. Literaturpolitik in Ungarn nach dem Volksaufstand 1956
 
Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Budapest im Herbst 1956 bedeutete, dass der Aufstand militärisch niedergeworfen wurde, er zog jedoch keineswegs automatisch den politischen Durchbruch der von János Kádár gegründeten "Arbeiter- und Bauernregierung" nach sich. Sowohl die Arbeiterräte, die erfolgreich Streiks und Demonstrationen organisierten, als auch der Schriftstellerverband leisteten weiterhin Widerstand. Allerdings waren das bereits Rückzugsgefechte: Die Bevölkerung war von den Kämpfen ermüdet und in der zerstörten Hauptstadt verbreitete sich Apathie. Ungefähr 200.000 Ungarn verließen das Land, über Grenzen, die man eigens zu diesem Zweck offen gelassen hat.
 
Nachdem im Dezember die einflussreichsten Arbeiterführer verhaftet worden waren, ging die neue Regierung zur Offensive gegen die Schriftsteller über. Am 18. Januar 1957 wurde der Verband der ungarischen Schriftsteller durch eine Verordnung des Innenministeriums aufgelöst. Literarische Angelegenheiten wurden bis auf weiteres von einem "Literarischen Rat" verwaltet, der direkt der Regierung unterstellt war.
 
Ein Teil der Autoren versuchte, eine Art passiven Widerstand zu organisieren. Als im Frühjahr 1957 die ersten neuen Kulturzeitschriften erschienen, wurden diese von zahlreichen, darunter auch prominenten Autoren boykottiert. Diese so genannte "Schweigebewegung" war jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Einerseits gefährdete der "Schriftstellerstreik" die Autoren, die publizieren mussten, weil dies ihre einzige Einkommensquelle war. Andererseits war es der neuen Führung gelungen, durch geschicktes Taktieren ausgerechnet jene "bürgerlichen" Schriftsteller zu gewinnen, die in der Ära Rákosi aus der Öffentlichkeit verbannt worden waren. (...)
 
Als sich die Gemüter einigermaßen beruhigt und die Regierung die Situation unter Kontrolle gebracht hatte, begann der eigentliche Terror. Zehntausende wurden in Gefängnisse und Internierungslager gebracht und politische Prozesse durchgeführt, in deren Rahmen Angeklagte aus allen Bevölkerungsschichten zu schweren Gefängnisstrafen, teilweise zum Tode verurteilt wurden. 1958 fanden in Budapest mehrere "Schriftstellerprozesse" statt, bei denen mit drakonischen Rechtssprüchen die "literarische Rebellion" zwischen 1953 und 1956 geahndet werden sollte.
 
Erst mit der Wende kamen die erschütternden Dokumente ans Tageslicht, die über den düsteren Kerkeralltag ungarischer Autoren nach 1956 berichten. Eine Sammlung von Briefen enthält unter anderem Gesuche von Ehefrauen, die hofften, auf diese Weise ihren Männern helfen zu können - gewissermaßen ein Stück osteuropäischer Literaturgeschichte, geschrieben von Frauenhand.
 
So appellierte die Gattin des zu neun Jahren Gefängnis verurteilten Tibor Déry direkt an den sowjetischen Parteichef Chruschtschow während seines offiziellen Besuchs in Ungarn im Dezember 1959: "Eine ungarische Ehefrau bittet Sie, ihren Herzenswunsch anzuhören! Mein Gatte Tibor Déry ist ein 66-jähriger schwerkranker Mann ... Ich weiß nicht, wie schwerwiegend die von ihm begangenen Fehler sind, aber er war vierzig Jahre lang Mitglied der Partei und hat sein ganzes Leben in den Dienst des Kommunismus gestellt. Ich garantiere mit meinem Ehrenwort: Wenn er nach Hause kommt, wird er in seinem ganzen, ihm noch verbleibenden Leben durch Arbeit seine Treue gegenüber der Sache des Kommunismus beweisen! Genosse Chruschtschow, wenn Sie es irgendwie für möglich halten, sagen Sie dem Genossen Kádár ein paar gute Worte ... damit mein Mann nicht als Feind im Gefängnis sterben muss!"
 
Das Recht zu schreiben war in Kádárs Gefängnissen keine Selbstverständlichkeit, sondern - im Jargon der Strafvollzugsanstalt - "eine Vergünstigung". Déry nützte dieses Privileg, indem er an seiner antistalinistischen Satire Der Herr G. A. in X. arbeitete. Seine Ausnahmebehandlung bis zur Amnestie im Frühjahr 1960 war auf den internationalen Protest gegen seine Einkerkerung zurückzuführen, den unter anderem Camus, Sartre, Maugham und Eliot unterstützten.
 
Gleichzeitig schrieb Déry aus dem Gefängnis Briefe an seine 90jährige Mutter, in denen er sie beruhigte, und ihr vormachte, er befände sich im westlichen Ausland und sei mit der Verfilmung seiner Erzählungen beschäftigt. Die Behörde ließ sich auf das makabre Spiel ein, was sicher eine besondere "Vergünstigung" war, obwohl die Mutter ihren Sohn nie wieder sehen sollte. Diese Geschichte bildete den Stoff für die Erzählung Liebe sowie den gleichnamigen erfolgreichen Film.
 
Die Tatsache, dass die Staatsordnung im Oktober 1956, und sei es auch nur für elf Tage, gestürzt werden konnte, zwang die Pragmatiker der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei zu einer für den damaligen Ostblock untypischen Politik. Man praktizierte Terror und man wusste, dass man damit die Probleme langfristig nicht lösen konnte. Peitsche und Zuckerbrot gehörten - auch in der Lenkung des geistigen Lebens - unzertrennlich zusammen.
 
Die taktische Linie der Partei setzte sich zunächst auf dem Gebiet der Massenkultur durch. Dem parteieigenen Kossuth-Verlag gelang es damals auf recht unorthodoxe Weise aus den roten Zahlen zu kommen. Er veröffentlichte zunächst die Romanserie Tarzan und danach das erste ungarische sexuelle Aufklärungsbuch der Nachkriegszeit. Diese beiden Neuerscheinungen machten durch ihren Erfolg bei den Massen alle Verluste wett, die der Verlag durch die Werke des Marxismus-Leninismus erlitten hatte. Gleichzeitig machte ein anderer Staatsverlag Françoise Sagans Bonjour Tristesse zum Bestseller.
 
Anders als in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, forderte die offizielle Sprachregelung keine "Parteilichkeit" von den Autoren, sonder sie verwendete einen sanfteren Begriff, den des "Engagements". Diese Nuance bedeutete, dass der Künstler nicht unbedingt nur kommunistisch, sondern auch schlicht und einfach "fortschrittlich" oder gar "humanistisch" denken durfte. Ein Leitartikel der Wochenschrift Élet és Irodalom beschrieb im Januar 1959 die aktuelle Situation: "Eines der wichtigsten Charakteristika der Enzwicklung unserer Literatur ist ... die Koexistenz die Konkurrenz der sozialistischen und der nichtsozialistischen Strömungen." Allerdings sollte diese Idylle im Fußbett der sozialistisch interpretierten "nationalen Einheit" bleiben: "Wir können jedoch keiner der Strömungen einen selbständigen organisatorischen Rahmen garantieren. Die Garantie eines solchen Rahmens würde nämlich bedeuten, dass sich einzelne Schriftstellergruppen in feindliche politische Gruppen verwandelten." Unter diesen Voraussetzungen genehmigte die Führung des Landes im Herbst 1959 die Neugründung des Schriftstellerverbandes.
 
Die Amnestien zwischen 1959 und 1963 brachten allen inhaftierten Autoren die Freiheit und verbesserten das literarische Klima. So konnte der Parteichef Kádár im Januar 1963 in einem Interview, das in der französischen KP-Zeitung erschien, mit mehr oder weniger Recht behaupten: "Heute werden alle bedeutenden Autoren in Ungarn veröffentlicht." Obwohl diese Lage weit entfernt von einer Freiheit der Literatur war, erhielten die aus dem Gefängnis entlassenen oder mit Veröffentlichungsverbot belegten Schriftsteller nach und nach die Möglichkeit, ihre Werke zu publizieren. Im Unterschied zum übrigen Osteuropa mussten sie ihre Rückkehr in die Literatur nicht mit geschmackloser öffentlicher Reue erkaufen.
 
Der Autor schöpfte beim Schreiben dieses Aufsatzes aus eigenen früheren Arbeiten, so aus den Vorträgen an der "fliegenden Universität" im Oktober-November 1978 und dem Buch Vom Propheten zum Produzenten, Wespennest-Essay, Wien, 1992.
 
 
19.10.06    DIE ZEIT
Christian Schmidt-Häuer
 
Märtyrer und Lügenbolde
 
Piliscsaba, ein Dorf in den hügeligen Wäldern vor Budapest, ist im Oktober von den Flammen des Herbstes eingeschlossen. Es scheint, als ob sie fast nach der Malerin greifen, die oben am Haus wartet. Der Aufstieg zu Katalin Jánosi durch den Garten mit seinen gepflegten, wunderlichen Büschen erinnert an den Weg zum weißen Bauhaus in der Orsó útca 43 auf Budapests Rosenhügel. Dort probte Katalin ihre ersten Schritte. Beim Großvater im Garten. Den die Ungarn am 23. Oktober 1956 riefen, als sie gegen die Statthalter des Sowjetsystems demonstrierten: »Imre Nagy an die Regierung!«
Da saß er dann in der pompösen Westminster-Imitation des Parlaments. Der Reformkommunist Imre Nagy. Der Ministerpräsident des Aufstands ohne eigenen, entschiedenen Willen zur Macht. Der Vermittler, dem die Wut der eigenen Leute auf das stalinistische Regime und der russische Panzerkommunismus alsbald alle Auswege abschnitten. Der Großvater, der auch in diesen Stunden an seine Enkelin dachte und ihr, was Katalin noch weiß, zum fünften Geburtstag eine Puppe schenkte. Das war am 2. November 1956, als die sowjetischen T 54 zum vernichtenden Schlag auf Budapest zurollten. Danach, als alles aus war, wurde Imre Nagy zum Märtyrer. Für den einzigen Aufstand, der vor 1989 eine kommunistische Diktatur kurzfristig stürzte, bezahlte er mit dem Leben.
Heute hängen zwei kleine Kränze an den Torpfosten seines Hauses auf dem Rosenhügel. Auf den Schleifen steht: »Zur ewigen Ehre«.
Drunten in Budapest scheint diese Ehre jetzt wieder verloren zu gehen. Vor allem die rechten Parteien treiben die zehn Millionen Ungarn seit Wochen in einen mentalen Bürgerkrieg um die Erinnerung an 1956. Damals, am 23. Oktober, war die Bevölkerung binnen Stunden zu einem Volk geworden. 50 Jahre später ist das erst als heroisch und dann als pragmatisch bewunderte Ungarn eine von Frust und Aggression gespaltene Nation.
(…)
Imre Nagy, so wie er auf den alten Filmausschnitten zu sehen und zu hören ist, spricht aus dem ovalen Gesicht seiner Enkelin mit der dunkel erscheinenden Augenpartie und der ruhigen, nie erregten Stimme. »Wir hatten uns auf einen würdigen Gedenktag vorbereitet«, sagt sie, »aber das jetzige Trauerspiel in Budapest hat nichts mit 1956 gemein. Wenn Kommunismus heute ein pauschales Schimpfwort ist und nur ein Nationalist als guter Ungar gilt, dann muss ich daran erinnern: Mein Großvater war bis zu seinem letzten Atemzug Kommunist und ungarischer Patriot> der lebensbejahend an den bäuerlichen Traditionen seiner Heimat hing. Im Parlament sollen jetzt Säle nach Frauen und Männern benannt werden, die unsere Geschichte mitbestimmt haben. Man hat mich gebeten, dafür ein prägendes Zitat meines Großvaters zu benennen. Ich habe den letzten Satz aus seinem Schlusswort nach dem Todesurteil gewählt: Ich bitte nicht um Gnade!«
31 Jahre nach seiner Hinrichtung, am 16. Juni 1989 wurde Imre Nagy als Märtyrer feierlich wiederbestattet. Hunderttausende säumten den Budapester Heldenplatz, wo die Särge von Nagy und fünf seiner Mitstreiter aufgebahrt waren. Damals elektrisierte ein 28-jähriger Redner das Land. Er griff die Kommunisten frontal an, fragte die Funktionäre, was sie an diesen Särgen zu suchen hätten, und forderte - noch vor der Wende - den sofortigen Abzug der Sowjettruppen. Es war der Jurastudent und jungliberale Viktor Orbán. An jenem Tag begann seine Karriere. In weniger als einem Jahrzehnt wurde er Europas jüngster Ministerpräsident. Schon damals setzte er auf einen immer schärferen Konfrontationskurs - ähnlich den Brüdern Kaczynski in Polen -, um die Postkommunisten aus der Geschichte Ungarns zu verbannen. Zwei knappe Wahlniederlagen steigerten seine Unversöhnlichkeit als rechtskonservativer Oppositionsführer. Seit den Krawallnächten im September 2006 - nach der »Lügenrede« des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány - versucht er, den 50. Jahrestag des Ungarn-Aufstands zum Kampf gegen Linke und Liberale zu instrumentalisieren, um den Regierungschef zu stürzen.
»Ich habe noch den Viktor Orbán vor Augen«, sagt Katalin Jánosi, »der bei der Beisetzung meines Großvaters auftrat. Er glühte. Er redete mit dem ganzen Feuer eines jungen, frei denkenden Menschen. Aber er hat die liberalen Brücken hinter sich verbrannt und steht auf dem rechten Ufer. Dort »wo sie bei 1944 weitermachen wollen.«
Harte Worte. Vielleicht zu hart. Doch sie haben einen bitteren Kern. So bitter wie die Armut, die einen wachsenden Teil der Bevölkerung in die Fänge der unbewältigten Vergangenheit vor 1945 treibt. Am Donaukai unterhalb des Parlaments, unbeachtet vom Stop-and-go-Verkehr der Wendegewinner und Touristen, stehen 60, 70 Paar schwarzer Schuhe. Von Kindern, Frauen, Greisen. Sie wirken altmodisch, ausgetreten, in Eile zurückgelassen. Die Schuhe sind aus Bronze. Sie sollen daran erinnern, dass hier Hitlers Ablegerpartei der Pfeilkreuzler Ende 1944, Anfang 1945 jüdische Bürger Budapests in die Donau treiben, erschießen, ertränken ließ. Die Henker in schwarzen Uniformblusen und grünen Hemden trugen rot-weiße Armbinden - frei nach den Farben des ungarischen Gründergeschlechts der Arpáden. Die Besudelung der alten Fahne durch die Faschisten, die in wenigen Monaten mehr als 437 000 Juden deportierte, machte die Arpád-Flagge untragbar.
Jetzt weht sie wieder. Nur hundert Meter entfernt von den schwarzen Schuhen. Auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament. Herumgetragen von rechtsradikalen Mitläufern Orbáns. Allabendlich, wenn seine Partei zwischen 17 und 18 Uhr die Massenkundgebungen fortsetzt, die am 19. September mit den ebenso symbolträchtigen wie gewalttätigen Sturmläufen auf Parlament, Fernsehen, Radio und die Parteizentrale der Sozialisten begonnen hatten. Es waren die gleichen Ziele, auf die 1956 die Demonstranten losmarschiert waren. Der Aufruhr gegen das beinharte Sparprogramm und die »Lügenrede« von Ministerpräsident Gyurcsány markierte die Anrufung des einstigen antikommunistischen Aufstands, um die sozialistische Regierung im Namen der Geschichte hinwegzufegen. Nun wiederholt sie sich jeden Abend als Farce. Eine peinliche Farce, denn beim Ungarn-Aufstand 1956 wehten keine Arpád-Fahnen.
Der Rasen vor dem Parlament ist zum Campingplatz extremer Randgruppen und Sektierer geworden. Aus riesigen Lautsprechern lärmen nationale Ethnobands namens »Heile Kopfhaut« oder »Ungarisches Blut«. Immer wieder ertönen, von verhöhnender Popmusik durchfetzt, Gyurcsánys Worte, dass man die Wähler angelogen habe, »morgens, mittags, abends«. So arrogant der Ministerpräsident auch in der parteiinternen Rede von oben herab die eigenen Genossen rüffelte, so wenig konnten diese Eingeständnisse in Wirklichkeit irgendjemanden überraschen. Jeder wusste, dass die Staatskasse längst leer war. Die Ungarn verfolgten die Parlaments­wahlen im Frühjahr wie eine brasilianische Seifen­oper. Sie wussten, dass ihnen die Politiker alles nur vorgaukelten, dass die sozialen Versprechungen von Orbán noch romantischer waren als die von Gyurcsány. Sie träumten mit. Erst als der neu gewählte Ministerpräsident sein niederschmetternd-realistisches Sparprogramm hervorzog und in seiner »Lügenrede« als erster Politiker seit langem die Wahrheit sagte, riss ihnen der Film. Die Opposition aber treibt die Lateinamerikanisierung Ungarns weiter. Wie es Mexikos knapp geschlagener linker Präsidentschaftskandidat Lopez Obrador in diesem Sommer prakti­ziert hat, so lässt Ungarns rechter Populist jetzt die Straße gegen das Parlament anmarschieren.
Orbáns Oppositionspartei Fidesz will jede Gedenkfeier boykottieren, auf der Gyurcsány spricht. Den ausländischen Staatsmännern, die am 22. und 23. Oktober nach Ungarn kommen werden, soll der Ministerpräsident der Magyaren als zu meidender Lügenbold, ja als »Unperson« hingestellt werden - wie in Stalins Zeiten. Fidesz inszeniert seinen außerparlamentarischen Protest im Angesicht des Parlaments, von dessen Brüstung Imre Nagy 1956 zu Beginn des Aufstands sprach und das er am 4. November für immer verließ. Damals hatten ihm Präsident Tito und die Sowjets vorgelogen, die jugoslawische Botschaft werde ihm, seinen Mitstreitern und deren Familien sicheres Geleit gewähren.
Diesen Betrug erfuhr Nagys Enkelin als Schock. »Als wir aus der jugoslawischen Botschaft in die Busse stiegen, die uns nach Hause bringen sollten, begriff ich zum ersten Mal, dass etwas ganz Schlimmes geschah«, erinnert sich Katalin Jánosi. »Ich sah plötzlich Panzer vorne und hinten. Dann erwarten uns Männer, die ihre Waffen auf uns richteten. Sie brachten uns in eine Kaserne der sowjetischen Truppen. Die Familien wurden getrennt und eingeschlossen. Die nächste Station war Rumänien. Wir wurden in mehrere Flugzeuge verfrachtet und mit Bussen nach Snagov in getrennte Gästehäuser der Regierung gebracht. Die Großeltern haben wir nur einmal noch treffen dürfen. Am 14. April 1957 wurden die Männer offiziell verhaftet und nach Budapest zurückgeflogen. Die Frauen und Kinder schob man in immer ärmere rumänische Dörfer ab. Wir erfuhren nichts von der Welt. Nicht einmal von den Hinrichtungen. Erst Wochen danach warf man uns ungarische Zeitungen hin - mit den Meldungen über die Vollstreckung der Todesurteile. »Verhalten Sie sich wie echte Kommunisten«, sagte der Kommandant der Aufseher dazu, es lässt sich sowieso nichts mehr ändern!«
Katalin war sieben Jahre alt, als man sie alleine nach Ungarn zurückbrachte, zu weit entfernten Verwandten. Ihre Mutter, Nagys Tochter Erzsebet, durfte erst 1959 wieder nach Budapest. Im 7. Bezirk, einem ärmlichen Stadtteil, bekamen sie eine Wohnung zugewiesen. Sie hatten kaum mehr als das Hemd auf dem Leibe. Die Mutter durfte nicht unter Menschen, die Behörden wollten jedes Aufsehen verhindern. »Wir waren vollständig isoliert. Die Angst hielt alle Besucher von uns fern.«
Welch ein Regime - und welch ein Vergleich, wenn heute bei den Demonstrationen die in freien Wahlen schon dreimal an die Regierung gekommenen Sozialisten als Erben der Henker von damals gebrandmarkt werden. Die Opposition sieht das anders. István Stumpf, Direktor einer Fidesz nahe stehenden Stiftung: »Wir haben hier eine konstante moralische Revolution des Volkes, und Fidesz sorgt dafür, dass die Straße nicht von der Verfassung abweicht. Wir müssen die Geschichte als moralische Quelle nutzen.«
Hier verrät sich das alte Leiden eines Landes, dessen so oft tragische Geschichte von ausländischen Interventionen und ständigen Elitewechseln geprägt worden ist. Jede neue Elite verdammte die vorangegangene, um sich selbst zu legitimieren. Die Geschichte wird angerufen, um die eigene Sache zu rechtfertigen. Warum aber fallen auch heute wieder so viele Magyaren auf dieses alte Vexierspiel mit den Feindbildern herein? Um das zu erklären, muss man noch einmal ins Jahr 1956 zurückkehren. Der Kreml und seine Statthalter lernten ihre Lektion aus dem Aufstand. Die Ungarn hatten sich als wehrhafter erwiesen als alle sozialistischen Nachbarn. Sie trauerten nicht, sie schossen. Dieses unberechenbare Volk musste man mit besserem Lebensstandard und vorsichtigen Zugeständnissen ruhig stellen.
János Kádár, 1956 erst Kabinettsmitglied der Aufständischen, dann halb freiwillig, halb erzwungen zu den Russen übergelaufen, als neuer Parteichef mitverantwortlich für die Hinrichtung seines Rivalen Nagy - dieser Kádár, wurde nach den ersten Rachejahren zur Kult- und Vaterfigur der kleinen Freiheiten und der konsumorientierten Selbstverwirklichung.
Die Ungarn waren bald allen anderen voraus als Pfadfinder auf den halb verbotenen, halb verschlungenen Wegen zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Mit ihrer schöpferisch-schillernden Extravaganz, ihrer doppelten Koketterie mit hellen und schwarzen Gedanken, mit brillanten und nutzlosen Ideen schufen sie aus ständig angestückelten Reformen ihr eigenes System. Ihr legendärer Ruf führte nach der Wende zur westöstlichen Kollektivlüge, dass Ungarn so gut für die EU vorbereitet sei, dass es kaum Reformen brauche und vielleicht schon 2006 der Euro-Zone beitreten könne.
In Wirklichkeit lebte das rohstoffarme Land längst schon über seine Verhältnisse. Der Wohlstand auf Pump hatte seit den achtziger Jahren die Auslandsschulden ständig steigen lassen. Nach der Wende verzichtete die stolze neue Elite auf einen Schuldenerlass, weil sie die Bonität des Landes wahren wollte. Polen dagegen wurde die Hälfte der Schulden erlassen. Vor allem aber vernichtete die Walze der westlichen Multis nach der Wende viele jener originellen Existenzen, die zuvor den Sozialismus unermüdlich in eine Mikrowelt des handverputzten, selbstgeflickten bürgerlichen Wohlstands umgebastelt hatten. So erfuhren die erfolgreichen Ungarn die Wiedervereinigung Europas noch schmerzhafter als die Nachbarn als ein unvermeidliches Stück Selbstaufgabe. In dieser Verunsicherung beschwören besonders die rechten Parteien wieder die Traditionen, statt die wenig rühmliche Vergangenheit der ungarischen Rechten zwischen den Weltkriegen zu bewältigen.
»Was Ungarn in diesen schweren Tagen am meisten fehlt«, sagt Imre Nagys Enkelin im Garten unter dem Oktoberlicht, »ist eine starke, aufgeklärte konservative Partei. Sie wäre es, die auch den Sozialisten am besten auf die Sprünge helfen könnte.«
 
 
 
 
18.10.06                   Die Welt
Richard Herzinger, Mitarbeit: Dirk Burmester
 
Das kurze Glück der Freiheit. Am 23. Oktober jährt sich der Beginn des ungarischen Aufstands gegen die Sowjetherrschaft zum fünfzigsten Mal. Doch die Revolution besaß kein einheitliches Ziel und scheiterte blutig. Deshalb spaltet das Gedenken daran die Ungarn bis heute.
Obwohl der ungarische Aufstand vom Herbst des Jahres 1956 blutig niedergeschlagen wurde, markierte er den Anfang vom Ende des Kommunismus in Osteuropa.
 
Denn in den gut zwei Wochen vom Beginn der Erhebung am 23. Oktober bis zur gewaltsamen Wiedereinsetzung einer moskauhörigen Regierung am 7. November wurde deutlich, dass das kommunistische System eine ernsthafte Reform seiner Herrschaftsstrukturen nicht überleben konnte. Kaum wurde die absolute Kontrolle der kommunistischen Partei über die Gesellschaft gelockert, brach ihr Machtanspruch in sich zusammen.
 
Die Regierung des Reformkommunisten Imre Nagy, der mit sowjetischem Einverständnis am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, um die Energie der Aufstandsbewegung im kommunistischen Sinne zu kanalisieren, wurde von der Dynamik der Ereignisse fortgetragen und fiel aus der Rolle, die ihr Moskaus Drehbuch zugedacht hatte. Nagy führte das Mehrparteiensystem ein und kündigte freie Wahlen an. Kurzzeitig blühten die Pressefreiheit und ein politischer Pluralismus auf, der den verordneten sozialistischen Rahmen sprengte.
 
In diesem Sinne war Ungarn der Modellfall für alle späteren Versuche in Osteuropa, einen von Moskau unabhängigen Sozialismus zu begründen. Sie erreichten schnell den Punkt, an dem die gesellschaftliche Bewegung über die Ziele systemkonformer Erneuerer hinausging. Der Prager Frühling 1968 wurde von sowjetischen Panzern niedergewalzt, der von der Gewerkschaft Solidarität ausgelöste zivilgesellschaftliche Aufbruch in Polen 1981 durch das Kriegsrecht unter General Jaruzelski erstickt. Erst 1989 war der Freiheitsdrang der Osteuropäer nicht mehr mit Gewalt niederzuhalten.
 
Doch so sehr der Ungarnaufstand in dieser Hinsicht ein Vorläufer war, so sehr war er auch ein Sonderfall. Nirgendwo sonst in Osteuropa ist eine Protestbewegung gegen stalinistische Verkrustungen in bewaffneten Aufruhr gegen die sowjetische Besatzung übergegangen. Nach der verheerenden ungarischen Erfahrung hat keine andere osteuropäische Gesellschaft diesen Weg noch einmal beschritten. Es war friedlicher ziviler Widerstand, der die kommunistische Macht bis 1989 langsam aushöhlte.
 
"Es ist ein Rätsel, wie aus den unorganisierten Massen so plötzlich bewaffnete Kampfgruppen entstehen konnten", sagt heute der Soziologe Peter Kende, der am Aufstand teilnahm und dann vor der sowjetischen Repression in den Westen flüchtete - wie insgesamt mehr als 200 000 Ungarn. Denn der Aufstand besaß keine Führung und keine einheitliche Zielsetzung. Der Buchautor Paul Lendvai, ebenfalls Mitkämpfer und Flüchtling von damals, nennt ihn "eine spontane und unerwartete Revolution im wahrsten Sinne des Wortes".
 
"Jeder konnte darin sehen, was er wollte", sagt Kende. Linke hielten den Aufstand für eine wahrhaft sozialistische Revolution, zumal sich seit dem 26. Oktober überall im Land Arbeiterräte bildeten, die das entstandene Machtvakuum zu füllen versuchten. Liberale glaubten an den Durchbruch zu einer bürgerlichen Demokratie westlichen Musters, Nationalisten an eine Erhebung des ungarischen Volkes gegen die russische Fremdherrschaft und die rabiate Zerstörung ungarischer kultureller Traditionen im Zuge der Sowjetisierung. Einig war die Bewegung nur in der Forderung nach Abzug der sowjetischen Besatzer und im Hass gegen ihre ungarischen Statthalter.
 
Denn in keinem anderen Land Osteuropas hatte der stalinistische Terror unerbittlicher gewütet als in Ungarn seit Errichtung der kommunistischen Diktatur 1947. Der KP-Chef Mátyás Rákosi ließ sich seine zahlreichen Säuberungsaktionen per Funk direkt aus Stalins Büro genehmigen. Etwas Erleichterung brachte die Zeit nach Stalins Tod 1953. Doch die alten Apparatschiks hielten die Fäden weiter in der Hand. Dann aber brachte die Geheimrede Nikita Chruschtschows vor dem sowjetischen Parteitag im Februar 1956 alles ins Rutschen. Chruschtschow enthüllte darin Verbrechen Stalins. Der Mythos vom unfehlbaren, monolithischen Sowjetsystem war nun angekratzt. Doch nur in Polen und Ungarn zog diese Erschütterung Massenerhebungen nach sich.
 
In Ungarn beginnt alles mit einer Studentenversammlung an der Budapester Technischen Universität am Abend des 22. Oktober. Diese verabschiedet eine Resolution, in der unter anderem der Abzug der Sowjettruppen und die Einsetzung einer neuen Regierung unter Imre Nagy gefordert wird, der 1954/55, in einer kurzen Tauwetterperiode nach Stalins Tod, schon einmal Ministerpräsident gewesen war. Für den nächsten Tag ruft die Versammlung zu einer Solidaritätskundgebung mit der Reformbewegung in Polen auf. Dort ist gerade die stalinistische Hardliner-Regierung durch eine neue Führung unter dem gemäßigteren Wladyslaw Gomulka ersetzt worden.
 
Die Demonstration am 23.Oktober führt zum Dammbruch. Im Laufe des Tages wächst die Zahl der Demonstranten auf 200 000 an, der Protest findet seinen Höhepunkt im Sturz des verhassten Budapester Stalindenkmals. Russische Truppen und Einheiten der ungarischen Staatssicherheit gehen mit äußerster Härte gegen das Volk vor, am 26.10. verüben sie ein Massaker an unbewaffneten Demonstranten mit fast einhundert Toten.
 
Nun brechen in Budapest und im ganzen Land bewaffnete Kämpfe aus. Dann gibt die Sowjetregierung unter Chruschtschow scheinbar nach. Es werden Verhandlungen mit den Aufständischen geführt, Imre Nagy kann am 28. Oktober einen Waffenstillstand verkünden und den Rückzug der russischen Truppen aus der Hauptstadt ankündigen. Für wenige Tage dürfen sich die Ungarn in der Illusion wiegen, endlich frei zu sein. Doch am 30. Oktober wird die kommunistische Parteizentrale gestürmt und es gibt Akte von Lynchjustiz.
 
Am nächsten Tag beschließt Moskau eine massive Militärintervention; am 4. November beginnt die Großoffensive. Drei Tage zuvor hatte Imre Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt verkündet. Am 7. November ist Budapest in sowjetischer Hand; Janos Kadar, der sich bis dahin als Reformer ausgegeben hatte, wird als neuer Regierungschef von Moskaus Gnaden eingesetzt. Es folgen die gnadenlose Auslöschung der Reste von Widerstand, die Standgerichte - und der letzte Akt: 1958 werden Imre Nagy und sein Verteidigungsminister Pál Maléter hingerichtet.
 
Auf Hilfe aus dem Westen konnten die verzweifelten ungarischen Revolutionäre nicht zählen, denn der wollte ihretwegen keinen Atomkrieg riskieren. Zudem war seine Aufmerksamkeit durch den Krieg abgelenkt, den Frankreich und England am 29. Oktober wegen der Verstaatlichung des Suezkanals durch den ägyptischen Staatschef Nasser begannen. (...)
 
Die Frage nach der Bedeutung von 1956 spaltet die Ungarn bis heute. "Dieser Jahrestag riss die Gräben in der Gesellschaft noch weiter auf, statt sie zu schließen", sagt Holger Fischer, Ungarn-Experte an der Uni Hamburg. An das Ereignis knüpfen sich zwei unvereinbare Geschichtsinterpretationen. Das liberale und linke Lager sieht in der Wende von 1989 zur Demokratie die Einlösung der Ziele von 1956. Das nationalkonservative Lager hingegen glaubt, die Veränderungen der vergangenen 17 Jahre seien nur Theater gewesen. Der heute 67-jährige Gabor Kaszo, als Jugendlicher beim Aufstand dabei, drückt das so aus: "Es regiert doch dieselbe machtbesessene, rücksichtslose kommunistische Partei wie damals!"
 
 
18.10.06        Frankfurter Rundschau
Paul Lendvai
 
Die siegreiche Niederlage
Ein spontaner Volksaufstand im Herbst 1956 öffnete in Ungarn für zwei Wochen das Tor zur Freiheit. Doch die Panzer der Roten Armee zermalmten alle Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus. Die kurze Phase der von Chruschtschow angestoßenen Entstalinisierung endete in Repression: 50 Jahre Revolution in Ungarn. Mit dem Ungarn-Aufstand von 1956 begehrt das Land gegen den sowjetischen Sozialismus auf
 
Am 23. Oktober 1956, einem strahlend schönen Herbsttag in Budapest, beginnt der Ungarn-Aufstand als ein politisches Naturereignis ohne Zentrum, ohne Vorbereitungen und ohne koordinierte Führung. Die unerwartete Revolution ist die wohl größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa - und zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für den Bankrott des Sozialismus sowjetischer Prägung. Sie wird eine „siegreiche Niederlage“, eine authentische „antitotalitäre" Revolution und vor allem ein unvergängliches Kapitel aus der Geschichte menschlichen Mutes.
Niemand von uns dachte damals, dass der 23. Oktober, der Tag der eruptiven Empörung, einmal als weltgeschichtliches Ereignis wahrgenommen und dokumentiert würde. Die Revolution beginnt mit zwei mächtigen Demonstrationen der Studenten. Schon ein Protestzug an sich ist in der kommunistischen Welt mit ihren von oben verordneten Massenaufmärschen etwas Unerhörtes.
Die Studenten demonstrieren aus Sympathie für die Reformer in Polen, die darangegangen sind, einen eigenen Weg zum Sozialismus einzuschlagen. Innerhalb weniger Stunden erleben die Teilnehmer der mächtigen Demonstrationszüge jenes Elementarereignis, das den Weg zu einem revolutionären Prozess - dramatisch und blutig in seinem Ablauf und oft ohne ersichtliche Logik - in Ungarn frei macht.
Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Vorgänge ist der aus Ungarn stammende US-Journalist Leslie B. Bain. Vier Jahre nach dem Aufstand schreibt er: „Über kein Ereignis hat man in der jüngsten Geschichte so viel gelogen, kein Ereignis hat man so verdreht und besudelt wie die ungarische Revolution." Diese Worte gelten nicht nur der Desinformationspropaganda des Kádar-Regimes, das von Sowjettruppen am 4. November mit Waffengewalt eingesetzt wird. Inzwischen bekannte Dokumente aus Geheimarchiven in Moskau und Washington, Belgrad und Budapest bestätigen auch sein vernichtendes Urteil über eine heuchlerische und zugleich dilettantische US-Diplomatie sowie über die im Ton aufrührerischen, die jungen Freiheitskämpfer letzten Endes irreführenden Kurzwellensendungen des US-Senders „Radio Freies Europa".
Imre Nagy, der herzkranke 60-jährige Hoffnungsträger der Studenten und Massen, hatte bereits 1953 den Reformkurs in Budapest eingeleitet und war Anfang 1955 wegen seiner „weichen Linie" von Moskau degradiert worden. Nagy hält sich streng an die Parteidisziplin der Kommunisten und bemüht sich - ebenso wie alle anderen Reformer jener Zeit - um die Korrektur des Systems, nicht um seine Abschaffung.
Die Belagerung und Eroberung des Rundfunkhauses durch die jungen Aufständischen, die sich Waffen zum Teil aus dem kaum bewachten Waffendepots und Rüstungsfabriken sowie von den offen mit der Rebellion sympathisierenden Soldaten be­schaffen, die in den Abendstunden vollzogene Zerstückelung des gigantischen Stalin-Denkmals und die stellenweise chaotischen Zustände auf den Straßen Budapests sind für die permanent tagende, tief zerrissene kommunistische Führung Ungarns unmissverständliche Zeichen dafür, dass der Aufruhr der Studenten in einen Aufstand überzugehen droht.
Die Kommunistische Partei mit ihren fast 900 000 Mitgliedern erweist sich als ein Koloss auf tönernen Füßen. Die Moskauer Führung ist alarmiert. Kaum hat sie die Lage in Polen mehr oder weniger stabilisiert, bahnt sich in Ungarn der nächste Freiheitskampf an. Die Intervention der stationierten sowjetischen Truppen verwandelt den Aufstand blitzschnell in einen nationalen Freiheitskampf um.
Noch in der Nacht auf den 24. Oktober wird Imre Nagy zum Ministerpräsidenten
bestellt, bleibt allerdings zunächst ein Gefangener seiner Partei und seiner Vergangenheit. Doch innerhalb der nächsten 120 Stunden zerfällt das kommunistische Regime: Am 28. Oktober erkennt Nagy den Aufstand als national-demokratische Revolution an. Zwei Tage später, am 30. Oktober, genau eine Woche nach Beginn der Demonstrationen, kündigt er in einer kurzen Rundfunkrede das Ende des Einparteiensystems an. Fortan sollen wieder die vier Koalitionsparteien von 1945 die Regierung stellen. Überdies stellt der Premier den Abzug der Sowjettruppen zuerst aus der Hauptstadt, später aus dem ganzen Land in Aussicht. Der scheinbare Sieg der spontanen Volkserhebung wird alsbald zum Ausgangspunkt einer endgültigen Abrechnung mit den rebellischen Ungarn durch die alarmierten Sowjets und ihren nicht minder aufgeschreckten Ostblock-Verbündeten.
Anstelle der stalinistischen Diktatur wollen die Aufständischen Arbeiterräte und Organe der Selbstverwaltung etablieren. Einige Beobachter behaupten, der Volksaufstand sei keine Revolution gewesen, weil er keine neue politische Ordnung und keinen radikalen Umbau der wirtschaftlich-sozialen Struktur geschaffen habe. Doch diese These geht ins Leere, weil die bereits erfolgreiche revolutionäre Bewegung nur durch eine militärische Intervention von außen niedergeschlagen werden kann.
Das Ende ist schrecklich. In den Morgenstunden des 4. November kommt es zur zwei­ten massiven Militärintervention der Sowjets, auf ungarischer Seite zählt man 2500 Tote und fast 20 000 Verwundete.
Die Sowjets zahlen einen hohen Preis für die „Normalisierung" der Lage: 699 Soldaten der Roten Armee werden getötet, 1540 verletzt; 51 vermisst. Die Rache Moskaus ist grausam und dauert mehrere Jahre: 229 Menschen werden nachweislich wegen ihrer Beteiligung an der Revolution oder am Widerstand hingerichtet, fast jeder Dritte von
ihnen ist keine 24 Jahre alt. Insgesamt 26 000 Ungarn werden verhaftet, 22 000 rechtskräftig verurteilt. Imre Nagy und seine engsten Mitarbeiter werden nach Rumänien verschleppt, später in einem Geheimprozess in Budapest zum Tode verurteilt und am 16. Juni 1958 hingerichtet. Der Kommunist und Patriot geht in die Geschichte ein als ein Mensch, der sich von einem Diener des Bösen zum Märtyrer der Nation und des Freiheitskampfes wandelte.
Von Budapest des Jahres 1956 führt ein langer, verschlungener, meistens verschwiegener Weg zur Charakterisierung von Kadars Ungarn als „lustigster Baracke des sozialistischen Lagers". Die Erinnerung daran, wie der Westen nach der Niederschlagung der Revolution das Land seinem Schicksal überlässt, ähnlich wie schon 1849 und nach 1945, bestimmt den Seelenzustand der geschlagenen Nation. Die unbarmherzige Zerschlagung der Opposition, die sowjetische Rückendeckung, die handfesten materiellen Konzessionen und nicht zuletzt die „gesamtnationale Verdrängung" (wie sie der Psychologe Ferenc Merei bezeichnet, der 1959 zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wird), bereiten den Boden für die 30-jährige Kadar-Ära der kleinen Freiheiten.
Die jüngsten Unruhen in Budapest nach dem „Lügenskandal" um Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany und der offenen Kampfansage von Oppositionsführer Viktor Orban haben hier und dort, und vor allem in Kreisen der extremen Rechten Fragen über Parallelen zu den Ereignissen vom Herbst 1956 ausgelöst. Meiner Meinung nach sind solche Vergleiche des freien demokratischen und unabhängigen Landes, des Nato und EU-Mitglieds Ungarn mit der einstigen Diktatur der roten Kolonialmacht eine Blasphemie, die Verhöhnung der heiligen Sache.
Wem gehört also 1956 - der Aufstand, die Revolution und der nationale Freiheitskampf? Niemand, keine einzige Gruppe, kann und darf sich das Andenken an 1956 zu Eigen machen, niemand darf es monopolisieren. (…)
Trotz allen Streits über die Deutungshoheit zwischen den linken und rechten, liberalen und konservativen Gruppierungen und ihren Sprachrohren bleibt der Ungarn-Aufstand von 1956 Teil des gesamtnationalen Erbes des Landes. Der Satz von Edmund Burke, eine Nation sei die Gemeinschaft der Lebenden, der Toten und der Kommenden, bedeutet für uns, dass 1956 zu jenem Erbe der ungarischen Geschichte gehört, über das heutige Generationen nicht allein verfügen können.
 
Paul Lendvai, Jahrgang 1929, ist in Budapest geboren. Als Journalist für eine sozialdemokratische Zeitung erhält er in Ungarn in den fünfziger Jahren drei Jahre Berufsverbot. Nach dem Aufstand muss er 1957 nach Wien fliehen, wo er heute lebt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift Europäischen Rundschau.
Sein jüngstes Buch „Der Ungarnaufstand 1956-eine Revolution und ihre Folgen", ist vor wenigen Tagen bei Bertelsmann erschienen.
 
 
17.10.06        Süddeutsche Zeitung
Gerd Koenen
 
Im Schatten der Denkmäler
Schlecht gekleidete, unbürgerliche Demonstranten: György Dalos erzählt die Geschichte des ungarischen Volksaufstands von 1956
 
Im Epilog seines Buches „1956 - Der Aufstand in Ungarn" geht György Dalos der Frage nach, wie es kommt, dass dieser größte osteuropäische Volksaufstand der Nachkriegszeit seit dem Umbruch von 1989 zwar immer wieder herbeizitiert wird und dennoch so fern gerückt ist. Er stellt das Schicksal der ungarischen 56er dem der geschlagenen Freiheitskämpfer von 1848 an die Seite, die sich in der von ihnen mitgeschaffenen Welt der kapitalistischen Gründerzeit fremd fühlten und „im Schatten der Kossuth-Denkmäler" fröstelten, auf denen ihr Führer posthum zum Nationalhelden erhoben wurde. Die Kluft, vor der ihre historischen Nachfahren stehen, ist womöglich noch tiefer: „Die heutige bürgerliche Demokratie und die freie Marktwirtschaft mit ihren raffinierten Medien- und Markttechniken sowie den vorprogrammierten Mustern von Luxus und Armut entspricht kaum den Idealen der schlecht gekleideten, nichtbürgerlichen Demonstranten und Aufständischen vom Herbst 1956."
Dieser Ton einer melancholischen, leicht distanzierten Empathie prägt Dalos' Erzählung im Ganzen. Sie entspricht wohl auch der Perspektive des dreizehnjährigen Schülers, der damals die Ereignisse draußen auf der Budapester Ringstraße mit einer Mischung aus Angst und Neugier verfolgte. In seinem weiteren Leben als linksoppositioneller Achtundsechziger, als Schriftsteller und Historiker habe er „über den Volksaufstand die unterschiedlichsten, ja einander krass widersprechenden Ansichten" entwickelt, bekennt Dalos. Gerade diese offene Suche nach einer historischen Einordnung und Deutung, in der die Ereignisse und handelnden Personen nicht in fixe Kategorien gebannt sind, sondern allmählich erst ihren Platz finden, zeichnet seine Darstellung aus.
 
Auf der Zickzacklinie
 
Wie in vielen historischen Dramen, fehlten auch im ungarischen Aufstand nicht die Züge von Slapstick und Komödie, und der Witz war eines seiner wichtigsten subversiven Medien. Etwa als Bilderrätsel, das in den Cafes oder Redaktionsstuben zirkulierte, worin zwei gerade Linien eine Zickzacklinie säumten: „Links steht die Linksabweichung, rechts die Rechtsabweichung, und in der Mitte verläuft die absolut richtige Generallinie unserer Partei."
Tatsächlich war 1956 in Ungarn von tiefer Verunsicherung und dem Zerfall der „führenden Partei" bestimmt, der Züge einer Selbstabdankung annahm - anders als in der Sowjetunion, wo die KPdSU durch Chruschtschows unerwartete Geheimrede über Stalins Verbrechen auf dem XX. Parteitag im April zwar erschüttert, aber nicht bedroht war; und anders auch als im rebellischen Polen, wo die Unruhen im Juli durch eine Machtübernahme des nationalkommunistischen Flügels um Gomulka in eigener Regie beendet wurden.
Während die Volksrepublik Polen in ihrer neuen, nach Westen verschobenen Gestalt immer auch im Banne der „deutschen Gefahr" lebte, hatte Ungarn 1945 selbst zu den Besiegten des Weltkriegs gehört. Die Handvoll ungarischer Kommunisten, die das Exil in der Sowjetunion überlebt hatten, bildeten nur eine winzige Sekte im Dienste der neuen Besatzungsmacht, bevor sie zur Staatspartei wurden. Nicht einmal auf ihre eigene revolutionäre Tradition, die ungarische Räterepublik von 1919, wagten sie sich ohne weiteres zu berufen, da deren historische Führer wie Bela Kún in Moskau 1937 als „feindliche Agenten" liquidiert worden waren. Und trotz aller Demonstrationen sklavischer Loyalität wurde ein Gutteil der Nachkriegsführung in einer Serie von Schauprozessen und Säuberungen nach 1949 wegen angeblicher „titoistischer“ und sonstiger Abweichungen abermals in die Folterkeller und unter die Galgen geschickt. Die verbliebenen Parteiführer wie Mátyás Rákosi und Ernö Gerö wurden denn auch allgemein gehasst und verachtet.
Der Einzige, der ein gewisses Vertrauen genoss, war der nüchterne, wenig charismatische Agrarfachmann Imre Nagy, der in der Phase des Tauwetters nach Stalins Tod als Ministerpräsident einen behutsamen „Neuen Kurs" verfolgt hatte, bevor er 1955 wegen „rechter Abweichung" in der Agrar-, Kultur- und Innenpolitik wieder abgesetzt und aus. der Partei ausgeschlossen wurde. Eben das gab ihm in der Krisensituation des Oktober 1956 den Nimbus eines Retters und einer integrierenden Gestalt - während er selbst durch seine gespaltene Loyalität gegenüber der Partei und dem aufständischen Volk weithin gelähmt blieb.
(...)
Wer zuerst auf wen und warum, geschossen hat, scheint bis heute nicht ganz klar. Am Ende des Tages gab es 30 Tote und ungleich mehr Verletzte, das riesige Stalindenkmal über der Stadt war in einer orgiastischen Kollektivaktion vom Sockel gestürzt und in Stücke geschlagen, und eine Menge Waffen, selbst Panzer, befanden sich in der Hand von Kampfgruppen Aufständischer, die es am Morgen noch gar nicht gegeben hatte. In den folgenden Tagen kam es zu Massakern an Demonstranten und schließlich zu schweren Straßenkämpfen zwischen sowjetischen Armeeeinheiten, die von der verhassten ungarischen Geheimpolizei AVH unterstützt wurden, und den sich überall formierenden Gruppen Aufständischer, denen sich Teile der Armee anschlossen. Hunderte Tote und die Wracks ausgebrannter Panzer und LKWs bedeckten die Straßen. Die Forderungskataloge bündelten sich zu einem wilden Mix radikalsozialistischer und nationalistischer Parolen, von der Rätedemokratie bis, zur Unabhängigkeit.
Dalos zufolge war es das von der Partei selbst produzierte Machtvakuum, das aus dem Protest erst einen Aufstand machte. In dieser Perspektive gewinnen die Ereignisse eher den Charakter einer tragischen Verkettung.. Die Partei hatte zu lange gezögert, sich von„ Stalins treuestem Schüler" Rakosi loszusagen und eine neue, glaubwürdige Führung zu berufen.
Dem verbannten Nagy, dessen Rückkehr alle oppositionellen Manifeste seit dem Sommer forderten, misstraute die sowjetische Schutzmacht eben deshalb - wie Dalos glaubt, völlig zu: Unrecht. Als Nagy schließlich kam, hätte er Zeit gebraucht, um die Wogen zu glätten und ei ne „polnische Lösung" auszuhandeln - aber die hatte er nicht. Denn in Moskau kämpfte Chruschtschow, der das Risiko einer offensiven Entstalinisierung auf sich genommen hatte, um sein eigenes politisches Überleben und konnte sich nach der Entlassung Österreichs in die Neutralität und' dem Kompromiss in Polen keine weitere Blöße geben.
Die Westmächte wiederum waren mit ihrem Suez-Abenteuer und dem neuen Nahostkrieg beschäftigt, und ließen trotz aller flammenden Proteste den Sowjets freie Hand, nach ihrem zeitweiligen Rückzug wieder kehrtzumachen und die Bewegung militärisch niederzuschlagen. Und so fort.
 
Die fröhlichste Baracke
 
Was dem Leser in diesem Bild freilich nicht völlig nachvollziehbar wird, ist die elementare Wut und exzessive Brutalität dieser bewaffneten Konfrontationen, die zeitweise den Charakter eines Bürgerkriegs annahmen. Dalos weist zwar die schwarzen Legenden über massenhafte Lynchmorde oder antisemitische Pogrome der Aufständischen, die unter Führung „faschistischer Elemente" gehandelt hätten, deutlich zurück - als Lügen, die nur zu offensichtlich von den Siegern gestreut: wurden, um die eigene spätere Rachejustiz mit ihren Schau- und Geheimprozessen zu legitimieren: Aber eine friedliche Bürgerrechtsbewegung mit Blumen in den Gewehrläufen war es jedenfalls nicht. Die Furien der Weltkriegsperiode lagen noch dicht unter dem aufgerissenen Pflaster. Am rätselhaftesten bleibt die Josephs-Figur des übergelaufenen Reformers János Kádár, dessen Terrorjustiz Hunderte in die Todeszellen und Dutzende tatsächlich an den Galgen brachte, bevor die Amnestie von 1963 dem ein Ende machte. Einen solchen Terror gab es zu dieser Zeit nicht einmal mehr im der Sowjetunion. Dasselbe gilt für die rigorose Kollektivierungspolitik ab 1957. Und doch war es eben dieser János Kádár, der mit seiner Formel „Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns" sukzessive das Image eines milden Landesvaters gewann, der „die fröhlichste Baracke des Ostblocks" regierte.
Dalos' These, wonach es gerade die 1956 mit Blut besiegelte „Zwangsgemeinschaft" von Herrschenden und Beherrschten gewesen sei, die diese kleine Freiheit erst ermöglicht habe, wirft am Ende mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Das gehört jedoch nicht unbedingt zu den Nachteilen dieser vor allem an deutsche Leser gerichteten, schlanken Darstellung. So lautet das salomonische Urteil des Autors am Schluss:. „Eingebaut in die historische Dynamik, lösen sich diese Ereignisse in der überlieferten Kultur auf und wirken vermittelt weiter, wie etwa das Flugschiff der Geschwister Montgolfier in einem Transozean-Jet oder Gutenbergs Druckstock in einem Textverarbeitungsprogramm."
 
 
16.10.06               Der Tagesspiegel
Ilko-Sascha Kowalczuk
 
Anfang vom Ende des Kommunismus. Spontan und ungeplant: Vier Bücher analysieren den Ungarnaufstand 50 Jahre nach seinem Ausbruch
 
Die ungarische Revolution 1956 war weder geplant, noch war auf sie jemand vorbereitet. Sie brach spontan aus und erfasste das ganze Land. Die kommunistischen Machthaber hatten die ungarische Gesellschaft, insbesondere in den Jahren 1949 bis 1953, in einem kaum vorstellbaren Maße terrorisiert. Gegenüber etwa 15 Prozent der Bevölkerung liefen in dieser Zeit politisch motivierte Strafverfahren. Ein Drittel der Menschen war unmittelbar vom Terror betroffen. Die schlechten Lebensbedingungen mussten bis auf wenige alle tragen.
 
Der kommunistische Altfunktionär Imre Nagy wurde 1953 erstmals Ministerpräsident und versuchte, die kommunistische Willkür einzudämmen und die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Ihm blieben nur wenige Monate. 1955 ist er bereits wieder abgesetzt und durch einen stalinistischen Kader ersetzt worden. Diese kurze Zeit begründete Nagys Ansehen in der ungarischen Gesellschaft. Als er im Oktober 1956 erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, galt er als Hoffnungsträger der meisten Menschen. Einerseits versuchte er die gerade ausbrechende revolutionäre Massenbewegung zu steuern, was ihm sichtlich schwer fiel. Andererseits fiel ihm die Aufgabe zu, mit den sowjetischen Machthabern zu verhandeln. Konnte er zunächst noch die Sowjets überzeugen, Ende Oktober ihre Truppen wieder abzuziehen, so stand er der machtvollen und blutigen Invasion sowjetischer Kampfverbände ab 4. November machtlos gegenüber. Nagy hatte zuvor Ungarns Neutralität erklärt und den Austritt aus dem Warschauer Pakt verkündet. Sein Schicksal war besiegelt, im Juni 1958 sind er und andere ungarische Politiker nach einem Schauprozess in Budapest aufgehängt worden.
 
Der ungarische Historiker János M. Rainer hat eine packend geschriebene Biographie Imre Nagys vorgelegt, die den Lebensweg des Kommunisten der ersten Stunde zum unfreiwilligen Märtyrer der Revolution anschaulich nachzeichnet. Diese Biographie ist mehr als eine Lebensbeschreibung. Das Buch ist ein ergreifender Beitrag zur Geschichte des europäischen Kommunismus.
 
Wie Rainer, so räumt auch Charles Gati mit historischen Mythen auf. Nagy blieb im kommunistischen Ideologiegebäude gefangen, verstand die Zeichen der Aufständischen nicht oder zu spät und rannte so den Ereignissen mehr hinterher, als dass er sie zu steuern in der Lage gewesen wäre. Gati enttarnt zugleich die Freiheitsrhetorik der USA-Regierung, die zwar pausenlos ideellen Beistand verkündete, aber die von vielen Aufständischen erhoffte materielle oder gar militärische Unterstützung zugunsten der Aufrechterhaltung des Status quo unterließ. Dies hat damals viele Ungarn brüskiert und empört.
 
Über die ungarische Revolution sind in den letzten 50 Jahren Hunderte Bücher und Erinnerungen publiziert worden. Auch die UN legten einige Monate nach der Aufstandsunterdrückung einen Untersuchungsbericht vor. Die vielen Veröffentlichungen hingen mit dem Umstand zusammen, dass neben etwa 22 000 Verurteilungen, 20 000 Internierungen, 350 bis 400 Hinrichtungen, mehreren tausend Toten, darunter auch etwa 700 Soldaten der sowjetischen Invasionsarmee, zu den nackten, traurigen Zahlen dieser gescheiterten Revolution auch 200 000 Ungarn und Ungarinnen gehörten, die ihr Land verließen und ins westliche Ausland emigrierten. Sie haben viel dazu beigetragen, dass die ungarische Revolution im historischen Gedächtnis fest verankert blieb.
 
Die beiden Bücher von Paul Lendvai und György Dalos ragen unter den vielen Neuerscheinungen heraus. Beide bewegen sich auf dem neuesten Forschungsstand und bedienen sich eines prosaischen Reportagestils, der die Lektüre zu einem überaus spannenden und genussvollen Leseerlebnis werden lässt.
 
„1956“ begann eigentlich am 5. März 1953 mit dem Tod Josef Stalins. Der Volksaufstand in der DDR im Juni 1953 war das erste sichtbare Ergebnis dieser tiefen Krise im kommunistischen Weltreich. Als dann Parteichef Chruschtschow im Februar 1956 Stalin in seiner berühmten Geheimrede vorsichtig vom gottähnlichen Sockel schubste, schien die Krise bald kaum mehr steuerbar. In Polen setzten Reformen ein, die Aufständische etwa in Poznan noch zu radikalisieren suchten. In Ungarn erhob sich die Mehrheit der Menschen, um für ihre Freiheit einzustehen und die Ketten des sowjetischen Kommunismus abzustreifen. Auch wenn die ungarische Revolution der fortgeschrittenste und radikalste Versuch bis 1989 blieb, den Kommunismus zu überwinden, unterm Strich war auch er, wie alle hier angezeigten Bücher eindrucksvoll belegen, führerlos, spontan, konzeptlos und von gegensätzlichen Interessen getragen. Für das Scheitern war letztlich die Übermacht der sowjetischen Invasionstruppen verantwortlich.
 
(…)
 
Die vorsichtige Öffnung Ungarns ab den 1970er Jahren, die das Land als „fröhlichste Baracke im Kommunismus“ erscheinen ließ, war Teil einer Präventionsstrategie, die zukünftige Revolutionen zu verhindern versuchte. Das ist insofern – von den Herrschenden freilich so nicht gewollt – aufgegangen, als sich Ungarns Weg vom Kommunismus zur freiheitlichen Gesellschaft ab den späten 80er Jahren – anders als etwa in der DDR oder in der CSSR – reformerisch und weniger revolutionär gestalten konnte. Die tiefe Bedeutung der Revolution von 1956 für die Geschichte Ungarns zeigte sich 1989. Denn die Rehabilitierung der Revolution markierte die entscheidende politische Wende in der Geschichte des Landes nach 1945. Die ungarischen 56er-Emigranten Agnes Heller und Ferenc Fehér publizierten 1981 ein Buch über die Geschichte und Folgen der Revolution. Sie schrieben: „Wer wollte mit Sicherheit voraussagen, dass es nicht doch einmal ein Staatsbegräbnis für Imre Nagy in Budapest geben wird? Und sollte die Stadt es erleben und ihr Ministerpräsident findet letztlich Ruhe an einem Ehrenplatz, dann können kaum mehr Zweifel bestehen, welche Parolen auf den Transparenten des Volkes stehen werden, das ihn begleitet.“
 
Nur wenige Jahre später, am 16. Juni 1989, erlebte Budapest das Bild, das die beiden prophezeit hatten. 31 Jahre nach der Hinrichtung von Imre Nagy und seinen Schicksalsgefährten gedachten in Budapest etwa 200 000 Menschen in einer nationalen Trauerfeier der Ermordeten von 1958 und des Vermächtnisses der Revolution. „1956“ wurde – spät und unverhofft – zum markanten Teil des ungarischen Weges in die Freiheit.
 
György Dalos, Erich Lessing: 1956. Der Aufstand in Ungarn. C.H.Beck Verlag, München 2006. 246 Seiten, 19,40 Euro.
 
Paul Lendvai: Der Ungarnaufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen. Bertelsmann, München 2006. 318 Seiten, 22,95 Euro.
 
Janos M. Rainer: Imre Nagy. Vom Stalinisten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands. Eine politische Biographie 1896-1958. Schöningh Verlag, Paderborn. 282 Seiten, 29,90 Euro.
 
Charles Gati: Failed Illusions. Moscow, Washington, Budapest, and the 1956 Hungarian Revolt. Stanford University Press 2006, 280 Seiten, 24,95 US-Dollar.
 
 
11.10.06                                       Frankfurter Allgemeine Zeitung
Eberhard Straub
 
Spion gegen Spion. Eine verräterische Geschichte: Gedenken an Ungarn 1956
 
„Die Erfahrung lehrt, daß für eine schlechte Regierung der gefährlichste Moment immer dann gekommen ist, wenn sie sich zu reformieren beginnt", gab Alexis de Tocqueville zu bedenken. „Ein Übel, das man voller Geduld als unvermeidlich hinnimmt, scheint unerträglich zu werden, sobald man Hoffnung schöpft, sich ihm entziehen zu können." Diese Erfahrung bestätigte sich wieder, als Nikita Chruschtschow im Februar 1956 mit dem Stalinismus abrechnete. Seine überraschende Kritik löste in allen Staaten des Ostblocks Diskussionen aus über die je eigene Entstalinisierung und einen nationalen Weg zum Sozialismus. Im August, kam es zu heftigen Demonstrationen in Posen, die bewirkten, daß Wladyslaw Gomulka zum Ersten Sekretär der polnischen KP bestimmt wurde. Am 23. Oktober 1956, als Gomulka an die Macht kam, begannen die ersten Unruhen in Budapest, die bald auf ganz Ungarn übergriffen. Imre Nagy, ein klassischer Parteifunktionär, sollte als neuer Ministerpräsident eine Liberalisierung des Systems einleiten, Weder er noch seine Anhänger in der Partei hatten ein Konzept dafür. Sie verloren sofort die Kontrolle  und fügten sich dem Druck der Massen, die Zugehörigkeit, zum Warschauer Pakt aufzukündigen, Ungarn neutral zu erklären und eine Rückkehr zum Mehrparteienstaat unverzüglich einzuleiten.
Damit gingen sie entschieden zu weit, nicht nur für Chruschtschow, sondern auch für Parteigenossen wie János Kádár und den Innenminister Ferenc Münnich. Sie flogen am 1. November nach Moskau, um den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn zu regeln. Beide waren für die Aufständischen Verräter. Kádár und Münnich waren umgekehrt davon überzeugt, daß Nagy und seine Minister die Partei, die Ideen des. Sozialismus und Ungarn verrieten. Die ungarische Revolution, am 4. November 1956 unter russischen Panzern zusammengebrochen, mit der sich jetzt eine internationale Tagung in Berlin beschäftigte, gehört zum unübersichtlichen Bereich des Verrates im zwanzigsten Jahrhundert. Das macht es vor allem für die Ungarn so schwierig, die Bedeutung und Wirkung zu verstehen, die sie trotz ihres Scheiterns entfaltete.
János M. Rainer schlug deshalb vor, sich zunächst über Kádár und dessen Rolle in der ungarischen Geschichte zu verständi­gen. Denn Kádár, der Kollaborateur, leite­te bald vorsichtig Reformen ein, die das Sy­stem bis 1989 stabilisierten. Der Konsum­sozialismus, den André Steiner beschrieb, zu dem auch ein freierer Konsum von Ide­en gehörte, im Westen freundlich „Gu­laschkommunismus" genannt, erscheint den Verlierern von 1989 mittlerweile gar nicht so unverständlich als eine Zeit der Ordnung und Behaglichkeit. Schließlich schwärmten damals auch westliche Beob­achter von Ungarn als der „fröhlichsten Baracke im östlichen Lager".
Das Phänomen des Konsumsozialismus führt auf die umstrittene Frage, ob der Sozialismus überhaupt dazu fähig war, aus eigener Kraft liberalere und erfolgreiche Formen seiner Realisierung zu gewinnen. Imre Nagy, 1957 hingerichtet, wird jetzt als nationaler Held und Märtyrer gefeiert Doch hätte nicht ein ungarischer Gomulka - eben Kádár - mit praktischer Weltklugheit von vornherein Ungarn schlimmste Erfahrungen ersparen können? Prozesse gegen. 25 000 „Konterrevolutionäre", einige Jahre heftiger Säuberungen, nicht zuletzt die Flucht von rund zweihunderttausend „Revolutionären", die bei der Liberalisierung seit den frühen sechziger Jahren hätten hilfreich sein können.
Reformer mußten die Beziehungen zum gesamten Ostblock bedenken. Es gab einen gewissen Spielraum für nationale Abweichungen, die geduldet wurden, aber nicht für solche, die den solidarischen Zusammenhang des Blocks gefährdeten. Danach richteten sich auch die Vereinigten Staaten und in Anlehnung an sie die Europäer. Die Vereinigten Staaten als die Stadt auf dem Berge, die allen Mühseligen und Beladenen den Weg ins Helle weist, hüteten, sich umsichtig davor, den Ungarn Unterstützung zu gewähren, woran Wolfgang Eichwede erinnerte. Das war nach der Vernunft der Staaten vernünftig.
Chruschtschow hatte 1956 das Angebot der friedlichen Koexistenz gemacht, das Washington höchst willkommen war. Während des gar nicht so Kalten Krieges waren seitdem die beiden Weltmächte bemüht, sich nicht in die Interessensphären des an deren einzumischen. Die Vereinigten Staaten gebrauchten eine ausschweifende Rhetorik der Befreiung und Demokratisierung. Mit der Kraft ihres Herzens waren sie dabei, wo immer Unterdrückte sich regten. Das mußte genügen, wie sie es zuerst den Ungarn beibrachten. Nach dem Aufstand in Ungarn wußte jeder Reformer im Ostblock, daß man die freie Welt nicht beim freien Wort nehmen durfte.
Ohne Aussicht auf Unterstützung konnten sie nie mehr wagen als notwendigste Reparaturen, um vielleicht auf einem „Dritten Weg" Kapitalismus und Planwirtschaft, Sozialismus und Demokratie zu versöhnen. Immerhin veranlaßten die Neuerungen in Polen und die Wirkungen von Kádárs Kurs allmählicher Liberalisierung Politiker und Intellektuelle im Westen dazu, die Fähigkeit des Sozialismus zur Selbstreform nicht zu unterschätzen. Die Bilder des unterdrückten ungarischen Aufstandes schockierten westeuropäische Menschenfreunde. Manfred Wilke, Ulrike Akckermann, Federigo Argentieri beschrieben, wie sie mit Abscheu, Empörung, Trauer Straßen und Plätze füllten und sich anschließend den Weihnachtseinkäufen widmeten. Ungarn war rasch aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden. Nachhaltiger blieb allerdings der Schock für kommunistische Parteien und die Linken im Westen insgesamt, die auch von der Entstalinisierung herausgefordert waren.
In der idyllischen Bundesrepublik – die KPD war gerade verboten, auch zur Zufriedenheit der SPD und der Gewerkschaften – fand man sich im schroffen Antikommunismus bestärkt. Nicht zuletzt unter dem Einfluß enttäuschter Kommunisten, die aus der DDR geflohen waren und dafür sorgten, daß die früheren Trizonesier jetzt als Bundesrepublikaner Ferienstimmung und Frontstaatgesinnung mühelos miteinander verbanden. Im übrigen Europa entwickelten sich unterschiedlich nuancierte Sozialismen, zuletzt der Eurokommunismus, mit zuweilen erstaunlicher. Anziehungskraft für Intellektuelle zum Entsetzen radikaler Westdeutscher.
Über Umwege hängen die linken Diskussionen in Westeuropa gleichwohl mit Ungarn 1956 zusammen. Denn ein Minister von Imre Nagy, der Philosoph Georg Lukács, wurde gleich nach 1956 im Westen wiederentdeckt. Seine Überlegungen zur Verdinglichung des Menschen und zu seiner Selbstentfremdung im bürokratischen Sozialismus oder in den nicht minder straff verwalteten Gesellschaften gewissenhafter Endverbraucher betrafen beide Systeme. Georg Lukács, der in Wien, Berlin, Heidelberg und Leipzig wie in Budapest einmal zu Hause war, wurde nach 1956, vermittelt über seine Freunde in der DDR, zu einem gesamtdeutschen und dann zu einem westeuropäischen Ereignis. Seit 1989 wird er vergessen. Während der Tagung fand er als anekdotisches Element in der Erinnerungskultur seinen Platz. Gedächtnis und Erinnerung sind die Feinde von Geschichte als System, als Ordnung des Beliebigen. Schon deshalb müßte marxistischen Denkern, konsequenten Historisten, die die Welt als Geschichte sehen, wieder ihr Bürgerecht im wissenschaftlichen Gespräch zugestanden werden. Aber wahrscheinlich muß der Untergang des Liberalismus noch weiter fortgeschritten sein, bis es dahin kommen wird.
 
 
 
11.10.2006   Frankfurter Rundschau
Peter Steinke
 
Blutige Hochzeit des Kalten Kriegs
Zwei Augenzeugen rekonstruieren die Tage von Verrat, Lug und Trug während des Ungarnaufstands
Was um 14 Uhr als Studentendemonstration mit einigen tausend Teilnehmern begann, schwillt auf der großen Ringstraße der Hauptstadt an wie ein Strom aus zehntausenden Menschen, spült in knapp sieben Stunden den übergroßen Bronze-Stalin am Heldenplatz vom Sockel. Die vor bald 50 Jahre entstandenen schwarz-weiß Bilder zeigen überwiegend junge Gesichter - freudig erregte. Auf ihren Fahnen steht "Weg mit der Willkür, es lebe das Gesetz" oder "Wohlstand und Freiheit", sie fordern das Ende des stalinistischen Terrorregimes, den Abzug der sowjetischen Truppen, freie Wahlen, Meinungsfreiheit. Revolution!

Für kurze Zeit nur stieß der Volksaufstand vom 23. Oktober 1956 in Ungarn die Tür zur Freiheit auf - bis sowjetische Panzer Anfang November den Aufstand brutal niederschossen. Zum 50. Jahrestag der spontan ausgebrochenen Erhebung versuchen nun zwei Bücher die revolutionären Ereignisse zu rekonstruieren. Der Ungarnaufstand 1956 von Paul Lendvai und 1956 - der Aufstand in Ungarn von György Dalos.
Umstrittene Bewertung

Beide sind Augenzeugen, Dalos als Schüler, Lendvai als junger Mann, dessen Wohnung gleich neben der von Aufständischen verteidigten Corvin-Passage lag. Beide sind heute Ungarn im Exil. Der eine, György Dalos, war jahrelang Leiter des Berliner Collegium Hungaricum, der andere, Paul Lendvai flüchtete nach der Niederschlagung des Aufstands nach Wien, nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und arbeitete als Journalist beim Österreichischen Rundfunk sowie als Herausgeber der Europäischen Rundschau.

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Auch 16 Jahre nach dem Systemwechsel sieht sich besonders Ungarns Rechte noch immer in einer Abwehrschlacht gegen den Kommunismus - verkörpert durch den früheren kommunistischen Jugendfunktionär und heutigen sozialistischen Ministerpräsidenten, von den Dauerprotestierern vorm Parlamentsgebäude kurz "Herr G. und seine Bande" genannt. Ein Großteil der Veteranen des Volksaufstandes von vor bald 50 Jahren weist dagegen diese konstruierten Paralellen entsetzt zurück. "Das heute ist die Parodie auf 1956", meinte auch György Dalos im FR-Gespräch vergangenen Sonntag auf der Frankfurter Buchmesse.

Beide Autoren rekonstruieren den Volksaufstand faktenreich, porträtieren seine Vorkämpfer auf den Straßen Budapests, die Rolle des zögernden neuen Ministerpräsidenten Imre Nagy und der Sowjets, bis hin zur gewaltsamen Machtübernahme durch Janos Kadar, der dem Kreml genehm war. Sie tun dies anhand von Interviews, Sitzungsprotokollen und lange geheim gehaltenen Archivdokumenten. Der Historiker und Schriftsteller Dalos legt dabei mehr Wert auf kleine Details, die die Lebensverhältnisse und die Stimmung der Zeit nachvollziehbar machen. Sei es das vorrevolutionäre, aus den sowjetischen Bruderstaaten bestückte Kinoprogramm "Kino Fackel: Die kleinen Partisan. (tschechoslowakischer Film)". Sei es der beliebte Schlager von Doris Day "Que sera sera" - "Es sei so wie es sein muss / von der Zukunft ahne ich nichts", in dem sich die nachrevolutionäre Volkstrauer ausdrückt (und der von den neuen Machthabern verboten wird).

Lendvais Buch lebt von seinen spannenden Augenzeugenberichten von den umkämpften Straßen Budapests, wo Molotow-Cocktails werfende junge Menschen der Roten Armee erstaunlich lange standhalten können. Der Journalist und Autor des Standardwerks Die Ungarn kümmert sich mehr um die politischen Detailfragen. Ein eigenes Kapitel widmet Lendvai der letztlich enttäuschten Hoffnung auf ein Eingreifen des Westens - namentlich der USA - und dem Wirken des Sender Freies Europa (RFE).

Offiziell verfolgte die US-Doktrin das Ziel einer "Befreiungspolitik" und des "Rollback", also der Zurückdrängung der UdSSR. Wichtigstes Instrument: Radio Free Europe mit seinen Radiosendungen in den Sprachen der Satellitenstaaten Während des Volksaufstandes gefiel sich die ungarische Redaktion, wie Lendvai meint, überwiegend zusammengesetzt aus Sympathisanten des wegen seiner Nähe zu Nazi-Deutschland untergegangenen autoritären Regimes von Admiral Horthy, in der Rolle der Aufwiegler. Imre Nagy war "dieser Völkermörder". RFE sendete Durchhalteparolen und habe so "Erwartungen geweckt". "Jedenfalls glaubten auch die politisch besser informierten Ungarn, dass der Westen, uns nicht völlig im Stich lassen' würde." Doch entgegen der antikommunistischen Propaganda taktierte Washington mehr als vorsichtig, der Suez-Krieg um den strategisch ungemein wichtigeren Kanal stand kurz bevor.

Lendvai resümiert die noch in der Rückschau ernüchternde Erkenntnis: "Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles zogen zu keinem Zeitpunkt während der ungarischen Revolution in Erwägung, die Aufständischen mit Waffen zu unterstützen oder auf die sowjetische Führung direkten Druck auszuüben." Die Frage "militärischer Gegenmaßnahmen" sei "nicht einmal aufgeworfen" worden.
 
Lügner Andropow

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Jenseits von Kapitalismus und Kommunismus einen dritten Weg zu versuchen, das war, darin stimmen Lendvai und Dalos überein, zumindest anfangs Konsens. Auch die wiedergegründeten bürgerlichen Parteien strebten eine sozialistische, freilich demokratische Entwicklung an. Selbst der von den Stalinisten eingekerkerte und 1956 von den Aufständischen aus der Haft befreite katholische Fürstprimas von Ungarn, der Nagy-Kritiker Kardinal Mindszenty, hieß in einem Interview ein "gerecht eingeschränktes Privateigentum" gut.
 
10.10.06          Süddeutsche Zeitung
Cornelius Wüllenkemper
 
Kein Raum für Zweifel. Die Erinnerung an 1956 spaltet die ungarische Gesellschaft
 
Der sozialistische Premierminister Ungarns hatte nicht mit so gewalttätigen Protesten gegen ihn und seinen Regierung gerechnet. Als Mitte September die Tonbandaufnahme einer Rede Ferenc Gyurcsánys vor Parteigenossen an die Öffentlichkeit geriet, in der er zugab, vor den Wahlen im Frühjahr „am Morgen, am Abend und in der Nacht" gelogen zu haben, brach in Budapest ein Aufstand los. Zehntausende wütende Menschen versammelten sich vor dem Parlamentsgebäude in Budapest. Die einen wollten „die Kommunisten und deren Enkel hinwegfegen", andere verlangten „mehr Wohlstand". Altkommunisten brandmarkten den „Neoliberalismus" und Gyurcsánys Mangel an „sozialem und nationalen Gewissen", während die Patriotische Volksfront das „Verschwinden dieser Regierung nach dem Vorbild der Wendezeit" und rechtsextreme Organisationen die Wiederherstellung der Landesgrenzen von vor 1918 forderten.
Wie sehr die Antagonismen, die das Land bis heute spalten, der wendungsreichen Geschichte Ungarns entspringen, trat unlängst auf einer Tagung in Berlin zutage, die vom Zentrum für Zeithistorische Forschung und anderen Institutionen veranstaltet wurde. Es ging um „Kontext, Wirkung und Mythos" des Ungarnaufstands. Am 23. Oktober 1956 erhoben sich die Ungarn gegen das moskautreue Regime unter Mátyás Rákosi. Nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Divisionen der Roten Armee wurde Imre Nagy, der als Regierungschef bereits 1953 vorsichtig Reformen angeschoben hatte, erneut zum Ministerpräsidenten ernannt.
 
„Vergiftete" Gesprächskultur
 
War Nagy zunächst von Moskau eingesetzt worden, um die Stimmung im Land zu beruhigen, beugte er sich zusehends den Forderungen der Aufständischen: Er bildete eine Mehrparteienregierung, forderte die Einführung der parlamentarischen Demokratie sowie den Abzug der sowjetischen Truppen und erklärte eine Woche später den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt. Der Freiheitswille der Ungarn provozierte derweil eine zweite Intervention der Sowjets, die den Aufstand brutal niederschlugen, den linientreuen János Kádár an Nagys Stelle setzten und eine beispiellose Repressionswelle gegen die Reformer einleiteten, der auch Nagy selbst zum 0pfer fiel.
Erst nach 1989 begann in Ungarn, wie in fast allen ehemaligen Vasallenstaaten Osteuropas, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bis dahin war der Aufstand als faschistische Konterrevolution apostrophiert und in eine Reihe mit den Erhebungen von 1919 gegen die kommunistische Regierung Béla Kuns und dem Engagement der Pfeilkreuzler an der Seite der deutschen Nationalsozialisten gestellt worden. Der Historiker Krisztián Ungváry vertrat der Meinung, die Gleichsetzung von Antikommunismus mit Faschismus sowie von Antifaschismus mit Kommunismus „vergifte" die ungarische Gesellschaft auch 16 Jahre nach der demokratischen Wende.
Im Zentrum der heutigen Auseinandersetzung über die ungarische Nationalgeschichte steht die Frage, wer den Aufstand von 1956 tatsächlich ins Leben rief. Peter Kende, der damals nach Frankreich emigrierte und sich dort als Soziologe einen Namen machte, hatte als Augenzeuge des Aufstandes „so viele Revolutionen wie Menschen" auf Ungarns Straßen erlebt. Dass die Demonstranten ein gemeinsames Ziel hatten, bezweifelt er; auch an Nagys Absicht, das sozialistische System abzuschaffen, glaubt er nicht: Vielmehr sei Nagy im Lauf der Unruhen der Führer einer Revolution geworden, die er selbst nicht gewollt habe.
Dass die Vorgänge von 1956 in Ungarn auch heute noch politisch instrumentalisiert werden, zeigen die Extrempositionen der Historiografie im linken und im rechten Lager. Die Konservativen, die bei den gegenwärtigen Unruhen in Budapest immer noch den Sturz der„ Kommunisten" fordern, stufen 1956 vor allem als nationalen Befreiungskampf der Ungarn gegen die Kommunisten ein, der bis heute nicht vollendet worden sei. Mária Schmidt, die Direktorin des Budapester „Haus des Terrors" wiederholte 65 Jahre alte antisowjetische Klischees, als sie in Berlin sagte, bei der Revolution von 1956 habe die „ungeheure Kraft" des ungarischen Volkes der „asiatischen Brutalität", der Sowjets weichen müssen. Die Vorgänge von 1956 beschrieb Schmidt als Vorspann des Systemwandels von 1989, der an den Strukturen der ungarischen Gesellschaft freilich wenig verändert habe: Die „Kommunisten" hätten bis heute die privilegierten Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft inne wollten ihre Deutungsmacht über die Vergangenheit bewahren.
János Rainer aus Budapest erklärte, dass die wissenschaftlichen Interpretationen der Ereignisse von 1956 im Grunde einer 45 Jahre alten Diskurslinie folgten. Während post-marxistische Historiker die ungarische Revolution als hoffnungsvollsten Versuch der sowjetischen Vasallenstaaten sähen, sich vom Stalinismus zu lösen, dominiere seit dem Zusammenbruch des Sozialismus die Theorie des anti-totalitaristischen und nationalen Freiheitskampfes. Die Sozialdemokraten im heutigen Ungarn, so Rainer, seien auffällig unsicher im Umgang mit der Geschichte, da sie sich sowohl auf die sozialdemokratische Idee des 56er Aufstandes als auch auf das Erbe der sozialistischen Arbeiterpartei unter Kádár nach 1956 beriefen. Es sei nun an den Historikern, sagte Rainer, als Dienstleister der geschichtlichen Aufarbeitung aufzutreten und der Frage nach sozialer oder nationaler Revolte objektiv nachzugehen. (...)
Im fünfzigsten Jahr nach dem Aufstand wird deutlich, dass die Ungarn bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte ganz am Anfang stehen. Es darf also als Erfolg gelten, dass man in Berlin zu einem Dialog gefunden hat. Die verschiedenen Deutungsmuster des ungarischen Aufstandes werden heutzutage dazu benutzt, das jeweils vertretene Welt- und Geschichtsbild zu rechtfertigen. Wenn Demonstranten vor dem ungarischen Parlament Juden, Kommunisten und Demokraten beschimpfen, dann zeigt sich daran, wie weit Ungarn noch von einer geordneten demokratischen Auseinandersetzung entfernt ist.
 
08.10.06                                   Der Tagesspiegel
Hermann Rudolph
 
Der Aufstand. Fliegende Pflastersteine und brennende Autos in Budapest: Im Oktober 1956 erheben sich die Ungarn gegen die Sowjetmacht. Ihr Widerstand erschüttert die Welt.

 
So hatte sich das niemand gedacht, am wenigsten die Ungarn selber. Proteste vor dem Parlament, Massendemonstrationen, Sturm auf den Fernsehsender, Pflastersteine: In dem Jahr, in dem in zwei Wochen der fünfzigsten Wiederkehr der ungarischen Revolution gedacht werden wird, werfen solche spektakulären Ereignisse beklemmende Schatten. Brach nicht der Aufstand auch damals im Spätjahr aus, mit Protestdemonstrationen, die in wenigen Stunden eskalierten? War es nicht der Platz vor dem Budapester Parlament, auf dem sich die Unzufriedenheit zusammenballte, und entlud sich das Unbehagen nicht zuerst im Ansturm g